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Central-Verein-Zeitung · 1925-07-10 · 28 (10.7.1925) · p. Seite 489

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
28 (10.7.1925)
Date
1925-07-10
Page
Seite 489 (sequence 9)
Language
German
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489 IuZrnfeinZliche GaZeorLe in Gefterreich. Ein geschmackloses Rundschreiben. Ein Wiener „Organ für jüdische Interessent welches von einer zionistischen Bezirkssektion dieser Stadt licrausgegcben mird uni) den Namen „Die S?nid:e* füf)tfc, hat' an (Gastwirte und Sommerfrischen ein sehr merkwürdiges Rundschreiben gerichtet, dem wir folgendes entnehmeni „Der Aufforderung zahlreicher Leser unseres Blattes entsprechend, werden mir ständig e i n Verzeichnis jener Orte bringen, wo j ü d t s ch e G ä st e gerne gesehen sind, und ei'n Verzeichnis, wo sie unerwünscht sind. Wollen Sie uns gefälligst postwendend Mitteilen, in welcher Rubrik Ihr Ort veröffentlich werden soll. Sollten wir nicht innerhalb acht Tagen in den Besitz Ihrer werten Antwort gelangen, so nehmen w i r an, daß dies eine stillschweigende Ablehnung jüdischer Gäste ist, und werden Ihren Ort in dem zweiten Verzeichnis bringen." Der Eentralvcrein hat seit jeher den Standpunkt vertreten, daß Juden Sommerfrischen meiden sollen, in welchem sie nicht gerne gesehen sind, und im fdjöncn Oefterreich gibt es leider auch einige wenige Orte, welche sogar durch Gemeinderatsbeschlich oder auf andere Art sich öffentlich als „ju den re in" bekennen. Das Vorgehen der „B r ü ck e" jedoch halten wir — gelinde gesagt — für geschmacklos und glauben nicht, daß dasselbe den „jüdischen Interessen" dienlich sein kann, deren Vertretung genanntes zionistisches P a r t e i b l a t t so stolz ans seine Fahnen geschrieben hat. Ja nicht einmal seinen engeren Parteigenossen „in den westlichen Bezirken" Wiens dürfte damit gedient sein, wenn auch jene Gastwirte und Hotelbesitzer in den österreichischen Alpenländern adgestoßen und verletzt werden, die alle erholungsbedürftigen Städter ohne Unterschied Oer Konfession gerne als Gäste begrüßen würden. Der Vollzugsausschuß des Tiroler L a n d e Z Verkehrsamtes hat in seiner Sitzung vom 8. Juni — selbstverständlich — den Beschluß gefaßt, den Tiroler Interessenten zu empfehlen, d a s R n n d s ch r e i b e n n i ch t z u beantworten. Ta vermutlich auch aus anderen österreichischen Bundesländern ähnliche „Antworten" angelangt sein dürsten, bringt das zionistische „Organ für jüdische Interessen" zwar nicht die a n g e kü n d i g t e Liste „judensei üblicher" Sommerfrischen, sondern begnügt sich im Reklameteil „jndenfreundliche" Kurorte und Souunersrischen, Gastwirtschaften und Hotels anznzeigen. Das traurige an der Sache ist leider, daß es überall Antisemiten gibt, die förmlich daraus lauern, Taktlosigkeiten eines einzelnjni Juden oder jüdischen Organs dem ganzen Judentum in die Schuhe zu schieben, wie dies nn vorliegenden Falle ein Berliner Hetzblättchen getan hat. Ties ist auch der Grund, warum chnr es für notwendig hielten, uns gegen eine solche „jüdische Inierepenvertretuug" entschieden zur Wehr zu setzen. O. H- (Wien). Terror Zer hannoverschen Stuöentenschaft. Das Ehrenratsurteil gegen die Suevia. Der Fall Lessing au der Technischen Hochschule Zu Hannover hat die öffentliche Aufmerksamkeit erneut auf die einseitige politische Einstellung des größten Teils der Studentenschaft gelenkt, die den polrtisck)en Gegner nicht vom akademisck)en Lehrer zu unterscheiden weiß und sich nicht einmal vor Gewaltdrohungen in Räumen der Hochschule