Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1925-06-26 · 26 (26.6.1925) · p. Seite 451

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
26 (26.6.1925)
Date
1925-06-26
Page
Seite 451 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2277379-2277569-2277595--02239-3537166
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

451 Zur Erinnerung an Luöwig Hamberger. (22. Juni 1823—24. März 1899.) Von Dr. Paul Nathan (Berlin). Ein rheinisches Kind war auf- Gerihren In Ludwig Bamberger. Büste von Hugo Reinhold. Im Besitz von Dr. Paal Nathan (Berlin). Phot. Hedi Schiff* Berlin W15. L u d w i g Bamberger; in Ma i nz oeboren und mit westdeutschem Temperament ausgestattet. Westdeutschland, insonderheit das Rhernthal, ist der Sitz ältester deutscher Kultur. Gallier und Germanen berührten sich hier feindlich und freundlich und das erobernde Römertum brachte in diese Gebiete die reife Entwicklung der antiken Welt des Mittelmeeres. Auch jüdische Gemeinden haben seit früher Zeit auf dieser .Grenzlinie zwischen der alternden Antike und dem jugendsrischen, aus der Barbarei tauchenden manentum Sitz gehabt, dem Rheintal haben Völkermischungen ftattgefunden. bunt und wirr genug, uni schon aus der Vergangenheit dieses kleinen Fleckchens Erde den Aberwitz der antisemitischen Behauptung von der Reinheit^ irgendwelcher Rapen zu erweisen. Mainz, der Geburtsort Bambergers, blühte im Mittelalter; es war das „goldene Mainz". Zu Beginn der modernen Zeit fegte die französftche Revolution über dieses Gebiet hin. Die Bärenmützen des großen Napoleon tauchten hier auf, und als dieses gewaltige Drama ausgespielt war und Erschöpfung und Stille zum Sammeln neuer Kräfte über deni Erdteil lagerte, erblickte Ludwig Bamberger in einem jüdischen Mainzer Bürgerhaus, mittleren Wohlstandes das Licht der Welt; ein Jude und ein Mainzer. Bamberger, schwächlich von Jugend auf, studierte, und als Juden öffnete ihm die damalige Zeit nur den Weg zur Juristerei. Der junge Student war zu begabt und wipensdurstig, um eng und ausschließlich sich in sein Fachstudium eiuzuspinnen. Als er sein Studium abgefchlopen hatte, besaß er die Grundlagen universeller Bildung und war zugleich ein guter Jurist. Mit seinem rheinischen Temperament, seinen historischen Kenntnrpen schüttelte ihn aus das heftigste die Revolution des Jahres 1848; aus dem Juristen wurde ein Journalist, der die politische Bewegung sta r t zu beeinflussen suchte durch eine Zeitung, an deren Spitze er trat; aus -dem Journalisten wurde ein Bolksredner, der zu seiner eigenen Ueberraschung Plöhlich entdeckte, daß er schon bei seiner ersten Rede Menschenmassen unter freiem Himmel mit sich fortzureißen Vermochtester war im - Handumdrehen eine Politische Persönlichkeit, und als dann die Revolution des idealistischen, braven und spießigen deutschen Bürgertums zusammenörach. trat Bamberger in die Leitung der Pfälzer bewaffneten Erhebung, ohne begründete Hoffnungen auf Sieg, ehrenhalber, aus kameradschaftlichen Gefühlen, um bei jenen bis Zuletzt auszuharren, die ihn politisch gestützt hatten. ^5 Psalzer Erhebung wunde von der bewaffneten Reatuon bald überwunden; der Traum der Wiederaufrichtung eines freiheitlichen Deutschen Reiches wmr Von neuem ausgeträumt, und Bamberger, den die standrechtliche Erschießung erwartete, floh mit einem kleinen Kreis freunden ins Ausland, in die Schweiz zunächst; dann ging er nach Bo;gien, .Holland, England und schließlich nach Paris, wo er ow Zum poUti\d}cn Umschwung in Deutschland verblieb. 