Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 23 (5.6.1923)
- Date
- 1923-06-05
- Page
- Seite 400 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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400 Von Dr. A. Philippson (Hamburg.) Zu dem Aufsatz von A. Ncuhaus (Fritzlar) „Schafft larrdNche Sicü- Itnvvcn** fNr. 20 „C. V. - Ztg.") sind uns zahlreiche Zu'chriften zu- H-cZanaan. Lw gebe;', unseren Lesern heute die so!izeuden zur Kenntnis rund bthallen uns vor, nochmals auf die durch den Aufsatz veranlaßten FräsestcllunZen zurUckzukommen. Die SchriftlcitunZ. De: van A. N e u h a u s (Hainbnrg) in der „E. V.-Zeitnng* aufgestcllttn. schon wiederholt erhobenen Forderung „Schafft ländliche Siedlungen!" kann man sich im Prinzip durchaus anschließen. Auch die Begründung, daß vom Lande aus die Erneuerung des Menschengeschlechtes ausgeht, ist — allgemein gesprochen — sicher wahr. Ware doch zum Beispiel das für ganz Frankreich maßgebende Paris längst ausgestorben, wenn es nicht durch nechströmcnde Teile der Landbevölkerung, namentlich des Südens, cusgefüllt worden wäre. Auch das U ebergewicht des uzichenden Teiles über die Eingesessenen ist eine aftache, die wir sogar in unserem engeren Kreise immer wieder beobachten können. Es ist der Sieg der U r w ü ch s i g k e i t über die Kultur. Und dennoch lassen sich die Verhältnisse der Land- und Stadtbevölkerung in Deutschland nicht einfach auf den jüdischen Teil übertragen. Es fehlt eben der j ü d i s ch e V a u e r n st a n d. Das will meines Erachtens auch die Schriftleitung mit ihrem Nachsatz ansgedrückt haben. Sollten wir in dieser Feststellung das Ziel der größeren Seßhastmachung der Juden, ihre stärkere Verbundenheit mit dem Lande der Geburt, ihres Denkens und Fuhlens alich ausgeben? Gewiß nicht. Mag für die Verwirklichung der einmal als richtig erkannten Idee eine weitere Schwierigkeit auftauchen, sie soll uns mcht kleinmütig machen, aber Klarheit über die S ch w i e r i g! e i t des Problems muß herrschen. In den Ausführungen von Neuhaus war stets die Rede von der Abwanderung vorn flachen Lande in die Großstadt. Wie oft vollzieht sich gedoch der umgekehrte Prozeß? Die Antwort wird lauten: Aeußerst selten und dann größtenteils von den früher zugewanderten Elementen. Als Städter muß man aber die deutschen Juden bezeichnen, woraus zu folgern ist, daß nur wenige Bewohner kleiner Städte das Landleben kennen und die Landarbeit gewöhn^ sind. Das Problem der ländlichen Siedlungen Zerfällt also in Sammlung von Geldern Zum Ankauf von passenden Ländereien, sei es Zur Urbarmachung, sei es Zur Bewirtschaftung schon aufgeschlossenen Lodens, und in Auslese geeigneter körperlich und geistig vollwertiger Menschen mit natürlicher Vorliebe für den ländlichen Berns, ihre Unterbringung bei vorurteilsfreien christlichen Landwirten bis zur vollkommenen Ausbildung. Dann müßte eine weitere Bcwährungszeit bis Zur Uebergabe von angekausten Landstetten erfolgen. Daß diese Einzelteile gleichzeitig in Angriff zu nehmen sind, bedarf wohl nicht der Begründung. Mögen sich opferwillige, hochherzige Förderer dieser Idee finden, die, wie früher Simon in Ahlem für die Gartenbauschule, sich dieser Sache an nehmen! W-as aber soll bis zur Verwirklichung dieses Zieles mit d-en Ausnahmen geschehen, jenen Juden, die Liebe und körperliche Eignung zur Landwirtschaft getrieben hat. Sollen diese Zeit ihres Lebens Knechte bleiben? Möge es mir gestattet sein, das zu