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Central-Verein-Zeitung · 1925-06-26 · 26 (26.6.1925) · p. Seite 455

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
26 (26.6.1925)
Date
1925-06-26
Page
Seite 455 (sequence 21)
Language
German
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455 bjfj * ßeö Mick-wl die Tochter Simon Michaels und die Gattin Lazarus van Gelder ns, ist die Urgroßmutter Heinrich Heines. Simon Michael gelang es rm Jahre 1/17 für die königliche Freistadt Tyrnau in Ungarn den Juden den Durchzug durch die Stadt zu erwirken, was seit unvordenklichen Zeiten nicht mehr möglich gewesen war, und dies Verdienst um die Stadt erschien den damaligen Juden so anerhört, daß der Leichenstein Simon Michaels auf dem Frredhm in der Noßau zu Wien dieses Moment seiner befreienden Tat auf die Nachwelt zu bringen ausersehen ward. So haben die Grabsteine auch hier geredet, bevor noch die Kunde dieser Tatsache durch das Landesarchiv in Ofenpest bekannt geworden war. Am 10. Avril 1,19 wurde auch Simon Michael in Wien .zu Grabe getragen. Als Wohltäter seiner Glaubensbrüder, als ihr Anwalt und Fürsprecher vor Fürstenthronen, als Schn lengrün der und Lehrhausstrfter wird er auf dem Leichenstein verewigt. Das Privitegmnr. das er erwirkt, hatte für den Sterbcfall vorgesorgt: der Schwiegersohn Lazarus van Geldern brauchte feine Zelte in Wien nicht abzubrechen, und als am 11. November 1720 seiner Ehe ein Knabe entsproß, erhielt er den Namen seines Großvaters Simon. Es hat sich aus diesen Jahren ein k ü n st l e r i f ch e s Denkmal erhalten, das von dem patrizischen Haushalt und dem künstlerischen Sinn, den seinen Lebensgewohnheiten im Kreise unseres Lazarus van Geldern zur Zeit seines Wiener Aufenthalts Kunde gibt. Auf der rheinisci>en Jahrtausendausstellung in Köln befindet sich dieses Denkmal, das vom Schreiber dieser Zeilen der Leitung der Ausstellung zur Besichtigung zur Verfügung gestellt worden ist. Es handelt sich um die Pessach-Hagada aus der^Familie van Geldern, ein Meisterwerk hebräischer ^chönschreibekunst, die an den zwei Abenden des jüdischen Osterfestes verlesen und gesungen wird; auf Pergament geschrieben und mit merkwürdigem Bilderschmuck, reich an Farben, ausgeziert. Sie ist 172-3 von Jehnda Löb, dem Sohne Benjamin Wolj Broda aus Trebinch in Mähren, einem ausgezeichneten cchreibkünstler und Maler, für Eleaser, den Sohn Juspa Düsse(dorss, den Schwiegersohn Simeon Preßburgs, das ist Lazarus van Geldern, der Urgroßvater Heinrich Heines, ausgeführt worden. Dieses kleine Kunstwerk hat sich nachweislich in der Familie van Geldern fortgeerbt. Die Erinnerung an dieses alte Buch und seinen Bilderschmuck hat in einem Winkel von Heinrich Heines Seele geschlummert, als er sich mit dem Plane des „Rabbi von B a ch a - rach"' trug, diesem als Torso selbst bewunderungswürdigen Juwel deutscher Erzählerkunst. Es ist ganz so, wie cs Heine schildert: . „Ein hübsch in Sammet und Gold gebundenes Pergament, ein altes Erbstück mit verjähr Lern Weinflecken aus den Zeiten des Großvaters, und worin so viele keck und bunt gemalte Bilder, die allerlei - biblische Geschichten darstellen, als da sind: wie Abraham, die steinernen Götzen seines Paters mit dem Hammer entzweiklopft, wie die Engel zu ihm kommen, wie Moses den Mizrih totscklägt, wie Pharao prächtig