4 Paris trat Bamberger in das große Bankgeschäft seinesAerwaNoten Bich)ofchenn ein: volkswirtschaftlich von der Universität her vorgemloeL^ in die Praxis e'ingesührt durch vorübergehende kaufmannchi^ Tätigkeit seit seinem Fortgang aus der Schweiz wahrem stmeg ^lüchtlmgsledens, und nun in einem Pariser Welthawo an hervorragender Stelle als juristischer Berater und in kurzem w vre gotctzäsriiche Praxis hfti-in^oaen. U'-affr Eamberger zum Weltmann, zum erfahrenen Kenner ^vckrwuLstgas,; aUr es entwurzelte ihn nicht als Deutschen. Dieser deutsche Flüchtling behielt die Sehnsucht nach dem Vaterlande im Herzen, wie bestrickend auch das Leben in der großen Pariser Welt ihn umfing; dieser Verkehr mit der geistigen Elite in der französischen Hauptstadt bereicherte den Deutschen; er verfälschte sein innerstes Wesen nicht. Er, der „Bankier", hörte nicht aus. in deutschen Zeitschriften und in Broschüren über deutsche Politik und über allgemeine politische Fragen zu schreiben, und als dann Bismarck nach den Siegen des Jahres 1866 durch eine Politik des Liberalismus die Reichsgründung vorbereitete, kehrte Bamberger nach Deutschland zurück, ohne daß jenials nachweisbar die gegen ihn erkannten Todesurteile als Hochverräter des Jahres 1818 aufgehoben worden wären. Er wurde Mitglied des Zollpnrlaments und dann Mitglied des Deutschen Reichstags: er war unmittelbar eine der großen tvesralten des parlamentarischen Lebens im neubegründeten Reich. Er, von dem es in den Pariser Polizeiakten ans Grund deutscher Auskünfte hieß: „IZamLer§oi-, Louis, chef des Lundes qui ont ensang,]ant6 le Palatinal.“ Tie Wirtschaftspolitik, die Münzpolitik, das Bankwesen, die Ausgestaltung der Reichsbank, der ganze Komplex der Handelsverträge sind die Gebiete geweftn, denen Bamberger, der Redner voll Eleganz. Witz, Sachkenntnis, praktischer Weltersahrung, theoretischer Belesenheit, sich vor allem widmete, und die er Geüalt gebend beeinflußte in der Zeit der sogenannten liberalen Bismarckschon Periode, und diese Errungenschaften verteidigte Bamberger mit Zähigkeit und mit äußerster Hingabe in Wort und Schrift, als Bismarck in das Lager der wirtschaftlichen und politischen Reaktion hinübergeschwenkt war. In tiefer Erkenntnis des Wesens menschlicher Gesellschaft täuschte sich Ludwig Bamberger nie über den tiefen Zusammenhang von politischer Reaktion und wirtschaftlicher K l assenbevo rzu au n g. Bis in die letzten Tage seines Lebens führte Bamberger diesen Kampf fort, auch als er ohne Hoffnung für die nächste Zukunst seinen Sitz im Parlament freiwillig aufgegeben hatte. Bamberger, der jüdische Rheinländer, -lebensfroh imb-ankir'am, geistvoll und rede-gewaltig, und dazu Schriftsteller von hohem Reiz, Kenner des Wirtschaftslebens und der Weltkultur. gütig als Mensch und weitblickend als Politiker, voll echtem Patriotismus, ein wichtiger Arbeitsmann am Bau unseres Reiches, war eine Verkörperung jenes Menschenschlages voll hoher theoretischer und praktischer Bildung, die das Rheintal, dieser Brennpunkt westlicher, sich kreuzender Eeistesströmungen, dem deutschen Bolke so vielgestaltig und vielfach geschenkt hat. Zrsntkämpfer unö Gefalleye im Rhemlünö. Genau wie alle Teile der deutschen Judenheit hat auch die rheinische Judenheit mit ihren christlichen Volksgenossen zur Ä e r - teidigung des Vaterlandes alle Opfer an Gut und Blut gebracht. Die Kriegsstatistik der deutschen Juden hat Tr. Jacob Segall in seiner Schrift: „Die deutschen Juden als Soldaten im Kriege 1914 bis 1918" (Berlin, Philo-Verlag) behandelt. Er kommt auf Grund einwandfreier Unterlagen zu dem Ergebnis, daß für Rheinland und Hohenzollern bei einer jüdischen Bevölkerungszahl von 57 6O2 Seelen 947 2 Kriegsteilnehmer, das heißt 16.42 Prozent der jüdischen Bevölkerung, zu verzeichnen sind. 853 jüdische Deutsche sind dort bei Kriegsausbruch freiwillig zu den Fahnen geeilt. Bon den Kriegsteilnehmern standen 78,6! Prozent an der Front, 15.76 Prozent nicht; bei 5,63 Prozent sind keine Angaben darüber aus den Unter- Denkmal für die jüdischen Gefallenen Düsseldorfs. HO jüdische Soldaten der Gemeinde Düsseldorf haben den Tod fürs Vaterland gefunden. Ihr Andenken und ihr leuchtendes Beispiel hat die Synagogengemeinde Düsseldorf durch ein weihevolles Denkmal für künftige Geschlechter festgehalten. 0

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.