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Central-Verein-Zeitung · 1925-06-19 · 25 (19.6.1925) · p. Seite 433

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
25 (19.6.1925)
Date
1925-06-19
Page
Seite 433 (sequence 9)
Language
German
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433 für einzelne Juleressicrte mein* darstellen wird, oder aber ob er! einen Markstein in der Geschichte der Juden darstellen wird, einer großen historischen Zusammenkunft gleich, die noch heute im Herzen aller Juden fortlebt. Möge der große Augenblick kein kleines .Geschlecht finden. Rabbirrev Dr. T. Wcktze, der Führer der Neligröserr MiLteLpartei, schreibt: Zum ersten Male in der Geschichte der Juden in Preußen soll am nächsten Sonntag eine berufene eingreifende Organisation der Jüdischen Gemeinden in Preußen in Aktion treten, um die großen Ausgaben, die ihrer harren, zu lösen. Erst im neuen Deutschland der Nachkriegszeit wurde dieses möglich. Tie alte Verfassung der Juden in Preußen kannte nur Gemeinden, aber kein Judentum, und mit voller Absicht verhinderte sie alles, was den einheitlichen Gedanken der Jndenheit zu starken geeignet ist. Die neue Organisation ist, wie alle gesunden Errungenschaften, eine Geburt der Not der Zeit. Zwei Gedanken sind es, die sie ins Leben gerufen haben, und die dazu berufen sind, ihr Kraft und Tauer zu geben: Die würdige Repräsentation der Jndenheit des Landes nach außen und die religiöse Hilfe für die schwachen, kleinen Gemeinden. Leide Grundideen sind Forderungen der Gesa m tjndcnhcit und sie tangieren nicht die Interessen irgendeiner Partei oder Richtung. Und doch mußten nur es zu unserem Schmerze erleben, daß schon bei der Wahl der Tclegierten zu dieser neuen Organisation die Gegensätze scharf aufeinanderprallten und förmliche Schlachten mit allen modernen giftigen Massen geliefert wurden. Das ist psychologisch nur ans der geistigen Einstellung unserer Zeit zu verstehen. Tie Nachkriegszeit neigt, wie aus Politischen:, auch auf religiös-ethischem Gebiete, gern zu Extremen, und alle höheren Gesichtspunkte der Zukunft werden durch das Streben nach augenblicklicher Macht verdrängt. Noch verhängnisvoller aber als in der Politik sind die Früchte dieser Erscheinungen in der Religion. Denn religiöse Weltanschauungen werden nicht im Sturm des Kampfes, s ond er u in einer ruhigen E n tw icklung gewonnen. Und innere Harmonie ist die erste Bedingung für eine abgeklärte Religiosität. Im Judentum zeigte sich stets, auch in finsterster Zeit, das Streben nach einheitlicher Erfassung des Lebens, nach Berschmelzuna des Individuums mit der Universalität durch den ewigen Gedanken der Offenbarung Gottes in allem Hohen und Schönen. Tie größte Stärke des Judentums besteht darin, daß bei aller Tiefe des Gemüts die Vernunft nie ausgeschaltet wird. So vermögen die zerstörenden Kräfte der Leidenschaft nicht gar zu viel Unheil anznrichten. Und die gesunde Mitte blieb die. Siegerin. Keine Zeit vielleicht war so sehr von inneren und äußeren Stürmen bedroht wie die unsrige, und uferlose Kämpfe könnten uns honte die letzten jüdischen Kräfte rauben. Menu der neuen Organisation der preußischen Jndenheit eine Gefahr droht, so ist es die. daß sie zum Tummelplatz heftiger Parteikümpse werden könnte. Mancher ernstdenkende Jude wird es daher mit Freuden begrüßen, daß sich auf dem Verbandstage auch eine Fraktion der religiösen Mitte befindet, die ohne Ambition der Macht bestrebt ist, das geschichtliche Judentum mit Ernst und Würde zu vertreten. Was wir in der Mittelpartei erstreben, das ist wohl