auf dem Throne sitzt, wie ihm die Frösche oei Tische selbst keine Ruhe bissen, wie er, Gott sei Dank! versäuft, wie die Kinder Israel vorsichtig durch das Rote Meer gehen, wie sie offenen Maules mit ihren Kühen, Schafen und Ochsen vor dem Berge Mnai stehen, dann auch, wie der fromme König David die Harfe spielt, und endlich wie Jerusalem mit den goldenen Zinnen seines Tempels bestrahlt wird vom Glanze der Sonne." Gustav K a r p e l e s hat in seinem „Rabbi von BacharackG diese Hagada, die er im Hause meines seligen Vaters, des Rabbiners Dr. Frank in Köln gesehen hatte, erwähnt, und auch den Brief, den mein seliger Vater über die Hagada geschrieben bat, zum Abdruck gebracht. Dieser Brief an Gustav Karpeles, der sich über die Hagada aus der Familie Heines eingehend) ausläßt, soll hier seine Wiederholung finden: „In meinem Besitz befindet sich die kostbare Kanada sdiel Pessach. die nach der Tradition über anderthalb Jahrhunderte der Ich weiss nicht, was soll es bedeuten, j Dass ich so traurig bin, Ein Märchen aus altenZeiten, j Das kommt mir nicht aus dem Sinn« Heinrich Heine (Loreley). ange'ebmen Familie van Geldern in Düsseldorf gehörte, welcher bekanntlich Heine entstammte. Das Buch ist im Jahre 1 <23 von Mwe Juda, genannt Löb, crohn des verstorbenen Benjamin Wolf Broda aus Trebitsch. in Mähren, für den „reichen, hochachtbaren, ausg^e-chueten Eliestr, Lohn des in Gott ruhenden Vorstehers Joseph au- Dü"eloorf und Schwiegersohn des verstorbenen Herrn Simon Prcßbura ans Wien", auf Pergament geschrieben. Jeder Anfangsbuchstabe ist ein Meisterstück der Lchreibkunst; was dieser Arbeit aber einen be'anderen Kunstwert verleibt, das sind die den Text begleitenden prächtigen, 'arbenwi'chen Malereien und Initialen. Selbst das Chad gadja vt mir allerliebsten Bildern geschmückt. Man sieht hieraus, daß in der rheinischen Kunststadt Düsseldorf schon vor mehr als 150 Jahren auch in jüdimun Häusern Sinn für die Malerei vorhanden war. Was nun den ersten Besitzer der vorliegenden Hagada anbelangt, so steht fest, daß im erst::: Viertelndes vorigen Jahrhunderts ein Lazarus (Eliestr), ^rbn Jostoöo. in TMelderf lebte, welcher am kurfürstlichen Hoff eine bockackwaw Stellung einnahm. Durch eine Urkunde vom 31. Juli 1727 wuo in t-emselb.'n Jahre, in welchem das Buch geschrieben ist) ernann:- de: Kurfürst den Lazarus van Geldern zu seinem Heffakrcr. Die'er Vertrauensposten beim Landesherrn vererbte sich lange Zeit bei derselben Familie und legt das beste Zeugnis für deren Jntellstenz. 'soziale Stellung und Rechtschaffenheit derselben ab. Wie oben erwähn.:, entstamm: Heinrich Heine dieser Familie van Geldern, deren Stammbaum sich mehr noch als drei Jahrhunderte hindurch r.achrve'sen last:. Lazarus van Geldern war der Urgroßvater Heinrich Heines! Prostnor Dr. David Kaufmann, d-er die Hagada auch bei wir gesehen und bewundert haste, schrieb mir darüber folgendes: ,Jch erinnerte mich bald, wer der Simon Preßburg 'ei, dessen Schwiegersthn Ihre herrliche Hagada gehörte. Es ist der im ersten Viertel des vorigen Jaorhstnderts in Wien verstorbene Simon Michael aus Preßburg, der einer der ersten Mäzene und Schutzanwälte in der damaligen österreichischen Judenheit war." Reminiszenzen an die Poesie des Sederabends und an die Legenden der Hagada finden sich bei Heine noch häusig. cc stell: die Ha gab r ein Denkmal dar, das von dem Ahnensaale Heines Zeugnis abteg: und das sich hier am Rhein in der Familie van Geldern-Heiue erhalten hat." Schreckenstat in Trier. Nach dem Berichte eines Augenzeugen. Im Rheinland brachten die Kreuzzüge blutige Schrecken stär die Juden. Was dem sicheren wode um ihres Glaubens willen voranging, haben jüdische Augenzeugen („Edomch Jüdischer Verlag. Berlin 1919) ausgezeichnet. Mir tiefer Wehmut und innigster Teilnahme liest man, was sich im Jahre 1096 in Trier abrollte. Folgendes ereignete sich, wie mir erzählt war. in Trier am 15. Tage des Nipan, am 1. April 1696. Am ersten Tage des P-esiachfestes kam ein Abgesandter aus Frankreich zu. den Kreuzstorern, ein Mönch namens Petron, den man Peter Prälat nannte. Als er mir großem Gefolge in Trier eintraf, um nach Ieruschlajim zu ziehen, hatte er ein Schreiben der französischen Juden bei sich, daß ihm die Juden allerorten Wegzehrung geben möchten, irr würde zuaunsteu Israels sprechen, und seine Worte würden "als die eines Mönches Beachtung finden. Da ergriff uns ein großes Bangen, und unstw »Test wandelte sich in Trauer. Denn ehe diese Abscheulichen gekommen waren, hatten die Bürger gar nicht daran ged-ncht, der Gemeinde irgend Böses zuzusügen. Der Mönch wurde beschenk: und zog mir den Leinen davon. Aber nun traten die Bürger hervor. Sie hatten mir Neid gehört, was sich in den übrigen Gemeinden von Lothringen zugetragen hatte, wieviel Unheil dort über die Juden verhäng: worden war, und daß man ihnen ihr Vermögen genommen haue. ^Man gab ihnen Geld, jedem einzelnen für sich. Doch alles dies half nicht am Tage des göttlichen Zornes. Denn es war ein Verhängnis von Gort über jenes ganze Geschlecht, daß Er sich anserwählr hatte. Seine Gebote zu erfüllen. Die Feinde hatten bemerkt, daß die Gemeinde zu Trier ihre Tborarollen in ein festes Haus gebracht hatte. Sie gingen noch am selben Tage hin, brachen durch das Dach ein, raubten die Mäntelchen und auch das Silber, womit die Walzen beschlagen waren, warstn die Rollen selbst zu Boden, zerrisien sie und traten sie mit Füßen. Die Juden waren inzwischen zum Erzbischof geilohen: sie gingen nun mit einigen seiner Beamten und Diener — e? selbst war gerade abwesend — nach dem Hause, wo sie die Thorarollen geborgen chastem Ais sie ie zertreten fanden, zerripcn sie ihre Kleider und klagten: X Herr. icf)c an mein Elend, wie der Feind sich erhob'/ Dann hoben sie die Rollen auf, küßten sie und flüchteten mit ihnen in den bischöflichen Palast. Sie kasteiten sich sehr rn jenen Tagen, taten Buße und gute Werke. Sechs Wochen, von Pessach bis Zum Schebuothstste, fasteten sie Tag für Tag und verteilten jeden Abend Geld an Arme. Auch legten sie sich eine Steuer Lus, viermal gaben sie von jedem Vchnv emen Denar, aber alles das reichte für die Bestechungen nicht aus, dinötig waren. Sie gaben und gaben, bis sie ihre ganze Habe und sogar die Mantel von den Schultern weggeaeben hatten. Zuletzt entschloßen ne sich, all-.'s, was ihnen noch geblieben war, dem Bischof Zu geben, auf daß er sie von den Frevlern rette. Aber es nützte ihnen nichts. Denn der Herr hatte sie allbcreits ihren Feinden ausgeliestrt. Sein. Zorn war gegen sie entbrannt und Er verbarg Sein Antlitz vor ihnen am Tage der Ahndung.

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