Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 22 (29.5.1925)
- Date
- 1925-05-29
- Page
- Seite 384 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277591--02168-3537091- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
<zav 384 Die Wandlung der „Jüdischen N u n d - schau". — Die verschwundene und auserstandene „Volksgemeinde". — Einiges zur ReichsprasidenLenwahl. — Vorn jüdischen Stil. — Die zionistische Ideologie. — Wir hatten recht. Wir wollen einmal einen Rundgang Lurch einige in diesem Jahre erschienene Nummern (Nr. 14, 19, 37) der „Jüdischen Rundschau" machen, deren Schristleitung eine Aussprache über die zionistische Golusarbeit in Deutschland eröffnet hat. Unter dieser Golusarbeit verstehen die Zionisten die Summe der Arbeiten, die sie in der „Verbannung", d. h. jetzt bei uns in Deutschland, nach ihrer Auffassung, zu leisten haben. Ein erster Schriftsteller, Dr. Fritz Löwe n st e i n (Zürich), klagt, neben anderem, darüber, daß viele Zionisten, besonders die Jugendlichen, auf Gemeindearbeit und andere Zweige dieser Golusarbeit mit einem Gefühl herabsahen, als ob man ihnen damit eine Tätigkeit zweiten Ranges zumute. Er meint, cs sei erforderlich, zunächst einmal ein Programm für die Arbeit der Zionisten in den Gemeinden und Landesverbänden aufzustcllen, das aushort, nur Forderungen einer Oppositionspartei zn enthalten, und anfängt. Grundlage einer eigenen, gedanklich begründeten und in sich schlüssigen Tätigkeit zu sein. Im Wahlkampf zu der Preußischen Landesversammlung habe mau die Behauptung zurückgewiesen, die Zionisten erstrebten die „nationale Autonomie" der deutschen Juden.- Daun aber heißt es in dem Aussatz des Herrn Dr. Löwenstein: „Was aber erstreben wir? Ist unser Ziel die Bolksgemeinde, und, wenn ja, wie ist diese Volksgcnicindc zu denken und wie zu erreichen?" Er sagt weiter: „Das nur als Beispiel: Ebenso unklar wie diese Fragen sind fast alle anderen Probleme der Gemeindearbeit." >> Aehnliches gelte auch auf dem Gebiete der Belämpsung des Antisemitismus. Er, Löwcnstein, brauche nicht zu erklären, daß er in der Verurteilung der Tätigkeit des C. V. mit der allgemein zionistischen Meinung konform gehe. Aber er vermisse das Auszeigen eines klaren Weges, wie dieser Kamps von den Zionisten zu führen sei. Herr Ben-Zion Feit setzt in einem Aussätze „Zu unserer Gemeindepolitik" die Diskussion über diese Fragen in der „Jüdischen Rundschau" fort. Er erklärt zunächst, der Vorwurf der Gegner, die Zionisten hätten „für die Wahlzeit, oder besser gesagt, für die Gemeindepolitik" ihren Namen als Zionisten mit dem einer Volkspartei vertauscht, scheint nicht ganz unbegründet zu sein. Wolle man aus den Erscheinungen des Wahlkampfes lernen, so müsse man sestftellen, daß einzelne Zionisten infolge der Vogel-Strauß-Politik der Leitung die Politik in den jüdischen Gemeinden einfach auf eigene Faust gemacht hätten. Diese Art von Politik hätte zu einer falschen Auffassung der ganzen Probleme geführt. In den eigenen Reihen hätte man geglaubt, jeder mache für sich eine eigene Gemeindepolitik, „während bei unseren Gegnern der Eindruck der Unaufrichtigkeit entstand". Die Frage der Volksgemeinde schien selbst in den Reihen der Zionisten nicht genug geklärt zu sein. Sonst wäre es nicht möglich gewesen, daß im Wahlkampf von einzelnen Zionisten so viel an dieser Bolksgemeinde herumgedeutet wurde. „Was von dem Gedanken der Volksgemeinde nach der Wahl übriggeblieben ist, ist ein Rätsel, das seiner Lösung harrt" . . . „Wir müssen vor allem selbst wissen, was wir wollen, bevor wir uns mit unseren Gegnern ausein ander setz ein" ' In einem letzten Aussatz über dieses Thema schreibt Dr. Victor (Wandsbek): „Ter Begriff der Volksgemeinde ist kerncsivegs schwankend, wie Löwenstein und Fett anzunehmen scheinen." Der Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung 1920 habe einen Entwurf einer Gesamtorganisationsversassung für die Juden im Deutschen Reiche angenommen, der durchaus aus dem Grundsatz der Bolksgemeinde beruhe. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland habe damit dem Prinzip der Bolksgemeinde z u g e st i m m t. Wir brauchen unseren Nundgaug durch die „Jüdische Rundschau" noch nicht abzubrechen. Wir sehen uns weiter in ihr um und finden in einem Anssatz, der die Wahl Hindeuburgs zum Reichspräsidenten beleuchtet (Nr. 33), einige grundsätzliche Bemerkungen, die sich zwar nicht durch Klarheit auszeichncn, aber eben dadurch die unklare Richtung, in der sich heute die zionistische Gedankenwelt bewegt, beleuchten. Es heißt wörtlich: „Wir Juden müssen gleichfalls mit der Realität der Tatsachen rechnen. Unser Ideal eines Helden ist so weit entfernt von dem rein soldatischen Ideal, daß wir für die Gedankenwelt, die sich in dieser Wahl manifestiert, wenig Verständnis haben." r— Wie schmerzlich muß