am besten in den Leitsätzen unseres Programms ausgedrückt: „Die Grundgedanken des Judentunis sind von ewigem Wahrheitswerte und für unser religiöses Leben bestimmend. Tie Wahrheit dieser Grundgedanken kann durch leinen Fortschritt der Wissenschaft erschüttert werden. Das Judentum hat sich, wie in der Vergangenheit, so auch in unserer Zeit, der Entwicklung der Wissenschaft und den Forderungen des Lebens in Einklang gehalten, ohne jedoch seinen Charakter und seine Eigenart zu verleugnen und äußeren Rücksichten die Normen seiner Gestaltung zu entnehmen. ' Leben und Religion sollen dadurch zu einer Einheit verschmelzen, daß das Leben mit religiöser Wärme erfüllt wird. Tie Religion soll, ihren: sittlichen Berufe entsprechend, das Leben meistern. Die religiösen Ueberzengnngcn verlangen einen Ausdruck in Formen des religiösen Lebens. Als solcher Ausdruck des religiös-sittlichen Gedankens sind uns die überlieferten Formen durch Gebot und Geschichte geheiligt." Das ist für jeden, der sich ernstlich mit religiösen Problemen befaßt, klar und deutlich. Wir stehen aus dem Boden der jüdischen Geschichte, ohne aber den Kontakt mit dem Leben zu verlieren. Als moderne Menschen verleugnen wir das Prinzip der Entwicklung auch in der Religion nicht. Aber die Grenzen dieser Entwicklung sind gegeben durch den jüdischen Geist, durch die jüdische Eigenart. Wir sind bei aller Anerkennung für den opferfreudigen Idealismus des alten Judentums nicht orthodox, weil uns das Jndentnm ein . ewig lebender Fluß ist, der nie erstarrt und sich mit altem Großen und Schönen vereinigt. Und wir sind noch weniger radikal, »veil wir das Judentum nicht aus dem Nahmen der Geschichte herausfallen lasten wollen und daher alles Wesensfremde ablehnen. Dieses Programm, das niernand angreift und nur für sich das Recht in Anspruch nimmt, alle, die sich nach innigen: Jndentnm sehnen, um sich zu scharen, ist wohl als Programm des Friedens und nicht des Kampfes anznsprechen. Und doch wurden wir in einer Weise angegriffen, die Gerechtigkeit und Vornehmheit vermissen läßt. Das 'Beschämendste dabei ist, daß man sich gegen das, was man uns vorwirst, schwer verteidigen kann, weil es eben Schlagworte und keine Gedanken sind. Man spricht uns die moderne Gesinnung ab. weil wir nicht das Judentum ohne inneres Bedürfnis reformiere:: »vollen. Man ruft uns immer wieder das ebenso bequeme wie oberflächliche „Entweder— oder" zu. Man scheint ganz zu vergesten, daß in den beiden Peripherien rechts und links sich nur eine ganz geringe Minorität befindet, und daß im übrigen hundert tausende Juden Deutschlands weder „entweder" noch „oder" sind. Alan wirst uns Mangel an Homogenität vor und bedenkt nicht, daß es in jeder Partei verschiedene Schattierungen gibt, die höchstens durch eine gemeinsame Ideologie überdacht werden. Aber trotz aller Angriffe werden wir unbeirrt den Weg weiter gehen, der zum Frieden und zur organischen Entwicklung in: Judentum führt. In Berlin und im ganzen Reiche hat rnan unsere Bestrebung wohl verstanden, und viele Rabbiner und Laien stimmen uns begeistert zu. Wir wollen nicht kämpftn, sondern arbeiten. Wir wollen die jüdijckzen Kräfte sammeln und sie dem großen Gedanken der Zukunst dienstbar machen. Versöhnung und Ausgleich durch die Betonung der jüdischen Einheit, das soll unsere Parole sein. Dis §cucht öes Lanöes. W o ch e n b e t r a ch t u n g. Tie Vorgeschichte Israels, wie sie uns in den Büchern des Pentateuch erzählt wird, von dem ersten Patriarchen bis Josua, bewegt sich einem Ziele zu: dem Lande der Verheißung. Dieses Volk war