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Central-Verein-Zeitung · 1925-07-03 · 27 (3.7.1925) · p. Seite 476

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
27 (3.7.1925)
Date
1925-07-03
Page
Seite 476 (sequence 15)
Language
German
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476 Die deutschen Juden im deutschen Nationalstaat. Ein Vortrag von Professor Hugo Prcutz. Die Liberale Vereinigung hatte anläßlich der ersten Tagung des Preußischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden zu einer großen Kundgebung geladen. Neben führenden Persönlichkeiten der lüdise!>-libera!en Bewegung sprach Reichsminister a. D. Professor Hugo Preuß über die Stellung der deutschen Inden im modernen Deutschen Nationalstaat. Er ging davon aus, daß seit Jahrhunderten zwischen Deutschen und Juden innige Wechselbeziehungen bestehen. Daher ist für z w e i Drittel aller Juden der Welt die deutsche Sprache die Muttersprache. Der Antisemitismus als politrfcher Machtfaktor ist überall in demselben Maße zurückgetrcten wie sich der moderne Nationalstaat in seiner heutigen politisch-deinokratischen Form befestigt hat. Tenn der moderne Nationalstaat \)t feinem innersten geistigen Wesen nach eine Einheit des Willens, der Kultur, der Sprache, des Denkens, die alle Teile des Volkes, gleick'gültia. welchen Glaubens, welcher Natur und Art, in der höchsten Gemeinschaft der ros publiea verschmilzt. In großen Zügen zeigte Preuß, wie jeder Versuch. das deutsche Volk in die moderne nationalstaatliche Eutwieklung hineinzuführen, den wütenden Widerstand aller alten Mächte eniscsscLte, die bereits in einer Zeit, als von politisch-jüdischen Einslüjsen leine Rede sein konnte, weil die Emanzipation noch kaum erlassen war, die nationaldeutschen Einheitsbestrebungen als .jüdstch" zu diskreditiere?! versuchten. Seit dem berühmten Wort des Junkers v. d. Al a r w i tz, daß die Stein-Hardenbergschen Reformen aus dem guten alten königlichen Preußen einen neumodischen Jndenstaat machen würden, haben die der modernen nationalstaatlichen Entwicklung widerstrebenden reaktionären Mächte stets den „Furor" des Antisemitismus zu Hilfe gerufen. Freiheit^ Demokratie und nationale Selbständigkeit wurden als fremdes Cistz das die Inden zum Schaden des deutschen Volkes erfunden haben, hingestellt. Es ist deshalb kein Zufall, daß immer da. wo die deutschen Eiuheitsbestrebungen zeitweise Erfolg hatten, jüdische M ö n n c r i m nationaldeukschen Sinne eine h ö ch st ehrenvolle Rolle gespielt haben, so Simson und Gabriel Rieß er. Als dann durch die Liege der preußischen Waffen und Bismarcks LtaaLskunst das deutsche Kaiserreich errichtet war, wiegte man sich eine Zeitlang in der Hoffnung, daß sich nun der alte Schemen der Judenfrage nicht mehr zeigen würde. Aber mit der Reaktion gegen die liberale Aera wurde die neueste Phase des Antisemitismus in Deutschland cntsenelt. Wir Deutsche können stolz darauf sein, daß die Väter der antisemitischen Pseudowchenschast keine Deutschen waren. G o b i n e a u und H o u st cn Stuart Chamberlain, ein Franzose und ein Engländer, ^mußten die Deutschen ihre Rassereinheit lehren. Diese ganze Aussassung der Rassenlehre als politisches Fundament verkennt vollkommen das staatspolitische Wesen der Nation. Denn eine Station ist keine Tierrasse, keine Biehloppel, sondern sie ist ein g e i st i g - s i t t l i ch e s Element, beruhend auf Lausend verschiedenen Komponenten, unter denen eine gewisse, wenn auch noch in keiner Weise wirklich ergründete Rolle die Abstammnngskomponente spielt. Es gibt für Deutschland in seiner heutigen Lage keine Rettung, als die Konsolidierung des modernen Nationalstaates, die U eb erwindun g aller jener trennenden und zerreißenden Klassen, Kasten und Konfession?