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Central-Verein-Zeitung · 1925-07-17 · 29 (17.7.1925) · p. Seite 502

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
29 (17.7.1925)
Date
1925-07-17
Page
Seite 502 (sequence 3)
Language
German
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502 der grundsätzliche Antisemit noch niemals eine technisch bahnbrechende Anlage wie das neue Messingwerk Hrrsch- Kupser in Eberswalde mit technisch wertenden Augen gesehen hat, so kann er auch nicht ermessen, daß diese aus jahrzeyntelanger Erfahrung hervorgegangene Meisteranlage nicht bloß für die deutsche Messingindustrie vorbildlich geworden ist —, eine Erkenntnis, die mir auch als Erfinder großen Genuß bereitet hat. Wenn man nicht weiß, daß das Rosenthal-Porzellan mit dreitausend Arbeitern in der Hauvtsache die deutsche P o r z e l l a n a u s f uh r überhaupt erst erobert hat, läßt sich auch dieses Neugebiet noch nicht werten, das in erster Linie vom technisch wirkenden Judentum ausgeschlossen ist. Es ist schon so sehr veraltet, immer nur vom Judentum des Handels und des Kapitals zu reden, und mangels Kenntnis der Entwicklungsgeschichte der Industrie gar nicht zu bemerken, daß in der AEG., im Komplex B e r g m a n n , in der Licht, Blech, Zucker v erarbeite n den Industrie und vor allem in der b a h u - brechenden N e u s ch ö p s u n g der Stickstoffi n d u st r i e sich ein spezifisch jüdischer technischer Schöpfergeist ausgewirkt hat. Ich bin der Meinung, daß man die Moralanklage nicht überschätzen soll. Es mag in Einzel fällen von Belang sein, Moraljustiz zu üben, wenn mit der Nennung sicherer Tatsachen die Lüge vernichtet werden kann. Viel wichtiger ist die breite Aufklärung der seltsamen Erscheinung, warum bei zune h m 2 n d e r Technik de r A u s k l ä r n n g da s i n ncrc V e r stehen z u n ä ch st i m m er n o ch a b - nimmt. Kein Zweifel. daß das industrialisierte Leben, die Uebertechnik der Gegenwart die Menschen einander m e n s ch - lich entfremdet, und die Großstadt mit ihrer Massenwirkung der Provinz ein falsches Bild liefert. Aber Berlin wird, wie jede Massengroßstadt, als Kulturbildner in der Provinz überschätzt, und diese Auswirkung ist dem Mißverstehen des Judentums nicht günstig. Mit der übertriebenen Propagierung der Berliner Kultur ist der Pegel des AntisemitrsmuZ nur gestiegen. Doch diese Streifkritik enträtselt das Mißphänomen^ des Kontaktschwnndes nur äußerlich. Man muß in dieser gefahrvollen Frage vor dem chirurgischen Eingriff nicht zurückschrecken. Die Hauptsache ist neben dem modernen gesteigerten Daseinskampf in einer erdrückenden Ueber fülle der rationalistischen wechselseitigen Belästigung zu finden. Man erwäge einmal die Formel: Einer will immer den anderen belehren — so gut, wie niemand mehr noch zuhören will, und alle möchten gegen alle recht behalten. Das ist nichts anderes als die zankende Antitoleranzallergegen alle! Ginge es nach dem Willen solcher Triebhaftigkeit, so gäbe es nur einen klugen Politiker ans der Welt, dem sich alle anderen unterordnen, nur einen Wissenschaftler, einen Künstler oder Dichter, den alle anderen anzubeten hätten. Da aber die Gegensätzlichkeiten in der bitteren Wirtlichkeit sich ganz anders auswirken, so werden die Kanonen der Gruppen, die herrschen möchten, mit rationalistischen Beweisgründen geladen, die zwar viel lärmen, aber nicht zünden. Daraus entsteht nichts weiter als ein Boxkampf der Intellektuellen mit dem Resultat der dauernden Unentschiedenheit. In meinem Werk „Neusozialismus" habe ich genauer begründet, daß in heutiger Zeit und Zukunft irgendeine Herrschaft irgendeines Jdeenkompleres nicht mehr möglich ift,~ daß der Ruf nach dem starken Mann, der ein Volk oder gar Europa führen soll, ein Hirngespinst ist, und die leider zu zahlreichen Probleme der Gegenwart nur von kollektiv führenden Gruppenintelligenzcn zu lösen sind, die sich Mühe geben, einander zu verstehen, um Kontakt miteinander zu gewinnen. In einem anderen Werk: „Die historische Wirklichkeit von 1796—1815* habe ich letzten Endes entwickelt, daß die Periode der WorLmassenkämpse in Parlament und Presse schon im Verfall ist, der Schwung-Redner und Bravour-Literat bereits sterbende Fechter sind, während die Zukunft das beseelte Wort mit gesteigerter I n Halts re sott anz und beseeltes Zun mit bündigem Handeln auf der Grundlage -des a p r i o r i sti sch e n Wohlwollens gebraucht. Darunter verstehe ich einen wirklich guten Willen ium Hören. Sehen und Beobachten einer anderen Geistigkeit, ehe darauflos geurteilt wird. Ich verstehe darunter die S t e i g e r u n g d e s G e w i s s e n s im Zuhören und die Verminderung