Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 23 (5.6.1923)
- Date
- 1923-06-05
- Page
- Seite 399 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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399 „Armes SüLtirol." Faschistische S p l i t t e r r i ch f e r. Am 14. cÜißi 1925 braute der „V ölkische Kurier" in dem Artilel: „Unser armes Südtirol" eine leidenschaftliche Amlage gegen die brutale Herrschaft der italicriifd;cn F-a schiften int deutsch.en Sudtirol. Das nationalsozialistische Blatt erlatrbte sich, den faschistischen „Ans- Wurf jämmerlicher Dekadenz" dein — Jndenttnn anzuhängen, obwohl dieses Blatt sich noch der stürmischen Ovationen erinnern muhte, die der Herr und Meister des deutschen Faschismus, Adolf Hitler, mit 25. Oktober 1922 dem faschistischen Gedanken diktatorischer Genaaltherrschaft brachte. Tantals ertlärte Hitler sich grundsätzlich F)egen deim gesetzlichparlamentarischen Weg und organisierte seine „Stoßtrupps" gegen die Verteidiger der bestehenden Verfassung. Wenige Tage später leierte damals das Leibblatt Hitlers, der „Vbltische Beobachter", in dem aufreizenden Artikel- „Männer und Waschweiber" den Staatsu m ft u r z -LTt uffolinis in überschw ä 11 g l i ch e l t Tonen und rühmte die randalierenden „Stu.rnüruppen" des Nationalsozialisinus als die Befreier des deutschen Voltes. Ter „Völkische Kurier" spielt sich heute als Verteidiger von Recht und Gesetzlichkeit gegenüber den italienischen Faschisten auf und bricht den Stab über Politischen Meuchelmord, obwohl, wie dies seinerzeit die „Münchener Post" feststellte, in der Ausstich nß sitz rang der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Pläne über die Ermordung Grzbergers und Ratheuaus beraten worden sind. Hat denn der „Völkische Kurier" vergessen, daß die Mörder Nattzen aus und Grzbergers in engster Fühlung mit den nationalsozialistischen Kreisen Münchens standen? Ter feige Mord an dem bayerischen Abgeordneten Gareis wurde schon im Juni 1921 von dem Negensburger Blatt des jetzigen bayerischen Ministerpräsidenten Held aus das Schuldkonto des deutschen nationalsozialistischen Faschismus gesetzt. Das Blatt sprach von dem „Rowdytum der Teutschoöllischen" in der schärfsten Form und Prangerte die „Mordbuben und ihre Hintermänner" an, „die als Anstifter am gefährlichsten sind". Für sie darf cs keine Gnade geben. Auch wer im politischeit Leben eine Atmosphäre schasst („Miesbacher Anzeiger", „Tentschvölkischer Beobachter" und ähnliche Erzeugnisse), in der solche Untaten gedeihen können, kann von der Mitschuld daran nicht freigosprochen werden. " So der „Negensburger Anzeiger". Und diese deutschen Faschisten wagen heute ihre italienischen ^Cesinnungsgcstoffen zu richten,' weil diese mit den gleisten verbrecherischen Waffen gegen if>re Gegner wüten, die sie selbst skrupellos zur Anwendung brachten! Die Nationalsozialisten — die Anwälte „unseres armen Südnrvl"! Gibt cs eine größere Verhöhnung^ dieses armen Landes! Hitler, der höchst unbeholfen jede Geste Mupolinis nachzuahmen suchte, verlangte am 24. November 1922 den Verzicht Deutschlands aus Sudtirol und bezeichnete die Klagen der 'Deutschen über die Leiden unserer Südtiroler Brüder als Geschwätz. Haben denn die Münchener Gefolgsleute des nationalsozialistischen Generalissimus völlig die Angriffe der „M ü n ch e n e r P o st" gegen die undeutsche Haltung Hitlers in der Süd- Liroler Frage in den Wind geschlagen? Armes Sudtirol, du bist verraten und verkauft, wenn du dich bei der Währung deiner Rechte gegen die verbrecherische Gewaltherrschaft der italienischen Faschisten auf die deutschen Faschisten, aus die nationalsozialistischen Hitlergardisten verlaßt. P. K. Aus