Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 28 (10.7.1925)
- Date
- 1925-07-10
- Page
- Seite 488 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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483 Der Mische Knabe im Unterricht. gon Proi, Dr. Ferdinand G u t h e i m (F r c i b u r g. Baden). In den „Blattern für Erziehung und Unterricht.", Beilage des „Israelitischen Familienblatts, Hamburg", vom 2S. Mai 1925 vertritt Dr. Willi Lohn (Breslau) in einem Aussatz „Die Stellung des jüdischen Knaben zum Unterricht in der Weltgeschichte" die Auffassung, daß jüdische und christliche Knaben verschiedene Stellungen zu den geschichtlichen Ereignisse» nehmen, und versucht, dies durch stainmesgemätze Unterschiede zu begründen. Diese Auffassung widerlegt Prof. L u L h e i ui in folgenden Ausführungen: Am 28. Mai erschien in der Beilage „Blätter für Erziel,nng nnd Unterricht" des „Israelitischen Famiiicnl'latieL" ein Artikel des Herrn Dr. Willy Cohn (Breslau), der nicht unwidersprochen bleiben dars. Ich hatte zwar gewünscht — und vielleicht wird das auch noch geschehen, wenn nicht Ehrfurcht vor dem verdienten Lehrer die Feder bannt —, daß ein Schüler des Herrn Dr. Cohn selbst die Widerlegung vornehme. Bis da? aber geschieht, will und muss ich als Kollege seinem in jenem Artikel gefüllten Urteil entgegentreten. Nicht, weil ich theoretisch anderer Ansicht wäre, sondern weil ich aus praktischer Erfahrung heraus zu ganz anderen Urteilen gekommen bin. Und ich dars mir hierin ein solches erlauben, erteile ich doch schon seit 3 2 Jahren ununterbrochen an badischen höheren Schulen jahraus, jahrein Geschi ch t s u n t e r r i ch t von der Quarta, wo er beginnt, bis zur Oberprima, die ich. wie schon oft, in diesem Fach durch das Endexamen führte, in diesem Fach und (abgesehen von anderen) in Deutsch. Und gerade der deutsche Unterricht, von dem der Versager jenes Artikels merkwürdigerweise gar nicht spricht, bietet vielleicht noch mehr als der Geschichtsunterricht die Möglichkeit, in die Gedanken- und Gefühlswelt der Jugend hineinzulenchten. Dabei hatte ich selten eine Klasse, in der nicht ein oder meist mehrere jüdische S ch ü ler waren. Denn in Badei',, wo die Gegensätze nicht so scharf aufeinanderprallen wie im Norden, wo es gewiß an Judenfeindschast nicht fehlt, wo aber der Nadauantisemitismus keinen Boden findet, wohnen überall Juden, die alle ihren Kindern den sürs Leben nötigen „guten Schnljack" mitgcben möchten. Und worin gehe ich mit meinem nordischen Kollegen nicht eung? Sicher stimme ich mit ihm darüber überein, daß „die jungen Menschen zu den vorgetragenen Problcinen grundverschiedene Einstellung haben", aber 'ich bestreite entschieden, das; diese verschiedene Einstellung „raffen m ä ß i g" ist, daß. wie er behauptet, hier jüdische und christliche Kinder anders empfinden. Diese Einstellung ist eine Folge des „Milieus", d. h. der Denkweise, innerhalb deren der Knabe ausgewachsen ist, die er bei jeder Gelegenheit hat äußern hören, und die er sich so zu eigen gemacht hat. Lie ist natürlich auch eine Folge der darin jcljon gegebenen Vererbung und Veranlagung. Al^er Liebe zu streit oder Frieden, zu Unrecht oder; Gerechtigkeit gibt es überall. Es gibt kein Volk, das von Natur aus . nur friedlich oder nur kriegerisch ist; die Lebensverhälinisje machen ' es dazu. ' Und das jüdische Volk (ich will einmal diesen Ausdruck hier gebrauchen) sei nur pazifistisch? Ich bin fest überzeugt, das; Herr Dr. Cohn die jüdische Geschichte besser kennt als ich. Tann aber muß er wissen, daß gerade die alten Juden tapfer und todesmutig waren, daß sie ihre Schlachten schlugen, wie je ein tatenfrohes Volk. Es wäre töricht, wollte man ihn daran erinnern, welche Heldentaten jüdische Soldaten