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Central-Verein-Zeitung · 1925-07-17 · 29 (17.7.1925) · p. Seite 501

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
29 (17.7.1925)
Date
1925-07-17
Page
Seite 501 (sequence 1)
Language
German
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Serttn, 17. Juli 1925 IV. Jahrgang ❖ Nr. 29 Einzelnummer 10 Gol-pfenmz rt t £&+****&&*, t* <?N«vy* i Mon<rtS2bonnement 40 Goldpferrnig zuzüglich Bestellgeld Allgemeine Zeitung des Oudeniums zuzüglich Bestellgeld Nkrla« und Schristleitung: MmSW» Hnba.Hr. IS. .-. Famspr-chrr- Am« Dönhoff 3594. 3595. /. Sontlento: Tr-«dn-r Sant ÜD^Watc G Btrtin SW 68. Ln.b-nff-,7 ■rn srn^i/minnnnhmf «nnoitcm»Grüebition Rudolf Mosse, Berlin SV 19. und deren Filialen. Anzeigend reife: 0.90 Gold mark für die . gespaltene Zeile nach Rudolf^Mvf^s^Norrua^zeile^urne^er^Rr.^K?nlienanzeiüen und Stellengesuche für Mitglieder be* bie 80 lnm^^ 11,1.^1 von Carl Lepst (Her!itt-Sch!achtensee). rj * CarlLeyst, der geistvolle Forscher und Dichter, überläßt uns den Abdruck mehrerer Aussätze,^ in denen er seine Gedanken über einen Ausgleichs-Kongreß niederlegt. Von diesem erwartet Leyst für Deutschland Gesundung aus wirtschaftlicher Not und parteipolitischer Zerripenheit. D r e S ch r i s t l e i t u n g. Zunächst einige fatale Erscheinungen. Alle Kabinette Europas bemühen sich, wie sie in ihrer Prefte verkünden und betonen lassen, um die Wirtschaftsmai chme, die sie auf der Grundlage eines versprochenen Friedens wieder m den Gang bringen möchten. Es wird versucht, den Völkern und Gruppen klarzumachen, daß dies alles mit Ueberlegung und Gewisien geschieht. An den Folgen gemessen, scheint es aber an Verstehen Zwischen den hohen Lehrern und bänglich gewordenen Schülern zu fehlen. Der europäische Wirtschaftswagen knarrt immer mehr. In England drei Millionen Arbeitslose, in Indien zunehmende Auswirkung der Ghandi-Organisation, in Frankreich Frankensturz und der Marokkokrieg. In Italien und Spanien elende Valuta und kranke Industrie! In Polen mühsam gebändigtes Chaos, in Rußland Arinut und schleppender Anfang! Da ist nun die Zeit der politischen und wirtschaftlichen Sanitätsräte gekommen. Sie predigen Vertrauen und geben Ratschläge in Fülle. Aber der Kontakt zwischen den Priestern und Ungläubigen bleibt aus. Inzwischen wird ungeheuer viel geschrieben, geredet, versprochen, beteuert — doch es kommt kein Kontakt zwischen den Kapitänen und Heizern der Wirtschaft. Dafür wächst die Erkenntnis, daß das alte Wirtschaftssystem nicht aufwärts gehen will, obwohl es reichlich geölt und geschoben wird . . . Es kann sein, daß diese Betriebsstörung der aufeinanderstauenden Zahnräder die harte Notwendigkeit einer neuen und besseren internationalen Gruppenwirtschaft vorbereitet, wenn man diese Symptome unter der Zeitlupe und die Jahrzehnte als Entwicktungsmvmente sehen null. Einstweilen stöhnt Europa noch unter diesen Hemmungen . . . , E Aber auch im engeren Kulturbild des einzelnen Landes 'wiederholt sich dieselbe Kontaktarmut. In Deutschland hat der Gedanke der Verständigung, des Ausgleichs und der inneren Annäherung zwischen den Parteigegnern bis 1924 nicht den geringsten Fortschritt gemacht. Im Gegenteil — das deutsche politische und kulturelle Fühlen wird von mehr als zwanzig Parteien sicherlich nicht sammelnd beeinflußt. Es ist gewiß nicht glücklich, irgendeinen bösewichtigen Willen einer Parte: von vornherein anzunehmen. Jede Gruppe mag heilig davon