wiederholen, was ich im vorigen Jahre im .Israelitischen Familienbkatt" in Nummer 23 geschrieben habe: „Was hat ein jüdischer Landwirt in Deutschland zu erwarten?" und daran ein paar Schlnßbemerkungen zu knüpfen. Als im Jahre 1917 mein dritter Sohn die Realschule mit bom Zeugnis der Reise für den Einjährigendienst verließ, erklärte er mir, daß er die L a n d w i r t s ch a f t erlerne n wolle. Ich machte ihm Vorstellungen, daß es mir schwer,'vielleicht unmöglich sei, ihm das Geld für einer; Hof herzugeben und schlug ihn: vor, Gärtnerei zu erlernen, da die Schwierigkeiten eines Ankaufs viel geringer, die Eristenzmögkichkeit in der Nähe einer Großstadt günstiger läge. Doch er wollte von diesem verwandten Beruf nichts wissen, und es war nunmehr meine Aufgabe, eine passende Lehrstelle zu finden. Meine Bemühungen waren lange vergeblich. Ich wandte mich in Hamburgs an die jüdische Berussbcratungsstelle und wurde an die Ahle m s ch e G a r t e n b a u s ch u l e verwiesen. Von dem dortigen Direktor^ S i l b e r ö e r g bekam ich auch sachdienliche Auskunft. Ich erhielt, ^soweit meine Erinnerung reicht, unter anderem die Adresse eines . früheren jüdischen Landwirtes, eines Gutes in Halberstadt, verschiedener Gutsbesitzer in Schlesien. Wohin ich mich aber wandte, überall bekam ich Absagen. Schließlich gelang es mir durch verwandtschaftliche Beziehungen, meinen Sohn in Schwerin in Mecklenburg unterzubringen. Iah hatte es hier sehr gut getroffen. Der Landwurt war eine angesehene.Persönlichkeit in Mecklenburg, hatte eine Musterwirtschaft und bildete ständig verschiedene Eleven aus. Im Jaare 1919 machte mein Sohn in Malchow sein Elevenexamen mrt „Gut" und hatte nun mehrere Stellen als Verwalter. Nach Kriege uvr waren diese Posten aber durch frühere Ossiziere bald vollständig in Beschlag genommen, und so ging mein Sohn als junger Mann ans verschiedene Bauernstellen. Hauptsächlich war er auf der Marsch in Holstein tätig, lernte aber auch um Hannover bei Buchholz unb Winsen den Geestbodcn kennen. Er hat cs überall sehr gut gehabt, blieb auch mit verschiedenen Bauern gut befreundet und befindet sich jetzt ebenfalls in sehr guter Stellung bei einem Bauern in der Nähe von N e u m ü n st e r. A b e r an eine S c l b st ä n d i g m a ch u n g ist leider nicht Zu denken. Ich war bemüht, bei dem Siedlnngsland der preußischen Moorknltur anznkommen. war auch in die Nähe von Bremervörde zur Besichtigung gefahren, konnte jedoch auf Grund der vorgelegten Bedingungen leine Rechnung finden. Ich selbst habe mein Vermögen zun; größten Teile verloren, so daß ich auch nicht einmal das Geld für eine Pachtung ansbringen kann. Meine Nachfragen, unter anderem bei dem jüdischen Bodenkulturvercin in Berlin, blieben ohne Erfolg, da auch dort fein Fonds vorhanden war. Was ist da zu tun? Gibt es eine Möglichkeit. hier in Deutschland festen Fuß zu fassen, oder bleibt nur die W a h l a u s z u w a n d e r n? Seit jener Zeit habe ich Erkundigungen eingezogen, wie die Verhältnisse in Nordamerika lägen. Ich bekam die 'Nachricht, daß die Landwirtschaft im allgemeinen dort nicht günstiger, die Behandlung und Verpflegung der Landarbeiter durchaus nicht so gut wie in Deutschland sei' und auch keine Möglichkeit zur Erarbeitung einer Bauernstelle vorhanden wäre. Auch K a n a d a , das früher die Einwanderer in jeder Weise unterstützte, habe dieses Entgegenkommen, wenigstens zurzeit, ausgegeben. Aus meine Veranlassung hat sich mein