Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 22 (29.5.1925)
- Date
- 1925-05-29
- Page
- Seite 387 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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387 Ruth und finiigone. Betrachtung zum Wochensest. Don Rabbiner Tr. H. Auerbach (Göttingen). Tie biblische Erzählung Ruth, die am Wochenfest in allen jüdischen Gotteshäusern verlesen wird, und das griechische Trauerspiel „A n L i g o n e" sind ungefähr um die gleiche Zeit entstanden. Tie Hauptpersonen, nach denen sie benannt sind, predigen rn ergreifender Weise die Liebe. Sie miteinander zu vergleichen, müßte ans die Eigenart zweier Kulturen, die bekanntlich von größtem Einfluß ans die Entwicklung des Menschengeschlechts gewesen sind, Licht wersen. Ruths Menschenliebe ist rein. Sie wird nicht von der schwächsten Spur der Selbstsucht getrübt. Ruth hängt an ■?£ o o in i, ihrer einstigen Schwiegermutter, obwohl sie von ihr nichts zu erwarten hat. Diese steht nach dem Tode ihres Mannes und ihrer beiden Söhne, die chre einzigen Kinder waren, allein und verlasicn in der Welt da. Als sie aus dem Rückweg in ihr Heimatland an der Grenze angelangt ist, bittet sie ihre beiden Schwiegertöchter, die sie bis dahin begleitet haben, um* zukehreu. „Kehret doch um, meine Töchter/ spricht sie, „wozu wollt :hr mit mir geh'ir? Habe ich denn noch Söhne, daß sie eure Männer werden könnten?" Orpa gehorcht der Stimme der Vernunft, Ruth aber der Stimme ihres Herzens. Alles Zureden N o o m i s richtet nichts aus. Entschieden erklärt sie: „Dringe nicht in mich, dich zu verlassen, denn wohin du gehst, dahin gehe auch ich, wo du weilst, da weile auch ich. Dein Volk ist mein Voll, dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will auch ich sterben. Tort will auch ich begraben werden. So tue mir der Herr, und so fahre er fort, nur der Tod kann zwischen mir und dir scheiden/ Die Liebe gilt also einer armen hilflosen Frau. Die Armut hat Noo m i in die Fremde getrieben. Sie war nach M o a b ausgewandert, um Brot zu finden, verlor aber dort ihren Mann unv ihre Kinder. Daß sic reiche Verwandte hätte, konnte von Ruth nicht angenommen werden. Sic hätten die Familie nicht auswandern lasten. Gal: ja damals Auswanderung als ein größeres Unglück denn der Tod. Kein Verwandtschastsverhältnis bestand mehr zwischen N o o in i und R u t h. Sie sind zudem durch ihr Boltsium, ihren religiösen Glauben und das Alter sehr voneinander verschieden. Noomi Israelitin. Ruth Moabiterin, diele jung und wohl auch sehr schön, jene gealtert, schwach, vom Mißgeschick gebeugt und derartig entstellt, daß ihre Bekannten sie nicht wiedererkennen. Als sie sie nach vielen leidvollen Jahren Wiedersehen, fragen sie verwundert: „Ist das noch Noomi, die Liebliche?" Sie aber erwidert ihnen wehmütig: „Nennt mich nicht mchr Noomi, die Liebliche, sondern Mara, die Betrübte, Verbitterte/ Noomis Glaube ist der an den einig-einzigen Gott, Ruth ist die Tochter eines heidnischen Volkes. Wenden wir uns jetzt Antigone zu. Die edle Jungfrau opfert für eine Tat der Liebe ihr Leben. Ihrem Bruder Polhneikes — so lautet der Wille des Königs — solle ein Begräbnis versagt werden, weil er als Vaterlandsfeind gefallen sei. Auf dem Boden solle er imbcflattet liegen bleiben, den Vögeln und dem Getier zum Fräße preisgegeben. Wer ihn dem Gebote zuwider bestatte, solle es mit dem Tode büßen. Antigone trotzt dem Befehle des Königs und begräbt ihren Bruder in heimischer Erde. Aus die Vorhaltungen des Königs, wie sie sich untersichcn^könne, den Baterlandsscind dem Vaterlandsfreund gleichzn setzen, gibt sie die ewig denkwürdige Antwort: „Nicht mitzuhassen, sondern mitzulieüen bin ich da/ Aus Liebe geht also Antigone in den Tod. Sb aus