im lebten Weltkrieg ausführten, wie viele Tausende „freiwillig" vor der Zeit ihrer Reise den Waffen eilten und ihr junges Leben aus dem Altar des aterlandes opferten. Tie kurze Formel, auf die er das Fazit seiner Ausführungen bringt, das; „die Einstellung des jüdischen . und nichtjüdischen Knaben zu Krieg und Frieden eine verschiedene" fei, kann also nicht stimmen. Am wenigsten stichhaltig dasür scheint mir der Beweis, das; „nicht umsonst so viele unserer Gebete mit dem Wunsche nach Frieden schließen". Ich glaube, das „?ax vobiscum“, das „Friede mit euch", ist ein Charakteristikum der Gebete aller Völker und Zeiten. Die Sehnsucht nach Nutze ist dem Menschenherzen eingeboren. \ Doch kehren wir zu der Schuljugend zurück. Ich habe immer gefunden, daß die Jugend, als Ganzes gefaßt, gleichgestimmt ist, daß ihr Alter meist das momentane Gefühl bestimmt, mehr als ihre Herkunft. Hierin habe ich Gelegenheit genug gehabt, Einblick zu gewinnen. Seit etwa 20 Jahren bin ich Verwalter der Schülerblblivthek. In dieser langen Zeit lernt mau den Geschmack der Jugend kennen, wenn man ihn nicht selbst wechselnd an sich erfahren hätte. Da kommen zuerst die Märchenbücher, die' Tiererzählungen, dann die deutschen Heldensagen, daraus die Abenteuer- und Entdeckerliteratur (auch die jetzt wiedcrerwachte Vorliebe für Kriegsabenteuer im Luft- und Unterseebootkamps gehört hierher), dann kommt die Zeit des Drängens nach eigener Betätigung (Spiel und Arbeit), des Jnteresies für die Arbeit anderer im Dienste der Menschheit (Technik) und schließlich der Wunsch, in den Kulturgedanken selbst einzudringen, das Selbststudium in Literatur, Kunst und Philosophie. Nebenher geht von Beginn an die Lust an unterhaltender Lektüre, die in den unteren Klassen sich mit kurzen Erzählungen begnügt, zumal ihr eigentlicher Lesestoff unterhaltend genug tft, die tn den mittleren Klassen zu historischen Nomanen greift t und oben entweder schon geschwunden ist oder aus Mangel an Zert ‘ zurückgedrängt wird, bis Ferientage die erwachsene Jugend nach psychologischen Nomanen verlangen lassen. Und dabei habe ich nie einen Unsterschieb zwischen jüdischen und n i ch t j ü d i s ch e u Schülern kennengelernt. Ich erinnere mich noch genau an die ersten Jahre meiner eigenen Gvmuasialzeit, als die Jndianergeschichten mich eine Zeitlang so fesselten, daß mir die Benutzung der Schülerbibliothek für einige Monate verboten wurde, bis ich wieder regelmäßig zu arbeiten begonnen hatte, lind wie zogen wir in jenen'stetigen^ Jugendtageu als Delewares gegen die schlimmen Sioux und kamen oft mit blutigen Köpfen spät abends 31t Muttern zurück. Hub das wäre n jüdische und nicht jüdische Knaben. Denn bei den „Wilden" gab cs solche Unterschiede nicht. Und ist das nicht bis heute so geblieben? Wo ist da der friedliebende Sinn der jüdischen Knaben als Gegensatz zu ihren christlichen Mitschülern? Ich lasse in meinem deutschen Unterricht in allen Klassen selbstgewählte Vorträge halten, die sich natürlich dem Fassungsgcbiet des detrefscuden Alters anpassen müssen, nnd ich habe auch da niemals die Erfahrung gemacht, daß ein W e s e 11 § u n t e r f d) i e b in der Auswahl der Themen zwischen den beiden genannten iLchülerkategorien bestand. Ich habe mutige Knaben und Feiglinge hier und dort gefunden, aber nie in einer Intensität, dir mir ein Recht gäbe, nach Arten zu urteilen. Und wie es mit dem Mut sielst, so ist es auch mit dem Rechts- Gefühl. Auch hier ist das Maß des sittlichen Empfindens über alle Schüler nicht nach Glaubensbekenntnis, sondern nach Anlage verteilt. Die Beispiele, die Herr Tr. Cohn hier ansührt, lassen sich zahllos vermehren. Ich will noch ein Paar kurze herausgreifcn. Hermann der Cherusker lockt die Römer, Freundschaft und