-Psendorassen- Gegensätze. Die deutschen Juden haben in doppeltem Sinne einen hohen, nationalpolitischen Beruf: Als Objekt insofern, als die sogenannte Judenfrage den Stand der Entwicklung zum nationalen Einheitsstaat anzeigt; als Subjekt haben wir in nationalpolitischer Betätigung dazu beizutragen, dieses Ziel nach Möglichkeit zu erreichen. Man sagt, wir sollen uns assimilieren. Eine solche Forderung mutet beinahe antisemitisch an. Wem soll man sich assimilieren? Bin ich ein minderer Deutscher als irgendein anderer? Es gibt Landsleute, denen mich zu assimilieren ich mit einem herzlichen „Pfui Teufel" ablehnen würde. Diese ganze Forderung geht von der falschen Voraussetzung aus, als ob Juden und Deutsche zwei verschiede n e W e s e n w ä r e n. Es gibt keinen Deutschen, der nicht irgendwie sonst noch bestinunt wäre, als Jude oder Protestant, oder Katholik, als Norddeutscher oder Süddeutscher, als Bauer oder Arbeiter, ebenso wie es den Baum „kat oxochen" nicht gibt, der weder Buche, noch Tanne, noch Eiche ist, sondern nur schlechthin Baum wäre. Der deutsche Jude ist einig mit allen Teilen des deutschen Volkes im Vaterlandsgesühl unD hat deshalb nicht nötig, sich als besonders nationalgesinnter Jude zu bekennen. Das wäre -enau so, als wenn er sich als „mchtwuchernder" Jude oder als „nicht perverser Mitmensch" besonders bekennen wollte. Wir dürfen uns kein falsches Rassensolidarikätsaefühl einreden. Wir sollen uns nicht verpflichtet fühlen, jeden jüdiscken Schuft zu decken, weil er Jude ist, können uns aber auch rücht dafür verantwortlich fühlen, daß es auch jüdische Lumpen gibt. Man hört so häufig sagen, „der Jude solle sich nicht vordrängen". Kein Mensch soll sich vordrängen. Aber keiner darf das, was er str die Oeffentlichkeit leisten kann, ungele ist et lassen, aus Angst, man könne ihm den Vorwurf machen, daß er sich vordränge. Und die Glaubensgenossen sollen ihn nicht an den Rockschößen zurückziehen, weil sie Unannehmlichkeiten befürchten, wenn er den anderen nicht gefällt. Preuß wandte sich dann der Stellung der Parteien zur Judensrage zu. Er bezeichnet die antisemitische Stelliingnahme der rechtsgerichteten Parteien als verständlich, da sie ja dein einheitlichen Nationalstaat widerstreben. Die Parteien, die aus dem Boden des Nationalstaates stehen, können natürlich nicht offen antisemitisch sein. Im Interesse unserer nationalpolitischen Konsolidierung im modernen Sinn haben die Inden den Berns, dafür zu sorgen, daß Ehrlichkeit herrscht bei den P a r t e i e n . d i c_ d e n Antisemitismus b e k ä m p f e n. Nicht, daß wir soundso viel Plätze irgendwelcher Art sür Juden reklamieren. Ich habe immer erklärt und erkläre: mir ist es vollkommen glei chg ü 11 x g, ob ein Jude oder z w e i o d e r d r c i o d e r vier oder w e r weiß w i e v i e l e Inden da sind; a o e r 11 n c r i r ä g - l i ch ist, wenn jemand, d e r d i e n e n k a n n , a n d e r g c - eigneten Stelle nicht dienen darf der S a ch e unserer nationalen Konsolidierung :in u n f c r c s Fortschritts, weil er Jude ist und weil man nicht einmal wagt zu sagen: deshalb, weil er I u d e i st. Was in der Beziehung sich bei uns eingenistet hat, ist schlimmer als alle Barmat-Skaudale. Wenn durch solche energische Arbeit der Fortschritt erzielt wird, so ist das nur im Interesse der Judenheit. Vielleicht wäre es in ihrem engsten Interesse vorteilhaft, wenn sie sich um politische Tinge möglichst gar nicht kümmern, wenn sie ihren geschäftlichen und sonstigen Interessen leben, nach außen keinen Anstoß erregen usw. Ich glaube, es würde ihnen vielleicht ein Weilchen besser gehen. Aber was den Inden in Völkern und Staaten, denen der moderne Nationalstaat fremd blieb, bereitet wird, das sollten sie zur Genüge erfahren haben. Sie arbeiten für sich, indem sie sür diesen nationalen Staat arbeiten, und das Ziel mag fein, was