Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 26 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- Seite 454 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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454 Heine als rheinischer Dichter. Bon Herbert Eulcnberg. Das hat inan viel zu lange übersehen, dies eigentümlich Rheinische bei Heine. Ich habe schon mehrfach jungen brenschen, die sich zu ihrer philosophischen Doktorprüfung rüsten, vorgeschlagen, einmal Heines Werke danach zu durchforschen.. Wie viele ganz und gar rheinische Wendungen finden sich in Heines Dichtung wie in seinen Profastücken. Ja, wie manches rein düsseldvrfisch Gefärbtes spricht uns, die wir es kennen, ans seinen Versen, seinen Schriften an. Ich Hab' es selber erst richtig gemerkt, seitdem ich in und bei dieser Stadt Hause und lebe. Es sind nun dreißig Jahre her, kann ich heute fast mit dem Schluß von Deines Romanze ..Kleines Volk" sprechen, die wieder ganz typisch rheinisch ist, trotzdem er sagt-. „Im Bevertand hört' ich die schnurrige Weise", womit er wohl das braunschweigische Bevern gemeint hat. 6s gibt wohl kaum einen stärkeren Beweis für die vollkommene Assimitationsfähigkeit des deutschen Juden an Deutschland, die so oft auf beiden Teilen bestritten wird, als den Dichter Heinrich Heine. Man kann unmöglich mehr und tiefer ins Niederrheinische aufgehen als dies Heine getan hat. Ich bin überzeugt, wenn man ihn zurückrufen könnte ins Leben, wenn man die erschütternde Totenmaske von ihm. die zurzeit in der Bibliothek seiner Vaterstadt sieht, müder wie die Schatten, die Odysseus mit Blut tränkte, zum sprechen zu bringen wüßte, er würde sogleich in seiner rheinischen Mundart mit uns plaudern, die er bis in das unverfälschteste Platt beherrschte. Wie köstlich frisch und warm hat er noch im Atter seine Jugendzeit geschildert und die räumliche und menschliche Umgebung seiner Kindheit! Im Buch ..Le Grand" wie in seinen „M^noiren", die mir ebenso lieb sind wie die ersten Bücher aus Goethes „Dichtung und Wahrheit". Man sieht und riecht fast die damalige Düsseldorfer Altstadt, die sich bis ans den heutigen Tag noch nicht viel verändert hat. aus jenen Seiten heraus. So wahr und gegenständlich ist das alles geblieben, was er geschildert hat, wie es sich in sein junges Knabeugehirn eintrug. Und noch ein Schönes habe ich als Menschenfreund wie als Rheinländer stets an diesen Beschreibungen seiner Jugend empfunden: daß sie nämlich durchaus nicht mit Bitterkeit erfüllt sind, wie dies sonst die Kindheitserinnerungen so mancher deutscher Inden sind. Nein! Etwas Feindseliges gegen seine Jngendgenosien enthalten diese Schilderungen nicht in einem einzigen Wort. Denn, daß die Straßenjungen ihm nach feinem Namen „Harrys, den ihm sein eitler Vater aus Hochachtung vor einem englischen Geschäftsfreund verliehen hatte, „Harrnh" nachriefcn, und zwar genau so in dem Tonfall, mit dem ein Dreckfahrer aus der Bolkerstraße feinem Esel zusprach, das ist nichts Jndenfeindliches. Das kann dem teutonischsten Knaben widerfahren. Das wind ihm widerfahren, wenn er einen etwas ungewöhnlichen Vornamen oder sonst etwas nicht ganz Regelmäßiges an sich hat. Das nicht Alltägliche wird hierzulande wie wohl überhaucht in der ganzen Welt gern verspottet und verulkt. Aber abgesehen von diesem harmlosen Spaß findet sich nichts in Heines Aufzeichnungen aus seinen Düsseldorfer Jahren, das auf eine Verhöhnung