Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 23 (5.6.1923)
- Date
- 1923-06-05
- Page
- Seite 398 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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398 Mrs uns hier am nächsten angeht, ist des Verfassers StelkrmZ zur „Judenfrage". Fest auf dem Boden Fichtcs lehnt Schneider die Rassenlehre Gobineaus entab, die Betonung körperlicher Aeutzerlichkeiten als _:te, ihre „unglaubliche Herzensenge und Kahlheit", die „unbekümmerte Oberflächlichkeit der wiyenschastlichen Begründung". Eobmeaus Theorie habe eine romantische Schwärmerei für gerinanische Vorzeit hervorgerufen. „Heute sehen wir", sagt Schneider, „im deutschen Volk junge Leute genug, die ihren blonden Schopf mit dem Gefühl einer wohlverdienten Ordensauszeichnung tragen, aus ihren blauen Augen mit der ganzen Ueberhcblichkeit des früheren Kleinadels herabfehen und meinen, auf diese Weise von Gottes und Rechts wegen genügend legitimiert zu sein, als Führer und Retter gefeiert zu werden; und neben diesen Auserwählton durch Haar- und Augen färbe stehen Tausende von Dunkelhaarigen und Dunkeläugigen, die ihre Berufung zu den größten Dingen ans einer L?tondheit im frühen Kindesalter' beweisen oder sich einfach einbilden, sie seien eigentlich blauäugig; und haben die wirklich Blonden ein Raffegefühl in sich erzeugt, das keinen Juden im Umkreis von Lausend Metern ertragen kann, so sind die ,Eigentlich-Blonden' so empfindlich in diesem Punkt, daß sie-Ln allen Stammbäumen nach Semiten forschen, bei Goethe einen jüdischen Ahnen wittern, und voll Zweifel sind, ob ein deutscher Kurzkopf aus den Alpenländern nicht ebenso unerträglich für den »reinen Arier' sei als ein Reger. Man könnte diesen Fanatismus gegen »Fremdstärnmige' ruhig sich selbst überlasten, bis ihn -die Mode und seine eigene Unfähigkeit wieder wegschwennnt, wenn wir nicht Deutsche wären, Leute, die sich im religiösen Fanatismus des Dreißigjährigen Krieges fast vernichtet haben und die heute noch eine furchtbare Neigung haben, mögliche Gegensätze im eigenen Volk zu ausschließlichen Entgegensetzungen zu steigern, sie mit allem Ernst und aller Gründlichkeit 311 vertiefen und rücksichtslos in voller Feindschaft auszufechten. . . . Eine Widerlegung der nüchternen Phantastik des Rassewahns ist notwendig ..." Dieser Aufgabe unterzieht sich Professor Schneider m i t durchschlagendem Erfolg. Um so auffallender werden einige seiner Bemerkungen über die Juden erscheinen. Zwar ihm diese völkisch so wenig als Semiten, wie die Dentals Germanen, sondern als Mischvolk: aber er betont P. „Die Juden sind anderen Blutes als wir Deutsche." Trotz alter Blutsverwandtschaft zwischen allen weißen Rapen sei der Unterschied zwischen den heutigen Deutschen und Juden doch rein körperlich groß. „So mannigfaltig die jüdischen Typen sind, sie haben doch ein einheitlich nndeutsches Aussehen . . . Juden sehen anders aus als Deutsche, sie bewegen sich anders, sprechen anders, riechen anders; sie wachsen anders; wie südliche Völker sind sie früher reif, körperlich und geistig." „Juden fallen auf als etwas Fremdes." In ihrer Allgemeinheit werden diese Sätze schwerlich dogmatische Gemeingültigleil beanspruchen können. Am Ende^ist cs sogar dem Leipziger Prosenor schon, ohne daß er sich dopen bewußt wurde, vorgekommen. daß er Juden nicht als solche erkennen, und zumal nicht durch den Geruch von Nichtjuden Unterscheiden konnte. Dererlei Jrrtümcr sollen blauäugigen Laugschädeln und jenen „Eigentlich-Blonden", die keinen Juden inr Umkreis von tausend Metern ertragen können, alle Tage blMgnen. Allerdings betont Schneider den Unterschied, um damit zu erklären, daß völkische Engherzigkeit letzteren als Vorwand benütze, um den Juden „ganz zum Zerrbild 31s vertieren". Wenn der Leipziger Philosoph bei diesem Anlaß gegen Heinrich Heine polemmert, der „aus begreiflichen Gründen" Shylock als tragische Figur-hinstelle, während er doch ein hinterlistiger Teufel sei, sö darf auf den großen Juristen Drdolf v. Jhering verwiesen werden, der mit scharfern Nachdruck Shylocks Verteidigung führt und den gegen ihn ergangenen Spruch als schnödem Justizmord brandmarkt. Schneider ist von jeder Absicht frei, dem Antisemitismus Vorschub 311 leisten. Um so bedauerlicher ist es, daß manche seiner Wendungen, ails dem Zusammenhang gerissen, von Antisemiten mißbraucht worden können, so einzelne Sätze über die Gefährlichkeit des „jüdischen Geistes", über die Emünzipation, drrrch die die Juden „aus die europäischen Völker losgelassen" worden seien. Oder wenn er Meyeröeer nachsagt, er sei nach Paris gegangen, „ins bester bezahlte Französische", während doch Meyerbeer abrvechselnd in Paris und Berlin lebte und hier sein Gehalt von viertausend Talern nicht einstrich, sondern der Kapelle zuwandte. Oder wenn den