die Zionisten da die Ernennung eines Generals, Lord Plumer, zum High Commissioner von Palästina als Nachfolger Sir Herbert Samuels berühren. Tann wird ausgesührt, die Auffassung der Z i o u i st e n vorn Staate habe nichts mit der Welt des uniformierenden Unterdrücker st aates zu tun, „vielmehr glauben wir, daß die freie Entfaltung jeder sozial, eth.ni.sch, kulturell determinierten Gruppe dem Staate das größte Maß positiv schassender Kräfte bieten und so wahrhaft dem Staatswohl dienen kann". Mir wollen das Fremdwort „ethnisch" übersetzen und es in der guten deutschen Sprache als „völkisch" bezeichnen. Etwas anderes kann cs nicht' bedeuten. Nun war schon am Eingang des Aussatzes davon die Rede, daß die Reaktion unter Umstünden die nationalen und konfessionellen Minoritäten im Staate bedrücken werde. Und wenn jetzt zum Schluß nicht nur die vollen Rechte des Staatsbürgers verlangt werden, „sondern auch das Recht, frei und unangefochten in diesem' Staate, in dem wir leben (von uns gesperrt. Schriftl.), unsere .Ideale zu pflegen," so tun wir jüdische Deutsche niemandem ltu*' recht, wenn wir, was Zionisten hier in so schwierigen Frcmdworten auszudrücken sich bemühten, mit den einfachen. Worten aussprechen: Wir jüdisches Volk im deutschen Wirtsvolk wollen unsere völkische Eigenart bewahren. Don dieser Auffassung ist auch Aniita Müller-Cohen, die bekannte vortreffliche Frau Anitta Müller-Cohen in Wien, nicht ganz frei,' wenn sic in einer Besprechung von Saltens Buch über Palästina (Nr. 37) den ausgezeichneten deutschen Stil Saltens lobt und sagt,' cs sei lächerlich, zu sagen, daß allein die Jude n unter den deutschen Philosophen Deutsch können, dann aber fortsährt: „Trotzdem ist die Einführung (soll wohl Einfühlung heißen. Schriftl.) in die Tiefen der deutschen Sprache Lei Schriftstellern jüdischer Abstammung manchmal bewunderungswürdig bis zur Unglaubhaftigkeit." W i r haben uns allerdings noch nicht darüber gewundert, daß Deutsche, auch wenn sie jüdischer Abstammung sind, gut deutsch schreibenkönnen. Fast wie gewünscht, um unseren Spaziergängen in der „Jüdischen Rundschau" einen interessanten Abschluß zu geben, erscheint ein Aufsatz, dessen Ileberschrist lautet: „Zur zionistischen Ideologie": (Nr. 40). Einzelne bezeichnende Sätze seien hier wiedergegeben:' „Zunächst darf nicht verkannt werden, daß es eine allgemein anerkannte zionistische Ideologie niemals gegeben hat." * „Es dürfte heute Allgemeingut zionistischer Erkenntnis sein, daß eine Lösung der Judenheitsfrage in eine m a u ch äußerlich alleJ udenum fasse nd e n Sinne nicht existiert." (Von uns gesperrt. Schriftl.), Als Ergebnis des Aufsatzes ist folgendes gesagt: T|- „Wenn also Palästina nicht das Land ist, das mechanisch die gesamte Judenhcitsfrage aus der Welt schaffen kann, so ist die Frage, worin die Begründung unseres Zionismus liegt, dahin zu geben, daß wir die Lösung der Jndentumsfrage und damit in Wahrheit die Lösung der Judenfrage erstreben. Unser Ziel ist,' nicht in einem beliebigen Lande, sondern in Palästina Juden die Bedingungen eines normalen Volksdaseins zu verschaffen, unb Zwar zunächst um derjenigen Inden willen, die selbst nach' Palästina gehen, um dort den Kern des neuen Volkstum abzugeben. Mögen andere jüdische Gruppen, aus welchen Gründen auch immer, an der Schaffung des jüdischen NationalheimZ mit-', wirken, mögen für sie Gedanken der Hilfe und Philanthropie maß-' gebend sein, der entscheidende Faktor für uns bleibt, dem Vor-' trupp, der das Leben im Golus nicht um äußerer Verfolgungen? sondern aus seelischen Gründen als unmöglich empfindet, in Palästina zu ermöglichen, dort Erez Jisroel zu säjafsen. Weil wir erkannt haben, daß eine Wiederbelebung der schöpferischen Fähigkeiten unseres Volkes nur möglich ist, wenn dieses Volk gesunde wirtschaftliche und politische Daseiusbedingungen hat, deshalb wollen wir den Zionismus." Wir wollen jetzt nicht davon reden, welche Fluten von Schmähungen sich über uns während des Wahlkampfes ergossen haben, als wir genau dasselbe behaupteten, was nach dem Wahlkampf ohne weiteres von der „Jüdischen Rundschau" zugegeben wird. Wir wollen die Auffassung unserer Aussätze nicht wiederholen, mit denen wir darauf hingewicsen haben, es sei schier, unmöglich, ein genaues Programm der Zionisten und der Jüdischen Volkspartei sestzustellen. Wir wollen nicht erörtern, wie man immer wieder die Schaffung einer jüdischen Bolksgemeinde als eine irre Phantasie' in unseren Kopsen bezeichnet hat. Wir wollen endlich nicht daraus Hinweisen, wie schwer wir angegriffen wurden, als wir Die Liste der judcuselnDlichen Erholungsorte, Hotels nnD Pensionen ist in Neuauflage erschienen und zmn Selbstkostenpreise von 20 Pfennig (einschließlich Porto) von Der HauptgeschäfLsstelle Des CeuLralvereius, Berlin SW 08, Linderrsiratze 13, zu beziehen.