Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 27 (3.7.1925)
- Date
- 1925-07-03
- Page
- Seite 473 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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473 Äscher Arbeit an der Familie, von Frau Väumer in der Mitwirkung der Frau am Kulturleben der Allgemeinheit zum Ausdruck gebracht. In wundervoller Gestaltung zeigte Gertrud Bäumer ihre Liese Verantwortlichkeit dem deutschen Volke gegenüber, den starken Positiven Glauben an die Ewigteit^erfüllung. den Idealismus des wahren Frauentums. Besonders aber zeigte sich der Wille zur Verständigung in den Tagungen der konfessionellen Verbände beziehungsweise in deren öffentlichen Versanunlungen, in denen ein Austausch der verschiedenen religiösen Gemeinschaften stattsand. Für die katholische und die jüdische V e r s a m m l u ng am Donnerstag vormittag reichten die Säle nicht aus. m war mehr als ein Akt der Höflichkeit, was die Vertreterinnen der verschiedenen Verbünde zueinander führte in Schwung und Farbigkeit zu diesen Kundgebungen, denen sichtlich eine sorgfältige Vorbereitung vorausgegangcn war. Auch au der Versammlung des Proviuzialverbaudes der jüdischen Frauenvereme in Rheinland und Westfalen waren als Ehrengäste die Vertreterinnen beider christlicher Konfessionen anwesend, insbesondere erschienen die Vorsitzende der Deutschen F-rauenwoche am Rhein. Gräfin Adelmann, die Vorsitzende des Katholischen Frauenbunds, Frau Hehder, und viele Delegierte anderer katholischer und evangelischer Vereine, darunter auch Geistliche beider Bekenntnisse. Frau Hehder überbrachte die Glückwünsche des Katholischen Frauenbundes. Herr Rabbiner Tr. Noscnthal die der Kölner jüdischen Gemeinde. Tie Vorsitzende des Verbandes, Frau Gehcimrat Auerbach, begrüßte die Erschienenen und die Ehrengäste. Sie betonte u. a., das; es ihr zur hoben Freude gereiche, hier sestznstellen. das; das Einvernehmen und Zusammenarbeiten der christlichen Frauenvereine nüt den jüdischen auch außerhalb der Tagung bestünde. Daraus erhielt Frau Stadtverordnete Paula Ollendorsf (Breslau) das Wort zu ihrem, wie die Kölner- Zeitungen schreiben, an Gedanken idealster Form reichen und von einer schönen Sprache getragene;; Bortrag über „F a m ilienpsticht — Familieugl ü d\ Der Vortrag, dessen Drucklegung von allen Seiten gefordert wurde und der in einer rheinischen katholischen Frauenzeitung und in den „Rachrichtenblüttern des Jüdischen Frauenbundes" im Wortlaut erscheinen wird, begann nüt dein Bekenntnis gerechten Stolzes aus die Kulturleistungen der rheinischen Juden, wie sie die JahrtausendanssLellung ausweise, deren erschütterndstes Dokument die Urkunde sei, in der Kaiser Konstantin im Jahre 321 die Kölner Judengemcinde mit Ehrenämtern betraue. Hier sei unser Heimatrecht und unsere Heimatpslicht verbrieft. Ter Vortrag fand gespannte Aufmerksamkeit und löste großen Beifall aus. Der Oicbnerin wurde die Ehre übertragen, an; darauffolgenden Tage beim F e st im Große n G ü r z e n i ch s a a l im Namen der Gaste der Stadt Köln und ihrem Oberbürgermeister den Dank der Gäste auszusprechen. . Tie Rednerin führte, nachdem sie auf das in der Ausstellung gezeigte Dokument aus dem Jahre 321 n. Ehr. verwiesen hatte, da? das Heimatrecht und die Heimatpslicht des deutschen Juden besiegele, dcu Verfall der Familie auf deu Verfall der Religion zurück. Sie zeigte, daß Jesaia in; dritten Kapitel die Lockerung und Verwilderung der Sitten so schildert, daß es den Zuständen unserer Tage genau entspräche unt> daß, da später eine bessere Zeit eingetreten sei, man auch jetzt aus Besserung hoffen dürfe. Das Judentum sei das Bekenntnis zum Optimismus. Die Kultur, deren Beginn und deren Stätte die Familie sei, sei mit dem familiären Aufstieg und Niedergang eng verknüpft. Wille zur Religion, Wille zur Familie, das sei der heilige Weg, den das Judentum der Frau und Mutter vorschreibe. Die beiden Fundamente des Judentums — der Glaube an einen Gott und der Weg der Vervollkommnung, der allein das Ebenbild Gottes, den Menschen, zu Gott führen kann, sie sind nach dem jüdischen Glauben auch die Pfeiler der Familie. Erst dann wird das Klima der Familie wieder das der Freude werden, wenn sie wieder religiöser geworden sei. Trotz des Moders und des Schuttes, der unsere Ideale nüt dem Staube des Alltags bedecke, sie leben noch, solange das Judentum lebt. Aber die jüdischen Frauen sollten sich mit den christlichen Frauen zusammentun, um gegen die Ausfassung zu kämpfen, daß der Beginn der Familie, die Ehe, nicht notwendig auf der Treue ausgebaut werde. Die „Zigeunerei" der freien Liebe, die in allen religiösen Gemeinschaften die Ehe untergrabe, sei nur zu bekämpfen durch das Mittel der Religion. Tie Rednerin sprach dann über die neuen Gesehcsvorlagcn, u. a. über Z 218 des Strafgesetzbuchs, dessen Aufhebung sie als jüdische Frau ablehnt. Der Staat müsse für kinderreiche Familien in ganz anderer Weise eintreten wie