Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 28 (10.7.1925)
- Date
- 1925-07-10
- Page
- Seite 490 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277597--02280-3537209- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
490 Fwri Hümbsrger ur;A ein Irankfurter. Drei Wohltäter der Menschheit. Erwarten Sie keine Nachricht von mir, daß die Anwürse der Judengegner auf den Wal;!Plakaten milder geworden seien oder daß die allwöchigen Volksversammlungen der Hakenkreuzler mangels Beteiligung ausgefallen feien. Llch nein, schon ganz und gar laicht! Ich möchte bloß im Anschluß an einen sehr schönen Vortrag (über Chemotherapie), welchen Herr Tr. Michael Wassermann in der hiesigen Naturforschenden Gesellschaft gehalten hat, auch in der „C. B.- Zeitung" und vor einem größeren Leserkreis seststellen, daß gleich drei Bahnbrecher auf diesem vollkommen neuen, so unendlich erfolg- und segensreichen Gebiete der Heilkunde Juden gewesen und. nämlich Professor Paul Ehrlich, welcher diesen neuen Zweig der Heilwissenschaft überhaupt erst begründet hat, und dann gleich zwei Bamberger: Professor August v. Wassermann und Professor Julius M o r g e n r o t h. Paul Ehrlichs Salvarsan ist ja weltbekannt — aber nicht bloß als Heilmittel gegen die Syphilis, welches die bisherige, 400 Jahre alte Behandlungsweise mit einem Schlage und von Grund aus geändert, verbessert und vereinfacht hat. Mau muß es selbst miterlebt haben, wie überfüllte Krankeuhaussäle bei Einführung des neuen Mittels im Jahre 1911 in wenigen Tagen leer wurden — und wenn uns auch das Salvarsan in letzter Vollendung noch nicht vorliegt, die Weltbedeutung des Ehrlich-vbata 606 hat der Feindbund schon zu Beginn des Weltkrieges dadurch bekundet, daß er die Patente der deutschen Erfindung nachzurnachen versucht hat. (Ilebrigens darf hier eingesügt werden: Gesucht hat Ehrlich das Mittel gegen die ostafrikanische Schlafkrankheit, welche ungefähr um dieselbe Zeit vom Altmeister der Bakteriologie, nämlich von Robert Koch und von seinem Mitarbeiter, Stabsarzt Kleine, in Ostasrika am Ort ihres Auftretens erforscht wurde — und gefunden hat Ehrlich das Heilmittel gegen die Syphilis, das Salvarsan.) Noch großartiger freilich und uuma[trittcn ist das Salvarsan in seiner Wirkung auf die T r o P e n k r a n k h e i t der F r a m b ö s i e. So konnte zum Beispiel ein großes Troveurraukenbaus in Holländisch-Jndien, in welchem ausschließlich die Frambösie behandelt wurde, kurze Zeit nach Anwendung des neuen Mittels einfach zugemacht werden. Geheimrat Julius Morgenrot!;, ein Schüler von Ehrlich, hat auf den Wegen seines Lehrers weiterarbei-end sich vor allein den Pneumokokken gewidmet, welche als Krankheitserreger der Lungenentzündung, zugleich aber auch eines gefährlichen Geschwüres an der Hornhaut"des Auges bekannt sind. Das von ihm erfundene O p t o ch i n ist unentbehrliches 9t ü st zeug de r A u g e n - ürzte vor allem zur Vorbehandlung bei den Staroperationcn geworden. Die von Erde, Schmutz, tagelangem Mangel der Lazarettbehandlung, durch Erschöpfung und Unterernährung der Verwundeten bös? artig gewordenen Kriegsverletzungen und ihre Massenhaftigkeit null eben diese Massenhastigkeit, die wiederum ihrerseits durch stete Weiterübertragung von Mensch zu Mensch also immer wieder auf frische lebende Nährböden die Wirksamkeit der hochgiftigen Krankheitserreger des Eiters und so weiter noch höher gesteigert hatte — also diese ganz schliiumen Erfahrungen stellreu die Kriegschirurgie vor unerhörte, neue Aufgaben, wie man sie vorher nicht gekannt und auch nicht erwartet hatte. Auch das muß man als Truppenarzt selbst mitgemacht haben, wie Leute, welche mau in der Feldschlacht