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Central-Verein-Zeitung · 1925-07-31 · 31 (31.7.1925) · p. Seite 526

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
31 (31.7.1925)
Date
1925-07-31
Page
Seite 526 (sequence 3)
Language
German
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Wer tum als Gaukler auftrat, geschah es mehr oder weniger unter Zwang, fast nie aus freiem Willen. Je weiter sich jedoch die Diaspora über die Erde breitete, um so häufiger und unvermeidlicher wurden die Berührungen zwischen jüdischen und fremdländischen Sitten. Und besonders der Jude, der sich in Europa ansiedelte, der da aufhörte, in des Wortes engstem Betracht ein Orientale Zu sein, und dem der Begriff Jerusalem" an Stelle eines praktischen Lebenszieles nur noch ein Gegenstand idealer Sehnsucht ward, gliederte sich der Landesbräuchtichkeit so weit als eben notwendig ein. In der jahrhundertelangen Berührung mit andersgearteten^ Völkern schliff sich denn auch die Abneigung des Volkes der Thora und des Talmuds gegen die gefälligen und bildhaften Künste des Gesanges, Spieles und Tanzes ein wenig ab. Immerhin nahm die Mehrheit der Inden lange Zeitläufte hindurch allen darstellerischen Künsten gegenüber den Standpunkt des Fontaneschen Gedichtes ein: „Aber — wir lagen es andere machen.' Und je frommer und eifriger in der Gesetzesbeachtung eine jüdische Gemeinde war, um so geringschätziger blickte sie herab auf die Gestalt des „Pojaz", als welche im polnischen Osten Bänkelsänger, Mimerl und Fabulierer mit einem Sammelbegriff bezeichnet werden. Und doch einten sich innere Gaben und äußeres Schicksal, um gerade dom Juden eine Sonderbefähigung für diese Künste zu verleihen. Das äußere Schicksal, ständig zur Fremde, häufig zur Knechtschaft verurteilt gu sein, schenkte dem Juden das G e n i c derAnpassu n g. Was im Reiche der Tiere und Pflanzen das Gesetz der Schutzfärbung heißt, hat auch auf das Leben der Juden in der Verbannung oft genug Anwendung finden muffen. Das will sagen, daß ein Wesen die Farbe seiner Umgebung an nimmt, um sich selbst vor Gefahr zu schützen. Daß gerade das Judenturn trotz des häufigen Zwanges zu solcher äußeren Schutzfärbung sein inneres Sein stolz und unversehrt, oft mit verbissenem Trotz, erhalten hat, gereicht ihm zur Ehre. Der Selbsterhaltungstrieb aber, der den Inden vielfach zur Verstellung und zur scheinbaren Unterwürfigkeit seinen Herren und Peinigern gegenüber nötigte, entwickelte in ihm auch natürliche schauspielerische Fähigkeiten, die sich organisch weiterbildeten. Dazu gesellte sich eine nicht unerhebliche optische Begabung des Juden, das heißt die Gabe, Eindrücke des Auges rasch und sicher einzufangen, den äußeren Eigentümlichkeiten von Menschen und Dingen kritische Achtung zu schenken; ferner eine traditionelle Freude am Wort, sei es dem erhabenen, sei es dem lächerlichem'und nicht zuletzt ein unbewußter Nachahmungstrieb, wiederum'entstanden aus dem Zwang der Geschichte und des Schicksals, alles zu können, nichts unversucht zu lassen. Allezeit war es Schickung für jüdische Hirne und jüdische Hände, daß sie geschickt sein mußten zu vielen Dingen dieser Welt, mochten diese Dinge ihnen noch so sehr widerstreben. Daraus folgerte mit Notwendigkeit, daß das Vermögen zu diesen Dingen manchesmal unecht war, häufig nachgeahmt und „gemimt" wurde. Und also trat die Kunst der Nachahmung, der mimischen Vorstellung in den Dienst der jüdischen Seele. Begabt mit dem scharfen Blick für die Gebärde der Dinge, gewöhnt, die Bräuche Fremder genau zu beobachten und nbzulauschen, konnte der Jude als Bühnenkünstler noch eine bis zur höchsten Vollendung entwickelte Kraft seines Volkes sich untertan machen: das subtile Einfühlungsvermögen des Juden in fremde Geistesart und Geistes- W)Ölungen. Der Jude ist der geborene Mittler des Gerstes. Juden waren es, die griechische, ägyptische und arabische Wissenschaften interpretierten; die in den alten orientalischen Kulturnatronen lehrten und Bildung verbreiteten. Es tfi bezeichnend für das Judentum, daß es nur einen Adel kennt und anerkennt: nämlich den Adel des Geistes. Daher ist es vielleicht eben dem Juden gegeben, einem Dichtwerk als dem Erzeugnis tiefsten und feinsten Geistes, bis in leine geheimsten Verästelungen nachzuspüren, psychologische Zusammenhänge aufzudecken und den Absichten des Dichters auch überall dort nachzugehen, wo dieser Dichter für die Menge ohne dialektischen Tastsinn möglicherweise nicht llar und verständlich ist. All dieser natürlichen, aus Anlage und geschichtlicher Erziehung entstandenen Eignung des Juden zum Bühnenkünstler traten selbstverständlich Vorurteile und Widerstände der Stammesgemeinschaft entgegen. Widerstände, die ihre Hauptquelle in religiösen