Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 26 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- Seite 457 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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457 Hoöenfunöe jüöWer Altertümer kn Mainz» Von Professor Dr. S. Sülfeld (Mainz). Die Bautätigkeit und die dafür erforderlichen Erdarbeiten, verbunden mit dem Spürsinn der Forscher, bringen von Zeit zu Zeit in Mainz und feiner Umgebung wichtige Bodensunde aus der weckrselvouen Vergangenheit an das Tageslicht. der Gegenwart. Wo Wälle .abgetragen, Festungswerke niedergelegt, Ausschachtungen vorgenommen und Verkehrswege geschaffen wurden, überall haben frühere Zeiten, die fernliegenden wie die nahen, Zeugen ausgestellt für das Wesen, Wirken und Schaffen vergangener Geschlechter. Wer das, seit Jahresfrist unter der umsichtigen Leitung seines Direktors Profesiors E. Neeb nach wisienschaftlichen Gesichtspunkten neugeordnete Altertums-Museum der ^tadt Mainz besucht, wird über den Reichtum an hier geborgenen Altertümern staunen. Neben seltenen Funden aus vorgeschichtlichen Epochen überrascht die Fülle und Pracht des kaum übersehbaren Materials aus den Jahren der Römerherrschast an Ehrensäulen, Denkmälern, Altären, Votivtafeln und anderen Sieinresten, sowie an Gebrauchsgegenständen für das militärische, gewerbliche, häusliche und gesellschaftliche Leben jener alten Zeit. Der Besucher kann sich auch an den Altertümern erfreuen, die an die Völkerwanderung, da kriegerische Volksstämme gegen das römische Weltreich anstürmten, erinnern. Für die Forschung gesichtet und bereitgestellt sind die reichen und mannigfaltigen "Grabfunde der fränkischen Zeit, des späteren Mittelalters und der Neuzeit. Alle diese Schätze sind willkommene Beiträge, das von Urkunden, Chroniken und sonstigen Quellen gezeichnete Geschichtsbild der Stadt zu beleben und zu ergänzen, ja darüber hinaus der Geschichts- und Altertumskunde wertvollen Stofs zu bieten. Manches von allen diesen Funden, die unermüdlicher Fleiß gesichtet, Herkunft, Bedeutung und Zweck derselben erforscht hat. ist nicht zum wenigsten auch von Bedeutung für die Geschichte des alten jüdischen Mainz. Im Verhältnis zum Ganzen ist es nicht viel. Aber für die gewissenhafte Erforschung früherer Zeiten und Zustände kann oft das anscheinend Unbedeutendste von Wert sein. Daß beispielsweise Vorbilder und Muster aus nichtjüdischen zeitgenössischen Kreisen für den Bau und die Einrichtung von Wohnstätten, für Hausbedarf, Kleidung usw. entlehnt worden sind, bedarf keines Beweises. Solche Vorbilder bieten alle Museen. Das Mainzer Altertums-Museum aber birgt kostbare Altertümer, die auf dem von Juden bewohnten Stadtgebiete gefunden wurden, wie Schmuckstücke frühmittelalterlicher Art, wertvolle byzantinische Anhänger, große emaillierte Spangen u. a. Sie lauen auf Handelsbeziehungen mit dem griechischen Osten, mit Ober- und Unteritalien schließen. Diese Annahme wird weiterhin noch gestützt durch die auf demselben Gebiete gemachten Funde an Bleiboletten und Warenplomben, die damals im Orient, in griechischen und italienischen Handelsplätzen gebraucht wurden. Der Anblick erwähnter Schmucksachen und Verkehrszeichen löst die Erinnerung ans an die friedlichen Zeiten um die Wende des Zehnten Jahrhunderts, da Mainz im Zenit feiner Blüte stand, durch bürgerliche Tugenden sich auszeichnete, als ..Haupt und Fürstin unter allen Städten des Reiches" galt, den Namen „das goldene Mainz" (aurea Mogimtia) erwarb und von Zeitgenoyen als regsamer Handelsplatz gerühmt wurde. Diese Wertschätzung war auch seinen I u d e n nt i t z u verdanken. Durch Rcligiosität. Bildung. Sprachkenutniye, Nüchternheit und Fleiß ausgezeichnet, nahmen siebe: ihrem hohen geistigen Innenleben regen Anteil am Derkehrsleben der'Stadt. Sie hatten noch freie Berufswahl und wurden nicht, wie später, auf Gebiete gedrängt, die ihnen von Haus ans fremd und ihrem Empfinden zuwider waren. Urkundlich bewiesen ist, daß es unter ihnen Handwerker, Landwirte, Weinbauern, Kausleme und Vertreter anderer bürgerlicher Berufe gab. Unter den Kaufleuten nahm der Eroßkaufmann eine hervorragende Stellung. Er trieb regen Binnenhandel und unterhielt überseeische Verbindungen. Beweise für seine den Weltverkehr und' die Kultur fördernde Tätigkeit dürften die oben verzeichneten Funde sein. Sind wir so den Spuren des einst frisch Pulsierenden öffentlichen Lebens nachgegangen, so wollen wir jetzt den Dokumenten uns zuwenden, die für die äußere und innere Geschichte der deutschen Juden beweiskräftigen Ouellcnstoss bieten: den in der Gegenwart gefundenen Denksteinen, die seither in: Museum, den: Eisernen Turm an der Rheinstraße und dem alten jüdischen Friedhof an der Mombachersrraße geborgen waren, jetzt aber an letzterwähnter Stätte vereinigt werden. Vereinzelt kamen hm und wieder im Innern der Stadt Steine zum Vorschein. Die größte Anzahl, etwa 100, gab der Boden zurück, als 1859 die Schieneruträuge für die hessische Ludwigs-Bahn zwischen Rhein und Rheinstraße gelegt wurden. Cie sind seinerzeit sachgemäß von Dr. TI. Lehman n in der „Mainzer Zeitschrift" beschrieben worden. Tann folgten Funde onus Mauerresten, Erdarbeiten, bei Neubauten und sonstwo. Der letzte aus einer alten Stadtöesestigung 1922 mit 16 unversehrten, sorgfältigst gehobenen Steinen gewonnene Fund ist, wie weiter gezeigt wird, von erhöhter Bedeutung. Ter älteste Stein datiert vom Jahre 1064 n. Ehr., der längste von 1420. In der Steinhalle des Altertums-Museums fesseln einige gut erhaltene Stücke früherer Funde unser Interesse. Die Inschrift des einen, eines schlichten Grabsteins ans rotem Sandstein, lautet: Welch' grausiges S ch r e ck e n s b i l d entrollen diese wenigen Wortes Wir denken zurück in das letzte Viertel des 13. Jahrhunderts, dasLewniz das dümmste aller Zeiten nennt, da die ungeoildcte der- |7 nrrron t>TraK-o Dairana iv'rpjijiDünjv.D njgD innijsTmTi -’-ietp Uebersetzung. #fDies ist das Grab des Rabbiners R. Meir, Sohn R. Abrahams ha- Kohen, der, weil er am Glauben an. den einzigen Gott treu festhielt, im Jahre 50-11 (— 1281) am 27. Sivan (14. Juni), an dem Tap'e erschlagen ■wurde, da man die Synagoge verbrannte und die Thorarollen zerrissen wurden. Seine Ruhestätte ist Ehre!“ rohte Menschheit die von blind eifernden Fanatikern aufgetischten Märchen glaubte, Handelseisersucht und Brotneid die Konkurrenten totschlug, die vornehmen Schuldenmacher den Pöbel gegen die Gläubiger aufhetzten und ihn zu Raub und Mord trieben. Vom Beginn dieses, mit Schmach und Fluch beladenen Jahrhunderts bis zu seinem ruhelosen Ausgang hat fast jede jüdische Gemeinde in Deutschland ihre Märtyrer gestellt. Die wahnsinnigen Anklagen, die Juden brauchten Christenblut zu rituellen Zwecken, sie schändeten die Hoitien u. dgl.. reizten stets von neuem zu Verfolgung uuch Vernichtung ans. Bis 1281 blieb es in Mainz ruhig. Aber auch hier wuchs die Volkswut, die steh dann im Juni zu Mord und Brandstiftung hinreißen ließ. Keine Geichicktsauelle erwähnt drese^Verfolgimg. Vielleicht ist den frommen Chronikschreibern wor ^cijant das ^chreibrohr aus der Hand geglitten. Ter Sohn des ermordeten Gelehrten, sein Amtsaenosw R. Abraham, Lohn R. Bleies ha- Kohen, der 1313 in Weißeusee i. Th. auch als Märtyrer fiel, hat in einem erschütternden Trauersang das Schicksal der herrlichen Meiropole, der Mainzer jüdischen Gemeinde, beklagt. Tie Verfolgung war der Anstalt ,zu F lucht u u d Auswanderung der TI a i n z e r Inden, die noch einen Zweiten Ueberfall am 13. April 12^3 zu erdulden hatten. Mit Glaubensgenopen aus der Wetterau, Frankfurt, Speyer, Worms und Oppenheim haben sie unter ihrem großen Führer, Rabbi Icir von R othenburg , 1285 D e u c schlau d, wo die Zustände immer unerträglicher wurden, verlassen. Von einer ^teintafel, die an der Front des Gotteshauses angebracht war, ist in der Steinhalle des Museums noch die Halste aufbewahrt. Sie ist bei der Kanalip.eruug vor dem Stadthause gesunden, also ganz in der Nahe der eingeäscherten Synagoge, die dort stand, wo heute der Palast eines Warenhauses die schau- und kauflustige Menge anzieht. Das Bruchstück verzeickmer das Jahr des Svuagogenbaus mit 5031 — 1271. Zwei neben dem Bruchstück ausgestellte, unversehrte Blöcke aus rotem Sandstein, von denen man mit den Worten der Schrift (Hab. 2, 11) sagen kann: „Der Stein von der Wand schreit^süber Unrecht und Frevel), waren Ln der Tat in die Wand einaelayen. Sie sind 1907 bei der Grundsteinlegung des * genannten Warenhauses ans dem Grunde gehoben worden. Sie verzeichnen Spender und deren Gaden zum Zwecke von Reparaturen und für einen aus Steinplatten gefügten Fußboden für die zerstörte oder für die später an ihrer stelle errichtete Synagoge. ~ •»vppArtnirijn n rinsvt~'%p DrnnKi h jnuaS^t)>f /Si fvxshH ^o/nnVrvT1 , ,3^-1 K j* dj/DH 'j^^hrißx/ m h 7>■» yst 1D1 j ffi' J1 pKJi.3 .rn?3 rr^ninscr üebersetzun?. Dies ist die Hinterlassenschaft des Herrn David, Sohn Abrahams, des gelehrten; der acht Mark Silber für diesen Bau sammelte, um damit dio Schäden an den Dächern auszubessem und die Pfort« der Männer- und Frauensynagoge herzusteilen. Seine freiwillige Spende gewähre ihm die Erfüllung seiner Hoffnungen, dem Wunsch seiner Frau Bona und des Rabbiners R. Josephs. (Gott)' geleite sie im Paradiese! Amen, Sela!