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Central-Verein-Zeitung · 1925-07-10 · 28 (10.7.1925) · p. Seite 491

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
28 (10.7.1925)
Date
1925-07-10
Page
Seite 491 (sequence 13)
Language
German
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491 Cm MüNN vsn GM. Betrachtung z u rn W o ch e n a b f ch n i t t. Als Mose erkannt hatte, das; es ihm selbst verjagt sein werde, Israel in das Erbe der Väter zu führen, da redete er zu Gott: „Es bestelle der Ewige, der (Satt der Geister allen Fleisches, einen Mann über die Gemeinde." Er wallte damit sagen: Herr der Welt, dir ist die Sinnesart jedes einzelnen Menschen kund und offenbar. Einer ist nacht wie der andere. _ Jeder will nach seiner Eigenart behandelt werden. Gib ihnen einen Führer, der mit jedem nach seiner Art umzugehen weist. Ta sprach der Ewige zu Mose: „Nimm den Josua, den Sohn des Nun, einen Mann von Geist, der von solcher GcisLesart ist, wie du sie verlangst, und lege auf ihn deine Hand. Gib dadurch von deinem Geist auf ihn und weihe ihn zum Führer. Einern solchen wird das Volk gehorchen/ Ter jüdische Führer darf weder einer Gelehrtennoch einer Herrenkaste angehören, die sich vom Volk getrennt hont, die in Wissens- oder Adelsdünkel etwas Besseres zu sein wähnt als die Masse. Er muß die Not des Volkes kennen, muß wißen, wie es jedem einzelnen zumute ist, must Verständnis haben auch für die Bedürfnisse der Zeit, muß dafür sorgen können, dast sein Volk lebe. Ein solcher war unser Lehrer Mose. Er kannte die Höhen und Tiefen des Lebens. Er hatte am ägyptischen Königshofe und im Kreise armer Hirten gelebt. Er war hinausgegaugen zu seinen Brüdern und hatte sie bei ihrer schweren Arbeit beobachtet. Er wußte in der Seele der Armen und Bedrückten zu lesen. Das gleiche galt von Josua. Er hatte von Mose nicht nur gelernt, sondern hatte auch mit ihn: gelebt. Er war mit ihm nicht nur den Weg der Thora, sondern auch den irdischen Weg gegangen. Der wahre Führer muß d e n Sinn und die Seele des Volkes kennen. Nicht abseits von der Welt, sondern nur im Ringen mit der Welt überwindet er die Welt. Man besiegt den Zeitgeist nicht, indem man ihn ignoriert, sondern indem man ihn studiert und lenkt. Ein Führer der Irrenden kann man nur werden, wenn man mit und zu ihnen geht. Verständnis für sein Volk und für die Not der Zeit must verfechte Führer haben, der Mann, in dem der rechte Geist lebt, der Geist des Gottes der Geister allen Fleisches. H o j s m q n n. Rundschau. Ein bemerkensnoertes Zeugnis für die wankende Einigkeit, um nicht zu sagen offene Feindseligkeit innerhalb des nationalistischen Lagers liefert der „V ö l lischt Beobachter"' Hitlers, der längst unter der Marke „Katastrophen auf de m Ber l i ne r Zei - tungsmarkt" eine Lanze für die republikanische Preste bricht. Denn was man in diesem Kreise jüdische Zeitcmgeu nennt, das muß in „Verfassung?treue einer anständigen Prep/ übersetzt werden. Es beweist wirklich eine früher nicht vermerkte Gradlinigkeit und Offenheit'des Hitlerschen Lagers, wenn er der bürgerlichen Rechtspresse folgenden sträflichen Leichtsinn attestiert: „Zeitungen werden begründet bzw. übernommen von Leuten, die aus zeitungstechnischein und journalistischem Gebiet geradezu Analphabeten waren. Man rechnete nur mit der Gesinnungstüchtigkeit der Leser, mit ihrer Nachsicht gegenüber den: minderwertigen Zeug, das man Zeitung nannte und, Wenns gar schlimm wurde, mit der Opserwilligkeit der Leser. Man dachte nicht an tüchtige Fachleute und Organisatoren, man verschmähte eine richtige moderne Leitung und Ausmachung, man wurstelte auf eine Art los, über die Reklame- und wirkliche Zeitungsleute sich krank lachten, und man begriff