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Central-Verein-Zeitung · 1925-07-24 · 30 (24.7.1925) · p. Seite 516

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
30 (24.7.1925)
Date
1925-07-24
Page
Seite 516 (sequence 7)
Language
German
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516 Was geht in ValäfLma vor! Von autoritativer gefetzeZtreuer Seite geht uns der folgende beachtenswerte Aufsatz zu. dem wir gern Raum geben, um in dieser wichtigen Frage Wahrheit und Klarheit zu ermöglichen. (Schriftleitung.) Seit dem Vorjahre ist die Zahl der Einwanderer in Palästina in erheblicher Steigerung begriffen. Während 1923 im ganzen 7421 Einwanderer gezählt wurden, denen beinahe 3 5 0 0 Auswanderer gegenüberstanden, betragt jetzt die monatliche Einwanderung 2000 bis 3000, denen eine kaum nennenswerte Zahl von Emigranten gegenübersteht. Da die Gesamtzahl der im Heiligen Lande ansässigen Juden für Anfang 1924 mit zirka 80 0 0 0 angenommen werden kann, so bedeutet ein Anhalten der gegenwärtigen Eiuwanderuugsziffer eine jährliche Vermehrung um zirka 2 0 bis 2 5 Prozent. Äe starke Steigerung der Einwanderung ist aber nicht nur der Zahl nach zu werten, sondern sie bedeutet auch eine einschneidende Aenderung in der Art der Zusammensetzung der Bevölkerung. Um sich -das klar zu machen, mutz man einen kurzen Rückblick auf die Geschichte der Besiedlung Palästinas iversen. Vis zum zweiten Drittel des vorigen Jahrhunderts waren es so gut wie ausschließlich religiöse Motive, die zur Ansiedluug in Palästina führten. Es ließen sich dort meist Liiere Männer, Talmudgelehrte, nieder, die ihren Studien lebten. Von ihren Kindern wendete sich nur eine Minderzahl einem Broterwerb zu. Unterhalt bot ihnen allen die „Ehalukah," die sich aus den fronnnen Spenden der der Juden Diaspora zusammensetzte. Im -letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einsehend. von Jahrzehnt zu Jahrzehnt stärker anschwellend, kam der „neue Jischuw" in das Land. Ihn trieb nicht die religiöse Sehnsucht nach dem Lande der Väter, nicht d-as heiße Verlangen nach den heiligen Stätten der Vergangenheit. Es waren die starken Wellen des Antisemitismus, die Exzeße pogromlüsterner Masten, die diese Tausende aus Westen und Osten- Europa den Rücken kehren ließen. Die Lehre Herzls gab ihren Führern die gr das schwere Werk unentbehrliche Ideologie: „Dem Volk ohne nd das Land ohne Volk!" Mit unendlicher Verachtung sahen diese Träger des neuen Jischuw auf die Leute vom alten Jischuw herab. Was konnten diese Alten bedeuten, -die mit mtalististhuu Gleichmut Hunger, Krankheit und Entbehrungen aller Art ertrugen, ohne für sich und ihre'Rachkommen an eine Aenderung zu denken; glücklich in dem Bewußtsein, im „Heiligen Lande"' zu -leben. Deshalb waren sie ja gekommen, die Jungen und Starken, die „Ehaluzim", um 'das Land zu erobern, es zu befreien ans den Fesseln, in denen 2000jährige Vernachlässigung den einst so fruchtbaren Boden gefangen hielt, um die bösen 'Geister zu bannen, die als Trachom, Malaria usw. hier ihr Wesen trieben. Wacker gingen die neuen Arbeiter an« die Arlnnt; die bösen Fesseln lockerten sich und sielen ab.' aber — auch die Fesseln des Glaubens wurden mit abgestreift. An die Stelle von Moses und den Propheten traten ihre späten Enkel; Marx und Lastalle waren die Führer, deren Lehren ihnenals Leitstern galt! Die Männer vom alten Jischuw schüttelten das Haupt, ob dieser treuen Lehrer und ihren Jüngern. Sie konnten diese Männer nicht verstehen, die in der Heimat so viel ansgegeben hatten und nach dem Heiligen Lande kamen, aber nicht um das Gottesgesetz zu erfüllen, sondern um dort einen Judenstaat