seinerseits durch seine Jugendgespielen oder auf das Gefühl einer mindergeachteten Stellung gegen die übrige Jugend der Stadt spräche. Am Rhein war und ist man stets weniger antisemitisch als in allen anderen Gegenden Deutschlands. Darum ist es auch völlig verkehrt gewesen, Heines Kritik an den deutschen Zuständen auf ein Nachtragen, ein Ressentiment gegen Quälereien oder Neckereien, die ihm zuteil geworden seien, zurückznsühron. Nichts kann falscher sein. Nein! Wann v.nd wo sich Heine an deutschen Persönlichkeiten oder Zuständen rieb, so geschah dies nicht aus Groll oder Haß gegen das Volk oder Land, das ihn gepisackt oder gering geschätzt hätte. Nein! Es geschah ans Liebe zur Demokratie, aus Freude an der Freiheit, wenn er gegen die Knechtseligkeit und die Fürstenkriecherei wetterte oder witzelte. Und auch das ist ein echtes Erbteil vom freien deutschen Rhein gewesen, wo man stets demokratischer als in anderen beutfcf>cn Gauen gedacht hat. Und besonders vor der Preußcnzeit. Heine ist 'in jedem ein echter Rheinländer gewesen und geblieben bis an sein Ende. Und deshalb wollen wir seiner auch bei der sogenannten Jahrtausendseier gern gedenken. Tenn er ist unser. Auch wenn die Br sihräu schon rhm niemals ein Denkmal. am Rhein setzen sollte. Er hat es nicht nötig. Er lebt ja noch mit Ul»s: in unserer Sprache und unjcrm Geist. Die pessach-Hagaöa üer Familie van Geldern. Bon Dr. Heinz Frank, Vorsitzender der Ortsgruppe Köln des E. V. Zmn Eintritt ans den Parnaß wird keine Ahnenprvbe gefordert, sticht darum etwa, weil sie entbehrlich ist. sondern einfach deshalb, weil sie sich von selbst versteht. Es hat noch nie einen großen Mann von gestern gegeben. Bon dem großen Gesetze der Entwicklung, in dem unsere Zeit beim einzelnen wie in der Gesellschaft das Geheimnis aller Lebenserscheinungen erkannt hat, macht auch das Genie keine Ausnahme. Wenn es häufig wie ein erratischer Block mitten in der Ebene ohne Geschichte in dem -Kreise anftrilt, in dem es erscheint, so sind eben hier wie dort, man möchte sagen, die Mächte weggeschmolzen und in Vergessenheit geraten, die cs ans der Zeiten Flut hergetragen und in die Erscheinung gehoben haben. Wie die Entwicklungsgeschichte der Menschheit ihre Lücken durch den Verlust der Archive im Erdinncrn erklärt, so kbnueu nur die Rätsel der Geistesgeschichte nur durch fehlende Glieder iu der Kette der Ucberlicferung beantworten. Alle Geistesgröße ist Erbadel, nnd nin unabweisbarsten wird d'-eü Voraussetzung beim Dichter, denn er arbeitet mit der Summe, mit dem Niederschlage aller Ueberlieserung. uüt der spreche. Wir sind nech Zn weit entfernt von einer Einsicht in die Organisation der edelsten Fähigkeiten des menschlichen Geistes, aber wo immer die wunderbare Besaitung eines Tichtergemütes. die Ausuahniembi zfeit eines Dichte roh res für die zartesten Offenbarungen der Sprachichönheit, der unwägbaren Elemente des Tones und, des Klanges ihren Ursprung habe, sie setzt eine Verfeinerung der Anlage, eine Tnrchllildung aller inneren und äußeren Sinne voraus, wie sie die Natur nur als Ergebnis generationenlanger Arbeit hervorbringt. Wern nur ein Gedicht Heinrich Heines in seiner rollen übenvältigeuden Schönheit aufgegangen ist. wie sich darin, gleich den Stäubchen auf der Glasplatte unter dem Zauberstriche des Fiedelbogens die Worte der deutschen Sprache zu so wundersamen Lautgebilden singend und klingend Znsammenfinden. daß die