Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 28 (10.7.1925)
- Date
- 1925-07-10
- Page
- Seite 492 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277597--02282-3537211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
492 Neue Lprik. Von Arthur SLLberglcit (Berlin-Zehlendorf). ' Der Laie beurteilt lyrische Gedichte meist lediglich nach ihrer formalen oder technischen Vollendung; die rhythmischen Gesetze scheinen ihm bereits mit der vorschriftsmäßigen Hebung und Senkung der Versfüße erfüllt $u sein, und er ist bereits dankbar, wenn ihn: ein gewisser Wort- Lang un Ohre hasten bleibt. Er unicrvrdnet ost der änderen Herrschaft über die Form das seelische oder geistige Erlebnis: es bleibt ihm auch verborgen, ob ein Gesühlskern von der unersättlichen Sprache gleichsam wie von einem Nachen verschlungen oder deutlich und scharf durch plastische Abgrenzungen vor jener Gefahr gerettet wird. Aber erst die schlvingnngsreiche innere Musik des persönlichen Erlebnisses, das seine Einmaligkeit und Besonderheit in seinem urtümlichen und daher eigentlich leidjt unterscheidbaren Eigenllang aus singt und nicht etwa bloß redet oder Predigt, die durch keinen Fremdkörper der Sprache oder der bei ihrer Wiedergabe gar künstlichen Ateinbildnng beeinträchtigte Lauterkeit der Wortbczieyungeu zueinander und ihrer geistigen und seelischen Werte, gleichsam die äußerlich und innerlich harmonisch Lare Architektur des Psychischen, über dessen Geheimnisse trotz Sieanuiud Freuds seelischen Tiefseeforschungen immer noch ein Nembrandtsches Helldunkel aus dem Traumreich dem Verstände kaum zugänglicher Gefühle lagert, sondern das echte Gedicht von dem unechten. Bei solcher grundsätzlicher Einstellung kann ich Leo L o e w y s Bersband: „Gott und Mensch" (in Kurt Viewegs Verlag, Leipzig) nur bedingt empfehlen. Denn die Unverbindlichkeit feiner weder hymnisch strömenden noch lediglich lehrhafte trockenen Sprache laßt die Frage unbeantwortet: Versucht er Gott zu singen oder ihn zu beweisen? Diese künstliche Ehe zwischen Gefühl und Geist bleibt unfruchtbar, und weil sie unter (stit-) falschen Voraussetzungen geschlossen wurde, werden auch ihre ersehnten Wirkungen trügerisch. Auch erscheinen die Arme des Dichters für die Pantheistischen Umarmungen des Weltalls zu klein: diesem Mangel an Größe ersetzt er durch hoffnungsreiche Selbstgesälligkeit. So bittet er seine Stimme in dem Gedicht „Wir und das All": „Künde allen Menstheuseeleu meiner Worte wahren Sinn, Bis mein Lied ans allen Kehlen, jauchzend schallt durchs Weltall hin!" Ueberhaupt wird die Wechselbeziehung: Gott und Mensch zu oft zu einem Fragespiel mißbraucht; daher bleibt der Weltenherr hier nur rednerischer Anlaß und wird in keiner Gestalt versinnlicht, sondern aus seinen Jahrtanseudtiesen zur Lösung unserer Gegenwartsprobleme herbeigesleht. Vielleiccht beeinflußte das religiöse Verbot: „Du sollst dir kein Bildnis von mir machen!" den Cestaltuugswillcn des Dichters; jedenfalls wirkt sein Gott zu ergrübelt. Aus diesen Hirnkräften Leo Loewys aber wächst. zuweilen eine erfreuliche Geistigkeit, die gewiß in Essays eindrucksvoller und stilreiner zur Geltung käme, während sie in der Lyrik zu bcwuchtend erscheint. Es wäre ungerecht, dem Dichter die Herrschaft über die äußere Form abzusprechen, doch ist sein Sprachgefühl Zuweilen anfechtbar: ein Wort wie „Faktum" sollte in keinem lyrischen Gedicht stehen. D-ars man einer dichtenden Dame, Gertrud Marx, deren „Gedichte" in „neuer Folge" soeben in I. Kaussmanns Verlag, Frankfurt a. M., ohne ungalant zu sein, in aller Kürze die Wahrheit sagen? Man ist hierzu verpflichtet. . Gertrud Marx schreibt zuweilen sehr schöne Verse und — leider „auch andere". Sie ist offenbar ein impulsives Talent, daher unkritisch, und sollte ihre Sinne für das rein Dichterische, das sie oft erreicht, schärfen. Die spielerische Leichtigkeit ihrer Neimgewandtheit bedroht sie offenbar mit der Gefahr, die Fülle ihrer Eindrücke in Verse zu verwandeln- Selbst gute Strophen aber erwecken erst den Eindruck eines vollgültigen Gedichts, wenn sich uns dessen seelische Notwendigkeit ansdrängt, sonst tötet die Verstechnik unsere Ueberzeugung vom bezwingenden Erlebnis. Ich rate Gertrud Marx: Mehr Selbstzucht, mehr Frucht! 