Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 26 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- Seite 453 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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453 von öer Wesensart öes rheinischen Juden. Don Rechts anwaliDr. Kurt Alexander (Krefeld). svür den Fernstehenden sind kerniger Humor, sprühender W i tz unbedingte Eigenschaften jedes Rheinländers. Gewrß ist das Rheinland wohl das sonnigste Fleckchen aus deutscher Erde. Gewiß wird an den Usern des Rhei.nes, Zu Füßen der Abhänge, an denen der edelste Wein gedeiht, mancher Humpen mit lachendem Frohsinn geleert. Gewiß tollt in den Wochen und Tagen vor der stillen Fastenzeit eine ausgelassene Fröhlichkeit durch die Straßen fast aller Städte des Rheines. Und doch wäre es falsch, den Humor als die ausgeprägteste Eigenschaft des Rheinländers zu bezeichnen. Sie ist eine Eigenschaft, aber sie ist wohl nicht die am meisten hervorstechende. Vorweg muß eines gesagt werden: Rheinland ist wohl nicht nur die heutige Rheinvrovinz, sondern zum rheinischen Land gehört das ganze Gebiet, das der Rhein durchströmt, von der holländischen Grenze bis etwa nach Mannheim. Die Bewohner dieses großen Landesteiles sind keineswegs wesensgleich. Unter ihnen sind die Einwohner einer Stadt, die besonders den Ruf genießt, Trägerin des rheinischen Frohsinns zll sein: Köln. Wenn der Nichtrheinländer vom' rheinischen Frohsinn und der rheinischen Gernütlichkeit spricht, so meint er damit ganz sicherlich in erster Linie den Kölner Humor und die Kölner Gemütlichkeit. Richtig ist unbedingt, daß die Kölner vielleicht einen viel stärkeren Sinn für Frohsinn haben, als ein erheblicher Teil der übrigen Rheinländer. aber auch Köln ist nicht nur durch diese Eigenschaft seiner Einwohner so mächtig geworden. Gewandtheit. Beweglichkeit, Anpassungsfähigkeit, aber auch Arbeitsamkeit und viele andere Eigenschaften charakterisieren den Rheinländer. Das sind die Fähigkeiten, die die Menscljen in die Lage versetzt haben, ihre Heimat zu eiuem bedeutenden Kulturzentrum nicht nur des Reiches, sondern auch Europas überhaupt zu gestalten. Fast alle Industrien sind im Rheinlande zu Hause. Reben den düsteren Schloten der Schwerindustrie ragen die leichten Karniue der Textilindustrie in die Lust. Handel und Bodenbewirtfchaftuna liegen in starken und bewährten Händen. Kunst und Wipenschaft haben ihre berühmten Stätten. Tie Eigenart der geographischen Lage, die Politischen Schicksale, die auch an Leid nicht gespart haben, die jahrhundertelange Grenzlage, alle diese Tinge haben den Bewohner des Rheinlandes zu Lern gemacht, was er heute ist. Nur schwere Ausgaben, deren Erfüllung der Lebenskampf verlangt, gestalten den Menschen. Daß daneben alte Ueberlieserungen und die herrlichen Schönheiten des Rheinganes nicht ohne Einfluß aus die Charaktorbildimg geblieben sind, ist selbstverständlich. Weil eben dem Rheinländer so viele und schlvere^ und verant- 'oorcungsvolle Ausgaben durch die Entwicklung und Geschichte geckeul worden sind, mußte er ein gewandter, sich jeder Situation anpagender. und jede Lage ausmchender Mensch werden. Langsamkeit konnte ihm nichts fruchten.' Rur durch schnelle Entschlüsse war es ihm möglich, sortzukommeu. Charakteristisch und iuteressaut ist ein Ausspruch, den einer der bedeutendsten der derzeitig lebenden Hochschullehrer der Rechtswissenschaft mir gegenüber vor wenigen Wochen getan hat, er meinte: es sei etwas Eigenes um den jungen, rheinischen Juristen. Der rheinische Jurist entscheide einen Rechlssall mit einem Grunde, der zutresse, 'der Nichtrheinländer aber habe für jeden Fall ein Dutzend Gründe, von denen nicht immer alle zur Entscheidung geeignet seien. Besser kann kaum die Art des Rheinländers gezeichnet werden. Der Rheinländer ist mit Recht stolz ans seine Heimat, und weil seine Heiniat so schön ist, deswegen verläßt er sch nicht gern, und er ist erfreut, wenn er sie anderen zeigen kann. Hier haben wir die Wurzeln der rheinischen Gemütlichkeit, die durch den Frohsinn und den Humor überstrahlt und gehoben werden. lind nun zum rheinischen Inden. Vieles, was eben ganz allgemein vom Rheinländer gesagt ist, gilt auch für ihn, denn das Rheinland ist ja die Stätte, aus der zuerst Juden auf deutscher Erde sich angesiedelt haben. Und seit vielen, vielen Jahrhunderten ist denn auch ^er rheinische Jude mit dem Boden seiner Heimat und nüt dem Leben seiner Mitbürger fest verwurzelt. Aber die Ströme jüdischen Blutes, die in vergangenen Jahrhunderten den Rhein herabgeslntet sind, sind nicht ohne tiefe Nachwirkung geblieben. Wie der^ Jude überhaupt ernster ist kraft des Geschickes, daß seit Jahrtausenden ans ihn lastet, so ist auch der rh 'mische Jude, wenn er auch den Humor liebt und ihn Pflegt, nicht so sehr Träger des Frohsinns. Aber die Regsamkeit, die den Rheinländer anszeichnet, kommt rhm, der seinen Lebenskampf unter besonders schweren Bedingungen führt, in erhöhtem Maße zugute. Im Leben und in der Entwicklung des Rheinlaude? spielt der Jude eine bedeutende Rolle. Au allen wichtigen Ausgaben, die hier gelöst worden sind, haben die Juden erheblichen Anteil. In der heutigen Geschichte des Rheinlaudes stehen sic an führender Stelle. Kein Kulturzweig und kein .