Seele des Dichters, der Ton seiner Stimme darin aus die Nachwelt zittert, der muß sich jagen: Wer dieses Wunder gewirkt, kann nicht von gestern sein, kann nur als stolzestes Endglied an eine Reihe sich schließen, der diese Sprache nicht fremd gewesen ist. die für alle edleren Sehnsüchte dieses Daseins Sinn und Muße gehabt, jeden höheren Antrieb der Menschenbruft gepflegt und gekrästigt hat. Lei Heinrich Heine sind wir vollkommen in der Lage, seine Abstammung durch die Abfolge der Geschlechter zu begleiten, und Zeugen zu sein von der allmählichen Verfeinerung und Durchbildung. die-seine Erscheinung vorbereitet haben. Wir können bis zu feinen Borahnen in der Judenschaft in Wien Vordringen und verdanken dies den wertvollen Arbeiten über Heinrich Heine s A h n e n s a a l von Professor Tr. David Kau s m a n n in Budapest. Kaiser Leopold I. hatte in der Not der Türkenkriege die Inden wieder vertragen gelernt. 1670 waren die Inden ans Wien und Niederösterreich vertrieben worden. 1687 begann man sie znrnckznrusen oder wieder einzulapen. Um diese Zeit begann in Preßburg ein S i m c n M ichael. Heines Vorfahr, sich bemerkbar und durch Darlehen an die Hofkammer, wie durch Lieferungen an das Heer unentbehrlich zu machen, wodurch er eine bewährte Stütze Der in Ungarn stellenden Armeen wurde. Der Münze in Wien hatte er das nötige Silber zur Ausprägung zu liefern übernommen und so als Münz- und Proviantlieferansi wie er betitelt wurde. Veranlassung. bei den Wiener Acmtern zu verkehren. Am 12. Mai 1706 empfahl die Hofkammer das Gesuch um Errichtung einer „Wechselstube", wie es in der Bittschrift hieß, die Simon Michael im Vereine mit dem damals bekannten Breslauer Münzjudeu Lazarus Hirschl und Herz Lehmann in seiner Vaterstadt Preßburg eröffnen wollte. Simon Michaels Ausgaben wiesen ihn aber nech weiter, und am 14. August 1705 empfahl die Hofkammer der Hoskan.zlei. nn: Simon Michael, seinen Gesellschafter und seine Familie die kaiserliche Erlaubnis zur Niederlassung in Wien zu erwirken. Kaiser Josef l. genehmigte dieses Gesuch am 7. Dezember 1705. Simon Micheel gewährte im folgenden Jahre der Regierung Vorschüsse für ihre militärischen Unternehmungen. Aber auch das Verhältnis zu seiner eigentlichen Heimat in Ungarn löste er nicht, und er ward gleichzeitig als Vorsteher der Judenschaft in Ungarn diesseits der Donau anerkannt und am 23. Jamrar 1707 mit seinen Söhnen Markus und Michael von der ungarischen Kammer als ihr Schutzbefohlener ausgenommen. Am 25. September 1716 nahm Kaiser Karl VI. ihn in seinen landesherrlichen Schutz. In diesem neuen Privilegium Kaiser Karls erscheint neben feinem Namen auch noch der Name seines (Sohnes En och Mich a e l und der Name seines Schwiegersohnes L a z a r Joses. Dieser Buchhalter L a z n t Josef ist der U r g r o s; v a t e i H einri ch Heines, Lazarus van Gelder n , der Sohn des in deutschen Landen weithin angesehenen Juspa oder Josef van Geldern, des Vorstehers der jüdischen Gemeinde von Düsseldorf. Lazarus war zur Zeit dieses Scl)utzbriefes Kaiser Karls, in welchem er als Schwiegersohn und Buchhalter Simon MillHels auftritt, kaum 21 Jahre alt, und es war für Simon Mickwel keine geringe Genugtuung, daß er seine Tcxhter Sarah Lea Michael dem'jungen Träger eines in der Judenheit so angesehenen Namens, Lazarus van Geldern, der von draußen im Reiche zu ihm nach Wien gelominen war, die Hand zum Bunde des Lebens reichen sah. Sarah