verbunden, ins Lazarett geschielt und getröstet hatte, sie dürsten bald wieder zur Front zurüclkehreu, wie man diese lieben Kameraden nicht wiedersah. weil ein t ü ct i s ch e s W u n d s i e b e r die scheinbar harmlose Verletzung tödlich beendet hatte. Die Medizinalabteilung des p r e u ß i s ch c n K r i e g s ru i niste r i u m s hatte sich aber nicht vergeblich a n M o r g e n r o t h gewandt. Nur wurden ihm seine neuen Mittel Enkupin und Vuzin förmlich aus der Hand geripen. (Wie lauge hatte Ehrlich sein Salvarsan an Tieren geprobt, wie hatte er in aller Stille verbessert. gearbeitet, geforscht, bis er das neue Mittel sür die Menschenbehaudlnng endlich an die Krankenhäuser freigab!) Und doch ist alles gut gegangen. Jur Kriegslazarett zu Von- A r o r e s, welches dein neuen Mittel, einem Ehiuinablöuunting, den Namen gegeben hat. spritzte der Chirurg Prof. Tr. v. Klapp es als Gegengift in die Tiefe verdächtiger Wunden mit einem solchen Erfolg, daß selbst zersetzte Wunden, ja sogar die Gelenke geheilt und auch noch genaht werden konnten. Später haben einige der Morgenrokhfchcn Mittel auch Eingang in die ^-riedenspraxcs der Chirurgie gefunden. Die Wassermann sche Rcakiwn Augu st v. Wassermanns. AtDciten großen Sohnes der Bamberger jüdischen Gemeinde, uuentbehrllch zur Erkennung der Syphilis, ist ja auch weltbekannt, unb pe allem hat ihn so berühmt gemacht, daß mau seiner anderen Berdrenfte um Wrsteuschast und Heilkunde darüber ganz vergißt. — ^^llormanns Verdienste voll zu würdigen, muß der Fachpresse überlassen bleiben, und aus dieser erfahren wir, daß Wassermann auch in hervorragender Weise an den Arbeiten über Diphtherie, über Choleraschuhimpfung und über den Wund starrkrampf^Tetanus) sich beteiligt hat. Jeder Frontsoldat weiß, daß bei keiner, wenn auch noch so aerina- Mklgen Lerwundllng die vorsorgliche Impfung mit Starrk'ramp'sfNAM unterlassen werden konnte. Tie Choleraschutzimpfung wurde nach ihren beispiellosen Erfolgen im Balkankrieg bekanntlich auch in Deutschland und an sämtlichen Fronten durchgesührt. Weniger bekannt ist das von W a sser in a n n u n d KoNe angegebene Serum gegen die Geuiekstarr e. ^chou vor dem Kriege mußte cs in sämtlichen. auch den r leimten Militärlazaretteu Bayerns (wohl autfj des Reiches?) vorrätig gehalten werden. J:n Lazarett 311 Nürnbe x g hatte ich im Jahre 1911 einen sehr schweren Fall von Genickstarre 311 behandeln. Nach Beratung mit dem Bakteriologen wagte ich die Behandlung mit dem W a s f c r m a n u - K 0 lleschen Serum nach dem kühnen Verfahren des K i e l e r Professors Quincke durch Einspritzung unmittelbar in den Kanal der Wirbelsäule. Ter Erfolg war derartig überwältigend, daß mich der Herr TivisionsarZt sofort über die Psingstseicrtage nach Sulzbach beorderte, wo eben ein junger Offizier 'trotz blühender Jugend und athletischer Muskelkräfte vergeblich mir der schweren Krankheit rang. Auch dieser konnte mit der erwähnten Behandlung dem Tode entrissen werden. — Diese beiden Fälle gehören zu memeu schönsten nülitärärztlichen Erinnerungen. — Im Felde, im Frühjahr 1918, konnte ich, cbcnsatls mit demselben cerum, einem französischen Arzt, der ausdrücklich darum gebeten hatte, aushelsen. Tie furchtbare Krebskrankheit in ihren vorgeschrittenen Fällen ist beim Menschen vorläufig noch unheilbar. Und doch ist v. Wassermann schon vor Jahren eine wichtige Boreuldeckuag gelungen: nämlich die r e st l 0 s c A n s h c i l n n g d c s K rebses bei Mäusen durch eine einzige Ei n s p r i tz u n g m i t E 0 siuseleu. Tie Wisienschast de? Erdballs, vor allem die Kolonialwissennhast, hat anerkannt, daß die Erfindung des ßermani n, des Bayer 205, des neuen Mittels gegen d