aufzurichten, einen Staat ohne Tempel, ohne Schmittah- und Jobeljahr, einen Staat nach dem Vorbild der anderen Völker. So gähnte eine tiefe Kluft zwischen beiden Anschauungen. Waren die Anhänger des alten Jischuw auch in der Mehrzahl, so fehlte ihnen doch alles, was die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten erforderte. Vertrautheit mit den Formen der Oefsentlichkeit. Gewandtheit im Verkehr mit den Behörden usw. Als noch die Balfour-Deklaration hinzulam, schien die Führung und Leitung der jü di schpal ä fti neu si s chc n Politik durch die Männer des neuen Jischuw für alle Zeiten gesichert. Aber es kam wieder einmal anders. Die Umwälzungen des Weltkrieges hatten im Osten Europas gewaltige wirtschaftliche Krisen hervorgerufen. Die eintretende Notlage machte sich am schärfsten unter dem wirtschaftlich schwächsten Teil, in 'den jüdischen Mastensiedlungen in Polen, Galizien, Litauen. Sowjetrußland usw. geltend. Die Folge war ein Anschwellen der Auswanderungszifjer, wie sie seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht gesehen wurde, und ein guter Teil dieses Auswandererstroms ergoß sich nach Palästina. Die Einwanderer aus dieser jüngsten Phase der Besiedlung Palästinas waren in ihrer Mehrzahl keine Chalnzim; es waren meist gereifte Männer, die ihre feste religiöse Ueberzeuaunq auch in die neue Heimat Mitnahmen, und die sich vielfach auch ökonomisch eine gewiste Unabhängigkeit von der zionistischen Verwaltung bewahren konnten. So brachten sie der schwachen Organisation der Ortho- - doxie, die sich in Palästina schon vor längerer Zeit gebildet hatte, dem Misrachl. der Agudah u. a. — eine wertvolle Unterstützung, die sich mehr noch in der Stärkung der Widerstandskraft als in der rein numerischen Wirkung ausprägte. Nur wenn man sich diese Entwicklung vor Augen HM, kommt man zu richtiger Würdigung der in jüngster Zeit aus Palästina hrerher gelangenden Nachrichten, von denen -wir die markantesten hier wiedergeben.' Am 15. Juni wurde in Jerusalenr die dritte Session der Jüdi-- schen Nationalversammlung (Asstsath Haniwchelim) eröffnet. Einer der ersten Gegenstände der Beratung war das R e ch t d e r F r a u c n innerhalb der kommunalen Verwaltung. Gegen die Einräumung dieser Rechte hatte sich in den Reihen des Misrachl wie anderer orthodoren Organisationen schon seit Bekanntwerden des Entwurfes des Gemeindegesetzes eine starke Opposition erhoben. Das gleiche galt für die beabsichtigte Ausscheidung der rabbinisehen Autorität in Erbschaftsangelegenheiten, die auch mit dem Recht der Frau Zusammenhänge Eine vor der Tagung geschl-osseue Vereinbarung hatle festgesetzt, daß in geheimer Abstimmung über diese Paragraphen entschieden werden solle. Trotzdem der Vorsitzende der Versammlung. Dr. Thon, dringend um Einhaltung der einmal getroffenen Vereinbarung ersuchte, wurde sie von der Versammlung abgelehnt. Diese schroffe Haltung der Mehrheit in einer formalen Frage, gab der orthodoxen Minderheit die Gewißheit, daß man ihre sachlichen Wünsche und Forderungen ebenso niederstimmen werde. Unter diesen Umständen zog es die Minderheit vor, sich an den weiteren Beratungen nicht mehr zu beteiligen. Ihre Delegierten verließt:: den Saab In einer Sondertagung konstitutierten sie sich als „Natioualversammlnng der unabhängigen orthodoxen Juden", wählten aus ihrer Mitte einen provisorischen Nationalrat (Waad Lenmi) und beschlossen, sofort Neuwahlen für eine „Rationalversammlung orthodoxer Juden" auszuschreiben. Ferner wurde beschlossen. zu dem am 18. August sin Wien beginnenden Zionistenkongreß eine eigene Abordnung zu entsenden, um dort die Wünsche und Forderungen