Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 25 (19.6.1925)
- Date
- 1925-06-19
- Page
- Seite 432 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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❖ Am 21. Juni wird der P r e u ß i s ch e L a n d e s v e r b a n d jüdischer Gemeinde n seine e r st e Tagung abhalten. Im heißen Wahlkampf geboren, wird er nunmehr zu beweisen haben, ob er eine ernste Arbeitsstätte für das religiöse uuö soziale Wohl des preußischen Judentums oder ein wilder Tummelplatz politischer Agitation werden will. Mögen die religiösen Parteien, die das große Uebergewicht in der Landesverbandsversamnrlrrng besitzen, für sachliche Arbeit sich kraftvoll einsetzen, mögen die Beschlüsse des Verbandes von religiös-jüdischem Geiste getragen' sein, mögen die Männer und Frauen, die der Verbandsoersammtung angehören, bei ihrem ehrenamtlichen Schaffen sich stets von gesunden d e n t s ch v a t e r l ä n d i s ch e n Gesichtspunkten und Herzensempfindungen leiten lassen. Die Aeußerungen der Führer der drei religiösen Parteien, die wir anschließend veröffentlichen, lassen erkennen, welche wichtigen Ausgaben der Verbandstagung harren. Daß sie zum Segen« des preußischen und deutschen Judentums, zum Wähle des deutschen Vaterlandes ihr befriedigende Lösung finden, wünschen wir von ganzem Herzen. Moritz A. Loeb, Der Führer der Konservativen, schreibt: Die Frage: Was erwarten wir von der Tagung unseres Verbandes? kann nur beantwortet werden, wenn man auf die Motive zurückgeht, die vor drei Jahren zur Gründung des Verbandes geführt haben. Es war vor allem die ungeheure Not. in die der. Weltkrieg und noch mehr die ihm folgende Inflation unsere kleinen und mittleren Gemeinden versetzt hatten, die zur Gründung des Verbandes führten. Es mag in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, daß die früheren Bestrebungen zur Gründung einer Organisation in-Preußen, «die an die Namen R o s i n und M a ch o l geknüpft sind, an dem Widerstand der gesetzestreuen Richtung scheiterten, weil sich diese den geplanten Zwangsmaßnahmen nicht fügen wollte und konnte. Jene damals gemachten Erfahrungen waren nicht umsonst. Art. 7 der Verfassung des Preußischen Landesverbandes bcstmunt klär und deutlich: Tie Selbständigkeit der Gemeinden in der Ordnung und Verwaltung ihrer Angelegenheiten wird durch die Zugehörigkeit zu Verbände nicht berührt. Aber auch bei genauer Jnnehaltung dieser Bestimmung bietet sich dem Verbände ein reiches Arbeitsfeld. Tie Z u st n n b c notleidender Gemeinden haben sich'seit der Gründung weiter verschlechtert. In Hunderten von kleinen Gemeinden entbehren die Kinder des Religionsunterrichtes, findet ein regelmäßiger Gottesdienst nicht mehr statt und fehlen alle die Dinge, die nun einmal den Charakter einer jüdischen Gemeinde ausmachen. Hier muß Hand angelegt werden. Durch Schaffung von Bezirksverbänden, Bestellung von Wanderlehrern sind diese Lücken anszusüllen. Es wird dies ein gerüttelt Maß von Arbeit, nicht minder aber auch die Bereitstellung bedeutender Mittel erfordern. Ob und imuieiwit der preußische Staat geneigt sein wird, hier helfend einzugreisen, läßt sich im Augenblick noch nicht sagen. Die Verpflichtung des Staates ist sicher vorhanden angesichts des Umstandes, daß die katholische und protestantische Kirche bedeutende Beträge ans den Mitteln