Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 23 (5.6.1923)
- Date
- 1923-06-05
- Page
- Seite 401 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277592--02186-3537110- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
. 401 Ms Christin in der israelitischen Schule. Von Lerrka v. Koerberk (Leipzig). Durch die Mitteilungen eines christlichen Lehrers, der seit; mehreren Jahren an einer israelitischen Schule unterrichtet, rvurde ich aus diese höhere Lehranstalt aufmerksam gemacht. Als Sohn eines evangelischen Geistlichen.sprach er mit solcher Warnte von den Fähigkeitei: und der guten Gesinnung seiner Schüler und Schülerinnen, das; ich dein Besuche der Schule mit Spannung entgegensah. Gehen wir Christen doch zumeist an unseren jüdischen Mitbrüdern sehr verständnislos vorüber und haben, auch wenn leine antisemitische Tendenz bei uns vorhanden ist, im Grunde keine Ahnung von der jüdischen E t h i k. Vielleicht ist diese Unkenntnis eine Hauptgnelle des Antisemitismus und nicht immer Böswilligkeit oder politische Herrschsucht in der völkischen Bewegung ausschlaggebend. Zunächst erlebte ich den Unterricht der Vtjährigen Mädchen, die mit regstem Interesse physikalische Experimente machten. Ter Lehrer hatte mich schon zu Beginn des Unterrichtes aufmerksam genlacht. das; Besucher, die strenge Disziplin der Schüler erwarteten, enttäuscht wären; da ich aber als Anhänger in der neuen ^chulsorm gerade die lebhafte Anteilnahme der Binder für außerordentlich förderlich halte, f reute ich in ich an dem sprühenden Temperament der Schülerinnen. Elastisch muß der Lehrer freilich sein und die Fühlungnahme eine ausgesprochen lebendige, wenn eine dauernde fruchtbare Zusammenarbeit stattfinden soll. Der Religionsunterricht, dem ich auch beiwohnte, wurde von einem jungen jüdischen Lehrer bei den 10jährigen Knaben erteilt. Für jeden sreidenkenden Menschen, der in der Form nur ein unwesentliches Symbol sieht, hat das streng Dogmatische der vrthodoren jüdischen Lehre etwas Fremdartiges. Schon allein, daß die Kinder nicht nur seit Beginn des Schulunterrichtes die hebräische Sprache lernen, sondern von strenggläubigen Eltern bereits vor Schulbeginn mit den Ansangsgründen der heiligen Sprache vertraut gemacht werden, scheint auf eiue Ueberschätzung des Formalen zu deuten. Ich hörte zehnjährige Kinder fließend und wörtlich aus der Bibel übersetzen und es machte ans mich einen merkwürdigen Eindruck, daß diese lebhaften kleinen Buben mit so ernsthaften Mienen eine geistige Arbeit leisteten, zu der viele Erwachsene nicht einmal fähig wären. Trotzdem hat dieses Gewöhntwerden an g e i st i g e D i j z i p l i n , die bei den strenggläubigen Juden Wohl sehr hoch eingeschätzt wird, etwas außerordentlich Eindrucksvolles. Nach der Uebersetznng eines Teiles der Joses-Erzählung wurde über das Leben Jakobs und seine Verheiratung mit Lea und Nahe! gesprochen. Dabei stellten die Kinder in Gemeinschaft mit dem Lehrer fest, daß die Handlung Labans, zuerst unbedingt Lea verheiraten zu wollen, zwar den Landesgesehen entsprechend geboten war. aber es Labans Pflicht gewesen wäre. Jakob von diesem Gesetze Mitteilung zu machen. Ein Betrug war also nicht zu leugnen. Nun wurde an diesem Beispiel besprochen, wie falsch es sei, einen Brenschen zu betrügen, und die Kinder fragten, ob allein die