Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 26 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- Seite 447 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dazu wirkte im garizen die öffentlich-rechtliche Stellung der Juden ols des Königs „Kammerknechte" außerordentlich nachteilig auf ihre Einreihung in den freien und sogar hörigen Grundbesitz, sowie in der Stadt natürlich in alle organisierten, von Freien betriebenen Wirtschaftszweige ein. Wenn die Zünfte freie Geburt von ihren Mitgliedern forderten, so schloß das den Inden ebenso ans, w'.e das Verlangen, sich an der Verehrung des Schutzpatrons zu beteiligen. Dem Juden blieb demnach der Ausweg in die Produktion fast ganz verschlossen. Wenn er auf denr Lande in einem Kotten im eigentlichen rechtlichen Sinne des Wortes saß, so bedentete das nur eine sehr geringe Beteiligung an der .Landwirtschaft, — in einem Umfange, der nur geringe Zuschüße durch Selbstversorgung ergab. In der Stadt konnte er sich mir an Gewerbe halten, die zu klein'waren, um Gegenstand einer Zunft sein zu können. Im Handel waren ihm mm die eigentlich großgespannten Unternehmungen des Außenhandels im wesentlichen verschlossen. Im Verkehrsgewerbe war das auch der Fall; denn dieses wurde durch Fuhrleute- und Schisferacnossenschaften betrieben. Aber am meisten bot ihm dennoch der Handel noch Spiel raum. Er wurde nicht auf diesem neu abgedrängt; denn er brachte ja hauptsächlich Handelstraditionen mit und hatte von vornherein leinen besonderen Drang zur Produktion gehabt. Neu war aber die Reduktion auf die freien Geschäfte des Inlandes im Warenhandel und vor allem ans das Darlehnsgeschäft, in das das jüdische Kapital mehr als je eindrang und dalM bekanntlich durch das kanonische Zinsverbot begünstigt wurde, das dem Christen mit Ausnahme der besonders konzessionierten Lombarden und Cawerzen an dieser Betätigung verhinderte. Der Jude arbeitete freilich auch im Rheinland oft genug zugleich mit christlichem Kapital; denn seine intime Erfahrung und seine Erfolge im Geldgeschäft reizten oft genug den Christen, sich heimlich an diesem zu beteiligen. Krast seines Kapitalbesitzes gehörte besonders auch der Adel zu diesen Teilhabern, eine Tatsache, die allgemein-entwicklungsgeschichtlich auch deshalb naheliegen mußte, weil der Adel neben dem Großkanfmann die erste wirtschaftliche und soziale Kategorie war, die wirklich individualistisch zu wirtschaften suchte. Welche Schicksale das Judentum gerade wegen seiner zum großen Teil gezwungenen Betonung der Kreditgeschäfte auch in den Rheinlanden erfuhr, ist hinlänglich bekannt. Tie Sachlage spitzte sich besonders in den Zeiten zu, in denen die deutschen Kausleute selbst immer ausgedehnter in den Geldhandel eintraten. Denn wie sie nicht unbeteiligt an den Judenverfolgungen waren, so haben sie im 14. Jahrhundert auch die Lombarden bedeutungslos gemacht. Man kann annehmen, daß das Aussterben der Lombardenkonzessionen mit ans die Beeinflussung der zuständigen Gewalten durch die einheimischen christlichen Firmen zurückzuführen ist. Soweit die Städte in Frage kamen, mußte das Auskommen des bürgerlichen Rates an Stelle der alten adligen Regierung Mitwirken. Tatsächlich hat sich auch die Ausschließung der Juden aus den rheinischen Städten erst im späteren Mittelalter vollzogen, als die Demokratie entweder gesiegt hatte, wie zum Beispiel in Köln, oder als es ihr wenigstens gelungen war, einen maßgeblicheren Einfluß in der Stadt zu erringen. Wenn der Jude auf das Land abgedrangt wurde, so blieb ihm dort aus den oben erörterten Gründen hauptsächlich ebenfalls nur die Betätigung im Handel übrig. Teilweise auch angeregt durch seinen rituellen Bedarf ist er dort besonders in den Viehhandel, den Wein- und Getrcideaufkans sowie in dem gesamten vielseitigen Verkehr mit Landesprodukten eingetreten und dabei naturgemäß auch der Bankier der Bauern geworden. Die religiösen Verbrauchsvorschciften hüben dazu ein jüdisches Metzgergeiverbe hervorgernsen. Vom Lande aus kam er später auch in oft sehr enge Beziehungen zur staatlichen Finanzverwaltung. zu Steuerpacht und Anleihegeschäften. Der strenge Katholizismus hat in den Rheinlanden diese Behandlung der Juden auch auf die Protestanten übertragen, die besonder-? in den geistlichen Ländern und in den katholisch bleibenden Reichsstädten Köln und Aachen entweder nicht geduldet oder in eine entrechtete soziale und wirtschaftliche Stellung gedrängt wurden. Ihre Behandlung mußte im Rheinland aus ähnlichen Gründen der geographischen Lage ein bedeutendes, ständig erörtertes Problem werden. Denn hierhin wandten sich besonders auch die westeuropäischen Resngiös seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in erster Linie. Sie machten zunächst am Rheine halt, weil sie hofften, in dessen entwickelterem Wirtschaftsleben besser als in anderen Teilen Deutschlands vorwärts 311 kommen, und weil sie hier Aussicht hatten, in der Nähe ihrer Heimat zu bleiben. Dort, wo wie etwa in der Pfalz oder in einzelnen kleineren