Menschenliebe? Aus Schwesternliebe. Schmerzlichstes Mitleid mit dem Bruder ist cs, das sie zur Tat und in den Tod treibt. Ach. beim Anblicke des geschändeten Körpers ihres toten Bruders schreit chr Blut auf; es ist ihr armer Bruder, ihr eigen Fleisch und Blut, der dort auf freiem Felde liegt und in Verwesung gerat. Noch sind die Gesichtszüge des geliebten Bruders erkennbar und reden eine zu Tränen .rührende Sprache zu der sch me rzer füllten unglücklichen Schwester. Ob aber die Liebe auch dann sie überwältigt haben würde, wenn der Tote nicht ihr Bruder, sondern ein ihr fremder Brensch gewesen wäre? Wir wissen es nicht. R u t h jedoch gibt Beweise ihrer lautersten Menschenliebe. Sie mahnt gleichsam: „Welchem Volke oder religiösen Glauben jemand auch augehören möge, sei dir gleich. Er ist ein Mensch, darum mußt du ihm Bruder oder Schwester sein/ Wo ist das Menschentum schöner verherrlicht worden als im Büchlein Ruth? „Der Mensch ist im Ebenbilde Gottes geschaffen/ Wer hat diesen Menschheitsgedanken der Bibel bester verstanden als Ruth? Betrachten wir ferner Ruth in ihrem Verhalten zu ihrer Schwägerin Orpa und Antigone in ihrem Verhalten zu ihre Schwester I s m e n e. Orp<c ließ sich, wie bereits gesagt, von ihrer Schwiegermutter Noomi bewegen, sich von ihr zu verabschieden. Ruth jedoch wich nicht von Noomi. Wir hören kein Wort des Vorwurfs und der Verachtung ans &mi Munde Ruths gegen Orpa, weil diese sich anders cntschloffen hatte. Was Orpa tue, so dachte Ruth, sei Orpas Sache. Ruth machte nicht den leisesten Versuch, sie zu beeinflussen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie an der Handlungsweise ihrer Schwägerin nichts auszusetzen hatte, denn sonst hätte sie es — offenherzig wie dieses liebliche Naturkind gewesen war — geäußert. Die tapfere und edelmütige Antigone fordert ihre Schwester aus, gemeinsam mit ihr den Bruder zu beerdigen. Als sie ihre Beihilfe zu der tollkühnen Tat verweigert, wird sie darob von Antigone aufs heftigste getadelt. „Du bist mir ifetf/üHt', ruft sie ihr in der Erregung zn. Die Duldsamkeit, die Ruth gegen Orpa an den Tag legt, ist ein Wesenszug jüdischer Art. Es braucht kaum noch daran erinnert zu werden, daß der jüdischen Glmrbensgemcinschast der Bekehrungseijer abgelst und der talmndifche ^atz: „Die Frommen aller Religionen haben Anteil an der zukünftigen West/ die jüdische Deut* weife wicdergibt. . Carl Lepft. Ein Künstler und Forscher. Wenn, wie gegenwärtig, eine Geiftcscpeche im Verklingen ist und um das Neue gerungen wird, dann ist es mehr als sonst vonnöten, daß die Mittelnmßigkeiten aus der Wirksamkeit im öffentlichen Leben ausgeschaltet werden und die Menschen zum Wort kommen, die nicht bloß die alten Walzen der tönendem Worte drehen, sondern die Neues und Fruchtbares und schöpferisches zu sagen haben. Auf einen solchen Mau» sei hier aufmerksam gemacht: Earl L e y st in Schlachtensee. Ein Sechziger, der eine Lebe n s l e i st u n g von seltener Vielseitigkeit hinter sich hat, und der l>erufen und befugt ist zu sprechen, weil er F r u ch t b a r e s Z n sagen hat. Der Alaun ist nicht in ein Schema cinzuspannen, er ist G e s ch i ch tsforscher, Dramatiker, Biologe. W i r t s ch a s t s l e h r e r, Soziologe, Erfinder und praktisch im Erwerbsleben Stehender. Als Geschichtsforscher ist cs ibm geglückt, die in der napoleo- Nischen Epoche wirkenden Persönlichkeiten und das Geschehen selbst in einer neuen, von d e m bisherigen H e r v e n k u l t abweichenden Beleuchtung zu zeigen, dort und für manche andere Zeit noch „die Quellen rt waschen/. In die Reihe der dahingehörigen Schriften fällt vor allem das D r a m a ..Danton" und das B u ch „Die historische Wirklichkeit hinter dem Lügenvorhang von 1796 bis 181.6". Es ist eine