jüdische Lehre den Betrug verbiete. Ter Lehrer erklärte, daß ihn auch die christliche Lehre untersage, sich außerdem unsere ganze Nechtsauffaynng dagegen wende. Ein kleiner Bube stellte die Frage, was denn die jüdische Lehre von anderen unterscheide, und mehrere Mitschüler meldeten sich zur Beantwortung: „Wir haben den Sabbat, den haben die niederen nicht." Hier liegt wohl das Kernstück des jüdischen Glaubens und Erlebens: dieser Sabbat, an dem jedes Werk ruhen muß, an dem alle Arbeit stille steht und es nichts gibt, als ein Versenken in Gott, gründliches Studium der Bibel und der Lehrbücher, die so viel Weisheit vermitteln, um den äußeren Geschehnissen des Daseins unbekümmert gegenüberznstehen. Der Nichtjude, soweit er gewillt ist, das Leben des orthodoxen Juden objektiv und ohne Vorurteil anzusehen, erkennt in diesen: einen Tag der Hingebung an das Zeitlose eine Quelle der Kraft und S e l b st z u ch t. Wieviel persönlicher Vorteil fällt für den gläubigen Inden fort, wenn er am Sabbat sein Geschäft schließt, denn der gesetzliche Feiertag bleibt ihm ja doch noch als Abstrich von seinen: Verdienst. Bisher war mir das neef^ niemals zun: Bewußtsein gekommen. Bei strengreligiösen Christen gibt es wohl auch eiue Heiligung des Sonntags, aber es ist dann imrner noch kein Tag der geistigen Arbeit, wie ihn der Sabbat darstellt. Wie schwer auf diesen gläubigen jüdischen Kindern die antisemitische Hetze lastet, zeigt, daß sie einen christlichen Lehrer unter Tränen fragten: „Sind nur denn wirklich so schlechte Menschen?" Dabei ist die Achtung vor dem Andersdenkenden in dieser Schule so stark, daß die Hälfte der Lehrer christlich ist. ohne darum die geringsten Schwierigkeiten mit ihren Schülern zu haben. Bei orthodoxen Ehristenkindern wäre eine jüdische Lehrkraft dagegen ganz undenkbar, weil die Toleranz in diesen: Lager leider sehr wenig zu Hanse ist. Die Vormittagsstunden in der israelitischen Schule zeigten n:ir, wie wichtig und notwendig es ist, daß man nicht allein dem freidenkenden Juden, sondern auch dem strenggläubigen als Christ ohne Vorurteil gcgenübertritt. Mancher völkische junge Aken sch. der nicht vollends verhetzt und verblendet ist, würde, wenn er sich wirklich einmal um die Grundsätze der Juden kümmerte, statt sie sich von Fritsch erläutern zu lassen, ein anderes Bild bckornmen. Wenn j uralte Vorschriften aus Kriegszeiten, oder eine Meinung aus einer Debatte ganz widersprechender Aeußerungen des Talmud aus dem Rahmen herausgerissen und dann auch noch mangelhast übersetzt werden, können wir Christen daraus jedenfalls keinen großen Gewinn für unsere Bildung davontragen. . * ♦ Wie schwer es auch dem wohlmeinendsten Nichtjuden wird, sich in das Wesen des Judentums einzusinden, zeigen die obigen Auslastungen der geschätzten Verfasserin. Sie schreibt der jüoischen Lehre Dogmengläubigkeit zu, obgleich cs kaum eine zweite Religion auf Erden gibt, die vom Togmenglauben so weit entfernt ist, wie die jüdische. Sie verurteilt das Festhalten von „Formen", ohne zu ahnen, daß nur diese Starrheit dev Forn: es dem Judentum ermöglichte, den Ideengehalt seiner Lehre, durch alle Strömungen der Zeit hindurch, von Geschlecht zu Geschlecht, rein und unverküuunert zu erhalten. Daß die Verfasserin, trotz der von ihr gemachten Einwendungen, zu einem so günstigen Urteil