scheut, wenn cs gilt, einen unbequemen Gegner mundtot zu machen. Der „Fall Lessing" ist mit der Verfügung des Kultusministers. die das Verhalten der Studentenschaft mißbilligte, noch nicht erledigt. Im Gefühle ihres Machtbewußtseins hat die Studentenschaft den Fehdehandschuh ausgenommen und ist zum Zeichen des Protestes gegen den Kultusminister der Neltoratsülxwgabe demonstrativ serngeblieben. Bei einem Fackelzug „zu Ehren des Rektors" hat sie den Rektor dadurch geehrt, daß sie den v o in Minister aufgelösten „K ampfauss ch u ß gegen Prosessor Lessing" an besonders ausfälliger Stelle in einem mit vier Schimmeln bespannten Viererzug fahren ließ und den Hauptrufer im Kampf gegen Lessing, den Studenten Poehlmann, gegen den der Minister ein Disziplinarverfahren verlangt hatte, zu ihrem Sprecher erkor. Um jeden Zweifel über die Motive dieses Vorgehens auszuschließen, ließ der Vorstand der Hannoverschen Presse mitteilen. daß der P r o t e st sich gegen die Verfügungen des i n i st e r s in Sachen Le s s i ng und Suevia richte. Auch im „Falle Suevia" handelt es sich um einen Versuch der Studentenschaft, nichtgenehme Hochschulangehörige zu boykottieren und mundtot zu machen. Nur war hier der Gegner nicht ein Prosessor, besten politische Betätigung mit Recht oder Unrecht kritisiert werden konnte, sondern eine studentische Verbindung, c\eIen *^"äiges Verbrechen darin besteht, daß sie sich aus Juden zusammensetzt. Daß sie ebenso wie die anderen Korporationen auch für sich das Recht in Anspruch nahm, der Hochschulseiern, zu denen sie vom Rektor miteingeladen war, zu chargieren, war dem Vorstand der Studentenschaft offenbar H?^Menehm. Er gab deshalb einfach die an ihn gerichtete, für pamluche Korporationen bestimmte Einladung des Rektors an die suevia nicht weiter. Als die Suevia — nach ausdrücklicher Ve- ■ atrgung der Einladung durch den Rektor — doch chargierte, leitete der Vorstand ein „Ehrengerichtsversahren" vor dem stndeutirchen Ehrengericht gegen sie ein, das aus „zweijährige Entziehung der Korporationsrechte" erkannte. Der Rektor st e l l t e daraufhinfest, daß dieses Verfahren und die ihm zugrundeliegende „Ehrenordnung" ungültig seien und veranlaßte den Vorstand der Studentenschaft, dies durch öffentlichen Anschlag b e k a n n t z u g e b e n und das im Flur der Hochschule angeschlagene Ehrenratsurteil von dort zu entfernen. Nach alledem wird man die Empörung des Vorstandes zwar nicht berechtigt aber begreiflich finden. Wurde doch auch sonst diese — nunmehr für ungültig erklärte — Ehrenordnnng als bequemes Mittel benutzt, um politische Gegner aus der Studentenschaft auszuschließen. So wurde die „sozialistische Studentengruppe", die wegen des Falles Lessing zusammen mit anderen Vereinigungen eine Versammlung abgehalten hatte, mit dreijähriger Ausschließung „bestraft". Wer sich weigert, die Ehrenordnung anzuerkennen, wird bei den Wahlen zum Allgemeinen Studentenausschuß, der über die Verwendung der von allen Studenten zu zahlenden Beiträge zu beschließen hat. nicht zur Ausübung seines Wahlrechtes zugelassen. Daß dieses Vorgehen die verfassungsmäßige Gleichberechtigung verletzt, und daß der Vorstand der Studentenschaft damit seine gesetzlichen Befugnisse überschreitet und rechtswidrig in die Befugnisse der Behörden eingreist, scheint ihn offenbar wenig zu kümmern; um so mehr sollte es die akademischen Instanzen und den Kultusminister kümmern! Graf Kuno Klebelsberg - Preußens Gast? Von H. M. Suttmann. Graf Kuno Klebelsberg ist Untcrrichtsminister Ungarns, also einer derjenigen Länder, die die Juden Englands, wie in Nr. 21 der „G. V.