Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 26 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- Seite 456 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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456 Eins Ehefchetörmg zu Eleve 17öö. Don C. Andorn (Krefeld). Tie Stadt Cleve liegt in einem Länderwinkel. Grenzpfähle sind in unmittelbarer Nähe aufgerichtet. Hier ist wohlgeeigneter Boden für das Weben der Sage und das Wirken desien, was gemeinhin als Geschichte angesprochen wird. Die geschichtliche Bedeutung der Stadt fällt in die Herwaszeit des Landes, die Blüte ihrer jüdischen Gemeinschaft in die Tage des Elias Gompertz und des Rabbi Juda Mehler. In der schlichten Nabbinerklaufe zu Cleve wurde vor nahezu 160 Jahren eine junge Verbindung gelöst, die nach ihrer Entstehung nichts Ungewöhnliches an sich hatte, deren Ausklang aber jahrelang die jüdischen Gemeinschaften Europas in Erregung hielt. Einer der Mitbeteiligten, der Schreiber und Schriftsteller Simon Kopenhagen, hat in einer, eigenen Schrift zu seiner Rechtfertigung die Geschichte jener bewegenden Ehewirrung ausführlich dargestellt. Ich folge der auszüglichen Wiedergabe späterer Geschichtsschreiber: Am 8. Ellul im Jahre 1766 wurde in Mannheim, dem Wohnort des Bräutigams, die Hochzeit des I s a d Neuburg mit einer Dochter des Jakob Günzenhausen aus Bonn gefeiert. Die „Flitterwochen" verkürzten sich zu wenigen Tagen — wie die ganze Ehedauer. Schon am Sabbat nach der Hochzeit, an welchen! das junge Paar brauchgemäß seine Freunde zu empfangen und zu bewirten hatte, war der Eheliebste davongegangen und die Barmitgist anscheinend auch. In einem Dorf in der Umgebung von Mainz in nichtjüdischem Haus wurde der unselige Ausreißer aufgestvbcrt und mit viel Mühe dazu gebracht, nach Mannheim zurückzukehren. Sein weiterer Aufenthalt war nur von kurzer Tauer. Er gab vor. daß er seines Lebens in Mannheim nicht sicher sei. Tarn in nahm Jakob Gunzenhausen den unsicheren Schwiegersohn und die Tochter mit nach Bonn. Der Ortswechsel übte aus das Gemüt Jsack Neuburgs keine beruhigende Wirkung. Am Abend nach seiner Ankunft bereits ließ er den ihm wohl aus seinen Brautbesuchen in Bonn vertraut gewordenen Simon Kopenhagen' zu sich kouunen und eröjfncte ihm: er könne in Bonn so wenig bleiben wie in Mannheim. Hier wie dort, sei er von Lebensgefahr bedroht. Er wolle darum über Holland nach England fliehen. Leine junge Frau wolle er nicht in sein Geschick verketten und sich darum unterwegs am liebsten von dem Rabbiner zu Eleve, von ihr scheiden lassen. % Simon Kopenhagen willfahrte schließlich dem Unsteten, und auf seine Vermittlung hin schied der Rabbiner Israel Lipschütz am 22. Ellul, genau 14 Tage nach ihrem Vollzug, die Ehe des flüchtigen Mannheimers. Hätten Kopenhagen und Lipschütz die Ltürme vorausgesehen, denen sie fortan ausgesetzt waren, so wären sie wohl weniger willig auf das Verlangen eines milde ausgedrückt absonderlichen Geistes eingegangen. Die Nachricht von der Scheidung seines Sohnes traf Jsacks Vater, Leiser Neuburg in Mannheim, schwer. Ter vermeintlich leichte fertige Scheidespruch des Clever Rabbiners ergrimmte ihn mächtig. Er wandte sich daher um Remedur an den Ortsrabbincr T e w e l e Heß. Dieser traute sich anscheinend nicht die Autorität zu, die Entscheidung seines Kollegen umzustoßen. In Verbindung mit seinem Kollegium wandte er sich aber an das R a b b i n a t z u Frankfurt mit einer ausführlichen Darlegung der Vorgänge und mit der Bitte, die Ehescheidung zu Cleve als" ungültig zu erklären. Die Frankfurter hielten sich ganz im Sinn von Leger Reuburg und Tewele Heß zu diesem Schritt berufen. Sie machten Israel Lipschütz in einem strengen Schreiben schweren Vorhalt und verlangten