kommt, macht ihre Ausführungen doppelt wertvoll. D i e S ch r i s t l e i t u n g. Kundgebung der deutschjüöischen Jugend Hamburgs. Am 26. Mai fand in Hamburg eine bedeutsame Veranstaltung der deutschjüdischen Jugend statt. Wenn auch diese Kundgebung nicht vom Centralverein ausging, sondern allein dem Eifer jugendlicher deutschjüdischer Menschen Hamburgs entsprang, so finden mir in dem Geiste und in der frohen jugendlichen Begeisterung, die auf der Versammlung lagen soviel in unseren: Sinne Zukunftsbereitendes, daß wir von dieser bemerkenswerten Veranstaltung gern Bericht geben. Eine kleine Zahl Jugendlicher unter Führung des skull, med Hellmuth Nath a n hatte dio gesamte deuischjüdische Jugend Hamburgs zu der* Kundgebung eingeladen. Trotz der sommerlichen Hitze war die Aula des Hamburger WiltpKms-Gymnasiums derart überfüllt, daß eine große Anzahl spät Kommender keinen Einlaß mehr finden konnte. Tie Besucherzahl ist auf etwa 700 Köpfe, darunter kaum mehr als 80 Erwachsene, geschäht worden. Tie Veranstaltung wurde durch ein Konzert von Rivaldi, ausgezeichnet vorgetragen von den Herren L o d e n h e i m e r und Glaser, eingeleitet. Der erste Redner, Tr. Erwin Lichtenstein aus Danzig, zeigte in schlichter, aber eindrucksvoller Form das Wesen unseres deutschen Fühlens. An dem Beispiel von Danzig, wo er lebt, erweist er, daß für den Tanziger das Deutschtum nicht mehr eine Gabe, sondern eine Aufgabe sei. Tiefes Deutschtum werde von den Tanziger Juden genau so klar und ohne Ueberhebung vertreten, wie von den Tanziger Christen. Alles Liebeswerben der Polen pralle an der angeborenen deutschen Gesinnung der Juden ab. — Nach Lichtenstein sprach Meister Jacob Loewenberg. Aus seinem im Philo-Berlag erschienenen Novellenbnch „Ter gelbe Fleck" las er die zu dem Abend wunderbar stimmende Erzählung „Deutsch und Geschichte". Einige seiner Kampfgedichte beschlossen den Vortrag, und als in: letzten Gedichte der Vater zu seinem von Judengegnern geschmähten Knaben spricht: „Nur eines laß' dich lehren: dich wehreu. Jung', dich wehre::!" wollte der echte, laut zujubelnde Beifall dos vollen Saales nicht anshören. Zun: Schluß nahm Tr. Alfred Wiener (Berlin) das Wort, mn im jugendlichen Kreise einmal seine Ansichten über das Wesen des jugendlichen Völkischen und das zu fordernde WeKn des jugendlichen deutschen Juden auszusprcchen. Nicht der Vereinsbeitrag/nicht der Ueoertritt zu einer national-jüdischen Organisation, nicht der Besuch des Gotteshauses an den höchsten jüdischen Feiertagen bedeute das Judentum, sondern ein eifriges und lauteres Keimen- und Liebeulerneu und Lebenlernen der jüdischen Religion, der jüdischen Sittenlehre und der jüdischen Wissenschaft. Mit gleichen: Ci Kr aber habe der jüdische Deutsche jugendlichen Atters sich in der Literatur und Geschichte seines Vaterlandes mnzutuu, den Körper zu stählen, in Feld und Wald, an Berg und Fluß zu wandern! Die Kundgebung, die ihre Fortführung in freiwilligen Kursen über Fragen jüdischer Wissenschaft und Geschichte finden soll, lvar eine d e r s ch ö n st e n, begeisternd st e n u n d m a ch t v o l l - sten, die im jüdischen Leben Hamburgs bisher stattgefnnden haben. Sonntag,den28.,und Montag,den29. Juni des CentraUVereins dcutsdier Staatsbürger jüdischen Glaubens T[ TT agung in Köln. Unsere Freunde sind herzlich eingeladen!