Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 25 (19.6.1925)
- Date
- 1925-06-19
- Page
- Seite 434 (sequence 11)
- Language
- German
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434 Der „Zall Lejsing". Vor einigen Jahren bot ein Traum Arthur Schnitzlers Anlaß zu manchen Erörterungen, die weitab von der Linie literarischer Würdigung lagen. Professor Bernhardt, ärztlicher Leiter eines Krankenhauses in Wien, will einem Mädchen, das seiner letzten Stunde entgegendämmert. diese Stunde leicht und freundlich gestalten, ind-em er es bei seinem Wahn beläßt, es würde bald genesen und mit dem Geliebten vereinigt. Ein von der Krankenschwester benachrichtigter Geistlicher erscheint,' mu der Sterbenden die letzte Wegzehrung zu. reichen. Es entsteht ein Konflikt zwischen dem Pflichtbewußtsein des Arztes und dem Lcs Geistlichen, der schließlich damit endet, daß Bernhardt der gegen ihn entfachten Hetze weicht und sein Amt aufgibt. "An dieses Schauspiel' schloß sich damals eine ausgiebige literarische Debatte, warum der Dichter den Helden des Dramas gerade zu einem Juden gestaltet. Derselbe Konflikts hätte sich ergeben, wenn der Professor beispielsweise Protestant gewesen wäre, und durch das Hineinwersen der antisemitischen Frage wird dieses interessante Problem, anstatt in seiner Scharre howorzutreteu, verwirrt und verzerrt. verbogen und verwässert. Tie Frage wurde damals verschieden beantwortet. Der „Hammer" hatte schnell seine Lösung zur Hand. Wäre Bernhardi kein Jude gewesen, dann wäre es nicht 31t dem Konflikt gekommen, da ihm sein natürlicher Takt und sein ethisches Empfinden schon den rechten Weg gezeigt hätte, der ihn aus der heiklen Sitnüston hcrausführt. Bon literarischer ^eite wurde geltend gemacht, daß es Schnitzlers dichterische Art sei, die Probleme durch Hausung verschiedener Momente möglichst zu verschärfen. Tie Wahrheit lag. wie mir scheint, aus einem anderen Blatt: Nicht für die Schürzung des Knotens braucht der Dichter den Juden, sondern für die Losung. Ter Konflikt wäre derselbe gewesen, auch wenn der Prostffor kein Jude gewesen wäre; aber er härte nimmermehr dieselben Folgen gezeitigt. Die Gegner Härten ihren Groll verwahrt und bei passender Gelegenheit zur Entfaltung gebracht. So aber scheint es ihnen das Bequemste und Nichtigste, durch Auspeitschung der antisemitischen Instinkte den Professor zu Falle zu bringen. Deshalb macht der Dichter seinen Helden znm Inden. fjb nicht ein klein wenig, wenn auch im Untergrund des Bewußtseins. diese psychische Einstellung beim Fall des Professors Lessing mitspielte. Tatbestand: Im Kampfe um die Würde des Reichspräsidenten hatte Professor Leising. Dozent der Philosophie an Der Technischen Hochschule zu Hannover, in einer Prager Zeitung einen, sagen wir' wenig geschmackvollen Artikel über Hindenburg als Präsideutichatts-andidaten veröffentlicht. Der Artikel ward zunächst wenig beachtet; als der Wahlkampf aber mit dem Siege Hiudeuburgs geendet hatte, wurde er zum Gegenstand einer Hetze gegen den Versager gemacht: die Studentenchast verhängte die Acht über ihn und drohte, ihn mit Gewalt an der Ausübung des Lehramtes zu hindern, die akademischen Behörden standen „machtlos" mit wohlwollender Duldung diesem Treiben gegenüber,^bis der Minister ste energisch cmwies, der akademischen Lehrfreiheit schütz zu gewähren. Wie liegt nun die Sache? Ich stehe nicht an, den Artikel Lessings, noch dazu im Ausland veröffentlicht, auis tiefste zu bedauern und bcn Mangel an Takt und Geschmack bei dem geistvollen Manne zu beklagen. Auch wenn er im Wahlkampfe geschrieben war, nicht über den Präsidenten des Reiches, sondern einen Kandidaten (was oft verschwiegen wird), mußte ihm doch die vcrehrungswürdige Gestalt eines Hindenburg zu hock', stehen, als daß er mit der milden Ironie des Wcltweiseu sie