'r Die Hacker vom Freiwild, Roman von Antorr Schott, Verlag Herder rr. (5o., Frerbrrrg i. Br. Das Buch, das in dem angesehenen Verlage von Herder u. Eo. in Freiburg im Breistzau erschienen ist, gibt kräftige und fesselnde Bilder ans dem österreichischen Bauernleben. Die Gestalten des Verfassers sind wenig romanliscb oder sentimental veranlagt, wie man es früher in Bauerngeschicbten so sehr liebte. Ter Kampf um Hab und Gut und Vermehrung des Familienvermögens wird mit großer Energie und aller Nücksichtslosigkeit geführt. Heiraten werden in erster Linie unter den: Gesichtspunkte der Vergrößerung des Stammgntes geschlossen, und die knorrigen, robusten Bauerngestalten sind gut geschildert. )r Im zweiten Teile des Romans wird das friedliche Erwerbsleben 'empfindlich durch den Ausbruch des Weltkrieges gestört. Die Familien müssen ihre Väter und Söhne ansrücken lassen, und viele Lücken entstehen, die nicht mehr geschlossen werden. Ter Held des Romans, der .Gemeindevorsteher Hacker, sicht sich seiner Söhne beraubt, und sein Glück, das er eisenfest gegründet glaubte, wandelt sich in schwersten Kummer. Zum Schluß klingt das Enoch-Arden- Motiv an, da ein junger Bauer nach Jahren ans der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt und sein blühendes, junges Weib an einen anderen verbeiratet findet. Ter zu Unrecht ausgestellte Totenschein des Vermißten hat cs bewirkt, daß sein Weib dem Zureden der Verwandten und Bekannten folgte und eine neue Ehe einging. Aber in diesem Falle tritt der zweite Ehemann zurück, die neue Ehe wird für nichtig erklärt, und neues Glück erblüt dem alten Ehebunde, jv» Leider ist das Werk an einigen Stellen durch grobe antisemitische Aeußerungen, die geradezu 'an den Haaren herbeigezogen sind und an sich gar nichts mit dem Ablause der Geschichte zu tun haben, arg entstellt. Bei der Schilderung eines Marsches § einer Militürabteilung gegen die Rüsten heißt es: „Von den Be-? wohnern dieser Gegenden ist beinahe alles geflohen, nur der Jude! sitzt in seinem Geschäft und wuchert die Soldaten aus. Ihm ist cs * gleich, ob der Kamps herüber wogt oder hinüber, ob diese oder jene; siegen. Er will nur sein Geschäft machen und immer der Gewinnende ' sein. Immer nur er. ob er nun.in Wodki oder Häuten macht oder in ein bißl Aufwiegelung oder Verrat." Seite 191 heißt es, daß die Hohenzollern und die Habsburger dem gottlosen Freimaurertum iut Wege stehcn, daß die Juden von einer Weltherrschaft träumen und dabei glcichzG.ig einen Rebbach machen wollen. " Es scheint, daß der Verfasser 'nichts von den Tausenden von jüdischen Kämpfern und Helden des Weltkrieges vernommen, und daß er nichts von den unzähligen Familien gehört hat, die ihre Existenz und ihr ganzes Vermögen verloren haben. Ihm sind offenbar auch die Millionenverdienste der christlichen ^chvoerindu strickten unbekannt geblieben, offenbar deshalb, weil er in fanatischer Verblendung sich von der törichten Einbildung, daß die Juden am Kriege verdient hätten, nicht loslösen kann. Ja, er weiß nicht einmal, daß die angesehensten Hohenzollern Freimaurer waren. Am rohesten zeigt sich aber die EmPsindungswcise des Verfasters darin, daß er wiederholt behauptet, daß die Kirchengtocken mit ihrem anheimelnden Gelallte abgcnommcn worden seien, damit die Pester Juden mit dem Metall ein Geschäft machen konnten. Geschmackvoll drückt sich der Autor dahin aus, daß der Glockenjude das ganze schöne Geläute, aus das die Bürger sich seit alters soviel eingebildet, zerrissen und die Glocken fvrtgeschleppt habe. Es ist tief bedauerlich, daß