aller Steuerzahler erhallen. Jedenfalls muh der Verband alles ausbietcn, um auch hier der jüdischen Religionsgesellschast zu ihrem Rechte zu verheben. Nur darf die den notleidenden Gemeinden zu bringende Hilfe nicht von der Unterstützung des Staates abhängig gemacht werden. Diese muß vielmehr ungesäumt einsetzen. - Ein nicht minder wichtiger Ppukt ist die Fürsorge für den Nachwuchs von R e l i g i o n s l e h r c r n. Der Umstand, daß die S blühenden Lehrerseminare in Berlin, Kassel. Hannover und . er ihre Pforten schließen mußten, ohne daß bis jetzt Ersatz geschaffen wurde, führt in fünf bis zehn Jahren zu einem iatastrophaken Lehrermangel. A^rch hier müssen sofort Mittel und Wege gefunden werden, lim diesen Ersatz sicherzustellen. Die längst geforderte Revision des I u d e n g e* etzes von 1847 ist bei der Preußischen Regierung endlich in Flmr geraten. Von dem im Ministerium bereits ausgearbeiteten Entwurf ind die Hauptbestimmungen bekannt. Sie geben zmu Teil Anlaß zu chwerwiegenden Bedenken, und cs wird die Aufgabe des Verbandsages bzw. einer von ihm einzusetzcndcn Kommission sein, diese Frage gründlich zu studieren, um evtl, der Regierung Verbesserungsvorschläge machen zu können. Diese kurze UebersichL beweist, daß genügend Stoff vorhanden ist, die Arbeit des Verbandet, insbesondere der bevorstehenden Tagung, zu einer ersprießlichen und segensreichen zu gestalten. Aber eine Bcdinguna erscheLn t dabei unerläßlich: es muß jede Major isierung der einen Richtung durch die andere vermieden werden. Tie Beschlüsse müssen von denr Gedanken getragen werden, daß es .sich hier um das Wohl der Gesamtheit des Preußischen Judentums handelt. Wird dieser Gesichtspunkt stets beachtet, dann dürste es auch nicht schwer fallen, in dem Widerstreit der Meinungen, der ja nicht ausbleiben wird, die vermittelnde, befriedigende Lösung zu finden. Rechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender der Vereinigung für Vas liberale Judentum, schreibt: Tie großen sachlichen A usgaben des Landesverbandes sind seit jeher von allen jüdischen 'Richtungen als Gemeinschaftsausgabe des deutschen Judentums angesehen worden. Als die Hauptaufgabe erachte ich die Unterhaltung des j ü d i s ch c n Lebens in d e n K l c i n - und Mittelgemeinden d u r ch S ch a f f lt n g g e n ü g e n d e r Rabbinern ii b Sekret [teilen. Gotteshaus und Schulhaus sind die Mittelpunkte jüdischen Lebens. Verwaist die Kanzel und der Lehrerstnhl. so stirbt das jüdische Leben ab. Es ist ausgeschlossen, daß die Mittel- und Klcingemeinden diejenigen Beträge^ anfwenden, die die Pfleger des geistigen Lebens beanspruchen müpen, um unbehelligt von materiellen Sorgen ihrer Forscher-, Lehrer- und Seelsorgertätigkeit nachgehen zu können. Hier muß die geeinte Kraft die Einzelgemeinde unterstützen. Hand in Hand hiermit geht die Fürsorge siir die im Ausfterbcu begriffenen Lehrer- und Robbinerbildnngsanstalten. Hier beginnt auch sehr ernstlich das Interesse der Großgemeinden, die schon heute große Mühe haben, die offenen Stellen mit geeignetem Nachwuchs zu besetzen. Es muß, wie cs ideell eine Freude und Ehre ist. Lehrer und Rabbiner der Inden zu sein, so auch materiell eine gehobene Tätigkeit darstellen, jüdische Weisen und jüdische Lehren zu verbreiten. In ganz ungeahnter Weise ist der Kreis der jüdischen Aufgaben gewachsen, und mit dem