nicht, wenn über kurz oder lang der Karren im Dreck saß, daß es die eigene Unfähigkeit gewesen war, die mit dom guten Willen der Leser, ihrer Geduld und Nachsicht, ihrer Gesinnung ruck) Opsersrendigleit Schindluder getrieben hatte." Der völkische P r es s e t u r m w a u k t. aber warum macht denn der Versager des Aussatzes hierfür die unschuldigen Verkäufer verantwortlich, die zwar anschaulich, aber wenig höflich also beschrieben werden: „Man setzte eine Anzahl Straßenhäudter in Berlin und in anderen Städten knallgelbe, nachttopfähnlichw Mützen auf die meist nicht sehr intelligenten Kopse und liest die „Die Zeit" ansrufen." Auch wir haben Mitleid mit den bedauernswerten armen Leuten, die in der Prallsonne des Potsdamer Platzes versuchen müssen, den gedruckten Weltschmerz einer gewissen Presse an den Mann' zu bringen, möchten sie aber ob Sehadelform und Gesichtsausdruck nicht höhnen. Wenn dagegen das Blatt im gleichen Aufsatz — wir haben Lew iß nichts gegen ehrbare Reklame — behauptet, daß die echt völkischen Händler ihren „Beobachter" reißend los würden, obwohl er teurer ist, dann wollen wir feststellen: Es vergehen an den Brennpunkten des Berliner Verkehrs ganze Stunden, ehe die erotisch herausgeputzten Händler und Händlerinnen auch nur ein Exemplar ablln^ bie wenigen Käufer gehören zumeist ganz anderen als völkischen Kreisen an. Welche Schicksale werden nach solchen Auspizien erst die neuen Gründungen haben, von denen der „Völkische Kurier" unter?lmx berichtet. Eine eigene Drahtung meldet ihm aus Berlin nach München, daß ein vaterländischer „Kulturdieust" mit großem Programm an die Oesfentlichkcit tritt. Dieses besagt, 7??.^ >?cr "Kulturdieust", über den Parteien und Bekenntnissen, stehend, auf dem Gebiete des Schrifttums, des Theaters und Films, vor bildenden Künste, der Musik, der Wissenschaft und der Schulen aue Bewegungen unterstützen wolle, die eine Gesundung und Bildung des deutschen Geistes herbeizuführen vermögen. Dem Vorstand dieses Bundes gehören u. a. an: G r a f v o n d e r G o l tz . Oberstleutnant D ü st e r b e r g und Professor N o e t h e. Den.: Literaturautzschnß gehören Schriftsteller von Rang und Bedeutung, wie z. V. N i! d o l f Herzog, M a x Wund nub Han s Friedrich B l u m ck , an. Ter Sitz des Bundes befindet sich in Berlin. Vor allem gilt der Kampf des „K ulturd: en st es" dem Judentum, das die Verwaltung unseres Kulturlebens an sich gerissen hat." Die Münchelter Filiale übernimmt Herr Elast, der so schön als geistiger und finanzieller Vater des^ Unternehmens angesprochen wird, was uns, wenn unr gleichzeitig an die obengenannten Herren Professor R o e th e und Rudolf H erzog denken, wiederum interellante Einblicke vermittelt. Noethe findet nicht mehr die frühere Resonanz eines großer: Auditoriums auf dem Katheder und bei Versammlungen, und H e r - zog, dessen Bücher, als er sich noch anders gab, von jüdischen Lesern gekauft wurden/und ihn sehr wohlhabend gemacht haben, ist durch die Konkurrenz der Dinter-^chmutzereien arg zurückgedrängt. Vielleicht schwebt ihm der verarmt ins Patriarchenalter cingezogene Freiherr von Wolzogen menetekelnd vor, für den unlängst ein jüdischer Schriftsteller sich liebevoll eingesetzt hat, weil es denn einstigen Helden des Ueberbretils jetzt so schlecht geht und seine eigenen Freunde für ihn nichts übrig haben. „Ern jüdischer Hochschullehrer darf u n g e st r a s t Hindenburg beschimpfe n." T-a haben wir wieder eine der irreführenden Üeberschriften, durch die das Auge gezwungen werden soll, in der bereits erwähnten Nununcr des „Völkischen Kuriers" den Eindruck mitzunehmen, als sei Profepor Lessing in Hannover, gegen den seine Amtsgenosten so schneidig das bekannte Disziplinarverfahren