der Moralanklage und Mehrung der Tendenz zur exakten Kritik. Dann muß, und zwar zwangslänßg, die Zunahme eines Kontakts und damit schrittweise die Auflösung unnützer Reibungen und einseitiger Rechthabereien entstehen. Anderseits bleibt auch ein genauer Einblick in die pathologischen Triebstoffe derjenigen Naturen nicht aus, die sich gegen jeden Kontakt und bessere Einsicht stemmen. Dies alles ist gewiß nur ein philosophisches Wenig, aber ein praktisches Viel. Es fehlt dem Fehlurteiler an Kenntnis der Finanzwirtschaft, wenrr er sagt: das Judentum hat an der Inflation verdient. Er möge einmal in den Bilanzen der Großbanken die großen Jnflationsverlnste nachrechnen. Er kennt die Presse nicht, wenn er erzählt, daß die „jüdische Presse" vorwiegt, die in mehr als 3000 Zeitungen nur einen Bruchteil ausmacht. Er weiß nichts von der Weltwirtschaft, wenn er das Weltkapital in den Händen des Judentums glaubt, das wohl einen prozentual hohen aber nicht beherrschenden Anteil am Weltkapital darstcllt. Es gibt jüdische und andere Schieber, jüdische und andersgläubige Minderwertige, doch ohne Kenntnis der Ursachen und Wirkungen sind die prinzipiell antisemitischen Urteile falsche Rechenexempel mit obendrein irrtümlichen Zahlen. Von der Engherzigkeit kontaktloser Urteile sind nur törichte Sachen zu erwarten. Warum. sott ein Arbeiter oder Marschall nicht Präsident werden, da doch nur die gewissenhafte Haltung und verfassungstreue Sachlichkeit Hauptsache ist und bleibt. Warum soll ein Jude nicht ein höheres Amt^bekleiden. wenn er schöpferisch arbeiten kann — ein Outsider keine gute Erfindung machen, wenn er neue originelle Ideell bringt, warum der konservative Manu sich nicht mit dem Kommunisten, der Antisemit nicht mit dem Juden aussprechen? Warum sollen sich 20 Parteien einander zerfleischen, wenn der Gegensatz an sich biologisch bedingt und das Mißverstehen eine so menschlich, allzu menschliche Sache ist? Warum will, wenn es sich nicht gerade um banale Tatsachen-Berichtignng handelt, der Müller den Schmidt in seiner politischen, philosophischen, künstlerischen Anschauung unbedingt regulieren und reformieren? Warum ist der Naturalismus wichtiger als der Klassizismus und dieser noch wichtiger als die Romantik, da die Rose der Nelke doch auch keine regulierenden Vorträge hält? Also wird es auch Zeit, ein bißchen mit den politischen Prophezeiungen aufzuräumen. Die Rechner auf den Erfolg oder Mißerfolg des Krieges — alle ohne Ausnahme — haben erlebt, daß das Ende ganz anders wie prophezeit ausficl- Vornan die Engländer, die heute den von ihnen gehaßten Militarismrls jetzt um 500 Kilometer näher jeden- Tag in Paris frisch vom Faß haben können. Ter herrschsüchtige Nationalismus war auch hier nur ein Weg von der geistreichen Dialektik in die Beschränktheit des Sachurteils und des Weitblicks. Wenn also der Weg gesunden wird, um mit dem Tun die Theorie des Tuns zu erübrigen, verringert sich die Leidenschaft zur Theorie von s e tb st. I n dieser L age si nd h eu te d er Anti s e m i t i s m u s und das Judentum. Lernt erst der' Antisemit in erlebter Anschauung erkennen, daß das jüdische und nichtjüdische Schassen wissenschaftlich, wirtschaftlich, technisch und kulturell in der ganzen Welt zum Teil unlöslich verschmolzen ist, so kann er auch übersehen, daß seine Anschannngsform in der letzten Konsequenz zur Stillegung der eigenen Existenz führen würde. Vertieft anderseits das Judentum die Erkenntnis, daß feindliche Reaktionen weit mehr aus irrigem Urteil, unzulänglicher Sachkenntnis und weniger aus bösartiger Absicht stammen, so ergeben sich zwangläusig andere und neue Wege der Aufklärung. Ich beabsichtige daher mit alten und neuen Freunden, die die Tragweite der internationalen Kontaktvermehrung erkennen, in gemeinsamer Arbeit zu beraten, ob die Zeit für einen „ersten internationalen Ausgleich-Kongreß" reif ist. Wenn alle Gegner, die sich vorläufig noch wechselseitig im Tintenfaß ertränken oder auf dem Papier erwürgen möchten, sich zürn erstenmal lebendig' sehen und kennen lernen, und Persönlichkeiten, die sich das Stiergefecht nicht gerade zum Beruf gemacht haben, als Mittler des Verstehens anstreten, so kann sogar inmitten einer anfänglichen Verhandlungskanonade der Gedanke des praktischen Menschen- und Interessenausgleichs aus der Grundlage der lebendig gewachsenen Bekanntschaft erwachen und anfangen zu marschieren. Ich habe dabei gewiß nicht die Absicht, ein Paradies und goldene Berge in Aussicht zu stellen, und bin der Meinung, daß auch der Zentimeter-Fortschritt aus diesen Wegen schon eine Ernte vorbereitet.

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