Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 29 (17.7.1925)
- Date
- 1925-07-17
- Page
- Seite 504 (sequence 7)
- Language
- German
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504 Antisemitismus im Konversationslexikon. ■ t. Von Rabbiner Dr. B. Jakob (Sortmunb). r Das Konversationslexikon ist das Orakel für jeden, der über . irgendeinen Gegenstand des Wissens eine zuverlässige orientierende Belchrung sucht. Für den völkischen Antisemitismus, der planmäßig daraus ausgeht, die ganze deutsche Bildung mit seinem Geiste zu durchdringen, muß es daher von besonderer Bedeutung sein, sich auch dieses überaus wichtigen Bildungsnüttels zu bemächtigen, oder er kann es als einen Triumph betrachten, wenn seine Gedanken bereits so allgemein geworden sind, daß sie hier einen Niederschlag gesunden haben. Leider ist diesem Prozeß nunmehr auch das sonst nnt Recht gerühmte Meyers che Konversationslexikon verfallen. Gin Beweis dafür ist der Artikel „A n t i s e m i t i s m u 0* in der neuesten Auflage von 1924. Wir legen nicht nur gegen seine Tendenz entschieden Protest ein, sondern muffen uns auch gegen die unwipenscha striche, oberflächliche Behandlung verwahren. * Der Artikel beginnt mit dem Satze: Antisemitismus, Gegnerschaft gegen die Juden aus rassischen Gründen seitens ihrer Wirtsvölker. Wir wollen 'uns nicht bei -dem schlechten Deutsch eufhalten. es allein würde schon die Bcrrnutung rechtfertigen, daß der Verfasser in die Schule der Völkischen gegangen ist. Roch deutlicher aber tritt es ans der Behauptung hervor, daß die Gegnerschaft lediglich ans „raffifcfjc Gründe* zu rückgeführt wird. Daß dies eine unzureichende Definition ist, zeigt die darauf folgende geschichtliche Darstellung selbst. Mit Empörung aber müssen wir den Ansdruck W i r t s v ö l k e r, wonach wir Juden also das Gastvolk wären, zurückweiscn. Das ist die bekannte antisemitische Phraseologie. Wir aber erklären nachdrücklich, und das ist der wahre Tatbestand, den ein objektives Werk 'anzuerkennen hat: es gibt in Deutschland kein zu Gaste wohnendes jüdisches Volk. Es gibt nur eine jüdische Religionsgemeinschaft und einzelne Juden, die, insofern sie hier geboren sind und Staatsbürgerrecht haben, in diesen! Lande mit genau demselben Rechte zu Hause sind wie die Angehörigen jeder anderen Nasse. Einern Gast kann ich jederzeit den Aufenthalt kündigen und ihn hinausweisen. Für uns deutsche Juden ist Deutschland unsere Heimat und unser Vaterland, ans dem man uns nur wider alles göttliche und menschliche Recht vertreiben könnte. Gäste sind in Deutschland die Ausländer, aber dann sind sie auch meine, des deutschen Inden, Gäste und wir mit allen anderen Deutschen ihr Wirtsvolk. Sollte der Verfasser des Artikels sich damit entschädigen, daß er sich int Sinne dev Antisemiten habe ausdrücken mögen, dann hätte er dies unzweideutig anssprechen sollen. Jetzt halt inan den Satz als eine objektive unanfechtbare Feststellung.?■ Weiter heißt es: dev früher mehr gefühlsmäßig und aus religiösen Gründer: zutage tretende Gegensatz hat sich seit etrva 1875 in den bewußter: Antisemitismus um gewandelt und ist in allen Ländern, .wo Juden wohnen, zn beobachten, von den schlimmsten Ausschreitungen begleitet in Rußland (Pogrome). Auch hier wieder derselbe saloppe Stil und Mangel an Klarheit und Wahrheit. Der „religiöse* Antisemitismus war und ist, obgleich für Christen ein Widerspruch in sich selbst, mindestens ebenso bewußt wie der rassische, und es hat sich nicht der eine in den anderen umgewandelt, sondern die richtige Formulierung wäre gewesen: die gefühlsmäßige Abneigung gegen die Juden hat sich zu ihrer Begründung zuerst des Gegensatzes der Religionen, aus dem sie erwachsen war, und als dies Argument seine Kraft zu verlieren drohte, des angeblichen Gegensatzes der Nassen bedient.