Vorstellungen und Überlieferungen hatten. Die Juden waren wie schon betont eine Gemeinschaft des Geistes, eine Protagonistenzunft kühler und reiner Abstraktion. Dieser Stamm, dem sein Gesetz verwehrte, sich ein Bild seines Gottes zu machen, wurde durch dieses aprioristische Gebot zur Bildverachtung an sich erzogen. Ter Begriff ist fast immer der Anschauung feind. Tie Juden aber brachten höchste Ehrenopfer immer auf dem Altar des gedanklichen Begriffes dar und entfremdeten sich dadurch mehr und mehr der Form, der Grundlage aller Kunst. (Vielleicht liegt in dieser Wertung des Begrifflichen im Gegensatz zum Formaten der Grund für die verhältnismäßig geringe Anzahl rein schöpferischer, besser gesagt, naiv formender Künstler unter den Juden.) Es mußte sich also naturgemäß eine Geringschätzung der Mehrheit für den einzelnen ergeben, der sich selbst zun: Bild erniedrigen, feine eigene Person als Schaugegenstand ausstellen wollte. Dazu kam, daß. seit das Volk Israel aufgchört hatte, eine nationale Einheit zu sein, und feilte unbezwingliche Stärke fortab nur noch in seiner religiösen Einheit beruhte, daß eben diese religiöse Einheit immer aufs neue betont und leidenschaftlich gehütet wurde. Besonders Rußland und Polen haben der Vühnenlunft Westeuropas unerreichte Meister geschenkt. Und imr.ieu breiter und fruchtbarer rauscht der gewaltige ^trom der Talente aus dem Osten: dem Osten Europas, der gespeist wird von der großen Völkerheimat Asien. Mögen die Mauern, die eigenartige Verhältnisse um Häuser, Hirne und Herzen ziehen, auch noch so stark sein, es dringt doch zuweilen ein Ton hinein von dem Ruhm und der Ehre eines, der vielleicht ehedem als Sohn des Spottes und Hasses aus diesen Mauern hinanszog in die weite Welt, und dessen Größe nun den eigenen Stamm! erhöht, lind kämpft wieder einmal einer den Kampf des Sender Glatteis: hoffentlich unterliegt er nicht. Und die Welt draußen horcht wieder einmal aus, weil wieder einmal ein Vognmil Dawison, ein Adolph Sonnenthal, ein Iadlowler oder ein Josef Schwarz ihre Schwelle überschreitet, sie schöner und edler zu machen. Für die geistige Entwicklung der Menschheit ist das Judentum eine üppige Nährkammer gewesen, die schier nie versiegende Frucht hergab. Aber auch die Künste, die schöpferischen wie die uachschassenden, danken dem Judentum Be-? reicherung und Anregung. Wo darum der göttliche Funke! glimmt, sollte er nimmermehr — auch im besten Glauben j nicht — erstickt, sondern zur lodernden Flamme angefacht j werden. Atem- und Ellbogenraum für den einzelnen, damit? der wirke zum Heil der Gesamtheit! HZ§Mü?ck unö Hlmchrö'ZLr. „Deutsch muß der I u d c vor alle in s c i nK Herbert Eulenberg schildert in „Gestalten und B e - g eb e it fj c 11 c n", Verlag Earl 3t e i s; u e r 1924, eine Unterhaltung zwischen Bismarck und Llcichröder. Tiefem Kapitel entnehmen wir folgende interestante Antwort Bismarcks: . . ich weiß nicht, warum Cie so hartnäckig den zerbrochenen Krug spielen", ineinte Bismarck, „llnd warum Cie durchaus etwas Ertraes sein mögen. Ich bin, wenn Cie wollen, auch ein Ragout aus Zucker und Pfeffer und anderen appetitlichen und unappetitlichen Ingredienzen. Ein brandenburgischer Deutscher ist bekanntlich ein ganz anderes Tier als ein bayerischer D-eutscher; und ein deutscher Jude, sollte der nicht seine Rase für sich allein haben dürfen? Freilich: deutsch muß er vor allem anderen sein, solange er bei uns sitzt, und die Inden, die bei Mars la Tour gefallen sind, sollen ebenso wie die Makkabäer fühlen, daß sie fürs Vaterland ihr Blut ließen. Sehen Sie sich doch Ihre Künstler an, Vleichrödcr; ich kenne dieses Terrain ja schlecht. Hat es Heinrich Heine oder Felix Mendelssohn-Vartholdy in ihrer Kunst geschadet, daß sic Deutsche waren? Haben sie nicht ebenso schön gezwitschert, wie weiland Ihre seligen Könige David und Salomo psalmiert haben, Herrscher und Dichter von Jehovas Gnaden, die ich übrigens für bessere Poeten als unsere Vayerukönige halten muß? Oder hat es meinem Deutschtum etwa geschadet, daß ich die Bibel, unser aller Mutter, die stets auf meinem Nachttisch liegt, halb auswendig kann? Sehe ich so aus, als ob ich darum restlos. im Mosaischen aufgegangcn wäre? Muß ich deshalb etwa zu mauscheln anfangen, oder müssen Sie vico versa, weil Sie deutsch reden und fühlen können, gleich in ein Korps eintreten und den Grafen Zitzewitz duzen und ihm in Hoppcgarten einen Hundertmarkschein pumpen? Sie werden sich bedanken! So wenig wie ich mich dazu dränge, in der Synagoge vorzubeten, weil ich die großen und die kleinen Propheten vor- und rückwärts hersagen kann. Hol' der Henker meinethalben uns Germanen, wenn wir das Judentum nicht verdauen könnten!"

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