von ihm kurz und bündig die Ungültigkeitserklärung der von ihm ausgesprochenen Scheidung. Ter Clever erwies sich als nicht minder streitbar. Er verwies den Frankfurtern ihren Ton, verweigerte die Zurücknahme seiner Entscheidung und berief sich auf seine Geltung in der Gelehrtenwelt, die er sich durch eine Reihe anerkannter Schriften erworben habe. Er legte den Vorgang noch einmal dar. führte die Zeugnisse der zugezogenen Persönlichkeiten auf, die gleich Rabbi Lipschütz bekundeten, daß sie an Jsack Neuburg keine Spur geistiger Störung bemerkt hätten, daß die Scheidung also zu Recht bestehe und bestehen bleiben solle, um nicht eine unglückliche Frau für Lebensdauer im Uuglü^ vertrauern zu lassen. Tie Frankfurter verharrten auf ihrem Standpunkt: Jsack Renburgs Verhalten lasse auf Geistesgestörtheit schließen. Bevor das Gegenteil nicht durch Verhör der in Eleve beteiligten Personen festgestellt sei. mühe die von einem Geisteskranken veranlagte Scheidung als nicht geschehen gelten und eine Wiedewerehelichung der jungen Frau als unstatthaft angesehen werden. Limon Kopenhagen folgte dev Vorladung nach Frankfurt, konnte aber zu einem Einverständnis mit feinen Richtern, die ihn ebenfalls mit schweren Vorwürfen bedachten. nicht gelangen. Er sprach ihnen zuvor da?> Reckst ab, sich zu Richtern in dieser Sache auszuwersen. Das Frankfurter Rabbinatskollegium aber bestand auf seiner Berufenheit. Rech ehe Kopenhagen nach Bonn zurückgekehrt war, hatten die Vorsteher der Gemeinde von Frankfurt ans den Befehl erhalten, eine neue Heirat der jungen Frau nicht eher zuzulassen, bis eine entsprechende Erlaubnis des Rabbinats erfolgt sei. Sowohl Leiser 'Reu bürg wie Jakob Gun zenhausen wandten sich nun in Verbindung mit Tewele Heß an alle bedeutenden Rabbiner der jüdischen Gemeinden Europas und an die damals stattfindende Synode zu Br o d- Alle befragten Autoritäten und die Synode stellten sich auf die Seite des Clever Rabbiners und tadelten die Anmaßung des Frankfurter Kollegrurns. Inzwischen war Jsack Neuburg nach einundei«halbjähriger Irrfahrt nach Deutschland zurückgekehrt, kam auch nach Frankfurt, wo er kurze Zeit verweilte, und wurde veranlaßt, zur Feststellung seines Geisteszustandes vor dem Rabbinat zu erscheinen. Tieses erklärte der jüdischen Oeffentlichkeit: Jsack Neuburg sei als unzurechnungsfähig befunden worden; die von einein Geisteskranken verursachte Ehescheidung sei ungültig; die junge Frau dürfe nicht w i e ö c r heiraten. Arisch („Geschichte der Juden in Köln und Umgebung") schließt seine Darstellung des „Clever Getstreites" im Lapidarstil mit den Worten „Und dabei blieb es'" — Tie Frankfurter taten «och.ein übriges: sie verbrannten das Gutachten der Synode zu Brod im Vorhof der Synagoge zu Frankfurt. Eins bleibt in dieser Ehescheidungsgeschichte noch ungeklärt: Jsack Neuburg und seine von ihm geschiedene Frau sind (nach Horovitz „Frankfurter Rabbinen" oder Löwenstein) auf dem Friedhof zu Mannheim beigesetzt. Ich habe wegen des drängenden Absch'.usjes keine Zeit gesunden, den Grund zu erforschen. Vielleicht kommt aus Mannheim darüber Kunde. Jüdische Hochzeit am Rhein vor 250 Jahren. In den „Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln" (1649—1710) (herausaegeben von Tr. Alfred Feilchenseld. Jüdischer Verlag, 1026) lesen wir: Als nun die Zeit der H o ch z e i herankam, find wir zusammen — ich und mein sel. Mann und ein Säugling, den ich bei nur hatte, und meine Tockster Zipora, die Braut, und Rabbi Melr von der Klaus, der jetzt Rabbiner in Friedberg ist, und unser Diener^ der seine Schnml, und eine Tienstmagd —, also mit einer großen Suite, zur Hochzeit gereist. Wie fuhren von Altona aus zu Schiff in Gesellschaft von Mordechai Cohen, Melr Jlius und