Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 27 (3.7.1925)
- Date
- 1925-07-03
- Page
- Seite 471 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277596--02260-3537188- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
471 Der Vorsitzende der Kölner Ortsgruppe des Ccntralvereins. Herr Rechtsanwalt Dr. Heinz Frank, legte der Versammlung folgende Entschlietzung vor: „Nicht den Sinn einer Geste soll die Feier haben. Der inmge Verbundenheit des deutschen Judentums mit deutscher Heimaterde, der Willens- und Schicksalsgemeinschast rheinischer Juden mit ihren andersgläubigen Mitbürgern am Geschick rheinischen Bodens will sie anläßlich der Jahrtanseudseier Ausdruck verleihen. Wie die Ungewitter sich bekämpfender Gewalten von Kaisern und Königen, von geistlichen und weltlichen Fürsten, von vornehmen Geschlechtern und Zünften auch ihr Teil über der Juden Geschick entluden, so spiegelt die Geschichte der Juden am Rhein ihre Kämpfe um ihre Existenz und um die Erhaltung ihrer religiösen Güter wider, reich an erhabenen Mustern frommer Entsagung und Ausdauer, reich an heiligen Glaubensmärtyrern. Eine weit über anderthalb Jahrtausende nachweisbare, in den Anfang des dritten nachchristlichen Jahrhunderts zurückreichende Geschichte gibt so Kunde von der Verbundenheit jüdischer Menschen mit rheinischer Erde. Uni) a 11 ch i n unseren Tagenhaben died citj s ch e n und r h e i n i s ch e n Juden ihre Willens- und schicksalsgemeinschast m i t d e u t s ch e r u n d r h e i n i s ch c r E r d e d u r ch d a s s ü r s d e u t s ch e Vaterland vergossene Blut ihrer Väter, Söhne und Brüder besiegelt. Wir deutschen und rheinischen Inden. Juden nach Religion und Abstammung, Deutsche nach Vaterland und Kultur, halben darum ein Recht ans diesen deutschen Boden als gleichberechtigte deutsche Bürger wie unsere christlichen Mitbürger, und wenn in unseren Tagen ans rheinischem Boden sich das Geschick des deutschen Volkes, der Kampf um seine Einheit und das Gefüge seines Reiches entscheidet, und wie wir überzeugt sind, siegreich sich erfüllt, so wollen wir deutschen und rheinischen Inden hier und heute laut und vernehmlich das Bekenntnis ablegen und bekräftigen: Wir deutschen Inden, fest mit dem deutschen Heimatbvden verwurzelt, s ü h l e n uns allezeit, i n frohen und in t r a u r i g e n Zeiten, heute u n b in alle Zukunft, unlösbar mit d e m deuts ch e n B a t e r l a n d verbunden, und im heiligen Dienst am deutschen Volk und deutschem Boden werden wir auch in alle Zukunft, in Willens- und Cchicksalsgemeinsck)aft, in sittlicher, geistiger und materieller Förderung heimatlich deutscher Erde uns von niemand übertreten lassen/ Der laute Beifall einmütiger Zustimmung legt sich erst, als Herr F e i l ch e n f e l d das S ch l u ß w o r t spricht. Wir sind am Schlusie unserer ebenso gewaltigen als eindrucksvollen Kundgebung. Somit darf ich Sie wohl bitten, sich von Ihren Sitzen zu erheben und den Gefühlen, die unsere Herzen am heutigen Tage aufs tiefste bewegen, treffenden Ausdruck zu verleihen, indem ^ie in Begeisterung einstimmen in meinen Ruf: Unser Eentralvercin, der freie Rhein, deutsches Volt, rheinische Heimat, deutsches Vaterland, sie sollen Leben hoch! _ Mit Begeisterung wird von der Versammlung stehend die dritte atrophe des Deutschlandliedes gesungen.' * An ein gemeinschaftliches Mittagessen schließt sich die westdeutsche verbanöstagung. Der