Dr. Heims gsteeennnsrmtge«. Der jüdische Lehrer Hausmann. Dr. Georg Heim, der bekannte Führer der katholischen bayerischen Bauern, der Gründer und das Haupt der Bayerischen Volkspartei, ist in den letzten Jahren durch andauernde schwere Krankficit am Auftreten in°der politischen Oefsentlichkeit gehindert worden. Die unfreiwillige Muße bat er ofsenlmr benutzt, aus dem reichen Schatz seiner Lelwnseriuncrungen einzelne Stücke, und zwar in den „Münchener Neuesten Nachrichten" jetzt zu veröffentlichen. In der ..Ginkehr", der Unterhaltungsbeilage der „Münchener Neuesten Nachrichten" (Nr. 39 vom 17. Mai), erzählt Dr. Heim von seinen Erfahrungen als Lehrer. Bekanntlich ist er ursprünglich Neallehrer in Ansbach gewesen. Nachdem er in dem genannten Aussatze von seinen eigenen Lehrmethoden und von dem damaligen Rektor in Ansbach gesprochen, fährt er wörtlich fort: „An der gleichen Schule war ein jüdischer Lehrerkollege, Hausumnn. Gr ischals armer Mann gestorben. Gr hatte einen Gerechtigkeitssinn, der sich, ich möchte fast sagen, skrnpelhaft auswirkte. Mit einem früheren Schüler von ihm, der heute noch wütender Antisemit und der öffentlich eine Rolle spielte, debattierte ich einmal über Anlijcmtttsmus. Gr war nnbekehrbarer Antisentit. Nach seiner Ansicht gab es überhaupt keinen anständigen Juden. Alls ich ihn aber an seinen früheren Lehrer Hausmann erinnerte, war er entwaffnet und er mußte mir sogar bekennen, daß er ihm Guttaten verdankW Ich bin heute noch stolz daraus, daß ich mich der Freundschaft dieses edlen Mannes erfreute." Gs wäre wünschenswert, daß unsere christlichen Mitbürger ans einem solchen Beispiel, vom wackeren jüdischen Lehrer Hausmann, cntnähmen, daß es unter den Juden wie unter den Ghristen gerechte und ungerechte, edle und unedle Persönlichkeiten gibt. Verletzend und die Gesanttheit schädigend ist nur die heute"so übliche Verallgemeinerung, alle Inden müßten von vornherein von Bluts wegen schlecht ft-in. Iüöischs Kolonisation m Rußland. In der letzten stummer der „G. B.-Zeitung" haben wir das bedrückende Glend der Juden in Sowjetrußland ans kundiger Feder dargestellt. Gs hat sich dabei ergeben, daß eine Linderung für die Millionen von Inden, die in Sowjetrußland leben, weder eine Anstvanderung nach den Vereinigten Staaten, die fast ganz unterbunden ist, noch eine solche nach dent Heiligen Lande, die bedeutungslos ist und bleiben wird, bringen kann. Weit bedentnngsvoller ist die ohne politische Ziele geleistete Arbeit des „Ort", des Verbandes der Gesellschaften zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden. In der Nummer 1 der Mitteilungen des „Ort" wird über den gegenwärtigen Stand der jüdischen Kolonisation in Rußland das Folgende berichtet, Da* ernster Beachtung wert ist: „Trotz allen oft sehr großen Hindernissen ist der Drang nach land w'i r t s ch a f t l i ch e r A n s i e d l u n g u u t er d e r j ii d t - schen Bevölkerung i n R n ß land in f o r t w ü h r e ti d e nt Zu nehmen begriffen. Nicht nur in der Ukraine und Weißrußland, sondern auch in den Städten des inneren Rußland organisieren sich gegemoärtig Gruppen, die bereit sind, zur Landarbeit Überzüge hen, und als eine teilweise Registrierung der Aspiranten vorgenommen wurde, meldeten sich sofort 2 0 0 0 0 Familien. Diese Bewegung wird von der Regierung unterstützt,- die Regierung gewährt den jüdischen Kleinbauern geirisse Vergünstigungen. Von Mangel an Boden für jüdische Siedler ist vorderhand keine Rede. In der Gegend der Kolonie Sede-Menneha haben die Inden 24 000 Teßjatincn "Boden erhalten, und sie können in dieser Gegend noch 15 000 Teßjatinen bekommen. In der Gegend Krim-Rog erhielten jüdische Siedler 6000 