Wachsen der Aufgaben auch d i e E r k e n n tnis, daß die Organisation der Wohlfahrtspflege er st die Möglichkeit schasst, in geeigneter Weise zu Helsen. Wohl ist von jeher die Erjüllnng des Gcmiluss ehessed eine Ehrenpflicht aller jüdischen Gemeinden beziehungsweise freiwilliger jüdischer Organisationen gewesen. Aber außer dem von jeher gepflegten Dienst an Alten, Armen, Kranken und Verstorbenen gilt es heute, dir Jugendpflege, die Gesährdetensürsorge, die Bekämpfung der großen Dolksseuchen, die Berufsberatung und Erziehung, die Bekämpfung der Abwanderung in die großen Städte und die Rückführung aufs Land, die Bekämpfung der Mischehe, die Fürsorge für ortsfremde Jünglinge und Mädchen, die Kleinrentner- und Mittelstandssürsorge, kurz alles Aufgaben, die nur durch weite ^icht und mit großen Mitteln zu lösen sind. Hierfür sind erhebliche Opfer notwendig und die großen Gemeinden, unter ihnen wird Berlin es in erster Reihe wieder sein, welche ihren Mitgliedern diese Opfer znmnten ivird. Aber wenn wir von jeher betont haben, daß wir die Verlegung des Schwerpunktes jüdischer Arbeit außerhalb Deutschlands ablehnen. weil im Innern genug zu tun ist, so darf dieses Erbieten zur Arbeit leine bloße antizionistische Tirade sein, sondern es gilt, durch Opfer und Arbeit zu beweisen, daß w i r deutschen Juden, auch soweit wir das nationale Judentum a b l e h n e n. die Gemeinschaftsarbeit für die Israel von Gott gesetzten Ziele nicht vergoss e n h a b e n. Die Aufbringung der Mittel einigermaßen zu sichern wird nicht leicht sein. Wir erwarten von dem Verständnis der öffentlichen Organe, daß sie uns auch ihrerseits materielle Förderung werden cmgcdeihen lassen, wie dies den christlichen Kirchen von jeher zuteil geworden ist. Im Vordergrund der Arbeit wird serner die A u s g ab e st e h e n, dem in den!etzten 75 Jahren so grundlegend geänderten jüdischen Leben in Deutschland einen Rahmen zu geben, der dieser Entwicklung angemessen ist. Ncch gelten in Preußen eine ganze Anzahl verschiedener Juden gesetzt, von denen das alte preußische von 18-17, so veraltet es auch ist, noch bei weitem nicht das rückständigste ist. Es gilt, ein Gesetz zu schassen, das der Reichsverfassung entsprechend die Freiheit der jüdischen Gemeinschaft sestlegt und das Aussichtsrecht des Staates in genau vorgeschriebeuen Lahnen hält, der Austrittbewegung aus der Gemeinde einen Tamm entgegensetzt und in allen Punkten die Gleichberechtigung der jüdischen Gemeinschaft und Kirchen gegenüber zum Ausdruck bringt. Es gilt vor allem, die jüdische Gemeinde in ihrer bisherigen Struktur als R c l i g i o n s g c m e i n d c ansrcchtzuerhalten und dementsprechend auch die Stellung der Träger des religiösen Lebens in geeigneter Weise festzulegcn. Es gilt, der Forderung der Demokraten Ausdruck zn verleihen und vor allem den Frauen, die schon lange wertvolle Gernemdearbeit leisten, auch nach außen hin durch Gewährung des aktiven und passiven Wahlrechts die Stellung zn geben, die die jüdische Frau und Mutter zu beanspruchen hat. lieber diesen Einzelausgaben aber steht eins. Nicht mir das „Was" der Arbeit ist bedeutend, sondern vielmehr das „W i e". Bon dem Ernst des Verantwortungsgefühls, von der Begeisterung des Tones und von der Zurückstellung aller Streitigkeiten wird cs abhängen, ob dieser erste Verbaudstag ein Stück Berwaltungsarbeit