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Central-Verein-Zeitung · 1925-07-24 · 30 (24.7.1925) · p. Seite 514

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
30 (24.7.1925)
Date
1925-07-24
Page
Seite 514 (sequence 3)
Language
German
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514 Chauvinismus unS in ihm schlummernde» Antisemitismus bewußt zu werden. i Hier ist der Mittelpunkt des ganzen Komplexes. Es erübrigt sich, mir zu beweisen, daß seine Aufklärung über den Kähmen des E. V. hinausgeht; ich nehme daher alle diese Ke^reien ohne weiteres auf meine Kappe. Aber dar Problem des zunehmenden Völker-Ver- 'stehenS, das nunmehr über dieHumanitätsduselei hinaus eine bittere europäische Existenzfrage geworden, und mit ihm die Frage des schöpferischen Nebeneinander- 'arbeitens zwischen den. Nationen und mit 'dem Judentum — ist ohne zunehmendes Fer- 'ment, also ohne Einschlag eines geistigen, .industriellen und kulturellen Internationalismus fernerhin ganz und gar unlösbar. Für den Absolutismus von 1800 bis 1840 galt der Liberalismus, für den Konstitutionalismus bis 1918 die Republik jedesmal als ein Jdeengebilde internationaler Her-' kunft. und jedesmal wirkte das abgelehnte Objekt starker als die Ablehnung. Auf eine letzte Formel zurückgeführt, heißt dieses Problem der Zukunft rund und deutlich: Sollen die imprägnierten oder die organisch gewachsenen Ideen und Anschannngen zum neuen Ausstieg Europas führen? Daß die der Jugend und dem Untertan imprägnierten Begr.ffe mit ihrem Imperialismus und unfthöpferischen Sozialismus überhaupt, soweit er mir doktrinär arbeitet, Europa nicht beflügelt, sondern nur gelähmt haben — das weis; jetzt der europäische Mußzahler gründlich und dauernd.?lkso°kann es sich nur noch um die Entwicklung des organisch wachsenden Urteils und der Anschannngsform handeln, die ohne nationalistische Peitsche und ohne chauvinistische Unterseuerung in der Kamera eigner dauernder Beobachtung sich von selbst klärt und befestigt. Dieser Weg führt zunächst zur Ueberwindung des leer gewordenen' und abgebrauchten Humanitätsappells und letzten Endes zu der Kardinalsorderung, daß die K e i m u n g der chauvinistischen und antisemitischen Gefühle in den Schulsystemen der Vergangenheit gesucht werden muß — die überhaupt kein Verständnis für die nationale Tragweite international gewachsener Anschauungen duldeten. i England ist, wenn man einmal von seinen Kriegswunden übsieht, immer ein Beweis nationaler Konzentration, infolge 'gesteigerter internationaler Fühlung und Praxis, gewesen. Auch wenn das britische Reich m einigen Jahrzehnten die Herrschaft in Indien verloren haben sollte, so ist es doch 50 Jahre lang die einflußreichste nationalste Nation gewesen, weil es in seiner Politik, Industrie und seinem Handel sich mit internationaler Technik auswirken wollte und konnte. 1 Es ist nun kein leerer Zufall, daß der Deutschenhaß in Frankreich und England mit dem deutschen Antisemitismus gewisse Parallelen hat. Die Tatsache, daß es in England keine» Antisemitismus gibt, zwingt zur Erkenntnis, daß der An tisemitismus inerster Linie der Ausdruck einer weltwirtschaftlichen Beengung ist, die wiederum ohne die chauvinistische Schraube gar nicht ^existieren würde. Daher ist die moralische Verteidigungs- Wellung des Judentums psychologisch wohl verständlich, aber Zimmer ein Kreisweg, der zur Wiederholung der Marschroute «führt. Erst die weltwirtschaftliche Expansion wird mit der ^allgemeinen Entspannung auch dem Judentum wieder Luft 'uub Licht gewähren. Aus diesen und anderen Gründen ist 'der Anfang eines internationalen Ausgleichs mit dem Wertung eines unpolitischen, zweijährlich wiederkehrenden Kongreßes auch der Beginn einer auf steigenden Weltwirtschaft und europäisch ineinander strömenden Kultur, sowohl für das deutsche Volk wie für das deutsche und ausländische Judentum, k Was will gegenüber der Macht dieser planmäßigen, rnünd- "Iw^n, geduldigen Verständigungskongreßarbeit von Auge ftt Auge das papierne Buch noch bedeuten? Vmbroise G o t, .ein sachlicher Franzose und Kenner deutscber Derhältnisie, Hat in der „Nation belge* * folgende Schlufnahlen veröfsentkicht: i-Dre Gesamtzunahme der Bevölkerung in Deutschland von 1919 'NS 1922 beträgt 2 157 903, und in derselben Zeit in Frankreich \~r sage und schreibe — 180 206 Geburten in vier Jahren/ 'Er urteilt nervös: „Ist diese Feststellung nicht erschreckend? Die Geisel der Entvölkerung, die in Frankreich wütet, bereitet 'dre Rache Deutschlands vor/ Einerlei, ob Got den Rückgang der