Aron Todeleve. Was wir für eine lustige Reise gehabt haben, kann ich nicht beschreiben. So sind wir glücklich in aller Lustigkeit und Vergnüglich-- keit nach Amsterdam gekommen. Es ist aber wohl noch drei Wochen vor der Hochzeit gewesen ... Vierzehn Tage vor der Hochzeit sind wir „mit Pauken und Reigentänzen", mehr als zwanzig Leute an der Zahl, nach Cleve gereist und sind dort mit allen Ehren ausgenommen worden. Wir sind da in ein Haus gekommen, das wirklich wie ein Königspalast und in aller Art wohl möbliert gewesen ist. Ten ganzen Tag hat man keine Ruhe gehabt vor vornehmen Herren und Damen, die alle gefoimnen sind und die Braut haben sehen wollen. Wirklich ist meine Tochter gar schön gewesen und hat nicht ihresgleichen gehabt. Nun ist große Zurüstung zu der Hochzeit gewesen. Zn jener Zeit ist in Cleve der Prinz*) gewesen. Damals hat der älteste Prinz. welck)er Kurprinz war, noch gelebt, und dieser (Prinz Friedrichs ist ein junger Herr von ungefähr dreizehn Jahren gewesen. Aber nicht lange danach ist der älteste Kurprinz gestorben und dieser ist an seiner Stelle Kurprinz geworden. Auch Prinz Morst/) und andere Fürstlichkeiten^ und vornehme Herren sind dort gewesen. Sie haben alle sagen lauen, daß sie bei der Kopulation sein wollten. Daher hat sich der Vater des Bräutigams, Elia Cleve, natürlich vorher aus so hohe Gäste eingerichtet. Am Hochzeitstage, gleich nach der Trauung, war eine vorzügliche Kollation von allerhand Konfitüren u. d auserlesenen fremden Weinen und Früchten hergericht-st. Nun kann man sich wohl denken, was für eine Verwirrung da gewesen ist und wie' Elia Cleve und seine Leute alle ihre Gedanken daraus 'gerichtet hatten, solche vornehme Gäste zu traktieren und wohl zu akkomodieren. Daher haben sie nicht einmal Zeit gehabt, einer dem andern die Mitgift zu liefern und vorznzählen, wie es sonst üblich ist. So haben wir unsere Mitgift und Elia Cleve die sinnige in Deutel getan und versiegelt, damit nmn sie nach der Hochzeit zählen sollte. Wie man nun mir dem Brautpaar unter dem. Trauhimmel stand, stellte es sich heraus, daß man in dem großen Trubel vergessen hatte, die Ketuba') zu schreiben. Was sollte man nun tun? Alle Vornehmen mit dem jungen Prinzen haben schon dagestanden jnT> wollten Zusehen. Ta sagte der Rabbiner Melr (Raudnitz). der Bräuugam solle einen Bürgen stellen und sich verpflichten, sofort nach der Hochzeit eine Ketuba schreiben zu lagen. Ter Rabbiner las daraus die Ketuba aus einem Buche vor. Nach der Trauung führte man alle Vornehmen in Elia Cleves großes Prunkgemach, das mit goldenem Leder ausgeschlagen war. Darin stand ein großer Tisch, aus dem die feinsten Leckerbissen waren. So hat man die Vornehmen nach ihrer Würde traktiert. Mein Sohn Mordechai war damals ein Kind von ungefähr fünf Jahren; es gab kein schöneres Kind in der Welt, und wir hatten ihn sehr schön und sauber gekleidet. Alle die Vornehmen haben ihn schwr aufgefressen und besonders der Prinz hat ihn stets bei der Haud gehalten. Wie nun die Vornehmen von den Konsekten und Früchten gegessen und auch wohl von den Weinen getrunken halten, hat man den Tisch abdecken lassen und hinausgetan . . . Tann sind verkleidete Leute hinerngekomnien und haben sich gar schön präsentiert und allerhand Possen gemacht, die zur Ergötztichkeit gedient haben. Zuletzt haben die Verkleideten einen Totentanz ausgesührt, der sehr rar gewesen ist. *) PiWz Friedrich, der spatere Kurfürst Friedrich III. von Trandenburg, seil 1701 «Gras Friedrich I. von Pr eichen. 5) Fürs! Moritz von Nassau, der daurallge EtaichaUcr des Herzogtruns Cleve. ') Urkundr eine CckdvkrschrKbnni?. die der DräutiZvm der Brant am Taae d-er Hochzeit (für den Fall seines Abwöcns oder einer Lcheidung der Ci;e) üussiclllr.