Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 26 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- Seite 446 (sequence 3)
- Language
- German
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V - 446 Konfession unö Wirtschaft in üer geschichtlichen Entwicklung -er RheinlMröe. Don Universitätöprofeffor Dr. B. Krrske (Köln). pr, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Rheinlande ist eigentümlich lhre weiter als in manchen anderen Wirtschaftsgebieten gehende Durchsetzung mit dem religiösen Moment. _ Der fränkische Stamm besitzt ein besonders entwickeltes Bedürfnis nach religiösen Vorstellungen und religiöser Anlehnung, und er hat sich daher eine traditionelle Anhänglichkeit an seine ihm einst vermittelte Religion gewahrt, die nach allen weiten in die rheinische Kulturentwicklung hineinwirkt. Das ist noch heute äußerlich erkennbar an den auch ästhetisch erstaunlichen Ueberlieferungen im Kirchenbau und im kirchlichen Kunstgewerbe und trat früher allerdings noch stärker als in der Gegenwart hervor in einer überaus tätigen Pflege von Reliquien und dementsprechend von Wallfahrten und sonstigem kirchlichen Zeremoniell. Die Religion, die einen besonderen Bedarf an Sinncnsälligkeiten zur Durchführung ihres Kultes hat, mußte immer auch die Produktion beeinflussen und tut es noch; denn nirgends in Deutschland ist besonders das Gewerbe, auch jetzt noch so für die Aufbringung von Kirchenbau und -einrichtungen, für die Ausstattung der Kirchen und ihrer Personen beansprucht. wie am Rhein. In ähnlicher Weise wirkte die gewisienhaste Befolgung kirchlicher Berbrauchsvorfchriften, wie sie namentlich in den Fastenordnungen zum Ausdruck kamen, auf die Wirtschaft seit dem frühesten Mittelalter immer ein. Besonders stark trat der religiöse Einschlag auch in der staatlichen und gesellschaftlichen Organisation aus. nirgends in Deutschland hatte der geistliche Staat so große Bedeutung erlangt und auch zu wahren gewußt, wie in den Rheinländern Hier saßen allein die geistlichen Kurfürsten, und es ist bezeichnend sowohl für den Gang der deutschen Entwicklung als auch den Einfluß des fränkischen (5leinentch in dieser, daß der Vorsitzende des Knrsürstenkollegs der Erzbischof und Kurfürst von Mainz war. Diese Kursürstentüincr wurden außerdem durch zahlreiche kleinere, aber staatlich weitgehend selbständige geistliche Gewalten ergänzt. Da diese Staaten mit der religiösen Airtoritüt der Kirche bewaffnet waren und ein diese bereitwillig anerkennendes Volk hatten, so haben jie sich durch alle Anfechtungen der kirchenresormatorischen Bewegungen halten können, und sie sind erst einem mit stärkster Gewalt über West- und Mitteleuropa dahingehenden neuen individualistischen Geist zum Opfer gefallen. Tie Geltunä der Autorität der Bischöfe im Geistesleben ist aber trotzdem in großem Umfange bestehen geblieben. Die gesellschaftliche Organisation bediente sich in der' älteren Zeit auch am Rhein mit Vorliebe des genossenschaftlichen Prinzips. Die Genossenschaft regelte draußen auf dem Laude den agrarischen Betrieb, die Verhältnisse zwischen Bauer und Grundherr, die Ausnutzung der Wälder und Weiden und andere wichtige Aufgaben. 3n dcr^Stcrdt ordnete sie die gewerbliche Ausbildung und Produktion. Diese Organisationen waren ebenfalls durch die Religion dadurch berührt, daß sie zugleich der Nahmen waren, in dem der einzelne Genosie der Pflege seines Seelenheiles nachging, den Schutzheiligen des Berufs oder des Ortes verehrte und sonst seine religiösen Pflichten und Gepflogenheiten abwickelto, eine Tatsache, die obligatorisch für ihn war. Für die Wirkungen aller dieser Erscheinungen war sehr wichtig, daß sie katholisch waren und daß man an deren Eharakter besonders in den geistlichen Ländern sehr streng festhielt. Eigentümlich war aber zugleich für die rheinische Entwicklung die Durchsetzung des sozialen Lebens mit Personen, die der allgemein 'herrschenden religiösen Meinung nicht zu gehörten. Wenn man von einzelnen christlich-ketzerischen Anwandlungen absieht, kamen hierin bis ins 10. Jahrhundert nur die Juden, daraus neben ihnen auch die Evangelischen in ihren verschiedenen Richtungen in Betracht. Dieses ausfallende Auftreten religiöser Minderheiten erklärte sich aus der ausgeschlossenen Verkehrslage der Rheinlande, die diesem inuner vor 'allem einen internationalen Zug gab. Denn es waren gerade dessen Zusammenhänge, die seit dem Altertum auch religiöse, nationale und Rassenmischungen und -beziehungen bringen mußten. Die Basis jüdischer Einwanderung am Rhein bildeten die fortgeschrittenere südliche Kultur, an der die Juden vollauf teilnahmeu, sowie ihre Zugehörigkeit zum Römischen Reiche, innerhalb dessen sie sich bewegten, und mit dem sie ebenso wie mit seinem Nachfolger, dem fränkischen Staate, den Rhein in erster Linie berühren mußten. Sie kamen hierher nicht allein aus ihrer besonderen religiösen und nationalen Eigenart heraus, sondern auch als Südländer im allgemeinen. Sie besaßen