eben von Natur durchaus kein Nomadenvolk mit unausrottbarem Wandertrieb, als welches cs seine alten und neuen Gegner so gern hinstellen wollen. Tief in seiner Seele schluminerte die heiße Sehnsucht nach dem Lande, nach dem eigenen Boden, nach einer Heimat. Als cs endlich vor dem lange ersehnten Ziel seiner Wanderung steht und sein großer Führer die Fürsten der Stämme zur Erkundung aussendet, da legt er ihnen besonders die Erforschung der Natur und Eigenart des Landes ans Herz. Es gibt ^ein Land, das seine Kinder zu Helden erzieht, und ein anderes, degen Sohne Schwächlinge sind, ein Land, ausreichend für starke Besiedlung, ein anderes, das nur eine schwache Bevölkerung trägt, ein fruchtbares und ein rnageres Land. In dreimaligen: Ansatz wird immer wieder nach der Art des Landes gefragt, nnb die Rede schließt mit den Worten: Zeiget euch stark und nehmet von der Frucht des Landes. Gewiß freute sich das Volk der wunderbaren Gottesgabe des Manna. Auch auf seiner Wanderung ward ihm die Fürsorge des Höchsten zuteil. Es brauchte auch in 'der Wüste nicht zu hungern und zu dursten. Aber ein besonders feierlicher Gedenktag war es doch, als die Heerscharen Israels zum ersten Male von dem Ertrage des eigenen Landes genießen konnten. Stark ist ein Volk, das vom eigenen Boden die felbstgezogene Frucht sich nehmen kann. Nur einem solchen erwachsen Helden und die Fülle starker und gesunder Männer und Frauen. Nur aus einem Volk, das selbst sein Brot sich säet und erntet, quillt eigene Art. Aus der Frucht des Landes strömt auch die himmlische Kraft eigenen originalen Schaffens aus allen Gebieten des Geistes. Tie Ursache der Judennot aller Zeiten und besonders auch unserer Tage ist das Abgeschnittensein vonr Boden, vom Lande. Die politisch-ökonomischen Umwälzungen unserer Zeit konnten leichthin Hunderttansende von Juden um ihren Erwerb bringen, weil sie nicht fest mit dem Boden verbunden waren. Es sollte eine gemeinsame Aktion aller jüdischen Parteien möglich sein, um hier Hilfe zu leisten. Alle politischen Gesichtspunkte sollten fernbleiben. Es gilt. Unglücklichen, Verdrängten wirtschaftliche Hilfe und Erlösung zu bringen. Man darf sich nicht auf ein Land beschränken. das im besten Falle, wenn auch seine heiligen Erinnerungen seelische Kräfte und Begeisterung wecken, doch nur Tausenden helfen kann. Es gilt, den Masten zu helfen. Ta muß der weiteste Gesichtskreis ins Auge gefaßt werden. Wenn es nicht mehr bloß heißt Bolksnot zu beseitigen, sondern gegen Menschennot zu kämpfen, werden sich alle zusammenfinden, und ein Werk, das zum Zankapfel geworden, wird zum wahrhaften Einigungspunkt werden. Darum ergeht der Ruf an unsere Zeit: Werdet stark und nehmet von der Frucht des Landes. Kehret zurück zum Lande, zur Einfachheit und Natürlichkeit, zur ehrlichen Arbeit im Schweiße des Angesichts, zu den heiligen Tugenden der Ahnen! Lastet ab von dem Streben nach Uebersluß, von dem rastlosen und zwecklosen Ringen um den nichtigen Tand des rnodernen Lebens. Erfüllet eure verdorrten Gebeine mit dem heiligen Geiste des Göttlichen, der ans dem Lande euch zuströmt. Bereitet euch vor auf eure große Aufgabe, und ihr werdet stark werden und die Früchte des Landes genießen. Hofsmann. Die „C.V.-Zeitung** wird den Lesehallen aller grösseren Kur- und Badeorte sofort nach Erscheinen zugeschickt. Sollte in einem Lesesaal die „C.V.-Zeitnng“ nicht ansliegen, so bitten wir unsere Freunde, sich dort zu erkundigen, ob die Zeitung nicht geliefert wird, und uns umgehend zu benachrichtigen.

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