- Zeitung" berichtet wurde, vor das Haager Schiedsgericht laden. Ungarn aber nimmt unter den Staaten, die von den Juden Englands als der M i t g l i e d s ch a f t des Völkerbundes für unwürdig erklärt werden, einen besonderen Rang ein; es schreitet nämlich an der Spitze dieser Nationen. Wie es in dem zitierten Artikel William Zucker man ns in der Londoner Zeitschrift „Foreign Asfairs" heißt, besteht zwischen Polen, Rumänien, Litauen einerseits und Ungarn anderseits bezüglich der Sonderbehandlung jüdischer Studenten an den Hochschulen ein Unterschied insofern, als es in Ungarn die Negierung ist, die die Bewegung offen fördert . . . Um der Wahrheit ganz gerecht zi: werden, muß man aber noch einen Schritt weiter gehen. Es verhält sich nämlich gar nicht so, wie die ungarische Negierung glauben machen möchte, daß sie eine tatsächlich bestehende Bewegung aus Ausschließung der jüdischen Studenten aus den Hochschulen Ungarns fördert. Eine solche Bewegung gibt es in Ungarn gar nicht mehr. Hier hätte vielmehr der Antisemitismus seine Nolle längst ausgespielt und wäre auch der numerus clausus schon lange verschwunden, wenn nicht gerade die Regierung an dieser Einrichtung festhalten würde. Das ungarische Volk ist vom Antisemitismus geheilt. Tie ungarische Regierung denkt aber nicht daran, aus diesem Stimmungsumschwung die gegebenen Folgen zu ziehen. Freilich enthält bereits das gegenwärtige Kabinett des Grafen V e t h l e n einige Mitglieder, die bereit wären, mit dem Strome zu schwimmen. Aber Graf Kuno Klebelsberg — hier kommt seine Rolle voll zur Geltung — schmuggelte sich im Zeichen des Lrberalis m u s und d e r V e r s ö h n u n g in die Regierung ein. um so die einzige zuverlässige, feste Stütze der „Rassenschützler", wie sich die Völkischen Ungarns nennen, zu werden. Gras Kuno Klebelsberg ist der Mann, der sich heute der A u f h e b u n g^ d e s schändlichen numerus clausus für j ü di s ch e Studenten in Ungarn in den Weg stellt. Er ist der einzige Politiker aus verantwortungsvollem Posten, der es wagt, den nu moruscla usus öffentlich und eindeutig zu verteidigen. Er nennt diese Einrichtung, diese Schande Ungarns, eine nationale Errungenschaft, auf die sein ungarisches Vaterland vor aller Welt stolz sein m ü s s e. Und er ist es. der die völkische Presse Ungarns, die nur mehr unter Ausschluß der Oefsenilichkeit erscheint, durch allerhand Transaktionen am Leben erhält. Tie Gelder für diese dunklen Geschäfte entnimmt er ausgerechnet dem — Kirchenfonds . . . Dieser Kulturheld, dieser Pionier nationaler Errungenschaften nach Art des numerus clausus, erhielt nun eine Einladuug'vom preußischen Kultusminister, nach Berlin zn kommen und ans einem besonderen Anlaß einen Bortrag zu hacken. Die preußische Negierung hätte dwse Einladung schon aus Gründen des politischen Taktes unterlassen sollen; Graf Bethlen, der gegenwärtige Ministerpräsident, wird ihr für die Auszeichnung seines Kultusministers nicht sehr dankbar sein, zumal die letzte schwere Operation des ungarischen Ministerpräsidenten von Herrn Klebelsberg und seinen Freunden von der äußersten Rechten bereits ein Anlaß dazu war, Ansprüche auf die Stelle des Regierungschefs auzumelden ... Graf Bethlen hat indessen die Operation glücklich überstanden und erholt sich recht schnell. Und so wird um" Graf Klebelsberg zu seinem größten Bedauern noch in der Lage sein, in Berlin nur als Kultusminister zu erscheinen und einen Bortrag über das mustergültige Schulwesen Ungarns zu halten.

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