* Denn gefühlsmäßig, das heißt unvernünftig, ist der Antisemitismus auch heute noch, nur die Begründung ist eine andere geworden. Dabei sind die wahren Ursachen und Beweggründe, die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, nicht einmal angedeutet! » Positiv unwahr ist es, daß der Antisemitismus in allen Ländern, wo Juden wohnen, zn beobachten ist, wodurch der Eindruck erweckt werden soll, daß der Grund also nur im Wesen der Juden liegen könne. Erstlich kennt man den Antisemitismus nur in christlichen Ländern, also in: größeren Teile der Erde, nicht. Aber auch von den christlichen Ländern erfreuen sich seiner nur die wenigsten. Man kennt ihn nicht, ja man begreift ihn nicht einmal in den skandinavischen Limdern, nicht in Italien, nicht in Griechenland, Bulgarien, Serbien usw., nicht in England und Frankreich. Selbst in Rußland hat es nie einen rassischen Antisemitismus gegeben, er war dort immernur religiös-po'l:tisch, und das allein ist er, wo er sich sonst noch findet. Das wirkliche Verhältnis stellt sich so dar: der rassische Antisemitismus ist in allen Ländern, wo Deutsche wohnen und ihn aus ihrer Heimat eingeschleppt haben, zu beobachteu. Tenn Deuts chland i st die Wiege dieser Bewegung. Ja selbst in Deutschland sindet er sich fast nur in den jedem Ismus zugänglichen, gebildeten, ftubierlcn oder studierenden Schichten zumeist protestantischen Bekenntnisses, die die vulgäre öffentliche Meinung bestimmen, und nn Schlepptau der politischen Reaktion. h' Daß die. Pogrome in Rußland, die nachweislich von der religiösvrthodoxen und politisch-reaktionären zaristischen Negierung angestistet waren, als schlimme Ausschreitungen bezeichnet werden, ist anzuerkennen, aber die Nitualmordassären und sonstigen Erzesse in Deutschland und anderen Ländern könnten sich auch sehen lassen. » Es folgt nun eine Geschichte der antisemitischen Parteigründungen, die bis zur Gegemvart geführt ist, aber doch fein rechtes Bild gibt. Wer ahnt wohl, was sich hinter all diesen Namen verbirgt! Nur einmal heißt es: den Antisemitismus verlralen im Reichstag Abgeordnete verschiedener Fraktionen, unter ihnen befand sich Ahlwardt, der ausgeschlossen wurde. Es hätte doch, da die jetzige Generation dies nicht mehr ans eigenem Erlebnis nässen kann, gesagt werden müssen, wer dieser Ahlwardt war und warum er ausgeschlossen wurde. Jnnnerhin ist selbst diese vorsichtige Andeutung dankenswert. Was wir aber weiter vermissen, ist eine Angabe der Partei- Ziele des antisemitischen Progrannns. Was null der Antisemitismus? Bei einer so bewußten Bewegung müßte dies dexst 31t sagen fein.' Es wird ferner mit keinem Worte der R e a k t i 0 n gedacht, die der Antisemitismus nicht etwa von jüdischer, sondern von christliehe r Seite ansgelöst hat. Es hätte wenigstens in einem Satze der „Verein zur Aluvehr des Antisemitismus* genannt werden müssen,' in dem sich hervorragende Männer vereinigter!. 11m dieser Bewegung, die sie als eine Schrnach des Jahrhundert.:- und eine Gefahr für das deutsche Volk erkannt hatten, entgegenzntreten. Seine nunmehr in vierunddreißig Bänden vorliegenden „Mitteilungen*, sein „Antisenütcnspiegel*, sein Abwehr-AVC" sind eine Fundgrube für alles, was den Antisemitismus betrifft, und sie hätten wenigstens in der Literatur angegeben werden müssen. Man höre, was als solche angeführt wird: "l. G. Winter, .Der Antisemitismus in Deutschlands 1890. Eine zwar vortreffliche Schrist, die aber jetzt nach beinah dreißig Jahren unmöglich noch genügen kann. 2. D ü h r i n g, „Tie Judensrage als Frage des Rassencharakters* (5. Auslage 1901). Mit der Anführung dieses Buches sind wir einverstanden, denn in der Tat lebt der Antisemitismus noch heute von seinen Gedanken. In Wirklichkeit lautet der Titel: „Die Judensrage als Rassen-, Sitten- und Cnltnrfrage* (zuerst 1880). 