als solche die so oft auf der ganzen Erde feststellbare höhere wirtschaftliche Aktivität des entwickelteren Kulturvolkes gegenüber den jungen Völkern, wie sie hier durch die Germanen wfd Kelten vertreten wurden, wie sich ja neben ihnen auch Römer und Griechen in gleicher Eigenschaft am Rhein eiustellten. Das fortgeschrittenere Volk pflegt in der Regel deshalb aktiver zu sein, weil es vielseitigere Bedürfnisse hat und zu deren Befriedigung die Güter der Fremde heranzieht und selbsttätig aufsucht. Es besitzt dazu noch das vollkommenere Handels- und verkehrstechnische Wissen, das es ihm viel mehr als den Angehörigen zurückgebliebener Völker ermöglicht, sich sicher und erfolgreich in fremden Wirtschaftsgebieten zu bewegen und dessen Außenhandel' zu betreiben. Die Juden sind zugleich gekommen aus dem spezifischen Haudelsgeist und der „Unruhe der semitischen Rasse" heraus, die auch von Phöniziern. Syrern und Arabern geteilt wurde und der sich dieses ursprünglich in Palästina mehr agrarische Volk mehr oder weniger freiwillig angeschlvsseu hat. Insbesondere mögen sie vom Phöniziertum, mit dem sie feit Jahrtausenden immer eng in Verbindung standen, manches angenommen haben. Daß in Europa während des früheren Mittelalters die Inden die Vertreter des in größtem Stile Welthandel treibenden vorderen Orients nicht allein waren, geht daraus hervor, daß am Rhein auch häufig Syrer nachzuweijen sind, und man kann außerdem anuehmen. daß viele Kanfleute, die hier „Griechen" genannt ivorden sind, tatsächlich Vorderasiaten waren, die man nach ihrer Staatsangehörigkeit, zum griechin-römischen Reich, nicht nach ihrer Nation bezeichnete. wie das rm Mittelalter auch bei anderen fremden Kaufleutcn und Reisendelf in Deutschland geschah. Im ferneren Verlauf der Entwicklung vollzog sich auch im Rheinland der Ausgleich in der wirtschaftlichen Betätigung, indem die Deutschen sich den Willen und die Kmntnme zum Außenhandel ebenfalls aneigneten und teilweise vermutlich unmittelbar bei den jüdischen Firmen erlernten, die sich wohl ohnehin einheimischer Elemente als letzter Vermittler, besonders auch in: Hausierhandel nach Germanien hinein, bedient haben mögen. Soweit dieser neue deutsche Aktivhandel sich nach den wichtigsten Punkten des Auslandes, etwa nach Italien, den Niederlanden. England und "Skandinavien, richtete, wurde er genossenschaftlich organisiert in Gilden, die draußen durch gerneinsame Ausbringung der nötigen Geldmittel Rechte erkauften, ihre Lpesther, Herbergen, Kirchen und Handelsgerichte, wie z. B> im Londoner Ltalhos oder int venezianischen Fondaco, entrichteten und auch sonst aus solcher Grundlage ihre Handelszüge sicher und dauernd machten. Gerade die Rheinländer sind unter Führung der Kölner seit dem 11.-Jahrhundert hierin besonders erfolgreich gewesen, so sehr, daß sie Mitte des 12. Jahrhunderts die früher in England vorherrschenden Normannen und Dänen ansschalteten und deren Gildhalle zu London aufkauften, um dancit dort die Grundlage für die spätere Stellung der Hanse zu schassen. Daß die jüdischen Kaufleute bei solchen Vorgängen zuerst in Gefahr kamen, ans der alten vorherrschenden Stellung verdrängt zu werden, lag nahe, obwohl diese Verdrängung sich zugleich allch auf die anderen Fremden, die Levantiner ebenso wie die Italiener, die Normannen und die Friesen, erstreckte. Beim Juden ka:n besonders in Betracht, daß er am Rhein ungleich seßhafter geworden war als die anderen, die anscheinend doch mehr mlr mittels Vertretern und Filialen am Rhein arbeiteten und ihren Schwerpunkt draußen behalten halten. Ter Jude wurde, obwohl Einheimischer, zu diesen neuen Unternehmen nicht zngelassen schon ans dem Grunde, weil deren Gilden zugleich religiöse Bruderschaften und für den Andersgläubigen ohne weiteres unzugänglich waren. Verstärkt wurde der sie ansschlicßende Faktor außerdem durch religiösen Antisemitismus, also durch aggressive Momente, und natürlich in deren Hintergrund durch wirtschaftliche Gegnerschaft. Mehr und mehr wurde diese der Hauptgrund, vou dein ans man dann mit dem religiösen Dorwand arbeitete. Ans der anderen Seite ist aber zu vermuten,' daß auch der Jude ans religiösen Gründen die enge organisatorische Verbindung mit dein Ehrqten nicht allzu lebhaft erstrebt haben mag, da bei ihr eben schon einmal religiöse Ilebnngen nicht auszuschalten waren. Ter Eharakter der alten Genossenschaften hat auch im städtischen Gerverbe und zum großen Teile aus dem Lande den Inden ausschließen und damit verhindern muffen, namentlich in die Produktion übertreten zu können. Es läßt sich im Rheinland besonders auch ans . dem Lande Nachweisen. daß der Jude draußen ans dem Torfe, soweit es sich um die allgemeinen Nutznießungen an Wald und Weide, die unentbehrlichen Grundlagen eines entwickelteren freien landwirtschaftlichen Betriebes, handelie, minderen Rechts und luic die Proletarier, die Kötter, gestellt war. Bernhard Kalk, M. d. 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