der palästinensischen-orthodoren Judenheit zu vertreten. In Palästina besteht eine jüdische ..Allgemeine Arbeiter-Organisation" (A. A. O.h deren Leitung ganz von den Ideen eines^ verknöcherten Marrismus erfüllt: ist, daneben aber auch noch eine schart antireligiöse Tendenz zeigt. Das letztere hakte zur Folge, daß sich neben -ihr noch andere, aus religiösem Boden stehende Organisationen bildeten, u. a. eine Bereinigung misrachistischer Bauarbeiter „Olim Benim". Diese Bereinigung übernahm vor kurzen den Vau eines Hausts .in Tel Awiw. Kaum hatte die Arbeit l^cgonuen, so erschienen eine Anzahl der A. A. O. angehörende Arbeiter, erklärte, diese Arbeit sei ihnen von der A. A. O. übertragen und versuchten, als die Misrachrlente sich dadurch nicht irremachcn ließen, diese mit Gewalt zu vertreiben. Es kommt zu Schlägereien, die Polizei greift ein. und es erfolgt eine gerichtliche Verhandlung, iu der die sozialistischen Störenfriede zu Arreststrafen verurteilt werden. Fast zu gleicher Zeit spielt sich in Haifa ein ähnlicher Vorgang ab. Dort wird zurzeit ein Einwandererheim gebaut; der Dan wurde einem privaten Bauunternehmer übergeben, der sich seinerseits mit der Organisation „Olim Benin:" in Verbindung setzte. Kaum hatten Mitglieder dieser Organisation die Arbeit ausgenommen, so erschienen Sendlinge der A. A. O., um sie zu verjagen. Es kam zu Zusammenstößen, Verwundungen usw. Ausdrücklich sei bemerkt, daß es sich in diesen Fallen nicht etwa um eine Lohnunterbietung handelte — die festgesetzten Tariflöhne wurden genau innogehalten — sondern der A. A. O. sind anderweitige Organisationen, zumal wenn solche ans religiösem Boden stehen, ein ^Greuel, und sie sucht sich ihrer mit allen Mitteln zu entledigen. Selbstverständlich haben sofort nach dem Eintrefsendieser Nachrichten Bemühungen eingesetzt, um .den drolpmden Bruch zu vermeiden; es besteht kaum ein Zweifel daran, daß diese Bemühungen auch von Erfolg begleitet sein werden. Steht doch der 14. Zionistenkongreß unmittelbar vor der Tür und ist doch die zionistisch? Leitung viel zu klug-, um nicht zu wissen ivelch -lähmenden Einfluß aus ihre Arbeit in der gesamten Welt eine in Palästina eintretende Spaltung aus üben würde. Man kann also damit rechnen, daß der Riß durch ein paar wohlklingende Resolutionen, unverbindlich Versprechungen usw., auch diesmal überkleistert werden wird. An der grundsätzlichen Bedeutung der ganzen Angelegenheit wird durch das vorauszusehende Kompromiß nichts geändert. Die Ideologie des Zionismus ist gegründet auf -die Tatsache der Existenz eine? jüdischen Volkes, das gleich ollen anderen Völkern, durch Gemeinsamkeit seiner Abstammung, seiner Geschichte, seiner Sprache — Jiddisch und Hebräisch — usw. sich eben als Volk dokumentiert. Tie seit 2000 Jahren fehlende Gemeinsamkeit des Bodens sührte zu dem Postulat der. Wiedererwerbung Palästinas zunächst in der Form einer „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte." Don dem Judentum, das hißt von der jüdiscl)en Religion ist in der Theorie des Zionismus nur nebenbei die Rede. Sie ist ihm ein Teil der jöbifd>cn Kultur, ein Teil, der neben anderen Faktoren Einfluß auf Art und Entwicklung des jüdischen Volkes ausübte, aber nimmermehr sein innerstes Wesen ausmacht. So kommt der Zionismus dazu, das Jndcntrnn zu säkularisieren, daö heltzt die Religion zur Privatangelegenheit des einzelnen zu degradieren. Im Gegensatz zu dieser seiner Theorie hat der Zionismus in der Praxis, in dem Kampfe der religiösen Anschauungen-, der das Judentum der'Gegenwart durchzieht, fast überall Partei ergriffen. Er hat

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