Geburten ixt beginnender allgemeines vitaler Schwäche der Franzosen oder ob ich in meinem Werk*) „Die historische Wirklichkeit von 1796 bis 1815" Nachweise, daß die ewigen Kriege Frankreichs seit Ludwig XXV. bis 1815 öie zeugende Manneskrast Frankreichs allzusehr geschwächt, und die crapülisierte Paarung allzu häufig bedingt hat — immer bleibt die Urteilsweise Gots die Mehrheit. Was ist gegen ein folcfi gehirnmäßig gebildetes Urteil mit einem Buch voll paprerner Versöhnung — was ist gegen ein imprägniertes urteil des Antisemiten mit geölter Dialektik noch viel auszurichten? Das gedruckt/, rationalistisch überladene Wort beginnt in der Welt zu versagen— die Zeit des beseelten Tuns, der lebendigen Aussprache von Mund zu Mund, Auge in Auge ist gekommen — die Zeit des internationalen Kongresses ist reif. Nehmen wir den Fall, der erste internationale Ausgleich- . kongreß hat im April 1927 in Berlin stattgefunden. Eine - Gruppe Deutscher, Franzosen, Engländer, Italiener und Spanier hat beschlossen, bei ihren Kultusministerien einen Schülerwandertnrnus durchzusetzen. . Ungünstig ausgehend hätte Frankreich nur die Privatinitiative gestattet, England und die anderen Länder nur je 500 Schüler von je 16 Jahren, einem zweijährigen Wanderschulturnus zugelassen, mit der Möglichkeit, daß die A u s l a n d s ch u l z e i t als i n l a n d w e r - tig angerechnet wird. Die Jünglinge lernen vor allen Dingen Original-Deutsch, -Französisch, -Englisch, -Italienisch und --Spanisch sprechen, und die Verhältnisse in den Ländern selbst sehen und beobachten. Es ist nicht unmöglich, das; die jungen Deutschen mit einer Ueberschätzung der französischen Kultur zurückkehren. Zugegeben, daß dieser Erfolg nicht erwartet wurde, ist er immer noch g ü n st i g e r a l s ein dauernder Wille zur Rache. Und können andererseits die jungen Italiener und Spanier nicht auch mit einer höheren Einschätzung Deutschlands zurückwandern? Was tut dies alles zur Sache, da alle die jungen Urteile im Laufe der Jahre auspendeln und zuletzt in eigene gewachsene Anschauung umgären, die nicht Opfer der chauvinistischen Agitation werden und den Negierungen allmählich ein beperes Pferd zu satteln erlauben. 'Wenn in 10 Jahren 500 000 jüngere Männer dieser Schulwanderungspraxis im In- und Ausland als Mittler wirken — der junge Deutsche den Deutschenhaß in Frankreich erst am eigenen Leibe erlebt hat, und von nun ab das antisemitische Problem ganz anders sehen lernt, dann^ist die Gefahr der papiernen Kultur, der agitatorischen Dialektik, des herrischen Rationalismus und Chauvinismus und der Rassenhetze zu einem guten Teil entwaffnet. Auch wenn nach 10 Jahren der Fortschritt noch nicht mit dem Kilometerrnaß zu messen ist und das Villett noch nicht für den Vorhof des Paradieses zureicht, könnte der C. V. für immer noch und selbst außerhalb seiner Statuten dafür eintreten. Und nunmehr kann das Däumchen versuchsweise geschüttelt werden. Ich stelle folgendes Programm deserst'en internationalen Ausgleichkongresses zum 15. April 1926 zur Aussprache; die Einzelheiten bleibe ich heute noch schuldig: 1. Bildung einer internationalen Kommission zur 21»* bahnung technischer, wirtschaftlicher, politischer, internationaler Normalien, wie sie in den Inländern schon mit Binncnbedeutnng in Kraft und weiterer Entwicklnng sind. 2. Bildung einer internationalen Kommission zur organisatorischen Parlamentörcsorm znrn Zweck einer verbesserten und nicht bloß rhetorisch messenden Talcnlanslese. Dieser Komplex bedeutet keinerlei politische Stellungnahme; der Kongreß beschäftigt sich nur mit der organisatorischen Verbesserung des parlamentarischen Werkzeugs. 3. Dauernder und regelmäßiger Wechselübergang der; wissenschaftlichen Kräfte — also der Professoren in die Anslandsnnivcrsrtäten hin und her — verbunden mit international gemischten Studienreisen. 4. Wanderschrrlturnus von Schülern vom 16. Jahre ab und von Stndcnten nach den AuSlandfchulen und Universitäten, mit 2lnrcchttnng der Anslandzeit im Inland sowohl ans Privatanrcgung für den Anfang wie mit behördlicher Förderung. 5. Erweiterung der praktischen Berührungsflächen der Geistesarbeiter mit Hilfe internationaler neuer und Verknüpfung vorhandener Organisationen. 6. Internationaler Ersindcrverband mit Einwirkung auf Erweiterung und Modernisierung der internationalen Yatentgesctzgebrrng. a ® T Mark. „Die historische Wir Jr'M) Mark. Sphinx.Dcrlag, Berlin. Zu beziehe durch Philo.Buchhandlung, Berlin SW 68, Lindensrrage 13.

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