±eil des Handels ist da, der nicht von den Juden hervorragend gefordert wird. Auch am geistigen Leben des Rheinlaudes haben sie starken Anteil. Diel weniger als anderswo wird hier im Rheinland die Mitarbmt der Juden verkannt. Wohl hat auch der Judenhaß hier seine Stätten, und unter der Jugend sind leider hier wie allerwürts Bestrebungen stark geworden, die den Juden vom Leben und der Mitarbeit mit andern ausschließen wollen. Aber dieser üppig wuchernde, alles zerstörende Antisemitismus, wie er in andern Teilen des Reiches groß geworden ist, hat hier glücklichenoeise noch keinen Boden gesunden. Wir wollen hoffen und wünschen, daß das Rhein- Ludwig Frank (Mannheim) zog als Reichstagsabgeordnelcr freiwillig in den Krieg und fei im ersten Kriegsjahre. land nicht eines Tages auch zum Schauplatz jener furchtbaren Szenen wird, die sich anderwärts abgespielt haben. Der rheinische Jude ist aber auch Jude. Ich weiß wohl, daß sehr oft dem rheinischen Juden der Vorwurf gemacht wird, er stehe dem Judentum und all dem, was mit ihm Zusammenhang!:, gleichgültig gegenüber. Der Vorwurf ist unbegründet und kann nur in Unkenntnis der wahren Berhältnisie gemacht werden. Nichtig mag vielleicht sein, daß die strengreligiöse Auffassung vom Judentum im Rheinlaude noch stärker an Boden verloren hat, als anderwärts. Aber der jüdische Liberalismus und die Liebe zum jüdischen Gedanken und die Arbeit für ihn und der Stolz aus das Judentum sind hier nicht geringer, sondern vielleicht noch stärker als in irgendeinem anderen Laudesteil. Tie jüdischen Genieinden im Rheinlaude sind führend in der Lösung der Kulturaufgaben. Auch in den kleinsten Gemeinden fontmcn Mißstände, vor allem solche in der Behandlung der Beamten, die man anderwärts mit Recht ans das schwerste getadelt hat, kaum vor. Die jüdischen Organisationen, die politischen, die wissenschaftlichen und die sozialen, haben im Rheinlande igre stärkste stütze. Die jüdische Jugendbewegung ist vom Rheinlande ansgeaangcn und hat hier auch dann im Leben kaum verloren, als sie anderwärts versagen mußte. Wie jeder Rheinländer, so ist auch der rheinische Jude stolz a u r s e i n e Hei m a t. Auch er liebt seine Heiniat aus das innigste. So hat der deutsche Gedanke im deutschen Juden im Rheinlande euren mächtigen Vorkämpfer. In diesem Zusammenhang und in diesem Augenblick muß einmal dieses festgestellt werden: als im Jahre 1923 infolge der Politischen Verhältnisse sich im Rheinlande die bekannten Bestrebungen zur Loslösung des Rheinlandes vom Reiche oder auch nur von Preußen breit machten, war unter denen, die diese Bestrebungen förderten, kein einziger Jude, und doch wurde mancher nichtjüdische Name von Ruf in diesem Zusammenhänge genannt. Tie Liebe des rheinischen Juden zu seiner rheinischen, deutschen Heimat macht sich nicht durch laute Worte und tönende, aber leere Phrasen bemerkbar, sie ist, wie seine Liebe zum Judentum, eine große, starke Liebe, eine Liebe, die zur Arbeit für die H e i m a t z w i u g t. Der Aampf um öle Emanzipation. D a? Eintreten der Rheinischen Stände 1843. Die Rheinischen Stände haben hier da? erste Wort gesprochen. Der Entwurf einer G e m c i n d c v ervrdnung, wie ihn die Regierung vorgcl.'gi hatte, schloß die Juden von der Gemeindevertretung ans; diele Ausnahurcbestinuuung lehnte der Landtag unter Führung der Vertreter des liberalen Bürgertums, B e ck e r a t h , Eamphausen, v d. H e y d t, Merken? u. a., mit mehr al? Zweidrittelmajorität ab (10. Juni 1813). Wenige Wochen danach hatten die stände von sich aus Anlaß, die Frage weiter zu verfolgen. In Verbindung mit Bittschriften au? allen Teilen der Provinz war von mehreren 'Abgeordneten ein Antrag cingebracht worden aus politische und bürgerliche G l e i ch st e l l u n g der Juden, insbesondere auf Aushebung des Dekrets von 1808. Der Berichterstatter, Kanonikus Len sing aus Emmerich, befürwortete ihn in ausführlichen, vortrefflichen Worten, und er wurde mit 08 :5 Stimmem angenommen. Die Vorschläge von 1826 existierten nicht mehr. Ter Eindruck war überall ein außerordentlicher, und die Bedeutung des Beschlusses kann in der Tat nicht übcrschäht werden. Mit ihm war die Gleichberechtigung der I u den zum ersten Male die Forderung einer Landes- Vertretung geworden; es war nicht mehr bloß eine Angelegenheit der jüdischen Gemeinden. 'Bus 2. D a e d : Die jüdische Religionsgemeinschaft. In: „Die Rhein» Provinz 1815 bis 1915". S. 242.