3. und 4. Th. Fritsch, „Handbuch der Judenfrage* (28. Auflage, 1919), und M e i st e r , „Judas Schuldbuch*. Auch mit diesen Ausführungen sind wir einverstanden, denn wer den Antisemitismus wirklich kennenlernen will, muß diese Schund- und Schindbücher lesen. Auch ans die „Protokolle der Weisen von Zion* und Dintcr. „Die blinde wider das Blut*, hätte aufmerksam gemacht werden können. Aber von einer Literaturangabe, die 0 b j e k t i v zur weiteren Belehrung anleiteu soll, hätten wir auch gegnerische Werke erwartet, die es in Hülle und Fülle gibt. , ' Ter Verlag und die Redaktion Huben nch nnt diesem Artikel ein Kuckucksei ins Rest legen lassen. Wir sprechen die Hossnung aus. daß sie ferner eine schärfere Kontrolle üben, und richten an unsere Leser die Bitte, daß sie ein wachsames Auge auf die Versuche der Antisemiten, ihr Gift in früher unparteiische Organe einznschmuggeln, richten mögen. IreihsiL für Forschung unö Lehre. A u s e i n e r F e st r e d e v 0 n P r 0 s e s s 0 r Dr. E l b 0 g e n. Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin gibt in ihrem soeben erschienenen 42. Bericht einen ausführlichen Ueberblick über die Leistungen der Jahre 1923/24 und veröffentlicht die Festrede, die Proseffor Dr. Elbogen bei der Feier des 50jährigen Bestehens der Hochschule in: Mai 1922 gehalten hat. Proseffor Elbogen kennzeichnet darin den engen Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Judentums und der Entwicklung seiner Lehrhäuser und schildert die Schwierigkeiten, die die Hochschule in der ersten Zeit ihres Bestehens zu überwinden hatte. „In aller Not,* so schreibt er, „wurde eines mit Beharrlichkeit sestgehalten, die Idee der Denk- und Lehrfreiheit. Wie sehr Kuratorium und Lehrerkollegium in ihrer Zusammensetzung auch wechselten, so verschiedenartig der Standpunkt war. den die einzelnen Persönlichkeiten vertraten, in dieser Frage gab es keinen Zwiespalt und keinen Zweifel. Als die Not auss höchste gestiegen war und in der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde Berlin' die Bereitwilligkeit ausgesprochen wurde, die „Lehranstalt* auf ihren Etat zu übernehmen, wurde dieses verlockende Anerbieten einstimmig abgelehnt, da die Gemeinde wohl materielle Sicherheit, aber nicht geistige Unabhängigkeit gewährleisten konnte. Wern: auch der alte Grundsatz preisgegeben, wenn von seiten der Berliner und spater auch anderer Gemeinde:: jährliche Beiträge angenommen wurden, so geschah es unter Wahrung der Selbständigkeit, unter Aufrechterhaltung voller Freiheit für Forschung und Lehrer- Tann stellte Professor Elbogen die Frage: „Werden 'wir für einen Ausbau der Hochschule Verständnis und Beistand sinden?* Und beantwortet sie mit den Worten: „In unserer Gegenwart mit ihrer grausigen Wirtschastsnot scheint die Aussicht trübe, dennoch regen sich allenthalben die Kräfte sür den geistigen Wiederaufbau, heute finden wir uns einer anderen Lage gegenüber wie vor fünfzig Jahren. Damals ein :nüdcs Geschlecht, das, geblendet von der errungenen Gleichberechtigung, nur einen losen Zusammenhang mit dem Judentnn: wahrte — heute ein breiter ^troii: mächtig sich ergießenden jüdischen Lebens, der durch seine Gewalt alles mit sich fortreißt. Damals ein Anssterben des jüdischen Wissens, — heute, ganz besonders in der Jugend, ein sehnsuchtsvolles Verlange::, in das seelische Erbe der Ahnen einzudringcn, bei allen: Hunger nach Brot ein Lechzen nach geistiger Nahrung. Damals eine Abkehr vom Hebräischen als toten: Vermächtnis einer überlebten Ptergangenheit — heute die Freude an der wiedererwachten Sprache und ihrer vieltausendjährigen Literatur. Heute besteht das Verständnis für den Wert des jüdischen Lchrhnnses als Forum für unparteiischen Gedankenaustausch, sür volle Freiheit der Lehre und Forschung* * t ,