i e S ch l a f k r n n k h e i t, sür Zentralasrika von ganz besonderer Tragweite sei. Dieses Land, in welchem durch die furchtbare Seuche über Mensch und Vieh ein ungeheueres Sterben kam. wo Dörfer und ganze Landstriche durch die Schlafkrankheit verödeten, steht am Borabend einer neuen Kultur. Hier war die Landwirtschaft aus der niedersten Stufe des Hackfruchtbaues stehen geblieben. Nun kann es ein Land des Pfluges, ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden. Des Altmeisters der Bakteriologie, Robert K 0 ch s. desselben, welcher den Cholera- und den Tyvhusbazillns entdeckt hat und welcher an der Schwelle des Greiscnalters im Auftrag der deutschen Regierung noch einmal zur Erforschung der Schlaskrankheit Deuisch-Lstafrita bereist hat,Hst in diesem Aussatz schon einn-al gedacht worden. Der Jude Wassermann ist des großen Meisters großer Schüler, und auch Robert Koch ist auf seinem eigentlichen Forschungsgebiet nicht denkbar ohne seinen Lehrer, den Breslauer Prosegor für Pflanzenkunde, den Juden Cohn he im, und ebenso ist auch das neue Mitte! gegen die Schlafkrankheit nicht denkbar ohne die bahnbrechenden Forschungen des Inden Ehrlich, die zunächst zur Entdeckung des Salvarsan» geführt haben. Run nach dem Tode Robert Kochs und nach der Entdeckung des Bayer 205, des Germanin, konnten sich die Engländer in Zentralasrika gegen die verheerende Schlafkrankheit nicht anders^helren, als durch Berufung des Mitarbeiters von Robert Koch, des Stabsarztes Kleine, trotzdem sie im übrigen keinen deutschen Arzt in ihre Kolonien hereinlapen — und die Belgier am Kongo wußten steh auch keinen anderen Rat, als gleichfalls Herrn Kleine kommen zu lassen. lind so muß wahr bleiben, was ein englischer Gelehrter, Arzt und Profegor, der Dekan der medizinische n Fakultät z n Oxford seinen Landsleuten zugerufen hat: Es ist unerträglich, daß ein so begabtes Volk, wie das deutsche, so vom Feindbund geknechtet wird. Die Lappalien der Wiedergutmachung (Reparation) sind lächerlich im Vergleich zu dem ungeheuren Wert, welchen die Erfindung des Mittels gegen die Schlafkrankheit sür die englischen Kolonien hat. Möchten doch auch die Judengegner in Deutschland nicht vergessen, daß dieser geistige o t e 0 des D e n t s ch t u m s, daß diese, gerade von den grössten Geistern unserer Feinde anerkannte Ileberlegenh^it der deutschen Wissenstest, daß solche und andere moralische Siege (Einstein!) auch von deutschen Gelehrten jüdischen Stammes miterkämpst wurden. Das jüdische Kleeblatt, Ehrlich. Wassermann. M 0 r - g e n r 0 t h, hat sich in der deutschen H e x l i u n 0 e u n - vergänglichen Ruhm erworben, und die jüdische Gemeinde der Stadt Bamberg darf stolz sein, daß gleich zwei dieser ganz Großen ihrem Schoße entsprossen sind. Tr. Otto Arred, Oberstabsarzt und Reg.-Med.-Rcst. a. T., Bamberg. Rechtsanwalt Tr. Regensburger, Mrt-rkied des br'<nrn» schweigischen Land tags. Rechtsamvalt Dc. Rcaen-buraer (Bcannschweig), das verdiente Rtttglied unseres Hauptvorstandcs, ist iniolre der ManLatsniederlegung des Retcch- und Landtagswgce-rdrrKen Ronneburg in den braunschweigischen Landtag als L a n d t a g s a b g e 0 r d - ncte r wieder eingetreten, dem er seit'der Revolution zur letzten Wahl am 7. Dezember 1924 ununterbrochen angehört hatte. Tr. Regensburger war damals auch längere Zeit Vizepräsident des braunschweigischen Landtags. Bei der Wahl am 7. Dezember fehlten nur wenige Stimmen zur (Erreichung eines Mandats. Wir beglückwünschen Herrn Tr. Regensburger zu. seiner Wahl und freuen uns. daß dieser mutige Vorkämpfer sür Deutschtum und Judentum mm wieder das Amt antvefen konnte, das er schon sechs Jahre mit großem Erfolge bekleidet hat.