durchdrungen sein, daß nur ihre Ideen und Rezepte das Volk retten werden. Aber aus der höheren Perspektive betrachtet bleibt immer wieder die Tatsache übrig, daß die Parteien die zusammen arbeiten sollen, wollen und möchten, .rem genügendes Verstehen untereinander finden. Deobachtung und Hoffnung der Wissenschaftlichen, der ethischen -Löner oder künstlerischen Menschen (ob sie mit einer gesteigerten Objektivität, sensibleren Ethik oder ^künstlerischen Erschütterung eine Aniiäherung der Kontaktlosen erdenken, erschreiben oder erdichten können) zeigt ein trübes Bild. Es gibt in der Gegenwart keinen Wissenschaftler,. der sichtbaren Einfluß aus die große breite Masse^hat^ keinen Nationaldichter, zu dem sich alle Parteien und ^chichten^des Volkes bekennen, keinen llupiter tonans der Kritik im Stile Lessings. Es ist kein Volkslied, keine Melodie von nationalem Widerhall, kein Werk von allgemeiner Ausstrahlung in die Masse des Volkes eingedrungen. Jeder Politiker, Wissenschaftler, Künstler, Dichter, Komponist von Bedeutung hat nur noch seine Gemeinde, die mit ihm geht, ohne sich drangvoll zu ihm zu bekennen. Ohne sorgfältige Vorarbeit des Impresarios würden auch sie innerhalb ihrer Gemeinde keinen Sturm der Umkreisung mehr erleben; selbst der berühmte Tenor erzielt ohne Agentur kein volles Haus. Jemand sagte mir einmal: „In Berlin gibt es viele Leute, aber keine großen Gemeinden!" Wie diese Erscheinungen gesehen und erklärt werden, immer wieder fehlt ein Magnetismus des Verstehens, der die Künder und Hörer elementar zusammensührt. Schon Liszt klagte, daß „das Geschlecht der Hörer, der Rezeptiven im Aussterben fei — alle lieber reden und verkünden, aber nicht zuhören möchten" . . . Schließlich läßt auch die Presse erkennen, daß sie bereits mühsam um die Fühlung mit der Masse ringt. Ter gesteigerte Bilderaufwand, die Fabrizierung des Lesestoffs, der Galopp des Nachrichtendienstes, die gesamte Rotationsenergie nimmt 51t — der objektive Einfluß aus die Massen ab. D i e s e g r 0 ß e, schwere Masse lebt t e ch n i s ch nebeneinander, aber innerlich voneinander fern. Besonders die Großstadt läßt die Seelen der Millionen nicht zur Sammlung kommen. Noch hört sie hier und da auf den Trommelschlag der Schtagwvrte, ohne sich ihrem Rhythmus dauernd zu ergeben — sie ist nicht mehr mit Zentralwirkungen zu bändigen und spaltet sich immer mehr in Gruppen und Grüppchen. Es ist kein Beweis für einen. Kontakt, wenn eine parlamentarische Rede in zweitausend Zeitungen flüchtig beachte: und schon morgen vergessen ist, ein Roman sich mit hunderttausend Stück zwischen sechzig Millionen Menschen zerstreut, ein philosophisches Werk eine Zeittang die Spalten reizt und dann in die Vergessenheit sinkt. In einer Atmosphäre, in der selbst ein Riesenftandal schon nach Wochen vorbeihnscht, sind die Bedingungen eines die Menschlichkeiten verbindenen Kontakts nicht mehr gegeben. Dieser Schwund der K 0 n t a k t s u b st a n z er- .klärt den A n t i s e m i t i s m u s u ttb seine Gefahr. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Antisemitismus geradezu eine O r g i e des M i ß v e r st e h e n s. Zu ihrer Neber- ,Windung reicht das j'accusc und excusc nicht inehr aus. Das Arsenal der kontaktbildenden Begriffe muß zunächst erweitert werden. Dazu gehört vor allem m e h r A u fkl ä r u n g ü b e r die technisch schöpferische Arbeit des Judentums, die noch zu wenig bekannt ist. Wenn z. B.

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