Vorsitzende des linksrheinischen Landesverbandes, Herr Bernhard F c i l ch e n f e l d (Köln), eröffnet die Tagung, an der etwa 2 5 0 D e l e g i e r t e t e i l n e h m e n, mit einer Begrüßung der Ortsgrnppenvertreter, der Vorsitzenden der Landesverbände Westdeutsch« lands und Groß-Berlins sowie der anwesenden Hanptvorstandsmitglieder. Zur Leitung der Geschäfte beruft er in das Bureau die Herren: Baruch (Herford), Dr. Frank (Köln), Tr. Herzfeld (Essen) und Frau Fuerth (Frankfurt am Main) und erteilte dann das Wort dem Vertreter des Hanptvorstandes, dein stellvertretenden Vorsitzenden des Eentralvercins, Herrn Justizrat Hugo Sonnenfelv. Herr Feilchenfeld meinte, so führt der Redner ans. daß des Centralverein^ Hilfe im Rheinlande eher zu entehren sei als im Osten. Immerhin, ja gerade deshalb müßten die rheinischen Inden den Centralverein. nach Kräften fördern. Die im ersten Satzteil ausgesprochene^ Auffassung begegnet uns mannigfach und führt dazu, daß nur wenige sich zur wirklichen Arbeit bereit finden. Daraus stießen dann Ueberlastung unserer Vorstandsmitglieder und anderseits Borwurfe der Arbeit ablehnenden Mitglieder des Eentralvercins. Solche mnsrellung unserer Glaubensgenossen weist uns die Bedeutung eines zu, der nur in Tätigkeit tritt, sobald er zur mi (5f .c.uie* Brandes gerufen wird. Unsere Ausgabe wird nicht von ^^^0"ngen bel>errscht, wir haben sie zu werten als eine e ranlchauungsmatzlge, getragen von der Erkenntnis, daß unsere aabeObedemÄ rcirnc. ist, daß sie uns vielmehr eine Auf- Mensck^nvaar^L aac McnsckM Kinder eines einzigen für die o Bruder und Sck)western sind, daß wir deshalb C^ruf*r,un6 der ganzen Menschheit, für die Idee der Gerechtigkeit ernzutreten haben. Niemand von uns hat das Recht, sich dieser Ausgabe zu entziehen. Mit Sokrates sind wir überzeugt, daß, was gut ist, letzten Endes sich auch als das Nützliche erweist. Die Frage, ob es die Vernunft oder die Unvernunft ist, die uns zu Gott führt, beantworte ich dahin, daß die Unvernunft uns anspornt, für die Gerechtigkeit einzutreten. Wie Gott uns über die Erde zerstreute, damit wir allen Völkern Gotteserkenntnis predigen, so setzt er die Unvernunft als Triebfeder zum Kamps für Recht und Brüderlichkeit. In diesem Kampf wachsen wir ganz 'aus fcem Ghetto heraus, entwickeln wir uns zu Persönlichkeiten, zu Charakteren. Der Eentralverein hat aber nicht nur die Aufgabe, Bannerträger der erhabenen Lehren des Judentums zu sein. Sonst könnte man m:t einigein Recht sagen, die Juden hätten abseits von der deutschen Kultur ihre Sonderausgabe. In Wirklichkeit tritt für uns als innerstes Bedürfnis die Pflege der Gesamtkultur hinzu; auch sie führt zum Göttlichen, zu Ewigkeitswerten. Sie gehört aber keineswegs einer Rane an, sonst wäre sie dem Untergang geweiht. Sie ist mctaphynsch, mchc aber biologisch zu erfassen, wie letzteres die Rassensauatiker wollen. Wäre sie wie die Rasse naturwissenschaftlich zu werten, so würde auch für sie der Satz gelten: „W e r d e u n d v e r g e h e/ Rur wenn wir die Kultur erkennen als getragen von unserem unerschütterlichen Glauben an die fortschreitende Vervollkommnung des Vlenschengeschlechts, bestimmt. die größtmögliche Glückseligkeit für die ganze Menschheit herbeiznsühren, nur dann ist sie unsterblich. Nassen und Völker vergehen, die Menschheit bleibt bestehen. Es ist das Werk der Propheten, Religion und Ethik von den geographischen rrnd nationalen