schon vor vier Jahrhunderten einer der klarsten deutschen Köpfe, Johannes N e u ch l i n , ausgesprochen hat, wenn er sagte: „Daß Ehristen und Inden, wir und sie eines einigen römischen Reiches Mitbürger sind, und bei einem Bürgerrecht ans Burgfrieden sitzen." Nicht mehr eines Heiligen Römischen Reiches, sondern eines nationalen deutschen Reiches in Wahrheit gleichberechtigte Glieder und Bürger in Nation alpolit i s ch e r Gemeinschaft wollen w i r sein. Mbert llrosse zürn Gedächtnis! Bis in die letzten Monate hinein klar in Auffassung und Urteil, starb Albert Mosse am 30. Mai 1925, nach mehrjährigem Leiden, im 79. Lebensjahr. Meine erste genaue Erinnerung an ihn. den nahen Verwandten, zeigt ihn, aus dem Kriege 1870-71 zurückgekehrt, sich abends ans mein Bett letzend und ans mein Verlangen immer wieder von seinen Erlebnissen bei der Truppe erzählend. In den Krieg war er als Freiwilliger bei der Infanterie gegangen trotz seiner schon damals starken Kurzsichtigkeit; als Unteroffizier kam er heim. Er betrat dann die richterliche Laufbahn, zeichnete sich in Praktischer Tätigkeit und euch durch einige kleinere wissenschaftliche Arbeiten aus und wurde Amtsrichter, später Landrichter in Berlin. Daneben unterrichtete er Diplomaten, namentlich japanische, im Staats- und Verwaltungsrecht. Im Anschluß hieran erhielt er einen Ruf nach Japan als Beirat im Kabinett und wirkte dort im Ministerium des Innern. Nach vierjähriger erfolgreicher Arbeit kehrte er zurück, und nun wurden unter dem Minister v. S ch e l l i n g er und Litten die ersten jüdischen Oberlandesgerichtsräte in Preußen. Mosse kam an das Oberlandesgericht in Königsberg. Gegen anfänglichen Widerstand setzte er sich durch und errang allgemeine Achtung, lieber 16 Jahre blieb er in Königsberg; lange Zeit hindurch versah er als einer der dienstältesten Richter vertretungsweise die Geschäfte eines Senatspräsidenten und mitunter sogar die des Oberlandesgerichts- Prüsidenten. Trotzdem wurde er nickst zum Senatspräsidenten befördert, und die mannigfachen Versuche seiner Freunde, seine Versetzung an das Kammergericht, das Oberverwaltungsgericht oder das Reichsgericht herbeizuführen, vermochten nichts gegen die aus seiner Religionszugehörigkeit hergeleiteten Bedenken der Berliner Zentralinstanzen. Die Königsberger Universität jedoch ernannte ihn zum Ehrendoktor. Später wurde ihm dort auch das Amt eines Honorarprofessors übertragen. Wiederholt bei Beförderungen übergangen, legte er sein richterliches Amt nieder und siedelte nach Berlin über. Die Stadt, weitsichtiger als der Staat, sickerte sich sogleich seine Mitarbeit als Ctadtrat, übertrug ihm eine große Zahl schwieriger Aufgaben, schuf so dem arbeitsfrohen Mann — „dem juristischen Gewissen der Stadt" nach dem Wort seines Oberbürgermeisters — eine neue Statte freudigen Schaffens und ehrte ihn bei seinem Abgang durch Ernennung zum Stadtältesten. Wissenschaftlich betätigte er sich durch Veranstaltung mehrerer in ihrer Vollständigkeit, Kürze und Durcharbeitung mnstergültiger Ausgaben eines Handkommentars zum Handelsgesetzbuch. Daneben vergaß er nicht, den Interessen seiner Neligwnsgemeinschast zu dienen. Vor seiner Berufung nach Japan war er eine Zeitlang Mitglied des Nepräsentantenkollegiums der Berliner I ü d i s ch cn Gemeinde, schied jedoch vorschriftsgemäß aus, als er sich mit einer Tochter des damaligen Vorsitzenden des Gemeindevorstands vermählte. Später, nach seiner Uebersiedlung aus Königsberg nach Berlin, war er als Vorstands Mitglied und dann als stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Juden tätig. An der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums bekleidete er zunächst das Amt als Mitglied des Kuratoriums und später nahezu zehn Jahre das des Vor-

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