der Herdersch-e Verlag, der seinen Sitz am Wohnorte des gerechten und unbefangenen früheren Reichskanzlers Josef Wirth hat, derartige schmutzige und niedrige antisemitische Auslastungen durchgehen ließ. Sie bilden häs;lick)e und abstoßende Flecken des sollst gut und frisch geschriebenen Werkes. Heinrich Kirschner. > Else Torrnitzcr: Berühmte jüdische Frauen irr Vcrganigeuheit und Gegenwart. Plzilo-Vcrlag, Berlin 1023. Tises Büchlein wird ein Nachschlagewerk kverden für die vielen, die sich nicht die Zeit und die Blühe nehmen können, in den großen biographischen Enzyklopädien zusanunenzusuchen, was sie hier mühelos finden: eine Zusammenstellung großer jüdischer Frailengcstaltcu. Die Schrift zerfällt in zwei Teile, in einen historischen und einen biographischen. Im ersten ist in sehr knapper, anschaulicher Form die Stellung der Frau in der jüdischen Ceineinschast dargestellt und der Wechsel der Anschauung über diese Stellung von den ältesten Zeiten an über das Mittelalter bis in die Gegenwart. Zum Vergleich werden andere Völler und andere Religionen ungezogen, neben den Römern und Griechen die Germanen, die Hindus u. a., um unwiderleglich aus der m o f a i s ch - t a l m u d i s ch e n Lehre zu beweisen, daß hier von einer Minderbewertung der jüdischen Frau nicht die Rede sein kann. Mit großer Gründlichkeit geht dann im zweiten Abschnitt Frau Tormitzer die jüdische Geschichte durch und stellt uns, von den Stammüttern und anderen biblischen Frauen an, deren jede eine kurze Eharaktcristik erhält, durch die Jahrtausende hindurch jene jüdischen Frauen vor die Seele, die Beispiel sind für die Opfer- Willigkeit und das Heldentum, mit denen sie ihren Glauben bekannten und verteidigten. Neben jenen anonymen Märtyrinncn, die sich zur Zeit der Kreuzzüge zu Hunderten der Zwangstaufe durch den Tod in Rhein oder Mosel entzogen, macht sie uns u. a. bekannt mit einer mittelalterlichen jüdischen Dichterin, Nahel Ackermann aus Wien, die wegen ihrer freimütigen Feder vom Judenhaß ihrer Zeit zu Tode gehetzt wurde. Anschaulich erscheint das Ghetto vor uns in mannigfachen Frauengestalten, auch in jüdischen Aerztinnen, die durch ihre Kunst berühmt und viel gesucht waren. Es ist nur natürlich, daß die Dersasserin auf die jüdisckzen Salons der Auskläruugszeit, auf die Töchter Mendelssohns, aus Nahe! L e w i n und Henriette Herz, aus deren Wiener Zeitgenossinnen Frau von Arnstein usw. eingeht, und das; sie besonders des großen, noch jetzt wirkenden Einflusses gedenkt, den Nahel auf ihre Zeit ausübte. Wem; auch diese und die meisten anderen gestierten einflußreichen jüdischen Frauen jener Zeit dem Judentum den Nucken kehrten, „undankbare und treulose Töchter Judas" waren, was sie in ihrer Zeit bedeutend erscheinen ließ, was in ihnen lebte und schus, war ihr jüoisches Temperament, ist durch die Jahrhunderte geschulter jüdischer Geist. Bis in die Gegenwart roerden uns jüdische Frauen genannt, die mit besonderer Begabung jüdischen und allgemeiner! Ausgaben dienen, Frauen ans der Frauenbewegung und ans dem Neick-e der Kunst, großzügige Wohltäterinnen und besonders hervortretende Schriftstellerinnen. Tie sozialen, schöpferischen jüdisclren Frauen unserer Zeit, alle, die tätig ilhuyji und tätig sind in Kulturarbeit weit über die Grenzen ihrer religiösen und staatlichen Gemeinschaft hinan?, ihrer gedenkt die Verfasserin in schöner Anerkennung. Und es ist nur das eine besonders zu wünschen: daß das kleine Buch nicht mir innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft gelesen werde, damit neben dem einen Zweck der Verfasserin, „daß unsere weibliche Jugend durch sie angeregr werde, den großen jüdischen Frauengestalten uachzneisern", auch iijr zweiter Zweck erreicht werde, nämlich, „daß das Märchen von der Minderwertigkeit der Inden auch vom Gesichtspunkt der rveiblichcn jüdischen Arbeit aus widerlegt und zerstört wird". Paula O l l e u d c i [ {.