Teßjatinen, tmbjlc sollen noch 3000 Teßjatinen erhalten. Außer den von jüdischen Siedlern bereits belegten 10 000 Teßjatinen ist für die jüdische Ansiedlung von der Regierung eine bedeutende Vodensläche zwischen Balia und Odessa reserviert worden. In 23 Punkten der Krimgegeud ließen sich 58 5 Siedlerf a m i l i e n u n d 2 4 0 C h a l u z i m nieder. Zwischen der jüdischen Bevölkerung und den Ortsansässigen bestehen sretutdschastliche Beziehungen. Alles in allem umfassen die jüdischen Kolonien in der Krim eine Fläche von 18 000 Teßjatinen. ^Augenblicklich werden noch andere 8000 Teßjatinen für neue jüdische icb 1 cxfatuilicn freigegeben. In Weißrußland erhielten Juden 10 000 Teßjatinen Boden. Tie Jnstalliertmgsuukostcn sind hier sehr gering, Nur sind die Bodenanteile an verschiedenen Punkten verstreut. Tie Frage wegen Austrocknung von Sümpfen zu siedlnngszweclcu wird ernstlich erwogen " Die üble „hermannsbotschaft". Hanebüchener Unsinn." In der Nummer 16 dieser Zeitung hatten wir von einer Broschüre berichtet, die der Hamburger Robert F. G s l a u als „Hermannsboischast" in einer Million Exemplaren an verschiedene Volkskreise und BerussgruPPen gesandt hatte. Gine besonders große Anzahl von Zuschriften aus allen Teilen des Reiches und sogar des Auslandes bestätigt uns, daß Eskau sein Versprechen der Versendung wahr gemacht hat und daß somit zehntausende und aber zehntausende Mark für die Versendung dieses schlimmen Machwerks verpulvert worden sind. Daß aber nicht nur wir, auf die die Broschüre in erster Linie fast ausschließlich geinünzt ist, sondern auch angesehene christliche Kreise den Unfug und die Gefahr klar erkennen, die solche böse Leidenschaften aufpeitschende Schrift darstellt, beweist ein Aufsatz in dem der T-eutschen Volks-Partei mrhstohendan „Hamburger Korrespondent" vom 14.^Mai. Ter Aussatz stamntt von dem als Kenner des nachbiblischen Schrifttums und Schüler stracks bekannten Hamburger Pastor D. Windfnh r. Wir geben aus dem bemerkenswerten Aufsatz die folgende Stelle wie-der: „Kurz nach Ostern verschickte ein Herr Robert F. Gskau in Hamburg eine Million Exemplare einer 48 weiten starken Broschüre mit dem Titel „Hermannsbotschaft" an alle möglichen Bolkskreise und BerussgruPPen geistiger Ginstellung, uttter anderen auch an die deutschen evangelischen Pastoren. Sie werden darin apostrophiert mit einer besonderen Epistel, welche das Motto trägt: „Wer die Wahrheit kennt und sie nicht spricht, der ist fürwahr ein erbärntlictzcr Wicht!" Dieser geradezu herausfordernde Leitvers ist cs, der mir als einem Gliode der also Angeredeten die Feder in die Hand zwingt. Tie Broschüre als solche hätte es nicht vermocht. Tenn sie ist wertlos und enthält im wesentlichen nichts weiter, als die landläufigen antisemitischen Ladenhüter; zum Schluß sogar, wo es für eigene Gemüter nicht^mehr reicht, in der beliebten Form der stereotypen Auszüge aus Talmud und Schulchan Aruch, die den Vorteil haben, daß, abgesehen von wenigen Sachkennern, niemand intstande ist, ihren wirklichen Wert nachzuprüfen. Man bedauert lediglich die nicht unerheblichen Mittel der Herstellung und Versendung eines solchen Literaturerzengnisses, die eines besseres Zweckes würdig gewesen wären." Windfnhr kommt dann zum Schlüße:' „Wenn aber jemand so hanebüchenen Unsinn behauptet, dann muß man beim Fehlen jeder Statistik annehmen, es handle sich doch nur um den Versuch, gänzlich blinde und urteilslose Menschen zu beeinflussen." Wir können uns den ruhigen und besonnenen Ausführungen des gelehrten Verfassers nur anschließen und hoffen, daß ihre Verbreitung durch die Tagespresse Herrn Gskau dorthin gebracht hat, wohin er gehört: An den Pranger.