Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 27 (3.7.1925)
- Date
- 1925-07-03
- Page
- Seite 474 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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474 Die erste Tagung öes preußischen Lanöesverbanöes» Don Dr. John Wcrtheim (Berlin), L In der Zeit vom 21. dis 23. Juni hat der e r st e L e r b a n d s - taq des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Berlin getagt. Im feiert fernsten Sitzungssaale des einstigen preußischen Herr e n Hauses, der jetzt für Tagungen zur Verfügung gestellt wird. Eröffnet durch den Vorsitzenden der Berliner Jüd^chcn Gemeinde, K a m m e r ge r i ch t s r a t Wolfs, mit einer würdigen Ansprache, in der auch nicht der Hinweis auf die Worte fehlte, mit denen wenige Tage zuvor der Reichspräsident beim Empfang der Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften betont hatte, daß er in seinem hohen Amte alle Bekenntnisse und Weltanschauungen achten und stets den Geist innerer Volksgemeinschaft schützen werde. Das Wort des Rabbiners richtete Dr. Baeck an die Versammlung, verklingend in dein Wunsch, daß die Tagung eine Gemeinschaft von Persönlichkeiten sein möge. ~ Tie Stadt Berlin ließ durch ein Mitglied ihres Magistrats einen herzlichen Gruß entbieten, und zwei Vertreter des p r e u ß i - scheu Kultusministers ehrten durch ihre Anwesenheit die Eröffnung. Wie man hörte, ist das Schreigen auch bei den Versammlungen anderer religiöser Korporationen die übliche Form des Ansdruckes der Teilnahme. II. Tie Wahlen zum Verbandstag am 1. Februar dieses Jahres haben die Vertreter von fünf P a r t c i e n in den Verbandstag entsandt, die sich zu Fraktionen zusammengeschlossen haben. Die religiös-liberale Partei, die stärkste, mehr als die Hälfte aller Delegierten umfassend, die religiös-konservative, von erheblich geringerem Umfange, die religiöse Dl i t t e l p a r t e i mit nur wenigen Vertretern, und auf der anderen Seite die national-jüdischen P a r t e i e n , die Jüdische Voltspartei, die zweitstärkste der Versammlung, sowie die soziaii st i s ch - zionistische mit zwei Mitgliedern. Zum Präsidenten der Versammlung wurde Justizrat Sonnen feld als Vertreter der stärksten Partei gewählt und ihre Leitung hierdurch in sichere und bewährte Hände gelegt. Zweiter Vorsitzender wurde ein Vertreter der Jüdischen Voltspartei, dritter ein Vertreter der Konservativen. Nicht alle Wahlen des ersten Tages Verliesen so harmonisch. Es war noch die Wahl der in den Rat zu delegierenden Rabbiner und Lehrer vorzunehmen, vier weitere Mitglieder des Rates zu wühlen. Die in den Rat zu wählenden Rabbiner waren vom Allgemeinen Deutschen Nabbinerverband benannt worden. Nach religiösen Grundsätzen. Die Jüdische Volkspartei verlangte aber die Wahl auch eines national-jüdischen Rabbiners als Vertreter ihrer Weltanschauung. Auch eine erneute Beratung der Rabbiner führte wieder zur Präsentation der ursprünglich Benannten. Nur wurden noch Stellvertreter für diese vorgeftl/agen und genwhlt und als einer der Stellvertreter der von der Jüdischen Dolksparlei Gewünschte. Für die Wahl der vier weiteren Ratsmitglieder war eine Einheitsliste mit zwei Liberalen, einem Konservativen und einem Nationaljuden geplant. Die Nationaljuden wollten aber den von den Konservativen Präsentierten Herrn M. A. Loeb nicht wählen, wenn dieser nicht sein Amt als Mitglied des Hauptvorstandes des Centralvereins niederlcgen würde. Also scheiterte die Einheitsliste. Das Resultat des getrennten Vorgehens der Parteien war die Wahl von zwei Liberalen, eines Nationuljudcn und des Konservativen M. A. Loeb. Die e r st e K r as t p r o be de r I ü di sch e n V o l k spartei hatte einen negativen Erfolg zu buchen, UI. Ter eingehende Bericht von Dr. Jsmar Freund, dc-s unermüdlichen und verdienstvollen Anregers und Förderers des Zusammenschlusses der Preußischen Gemeinden, über die bisherige Tätigkeit des Verbandes und den vorgelegtcn Etat zeigte die großen praktischen Ausgaben, welche dern Landesverband in dem Gemeinschaftsleben der jüdischen Synagogen gemeinden gestellt sind. Aufgaben, die eine einzelne Gemeinde nicht lösen kann und deren Bewältigung nur aus Planvoller Zusam menarbeit aller Ge m ein den. miteinander und einer klugen Vertretung des Gesaintwillens der Gemeinden gegenüber den Organen des Staates erwachsen kann. Brennend ist die Frage der Ausbildung und Anstellung einer genügenden Anzahl von Rabbinern. Entbehren doch über 800 Preußische Gemeinden jcber