seiner besonderen Begabungen,'das Wirken der Mächtigen aus ihre biologische Besch msenhcit zurückzuführen und herauszuarbeitcn, wie cs ein pathologisch-i Geltungstrieb ohne -Kritik war, der Persönlichkeiten, die jahrelang als Führer angel*st?t wurden, dahin trieb, das; sie in unendlichen Kämpfen Hundert* tausende sich verbluten ließen, um dann in Katastrophen ihr Wert und sich selbst zu verlieren; eine Betrachtungsweise, die einmal Licht verbreiten wird, wenn man darangchen wird, die seelischen Zusammenhänge im Geistesleben der Antisemitenf ü h r e r b l o ß z u l e g e n. Von besonderer Eigenart ist das obengenannte Werk. Eigenartig zunächst durch ben Stil. Legst verschmäht es, mit Willen und Absicht, dicke Wälzer zu schreiben, in denen aus Hunderten von Seiten sich die Kette der Gedanken des Arbeitenden widerspiegelt, er gibt thest-nmäßig den Ertrakt ganzer Gedankenreihen in knappsten Mützen. Volkswirtschaftlich' von besonderem Reiz ist die in dem Werke angewandte Methode der Fruchtbarmachung dos Arbeitswertes, die es verhüten soll, daß der Erfinder, der Schöpfer einer Idee von dem vollen Ertrag der dadurch geschussenen Werte ausgeschlossen wird und alles durch die Kapitalkrast dem die Idee Ausnutzcndcn zusällt. Nun kann es sich aber in diesen Blättern nicht darum handeln, eine Uebersicht über die Leistung des Mannes zu geben; hier muß man sich damit begnügen, auf ihn und seine Werke*) hinzuweisen. Wovon hier mit einem besonderen Wort geredet werden muß, ist das, was für die Frage des Judenhasses und seine Bekämpfung in Betracht kommt. Das ist zunächst das ol>en schon Entioickelte über das Pathologische im Seelenleben so manches als Führer Angestaunten, ist "ferner der Hinweis daraus, daß die Menschen ausser Verschiedenheit ihrer biologischen Anlage heraus so geartet sind, daß der eine den anderen oft nicht verstehen kann, und daß so manche persönliche Gelränktheit durch diese Erkenntnis überwunden werden kann. Wichtig aber ist vor allem die Thcsenreihe 697 sf. im „N eusozialis m u §". Leyst ist überall rein biologisch eingestellt, so daß er in einem ^inne, in dem der Referent ihm nicht zu folgen vermag, nicht mit ihm mitgehen kann, der Rasse, der Zeugungsenergie die entscheidende Rolle zumißt. Hier aber wendet er sich mit Schärfe und Eindringlichkeit gegen die Oberflächlichkeit und den Wahn der antisemitischen These, weist die Kreuzung und also nicht vorhandene Rassenreinheit' aller gegenwärtigen Völker nach und mißt gerade dem E i u s ch! a g des jüdischen Blutes das Ä n r e g e n d e, A n f e u e r n d e, Höhcrzi ehe nde, V esr u chte nde. Glutvolle zu. Er lveist treffend nach, wie das. was der Antisemit dem jüdischen Sein als angeboren an heftet, dem Milieudruck zuzurechnen ift* der, ans die aristokratischsten und reinblütigsten Germanenfamilien angewandt, dieselben Wirkungen ausüben würde. Leyst ist Vorkämpfer im Kampf gegen jeden Nationalismus und Chauvinismus, die er auf den pathologischen Geltungstrieb zurücksührt. Eine ständig anwachsende Gemeinde kennt ihn bereits und verfolgt fein Wirken mit Aufmerksamlei!. Gerade wir hacken allen Grund, auf eine solche Persönlichkeit zu achten, weil sie uns zum Bundesgenossen wird, zum Bundcsgcnoffen, nicht wegen irgendeiner Interessengemeinschaft, sondern weil jeder unser Bundesgenosse ist, der die Welt von der Lcgendenoildnng reinigt und der Gerechtigkeit in dem Ausbau der Gesellschaft zum Siege verhelfen will, der gegen den Wahn des llelnrnatlonalismus und Chauvinismus mit Wärme und Ileberzeugung kämpft, noch besonders wenn er als Biologe und Rassenforscher die Irrtümer der hetzenden Rassentheorie aufdeckt. D i e n e m a n n (Osfenbach a. M.). •) Rur vom Sphinx-Verlag, Berlin W S, Schellin-rstrüge 4, zu beziehen.