lächerlich zu machen suchte. Etwas Indisches? Durchaus nicht! Sicherlich sind von manchem hochgebildeten Manne, vielleicht ordcuckichen Professoren, nicht nur "gegen einen Prändeneschaftskaudidaten, sondern gegen dem Präsidenten des Reiches selbst Ausführungen geschrieben worden, weit mehr verunglimpfend uud^heradwürdigend, als die von Lessimz, ohne daß cs für die Berfaner irgendwelche schweren Folgen gehabt hätte. Die Sitten des öffentlichen Lebens sind ja — Colt sei's geklagt! — so sehr in Verwilderung geraten, daß an Stelle sachlichen Kampfes persönliche Verunglimpfungen treten, — ganz anders noch, nl* sie Lessing im Wahlkampf sich zuschulden kommen ließ. In summa: Kein Wort der Entschuldigung für jenen beklagenswerten Artikel: auch die Sympathien, die der Persönlichkeit Leasings entgegengebracht werden, dürften in jüdischen wie in nichtjüdischen Kreisen nicht ungeteilt sein. Aber diese würdelose, brutale Hetze, die nun ein setzte, hat wahrlich mit Takt und Geßchmack und Ehrfurcht gegen das Staatsoberhaupt nichts 31t tun; sie ist nichts anderes als der Vorwand zur AnpöoAei und Vergewaltigung einer mißliebigen Persönlichkeit oder Richtung. Das darf der Staat, wenn er sich nicht selbst aufgcben will, nicht dulden. Und wie Die große Protestversaunnlnng der sreiheillich eingestellten Dolksteile, nicht aus Borliebe für Lesung, entschieden gegen jenen von studentischen Kreisen ausgehenden Terror Einspruch erhob, so muffen auch wir vom jüdischen Standpunkte aus sagen: Mit Lesung und feinem Artikel' haben wir nichts zu tun: wenn aber versucht wird.' ihn zu einem Sturmlaus völkischer Kraftmeierei auszunutzen, dann muffen wir Die vernünftigen und besonnenen Elemente des Volkes aus die Gefahr Hinweisen, die für die Freiheit, Gerechtigkeit und Geistigkeit hinter diesem Rummel lauert und ihnen Zurufen: videant consulcs, ne detrimentuni rc^publica cnpiaf. „Mögen die zuständigen Behörden darüber wachen, daß das SicnQLÄvOhli nicht Schaden erleide." Landra'bbiner Dr. S. Freund (Hannover). Hapreuth. Bon N a b b i u e r Tr. Salomon (Bayreuth). Unseren Lesern werden die Vorgänge erinnerlich sein, die sich anläßlich der Icfcicn Richard- Dag:: er -Fe stspiele in Bayreuth abgespielt haben. Auf jede Werse versuchten damals die völkischen Streife, den Festspiel- Veranstaltungen den Stempel ihrer parteipolitischen Gesinnung aufzu» drücken und den reinen Kunstgenuß zu frören. Siegfried Wagner hatte uns durch ihm besonders nahestehende jüdische Freunde wissen lassen, daß er sich mit diesen Vorkommnissen in keiner Weise identifiziere, und jenen Brief an unser Hauptvorstandsmitg-ied, Dr. Bruno Weil, abgegeben, den wir in Nr. 11 unserer Zeitung veröffentlichten. Im „Berliner Tageblatt", Nr. 150 vorn 29. März 1925, entgegncte Joseph S ch a p r r 0 auf jene Erklärung Wagners, indem er sich zwar ,,F ü r Dagreuth", aber e g e n Siegfried Wagner" ausspricht. — Dieses Für und Wider der Meinungen ließ es uns notwendig erscheinen, eine Würdigung der Verhältnisse aus der Feder unseres Freundes, des Rabbiners Dr. S a l 0 m 0 n , der seit langen Jahren die Lapreuther Verhältnisse genau kennt, zu erbitten. Die Schriftlcitung. Tw Bahrenther Festspiele werden in einigen Wochen ihren Anfang nehmen, und wiederum werden viele unter unseren Glaubensgenoffen sich die Frage vorlegen, ob sie nach den Vorgängen des Vorjahres recht daran tun, die Feststsiele zu besuchen. Als Bayrcuther, der den Dingen und Verhältnisien doch nahesteht, will ich auf Aufforderung zu dieser Frage das Wort nehmen. Bayreuth, die Stadt der Kunst Ricard Wagners, galt ehedem als die vornehme, weihevolle Stätte, die, frei von jeder politischen Tendenz, jedem offenstand, ohne llnterschied des Glauberis und der Abstammung, der sich in Verehrung zur Kunst des Meisters bekannte. Auch viele unserer Glauberisgenoffen