ordnungsmäßigen Seesorge. Nicht weniger wichtig ist die Frage der jüdischen L e h r e r b i l d u n g und die Regelung des jüdiscl)en Religionsunterrichtes . neben dein Lehrplan der evangelischen und katholischen Kirche. Tie jüdische Wohlfahrtspflege erfordert Ausbau und Sicherung, und nicht zuletzt bedürfen alle Kultusbeamten genügender materieller Versorgung, um ihren idealen Ausgaben bienen zu können. Grell beleuchtet die wirtschaftliche Notlage: Nur noch 6 3 Gemeinden sind vorhanden, die überhaupt einen. Rabbiner haben. Tie jüdischen Bürger Preußen müssen erwarten, daß ihren religiösen Gemeinden aus Staatsmitteln, zu deren Aufbringung auch sie beitragen, im gleichen Verhältnis eine Beihilfe gewährt wird, wie dies bcn christlichen Kirck>m gegenüber geschieht. Einmütig wurde die Forderung nach AufnalMe eines entsprcll-enden Postens in den preußischen Etat erhoben. Der vorgelegte Etat des Landesverbandes, welcher nach Abänderungen genehmigt wurde, versucht, alle Wünsche im Mindestumfcrnge zu berücksichtigen. Aber auch er müßte ein frommer Plan Mci&cn, wenn es nicht gelingt, aus Staatsmitteln die Unterstützung zu erhalten, welche seine Positionen erst zum Leben erwecken kann. IV. Tie Aufgaben des Landesverbandes sind zum überwiegenden Teil praktische und nüchterne. Nur praktische Arbeit wird den zusannnengeschlossenen Gemeinden helfen können, und nur aus sachlich-kluger Beratung zwischen Verbandstag und Rat wird der Weg zur Hilfe sich erhellen. Es war der erste Perbandstag. Also fühlten die Vertreter der einzelnen Parteien das Bedürfnis, in großangelegten Reden zum Etat zunächst ihren prinzipiellen Standpunkt zu den jüdischen Fragen darzulegen. Daß cs allgemein in ruhiger Weise erfolgte, war ersreulich. Daß die Begeisterung des Augenblicks vielleicht auch manches nur schöne Wort aus die Lippen trug, verständlich. Ter Vertreter der Jüdischen Volkspartei, Tr. Klee, versuchte zwar, den Verbandstag für Frageil in Anspruch zu nehmen, die weit jenseits seiner Grenzen liegen, und auch die Arbeit in Palästina in den Kreis der Gcmeindeausgaben einzubeziehen. Aber die Vertreter aller religiösen Parteien waren sich darin einig, daß der Landesverband, wie Magistratsrat N e u m a n n es klar ansdrückte. ein Verband preußischer Juden sei, dem einzig preußischjüdische Aufgaben obliegen. Tr. Holländer legte in abgewogener Weise seinen Standpunkt klar. Tic Agitationsrede eines Vertreters der Jüdischen Volkspartei für Zionismus und Sozialismus vermochte keinen Widerhall bei den religiösen Parteien zu finden. V. Während der Tagung konstituierte sich auch der Rat des Landesverbandes — übereiustiinmender Beschluß des Rates und des Verbaudstages ergibt erst einen Berbandsbeschluß — und wählte aus seiner Mitte den engeren Rat, welcher die Geschäfte des Verbandes führt. Vorsitzender des engeren Rates wurde Kammergerichtsrat Wolfs. Unter seinen neun Mitgliedern befinden sich Tr. Jsmar Freund, Vertreter der großen preußischen Gemeinden und ein Vertreter der Jüdischen Volkspartei. VI. Unmöglich, ans der ersten Tagung alle Vorlagen sachlich wirtlich zu erledigen. Trotz aller Vorbereitung muß ein Organismus wie der Landesverband sich erst einspieleu. Tie wichtigste Tebatte nach der Eiatsansprache knüpfte sich an die Richtlinien für die Ausarbeitung eines neuen preußischen Judengesetzes. Liberale Und Konservative hatten gemeinsame Richtlinien vorgelegt, deren Kern darin besteht, die Selbstverwaltung der Genieinden nicht über die durch die Reichs- Verfassung gewährleisteten Rechte eingeschränkt zu sehen. Man will Religionsgemeinden haben, für die eine Verfassung der Selbstverwaltung in gleicher Weise wie bei den christlichen Religionsgesellschichten bestehen sott. Gegen die Stimmen der Jüdischen Volks- Partei wurden die Grundsätze für die Ausarbeitung eines neuen Judengcsetzes von den verschiedenen religiösen Richtungen einmütifl angenommen. Uebereinstimmender Wunsch alter Parteien: der Preußische Landesverband möge sich zu einer Organisation aller deutschen jüdischen Gemeinden nuswachsen. Dieser Wunsch wird nur in Erfüllung gehen, und er wird nur von Segen für die jüdischen Teutschen sein, wenn es weiterhin im Zusammenwirken aller religiösen Parteien gelingt, die Politik dem Landesverband sernzuhalten, den Verbandstag nicht zu einem mißglückten Parlanrent ansarten, sondern in ihm mehr und mehr eine Stätte praktischer Arbeit für die gemeinsamen Interessen der Religiousgemeinden der preußischen Juden erstehen zu lassen.