Juden nachgesagt wird: ,Mo Macht und Geld 311 erlangen war für sie, da drangen sie ein . . . als Aerzte besonders in einige einträgliche ^onderfächer." Hatten nicht schon die Namen Traube, Ehrlich, Wassermann, Hirschberg solche Rede verbieten sollen? Oder wenn er jüdischen Schriftstellern nachsagt, sie machten. aus Goethe ein Geschäft, und einem reinen Idealisten wie Hermann Cohen, ohne ihn zu nennen, den Makel anheftet: „Auch Kant ist im Neukantianismus eine Geschäftssache geworden." Oder wenn er Juden überhaupt die Fähigkeit abspricht, die deutschen Klassiker zu verstehen. Was Schneider wider jüdische Meister, jüdischen Relativismus, jüdische Haarspalterei vorbringt, wird bei den Rassefanatikern'Beifall finden. Die Nachsätze mit den Weisungen für die Praxis werdensie in den Wind schlagen. Diese Schlußfolgerungen Schneiders aber sind die Hauptsache. Gibt es unter den Reichen Juden, so ist dem Haß der Kapitalismus „jüdisch", gibt es unter den Arbeiterführern Juden, so spricht der Haß von jüdischem Sozialismus. „Viele Tausende von Inden taten ihre Pflicht gegen das deutsche Vaterland im Feld und in der Heimat", sagt der Verfasser, aber sie sielen nicht aus; die Schieber^ Drückeberger, Kriegsgewinnler dagegen sollten allesamt Juden sein. Der Vorwurf des Wuchers lastet aus ihnen von altersher. obwohl ..suggern" gleich. Wuchern christlich-germanischen Ursprungs ist. „Der deutsche Kapitalismus," so sagt Schneider, „nicht der jüdische in Deutschland, sondern erst recht der deutsche in Deutschland ist der Feind des künftigen Deutschtums, wie der ausländische; er ist heute stärker als je die einzige gefestigte und geschlossene Macht in Deutschland; wir werden Mühe haben, ihn niederzuzwinaen . . . Tie deutschen Kapitalisten schreien am lautesten: „Haltet den Inden", um die Voltswut von sich abzutenken, -und die zu entzweien, die von links und rechts bessern wollen . . . „Jüdischer Geist ist ein ungenauer Ausdruck für Geist der kapitalistischen Selbstsucht." Und die Sünde wider das Blut bei der Mischung von Deutschen und Juden, die Auslösung der Kultur -dadurch „ist eine Wahnvorstellung, die ineiner Hintertreppenlitevatur ohne wissenschaftliche und künstlerische Berechtigung Haß und Gruseln verbreitet . . Juden sind keine Negers sie gehören der weißen Rape an und haben eine Kultur ersten Ranges hervorgeöracht". Und das Siegel auf diese Ausführungen setzen die Worte: „E i n e A u s n a h meg e s e tz g e b u n g geg en d tc Juden ist und bleibt eine Barbarei." „Ein Volk ist eine Willen sgemeinschaft — wer den guten Willen hat, Deutscher zu sein, die deutsche Volks- und Memchheitskultur mit zu verwirklichen und zu vertreten, wer sich mit Taten frei helfend und sich einsetzend zu uns gesellt, der muß uns willkommen sein, sei er geborener Deutscher oder Jude . . Das ist der Kern der „Erziehung zum Deutschsein", sofern das Buch die Rassenfrage behandelt. Im einzelnen wird sich Gelegenheit finden, auch bei anderen Kapiteln mancherlei zu beanstanden, gemäß der Aufforderung des Verfassers, seine Ausführungen zu prüfen und je nachdem anzunehmen, zu verwerfen und umzubilden. Es wird gestattet und geboten sein, reckst abgünstige Bemerkungen über die Presse, die zum wesentlichen Teil in jüdischen Händen sei, und insoweit nicht erzieherisch zu deutscher Kultur, sondern zu unbestimmten jüdischdeutschen Ideal hinarbeite oder vielfach vom Gefühl fürs Geschäft geleitet lverde, nachdrücklich zurückzuweisen. Desgleichen die Behauptung, deutsche Juden hätten — „uns Deutschen unsere größten Dichter und Denker Liberal verfälscht und verflacht". Desgleichen die.Begeisterung für die Todesstrafe, wie sie in der Betrachtung hervortritt: .Mir verschwenden wertvolles Blut (inr Krieg) und sparen bis zum äußersten das der Wucherer und Schieber, der Mörder und Einbrecher: aus Ueberängstlichkeit, daß einmal ein Unschuldiger hingerichtet werden könnte, setzen wir tausend Unschuldige der Gefahr aus. von einem ausgebrochenen Zuchthäusler getötet zu wenden: die vielgeschmähte mittelalterliche Llutgerichtsbarkeit war vernünftiger und menschlicher . . Dennoch, trotz mancher Einseitigkeit, llngerechtigkeit, Verstiegenheit, es ist ein lesenswertes Buch. Und da es praktisch in der Behandlung der Juden auf dasselbe heranskormnt, wie der von Schneider bewunderte und oft zitierte Bismarck, der einen eigentümlichen Zauber im Worte „deutsch" fand, mag ein Satz augefügt sein, der hätte erwähnt werden dürfen. Moritz Busch bezeugt folgenden Ausspruch Bismarcks: „Ich mißbillige ganz entschieden diesen Kampf gegen die Juden, sei es, daß er aus religiöser Grundlage oder gar au? derjenigen der Abstammung sich bewege. Mit gleichem Recht könnte man eines Tages über Deutsche von polnischer oder französischer Abstammung Herfa llen und sagen, es seien keine Deutschen."