Grenzen befreit zn haben. Mit Rölting lehnen wir die einseitig auf Geist und Schönheit gestellte Kultur ad und fordern, daß zu dem, was Hellas der Welt schenkte, hinzutrcte. was Asien, lvas dessen Kernstück Inda gabi Tie Pflege der Seele, des göttlichen Sittengesetzes. Dann haben wir nicht den Untergang der europäischen, der abendländischen Kulrur zu besorgen, dann wird die Kultur der verbrüderten Menschheit im Gleichschritt mit dieser sich fortdauernd vertiefen und verbreiten. Können wir hierzu beitragen? Seien wir eingedenk dessen, daß vom Talmud bis zu Cohen (Marburg) der Staat als die menschliche Verwirklichung der von Gott eingesetzten sittlichen Weltordnung angesprochen wird. Rur m i t dem vaterländischen Staat können wir unsere Knlturansgabe erfüllen. Darum müssen sich die einzelnen unter uns wieder den Staatsaufgaben widmen. Sie. meine Damen und Herren, halten vor wenigen Wochen hier in Köln den Städtetag. Ta ist Ihnen wohl der Rückgang in der Zahl der jüdischen Persönlichkeiten ausgefallen. Wir dürfen aber nichr verdrosien beiseite stehen. Wie uns Jeremias, wie uns Hillel die Förderung des Wohles des Staates ans Herz gelegt, den uns Gort zur Heimat hat werden lasten, wißen Sie. Ob wir heute oder morgen, ob erst unsere Enkel Ernte halten werden, darf keinen Einfluß auf unsere Arbeit nehmen. Sie ist unsere Aufgabel Der Talmud warnt, wir sollen nicht wie Knechte des Lohnes wegen arbeiten. Mit diesem Gedanken, in der Form, die ihm Storni gibt, begrüße ich Sie alle namens des Hauptvorstandes: Ter eine fragt: Was kommt danach? Der andere: Ist es recht? Und also unterscheidet sich Der Freie von dem Knecht/ Als Freie wollen wir ohne Rücksicht ans Lohn und Ernte den Ausgaben uns weihen, die uns Religion und Vaterland stellen. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Justizrat Ludwig Cahen (Köln) führte zu seinem Thema: „Psychologie des Antisemitismus" u. a. aus: Auch bei solchen Feiern, wir wir sie heute vormittag begeistert begangen haben, verläßt uns Juden nicht der Gedanke an den Antisemitismus, wie ja auch in allen Reden des heutigen Vormittags diese negative Seite unserer Festfreude zum Ansdruck kam. Das gleiche gilt, wenn wir gemeinschaftlich mit Andersgläubigen linS versammeln; wir sind uns bewußt, daß mehr oder minder zahlreiche, meistens sehr viele der Teilnehmer im Innern den Haß gegen die Juden pflegen; das Meduscnhaupt des Judenhasses schreck: uns hinter den Gesichtern mit) hinter der Maste von Menschen immer. Gewiß ist es äm Rheinland aus den verschiedensten Gründen bester als in anderen Teilen Deutschlands. Es wäre unrecht, fest aus diese Berhältniste zu bauen, vor ^1000 Jahren hat dasselbe rheinische Volk, aufgereizt durch Fremde, die Judenrnetzeleien begangen, die die Geschichte beridjtci; Ungarn und Bayern sind warnende Beispiele. E h a r a k t e r i st i s ch ist es, wie w i r Juden die Tausendjahrfeier nach dem Festakt mit einer tiefernsten B e t r a ch t u n g der P s y ch o l o g i e des Antisemitismus beginnen, während unsere Mitbürger in allen Städten des Rheinlands sich an Umzügen, Festaussührungen und Veranstaltungen ergötzen. Obwohl die sogenannte R a s s e n t h e o r i e die Köpfe der Menge immer noch beherrscht, ist sie w i s s e n s ch a f t l i ch tot. Ten tieferen Grund des Iudenhastes hier und überall findet man in einer psychologischen Einstellung, die nichts mit dem Unterschied von Christen-