bisher, die Strafsorm solle gemildert und nur in Fällen bedrohter Gesundheit von Mutter und Kind dürfe^ eingegrissen werden, jedoch auch nur nach Entscheidung durch eine ärztliche Kommission Diese Anschauung stehe in vollster liebereinstimmuerg mit der katholischen und der evangelischen religiösen Welt. Nicht nur Hedwig Dransfeld und der greise Fürstbisch oj von Breslau hätten sich dahin in einer großen Versammlung ausgesprochen, auch der evangelische soziale Kongreß, der vor kurzem in Halle stattfand, habe durch Profenor Abderhalden dieselben Grundsätze ausgesprochen. Mit dem starken Bekenntnis zum Judentum, das nüt aufbauen wolle an der Zukunft des deutschen Vaterlandes, schloß die sehr angeregte Versammlung. Erholung - keine Politik. D i e P a r o l e s ü r d i e B a d e r e i s e. Jedes Jahr, wenn die Reisezeit beginnt, findet sich auch in unserer „C. V.-Zeitung" ein Aufsatz, der sich mit dem Aufenthalt in Badeorten beschäftigt und Mahnungen enthält, die allmählich so bekannt geworden sind, daß sie an dieser Stelle nicht wiederholt zu werden brauchen. Wenn trotzdem das Wort ergriffen wird, um einen Wink für die nächsten Wochen zu geben, so geschieht es diesmal zu einem anderen Zweck. Wir wollen in aller Offenheit unsere Freunde auf eine Frage Hinweisen, die nie dringender war, als gerade jetzt. Seit den Sonunertagen des vorigen Jahres hat die llniform i e r u n g und Politisierung des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens einen verhängnisvollen Umfang angenommen. Das deutsche Volk ist in zwei Lager gespalten, die weit über das politische Kampfseld hinaus in das tägliche Leben des einzelnen tief einschneiden. Dieser Zustand muß sich naturgemäß auch im Bade auswirken. Wir werden seben. daß die einen mit einem schwarzrotgoldenen, die anderen nüt einem schwarzweißroten Bändchen im Knopfloch spazierengehen werden. Am Rocke des einen wird ein Reichsbannerabzeichen, an dem des anderen ein Stahlhelm uns entgegenblinken. Und nach dem Satze: „Gleich und gleich gesellt sich gern" werden wir fcftncllen, daß am Sonntag- Vormittag zum Konzert die Herren nüt dem gleichen Abzeichen gemeinschaftlich ihre Promenade machen werden. Daß dieses Verhalten gegen jede Vernunft und wahre Vaterlandsliebe ist, wird man nicht bestreiten können, bedeutet aber einen schwachen Trost. Denn in erster Reihe sind wir doch alle Deut'che und nichts anderes. Was haben wir als Juden mit alledem z u tun? Diese Frage soll jetzt beantwortet werden: Jeder, der ins Bad reist, handele nach dem Grundsatz, dort nur Erholung und Ruhe zu suchen! Das scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein. Aber wer die Dinge kennt, weiß, daß gegen dieses so schrecklich einsache Gebot zu oft und zu schwer verstoßen wird. Ter Grund dafür ist in der jüdischen liebere m p f i n d l i ch k e i t zu suchen. Unser Gefühl gehr leider allzu häufig mit uns durch. Beispiele aus der Zeit der Wahlkämpfe ließen sich genug anführen. Also „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" hat auch dieses Jahr unseren Freunden im Bade als Richtschnur zu gelten. Mir ist es ungeheuer gleichgültig, ob der Herr aus Nummer 12 einen Stahlhelm am Rocke trägt. Und wenn der Jüngling ans Nummer 18 aller Welt kund und zu wissen tut, daß er mit 18 Jahren nur ans die Farben Schwarzweißrot schwört, so denke ich , wie der alte Berliner: „Laß das Kind" ustv. — Nichts i st verkehrter, als in jedem solchen Abzeichen einen Beweis glühender I u d e n s e i n d sch a f t zu sehen. Selbst wenn es wirklich so sein sollte, daß mein Gegenüber es darauf absieht, mich zu ärgern, so werde i ch ihm den Gefallen nicht tun. Denn ans meine Dummheit wartet er ja nur. Wenn er merkt, daß ich ans seine Herausforderung nicht weiter eingehe, dann wird er von selbst damit aushören. Es bedeutet wahrhaftig leinen „Schneid", jedem, dem cs Spaß macht, mich anzurempeln, zu zeigen, daß ich mir „nichts gefallen lasse". Das lasten sich besonders die Söhne unserer Freunde gesagt sein, die ihre Väter ins Bad begleiten und sich vielleicht so die Langeweile vertreiben wollen. Wo aber judenfeindliches Treiben planmäßig und nachhaltend zu beobachten ist, da beginne man keine „Vadepolitik" auf eigene Faust, selbst wenn man Vorsitzender einer größerer! Ortsgruppe ist. Nur in enger Verbindung mit Landesverband und Hauptgeschäftsstelle kann etwas Zweckmäßiges erreicht werden. Wie oft hat schon eigenmächtiges Vorgehen, das sicher gut gemeint war, schwersten Schaden gestiftet. Wo man nach dem Vorbilde von Borkum versucht, jubciifreie, d. h. in diesem Falle rassische Inseln zu schaffen, da mögen unsere Freunde nicht aus berechtigter Empörung abreisen, sondern versuchen, durch scharfen, aber sachlichen Widerstand ihrem Recht als Deutsche und ihrem Erholungswillen Achtung zu verschaffen. Zusammenfastend ist zu sagen: Disziplin und Ruhe sind die Voraussetzungen, unter denen wir aller Schwierigkeiten Herr werden können, Dr. Ch.