beantragten, moralisch gerichtet. In Wirklichkeit war, ohne daß wir uns politisch mit den: Lesung scheu Standpunkt einverstanden erklären, das Gegenteil der Fall, und der preußische Kultusminister Becker hatte sehr recht, die an: Bode:: schleifenden Zügel der Disziplin an der Technischen Hochschule in Hannover endlich straffer zu ziehen. Bleibt noch als weiterer Beleg für die Gefährlichkeit und Verdorbenheit aufreizender Propaganda eine weitere llebersthrift des „Völkischen Beobachters" vom 24. Juni „Die jüdische Vergiftung des Hauses Stinnes", die in Wirklichkeit ein Eseltritt ist, wie er erbärmlicher nicht konstatiert werden rann. Also: Die Firma Hugo Stinnes wurde bekanntlich, solange sie alles Kapital der deutschen Wirtschaft an sich riß, als Prototyp des Schaffenden, in: Gegensatz zun: raffenden Kapital gepriesen, und jetzt, wo sie nicht mehr weiter kann, wird sie natürlich als verjudet ausaeschrien. Wir Unterlasten es, heute zu betrachten, inwieweit die Stützungsaktionen großer und staatlicher Banken, die nach traurigen Dorerfahrungen schon sträflicher Leichtsinn genannt worden sind, den: Stiuues-Konzcrn zugewandt werden sollen. Wir würden es aber als ein Unglück ansehen, voenn die schon in großem Umfange vollzogenen Arbeiterenttallungen durch solche aufregenden Mitteilungen, wie sie der „Völkische Beobachter" gibt, sich verstärkten. Doch wenn man Stinnes als eine „jüdische" Firma hinstellt, wer kann da noch ernst bleiben? Schließlich finden wir in der letzten Woche in einem jüdischen angesehenen Blatt, dem „Israelit", noch Notizen, die sich mit der unlängst stattgefundenen Tagung des Landesverbandes preußischer Synagogcnvereine beschäftigen und zeigen, daß auch jetzt, wie schon vor der Wahl zu diesen: Parlament, .der Verständigungswilte mit dein religiösen Gegner in bemerkenswerter Weise vorhanden ist. Es heißt dort in einen: Aufsatz „Glossen zum Berliner Verbandstag" unter anderem, daß der Orthodoxie in den gegenwärtigen Zeitläuften eine Zusammenarbeit mit den Vertretern des Liberalismus viel eher möglich ist, als mit den zionistischen Zwangs Politikern. Das ist ganz unsere Ansicht, und darum hat sich der Eentralverein auch für deu guten Ausgang des Wahlkampfes einsetzcn müssen. In der heutigen bedrängten Zeit und in der schweren und gefährlichen Lage des deutsclstn Judentunis müssen alle deutsch denkenden Glaubensgenossen zusammenstehen und soweit wie möglich zufamlncngehcn. Noch ein Sprung zur Literatur: Im Sprechsaal der Nr. 27 des „Israelit" befaßt sich Emil H. Lehmann kurz und bündig n:it dem Gronemannschen Buche „Hawdoloh und Zapfenstreich", das den bekannten guten und bösen Witz, in der den: Verfasser eigenen Art, vertritt und durch einen auch außerhalb unseres Kreises mit Trauer vermerkten Zynismus das Judentum schwer geschädigt und ein schiefes Bild von: Ostjndentun: und von deu Juden in Deutschland gezeichnet hat. Er schreibt: „Ich habe die Besprechung des Gronemannschen „Hawdoloh und Zapfenstreich" in Nr. 2Ü des „Israelit" mit Interesse gelesen und finde sie in jeder Beziehung zutreffend. Es wäre höchstens noch schärfer zu k^loneu, wie skrupellos der Autor mit Nennung von Namen umspringt und es dabei mit der Wahrheit nicht immer sehr genau ninunt. Die Erzählung auf Seite 119 über Rabbiner Dr. Vogelstcin, Karger und Hermann Lehmann, wenigstens sovvoit sie den letzteren, betrifft, entspricht in feiner Weise den Tatsachen, und ich muß es direkt als eine Verunglimpfung bezeichnen, wenn der Verfasstc de:: Namen meines Vaters, Hermann Lehmann (früher Stettin) im Zusamntenhang mit Spaßen, die der Verfasser auf Kosten seines eigenen Großvaters treibt, mißbraucht." I k s.

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