wandertcn in andächtiger Stimmung zum Festspielhaus, um dort Erhebung und Erbauung zu finden. Daß Richard Wogrier selbst irr einzelnen Schriften sich unfreundlich gegen das Judentum geäußert hat, war ihnen kein Hindernis; denn lveit über der vergänglichen Meinung des Menschen stand ihnen das Werk des Genius. Der Krieg und besonders die Nachkriegszeit haben auch der Stadt Bayreuth manches Unerfreuliche gezeitigt. Die ruhige ^tadt mit ihrer großen, vornehmen Tradition wurde ein Mittelpunkt Politischer Kampfe. Der Schutz- und Trntzbund suchte sich hier seine Lporen zu verdienen: die Völkischen haben Versammlung auf Versammlung abgehalten, um die Bevölkerung in ihren Kreis und in ihre Bewegung zu ziehen. Ihre Bemühungen waren, wie wir gestehen müssen, leider nicht ohne Erfolg. Ein beträchtlicher Teil der Einwohner, namentlich der Jugend, leistete ihnen Gefolgschaff. Tie Wände und Türen der Häuser wurden mit Hakenkreuzen beschmiert, auf schritt und Tritt begegnete man äußeren Zeichen völkischer Gesinnung. Siegfried Wagner selbst hielt sich von jeder Politischen Betätigung und öffentlichen Stellungnahme fern, doch konnte er nicht verhindern, daß man in seinem Kreise sich weniger zurückhaltend zeigte. Wer von seinen Angehörigen das Bayreuth der Vorkriegszeit nicht kannte, bekannte sich um so lauter und offener zum politischvölkischen Wesen, das ja vom Antisemitismus nicht mehr zu trennen ist. In dieser Atmosphäre nahmen nun die vorjährigen Festspiele ihren Anfang. Siegfried Wagner mochte wohl fühlen, daß auch die Politischen Wellen bis au den Festspielhügel schlugen, ja. selbst das Festspielhaus nnterspülten. Er hatte wohl privatim versucht, der -Knust eine Gaffe zu bahnen, die Festspiele dem politischen Dunstkreis fecuzuhalten und sie allen zugänglich zu machen, doch waren die Wogen starker als der Damm. T i e F e st s P i e l e w a r c n n i d) t f r c t von Politischem Einschlag, und ein Kreis v 0 n B e s u ch e r n t a t n 0 ch sein ü b r i g e s, um die völkische Rote st ä r l e r Hertz 0 r t r e t e n zu lassen. Gegen die Hakenkreuze unv andere Zeugnisse nntisemitisch-völtischcr Betätigung waren wir Bewohner abgestumpft, wir sahen sie nicht mehr; unf so stärker fielen sie den Fremden ins Auge, und wurden voll ihnen unangenehm empfunden und dementsprechend kritisiert. Diese politisch-völkische Atmosphäre, die wie ein Rebelschleier den reinen Aether der Kunst umgab, war ein Erfolg der mehrjährigen Arbeit der Völkischen. S i e g f r i e d W a g n e r hat unzweifelhaft das e r n st e B e st r e b e n , d e u Festspielen i n Z u k u n f t i h r c u a l t e n neutralen Gharakter 10 red er zu sichern. In einer Erklärung, die er Herrn R.-A. Dr. W e i l in Berlin als dem Vertreter des Hauptvorstandes des E. V. übersandt hat, erklärt er ausdrück-- lich, daß die Festspiele „losgelöst von jeder Tagespolitik" statlsiuden sollen. Die Bayreuther Tage sollen „frei von jedem Politischen Einschlag bleiben, jeder, welchen Glaubens und welcher Abstammung er auch sei, soll in Bayreuth willkommen sein". rückt hiermit deutlich in nicht m : ß z u v e r st e h e u d e r Weise von den politisch mißbrauchten vorjährigen Fe st - spielen ab und will sie in Zukunft anders gest a l t e t w i s s e n. _ Manche unserer Glar-be:;sgen0ffcu mögen meinen, daß'dies sofort und in noch schärferer Form, hätte geschehen sotten. Sie vergeffcn, daß Siegfried W a g n e r s e l b st dieses Treiben nicht veranlaßt, von manchem sicherlich erst später erfahren hat. Es kommt doch auch nicht auf die Kraft der Worte an, sondern auf den Willen. Wir haben keinen Grund, diesen zu bezweifeln. Bon anderer Seite erinnert mau au bestimmte judcnfeiudliche Aeußerungen Siegfried Wagners. Das mag zutrcsfen. A n ch u n ch 111 einer Ucbc r 5c n ij i! 11 0 fehlt H cr r n Wa gn er, der in seinen