Sohn jetzt nach Rheinhepen begeben, zwischen Worms und Alzey, um außer der Landwirtschaft auch den Weinbau kenneuzulernen. Wie die übrigen Stellen, so sagt auch diese ihn; sehr zu. Das Leben scheint dort noch gemütlicher zu sein als in Holstein, die Vergütung allerdings noch geringer als in Norddeutschland, nämlich 30 Mark im Monat. Tie Ratschlage, die mir von befreundeter ceite wurden, den Landwirtsberuf in einen tausmännischen zu verwandeln, etwa landwirtschaftliche Maschinen zu vertreiben, konnten nicht zur Ausführung gelangen, da eine Begabung und auch Neigung in dieser Richtung nicht vorlag. Ter Hinweis ans Palästimr entspricht gleichfalls nicht unseren Wünschen. 'Was bisher nicht hervorgehoben ist, möge zum Schluß erwähnt werden, baß mein Sohn sämtlicl>e stellen bei Gutsbesitzern und in letzter Zeit bei Bauern ch r i st l i ch e n Glaubens gesunden hat. Eine Gclegeichcit, bei jüdischen Landwirten anzukommen, hat sich nie geboten. *- In einer Zuschrift von Dr.-Jrrg. Mcrr Lcwh (Bcrlrn) heißt es: ... Die Forderung „Schasst ländliche Siedlungen" hat schon vor 30 Jahren der B e r e i n zur F ö r d e r u n g d e r B o d e n - tultur unter den deutschen I n d e n aufgestellt und sich bemüht, sie durch Einrichtung von Lehrgütern und Gartenbauschulen zu unterstützen, obwohl die zum Teil antisemitische Gesinnung der Landbevölkerung diese Bestrebungen sehr erschwerte. Die vom jüdischen Bodenkulturverein eingerichtete jüdische^Siedlung Halbe behauptet sich jedoch nicht nur wirtschaftlich, sondern hat sich durch ihre m u stergültige F ü h r u n g und ihre hohen Leistungen die Anerkennung der gesamten nichtjüdischen Umgebung errungen und alle anfänglichen antisemitischen Anfeindungen zun; schweigen gebracht. ... Ter B o d e n k u l t u r v e r e i n ist mangels genügender Mittel nicht imstande, der großen Anzahl jüdischer junger Männer und Mädchen, die ifut darum angchen, zu einer Lehrstelle zu verhelfen, wo sie eine gewissenhafte Ausbildung in Sartenlnltur und Landwirtschaft genießen könnten. Ilm auf diese Not aufmerksam zu machen, veranstaltete die Arber tsgemciuschaft des jüdischen B o d e n k u l t u r v e r e i n e s mib des „O rG - Berbande s, Abteilung Deutschland, am 25. März 1925 iin Logenhaus zu Berlin eine Kundgebung, zu der fast alle bedeutenden jüdischen Organisationen Deutschlands Vertreter entsandt hatten. Zn den dort stattgefundeucu Referaten nahmen auch die Vertreter der Organisationen Stellung. Sie erklärten sich bereit, mit Rat und Tai die Bestrebungen der Arbeitsgemeinschaft zu unterstützen. Insbesondere hat der Vorsitzende des Ecntralvercius. Herr I u st i z r a t B r o d n i tz, auf die soziale und wirtschastliche Wichtigkeit der Bestrebungen der Arbeitsgemeinschaft hingewneserr und in anschaulichen Ausführungen gezeigt, daß der deutsche Jude seinen; Wesen nach jedenfalls nicht weniger geeignet für die Landwirtschaft sei, als zedcr andere Deutsche. Alle Anwesenden hatten die Ueberzeugung gewonnen, daß die Uebcrsnyruug bedeutender Teile der deutschen Judenheit zu Handwerk, Landwirtschaft und Gartenbau großzügige sittliche imd Volks» wirtschaftliche Erfolge erzielen würde. Sie empfahlen zur Behebung der Not der Arbeitslosigkeit. der körperlichen und sittliche;; Entartung weiter jüdischer Kreise, die überall sich bemerkbar machenden Ansätze und Willensregungen zur Berussmnschichtung nicht nur anzuerkennen, sondern sie auch weitestgehend zu fördern und zu unlerst ätzen,