Territorien der Landesherr der neuen Lehre angehörte, war ihre Stellung nicht schwierig. In den katholischen weltlichen Ländern, wo der Staat sie ans Gründen der Wirtschaftspolitik duldete, ergaben sich für sie parallele Auswege wie für die Inden. ,Der Protestant unterschied sich aber von diesem vielfach dadurch, daß er aus dem Gewerbe kam und sich draußen daher mehr den entsprechenden Problemen znwandte. Er ging daher aus industrielle Konzessionen aus. Ta er als Dauer aus die gleichen Hindernisse stieß, so organisierte er in den Törsern eine neue Hausindustrie, indem er zunächst die Erzeugnisse der bäuer-' lichen Nebengcwerbe, wie Eisenwaren. Leinwand, Garn, Ton- und Holzwarcn, nuffaufte imb daraus ein ständiges System machte, das den Dauern in einen Heimarbeiter verwandelte. Er lernte diese dazu in Gewerben an, deren Technik er oft ans dem Ausland neu mitbrachte. Er erwarb Wasserrechte und gründete Mühlen, die er zu Fabriken aller Art entwickelte, und als die neuen Arbeit-- und Dampfmaschinen Der westdeutschen Tagung zum Gruss! Am 28. und 29. Juni tagen die westdeutschen Landesverbände unseres Ceniralvereins in Köln. Der innigen Verbundenheit des deutschen Judentums mit der deutschen Heimat, der herzlichen Teilnahme am Geschick der Rheinlande sollen die Kölner Tage schlichten, aufrichtigen Ausdruck geben. Von nah und fern iverden unsere Freunde nach der Stadt am 'deutschen Rheinstrom eilen. Wem von uns die Teilnahme versagt ist, wird seine Gedanken dorthin richten. Mögen die ernst-frohen Kölner Tage allen Teilnehmern Erhebung und Stärkung bedeuten! Mögen sie Aller und Jugend die lautere Wahl heit unseres C. V.-Kerngedankens bekräftigen: Ein deutsches Judentum kann nur gedeihen und blühen, wenn es unverrückbar fest in deutscher Heimaterde wurzelt und wenn es sich mit dem deutschen Vaterland in frohen und vor allem in traurigen Zeiten unlösbar verbunden fühlt. Dr. Ludwig Holländer, Direktor des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. auskamen, war er kraft seiner Traditionen der erste, der - für diese Interesse und Verständnis hatte. Er führte sie in der Regel zuerst ein und gewann damit vor dem bei Handwerk und Zumr viel länger verbleibenden Katholiken einen bedcmenden Vorsprung. So wurde der Protestant der betonte Vertreter des technischen Kapitalismus, und so entstand im Rheinland ein vorwiegend der evangelischen Konscssivn angehörendes Industrie-Unternehmertum. Es ist sicher, daß bei diesen Entivicktungcn auch noch andere Gründe mitgejpielt haben. Aber sehr wesentlich sind dabei doch die Kräfte gewesen, die von der besonderen Struktur des Rheinländer und seiner Bevölkerung herkamen.' Die Wirklingen erstrecken sich aber in der Verteilung der wirtschaftlichen Aufgaben deutlich bis in unsere Tage, obwohl die allgemeine Befreiung der Persönlichkeit und das freie Spiel der Kräfte im Wirtschaftsleben manches verschoben und verwischt haben. Aus öse Geschichte der Aachener Juden. Bedeutsame Einzelheiten. Staatssekretär a. D. Professor Tr. Julius Hirsch, der bekannte Gelehrte und Politiker, ein Aachener Kind, hielt vor längeren Jahren in Aachen einen Vortrag über: „Tie jüdische Gemeinde in A ach e 11." Er hatte die Liebenswürdigkeit, uns das Manuskript dieses Vortrages zu überlassen. Wir geben daraus den Anfang und den Schluß wieder, der, was Heimatsbercchtigung und Achtung der Juden anlangt, reizvolle innere Zusammenhänge aus- Stigt: Glänzender als irgendwo sonst treten die Inden in die Geschichte Aachens ein. Als Karl der Große seine weltberühmte Gesandtschaft an Harun al Raschid, den sagenhaften Kalifen, schickte, da war einer seiner Hauptgcsandten ein Jude. Und da die beiden anderen aiu der beschwerlichen Reise gestorben waren, so brachte Jsaac, so hieß der Abgesandte, allein Brief und Gescheute des Sultans zurück, und er wurde mit großen Ehren hier empfangen. Unter der staunenden Volksmenge, die I s a acs prachtvollen Einzug im Juli 802 mit ansah, waren wohl bestimmt auch schon mehrere seiner Glaubensgenossen. Tenn schon vorher besagen einige uns überlieferte Verordnungen Karls..des Großen, daß die Inden in Aachen nur um die kaiserliche Pfalz herum, also am heutigen Markte und Ehorusplatze, wohnen dursten. ... . . . Als in den achtziger Jahren wie ein neues Aufleben des Mittelalters in ganz Deutschland die antisemitische Bewegung tue Bolksempsindung ansznstachela suchte, da wollte mau auch hier nach Aachen die Agitation verpflanzen. Damals haben, wie wir wohl sesthalten wollen, auf der einen Seile die kath 0 li s ch e G et ft L t ch - Leit, auf der anderen angesehene e v a n g e l i s ch e B ü r g e r geg.?n diese Bewegung hier öffentlich Front gemacht, und sie ist dann auch im Sande verlausen. Und als in eben diesem Jahre 1886 eine Sammlung für die. russischen Vertriebenen hier 20 O00 Mark ergab, da waren über 1 0 0 0 0 M a r k von nichtj ü d i s ch e n M i t b ü r g e r n gezeichnet, und ähnliches haben wir vor zwei Jahren (1906) bei der Sammlung für die Kischinewer Opscr erlebt.