Unterwürfigkeit heuchelnd, in die Sümpfe des Teutoburger Waldes und vernichtet sie. Ist eine solche Heuchelei edel? Ich habe die Frage auch gestellt, aber ich habe nicht gesunden, daß die jüdischen Schüler das Unrecht mehr herausgesühlt hätten, als die anderen. Cs hat auch ar keinen moralischen Wert, allzu lauge bei einer solchen Frage zu leiben. Mit Sentimentalität läßt sich Weltgeschichte nicht machen. Tie Frage darf aber auch gar nicht lauten: War die Tat edel? Sie muß lauten: Aus welchen Motiven griff Ar nun zu dieser Tat? Und damit wird sie in ein anderes Licht gerückt, das sie sofort milder erscheinen läßt. Man wird mir vielleicht vorwerfen, ich mache so gar keinen Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischcn Kindern. Dieser Vorwurf wäre mir als Lehrer ein Ehrentitel. Ja, ich mache keinen Unterschied, denn ich finde k e i n e n U n te rschied. Zugeben will ich aber ohne weiteres gern, daß jüdischen Kindern häufig Abneigung gegen alles Ungerechte und Gewalttätige, das Mitsühlen bei unverdienter Not und Bedrängnis, die Neigung zur tätigen Mithilfe bei Elend und Unglück, die Freude an Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit iimciuoljnt, Eigenschaften, die die lange Leidensgeschichte ihrer Ahnen hat entstehen und wachsen lassen. Aber es wäre ein Unrecht, wollte man sie durch diese Eigenschaften als gesondert von ihren christlichen Kameraden betrachten. Wie ich selbst nach durchaus deutsch suhle, wie deutsche Kultur und Sprache meine Kultur und meine Sprache sind, wie ich deutsche Literatur und Geschichte als die meine empfinde und erlebe, so ist es auch mein Bestreben, dies der Jugend als lebendige Gabe weiterzugeöen. In dieser Hinsicht kenne ich keine jüdische Jugend, sondern nur eine deutsche Jugend, mag ihr religiöses Bedürfnis sie in das Münster, die Kirche oder die Synagoge ziehen. Ich gebe zu, daß sich hier und da ein Unterschied Zwischen den Konfessionen zeigt. Aber dann sind nicht die Kinder schuld, sondern die Behandlung, die man ihnen angcdeihen läßt, stählt der jüdische Schüler, daß'er nur geduldet ist, daß Lehrer nnd Mitschüler ihn von oben Herab anschauen und ihn heimlich hassen, daun wird er zaghaft, gedrückt, knechtisch; merkt er aber, daß zwischen ih.n und seinem christlichen Nachbar weder von den anderen Schülern noch von den Lehrern ein Unterschied gemacht wird, daun wird er frei, selbstbewußt. Er fühlt sich ein Gleicher unter Gleichen, er wird das, was er werden soll, ein jüdischer Deutscher, kein deutscher Jude. Ich habe früher einmal an dieser Stelle über den Antisemitismus in den Schulen gesprochen und kann heute wiederholen, was ich damals behauptet habe, daß man an unserer hiesigen Paritätischen Schule, von ganz vereinzelten Fällen abgesehen, keine jüdischen v-.\b christlichen Schüler, sondern nur S ch ü l e / f e n n t. Und wie ich selbst jenen Unterschied nicht habe finden können, so habe ich auch m häufigen Gesprächen mit christlichen Kollegen niemals diesen Unterschied in bezug auf die Mentalität der jüdischen Schüler erwähnen hören. Und nun die Nutzanwendung für uns jüdische Deutsche! Was soll aus der Weit werden, wenn jede Religionsgemeinschaft, schließlich noch jede Weltanschauungsgemeinschast ihre Kinder, ängstlich vor der Berührung mit anderen behütend, zn einseitig gerichteten Menschen erzieht, die die anderen nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Aus dem Nichtverstehen aber wird der Argwohn, der Haß geboren. Man beherzige doch jenes Wort der Sophoklesschen Antigone: „Nicht mitzühassen, mitzulieben bin ich da". Menschenliebe kann aber niemals in der Abgeschlossenheit gedeihen. Nicht Eigenbrötelei litt der Menschheit not, sondern Toleranz, gegenseitiges ^icrftel^en und gegenseitiges Achten.