Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 22 (29.5.1925)
- Date
- 1925-05-29
- Page
- Seite 382 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
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382 Labe der Pflege rein jüdischer Interessen hat. Nicht fpofbuft nennen wir uns „venkvalverein jüdis^M Glaubens'. Die hinter uns liegenden Wahlen zum Preußischen Verband jüdischer Gemeinden haben mit erschreckender Deutlichleit ge- Pigt. wis hilflos wir oft den dort aufgerollten Fragen gegen- Lberstanden. Es genügt nicht, daß die HauptvorstandSmitglieder und die Syndizi sowie einige Dutzende rühriger OrtsgruPpenvorsiiLnder jüdische Politik verstehen und danach harcheln. Der Nus nach „Demokratisierung' des C. V. hat in diesem Sinne volle Berechtigung. Also wo man wirklich ^nichts merkt' — aber auch anderswo — möge man das Versäumte schleunigst nachholen und seine Aufmerksamkeit tn verstärktem Maße jüdisch cnFragen zuwenden; selbstverständlich in den uns gezogenen Grenzen. Werden diese Forderungen erfüllt, dann wird auch der Beobachter unserer Arbeit überall Leben und Bewegring feststellen, „von der Maas bis an die Mele, von der Etsch bis an den Belt'. •Mfial Die bolschewistische Staatsordnung verhängnisvoll — Keine Auswanderung mehr nach LLruerika — Auswanderung irach Palästina brdcrrtrrngslos — Die jüdischen Siedlungen „mit Armut durchtränti" — Die Bcdrtteknngcn des „Bourgeois" — Die Jugend demoralisiert. Vor dem Weltkrieg wurden in Rußland ungefähr sechs Millione n Inden gezählt. Ter Abfall der westlichen Teile Rußlands infolge des verlorenen Krieges und der Bildung der Randstaaten verringerte diese Zahl ungefähr um die Hälfte. Rach der Lostrennung von Polen, Litauen, Lettland und Beßarabien (Finnland und E st land haben nn r ganz geringe jüdische Minderheiten) dürfte die Zahl der Inden im gegenwärtigen Rußland nicht mehr als drei Millionen betragen. lieber die Folgen drw Revolution^ und der Errichtung eines sozialistisch-kommunistischen Staates an stelle des früheren Rußlands für die jüdische Bevölkerung war bis jetzt Authentisches wenig zu erfahren. Tie sehr umfangreiche Literatur über Sowjetrustland, die von ausländischen Reifenden und Korrespondenten herrührt, ist zum allergrößten Teil wertlos und tendenziös, beschränkt sich noch dazu Meistenteils auf die Beobachtungen in Moskau und Petersburg, hier und da noch auf einige andere größere Städte: die riesige Provinz bleibt aber ganz außerhalb des Beobachtungsseldes der ausländischen Reisenden. Diejenigen, welche das Wesen und die Tendenzen des Sowjetrcgimes richtig erkannt hatten, waren sich allerdings darüber klar, daß die bolschewistische Staatsordnung sich für die I n b e n als ä u s; e r st ver - h ä n g n i s v o l l w ü r d e erweisen müssen. Tie Inden lebten zürn allergrößten Teil vom Handel und Kleingewerbe. Tie soziale Funktion der jüdischen Bevölkerung in den kleinen Städten und Fleeten des früheren jüdischen „Ansiedlungsrayons" bestand darin, daß sie der Dorfbevölkerung die ihr notwendigen Artikel der städtischen Industrie lieferte, sei es als Produzenten, z. B. als Schneider,'Schuhmacher ufw., sei es als Händler, als Besitzer von Läden, in denen der Bauer am Markttage oder sonst, wenn er in die Stadt kam, die Waren, die er brauchte, sich verschaffen konnte. Seit der Errichtung des kommunistischen Staates mußte das natürlich aufhören. Selbst seitdem die sogenannte „neue wirtschaftliche Politik" (Nep) ein setzte, welche dem kleinen Handel imb kleinen Privateigentum im Vergleich Aur Periode des Kriegslommumsmus eine bestimmte Bewegungsfrcinett gewahrte, ist die Lage dieser kleinen Unternehmer und Gewerbetreibenden dennoch ä u st e r st schwierig geblieben. Infolge der Revolution ist das Dorf in dem Verband der sozialistischen Sowjetrepubliken, wie Rußland jetzt offiziell heißt, ungeheuer verarmt. Es wird angenommen, daß das Tors jetzt kaum den fünften Teil der Waren fauft, welche es sich vor dem Kriege aus den Städten holte. Darunter muß selbstverständlich der Jude als Lieferant der dörflichen Bevölkerung ungemein leiden. Da gleichseitig auch die Großindustrie in Rußland stark zurückgegangen Ut, kann der frühere kleine jüdische Gewerbetreibende kein Fabrikarbeiter werden. Nun hat noch dazu die Auswanderung nach Amerika, welche in den letzten Jahrzehnten vor dem Krieg für das rusiische Judentum eine so große Bedeutung hatte, tatsächlich fast vo l l körnm e n aufgehört, also ist auch eine Erleichterung der Lage durch die Emigration unmöglich. Die Au § wanderrrng nach PaIastina kommt nach dein Krieg, pie auch übrigens vor den: Krieg, bei der großen Masse der russischen Huden praktisch überhaupt nicht in Betracht. Eine Mnstelluna dieser Tatsachen müßte also schon von vornherein theoretrsch zu dem Schluß führen, das; die Folge des Sowsetregimes für di§ russischen Juden eine große Arbeit?- und Derdieusilosigkeit, mit enderen Worten großes materielles Elend sein muß. Ein kleines, aber sehr inhaltreiches Büchlein des jetzt in Berlin wohnenden jüdischen Journalisten Jacob Le sch t sch ins ky bestätigt diese theoretischen Erwartungen durchaus. Leider ver- Ustntnchte Leschtichinsly seine Broschüre in Jiddisch, so daß sie aus r^sse Weise gerade denjenigen unzugänglich ist. für welche das in ihr gesammelte Material am meisten Wert hat*). Ter Versager sammelt aus der jiddischen kommunistischen Presse in Rußland — der einzigen, deren Erscheinen jetzt überhaupt möglich ist, — eine Reihe von Zustandsschildernngen in den Städten und Städtchen, in welchen eine mehr oder weniger bedeutende jüdische Bevölkerung vorhanden ist. — Sie ergeben ein überaus düsteres Bild. Die Dutzende Zitate, die er anführt, und welche hauptsächlich lokalen Korrespondenzen entnommen sind, stimmen fast wörtlich untereinander überein und müsien zum Schluß führen, daß die Lage der jüdischen Bevölkerung durch die Revolution geradezu katastrophal geworden ist. Nach einer Statistik, die von der ^owjetregierung Weißrußlands, das heißt des Gebietes, welches hauptsächlich aus früheren Teilen der Gouvernements Minsk und Witebsk besteht, veranstaltet und in der „Prawda' vom 1. August 1924 veröffentlicht worden ist, wurde „in 43 Flecken mit einer Bevölkerung von 91 130 Personen scstgestellt, daß von der jüdischen Bevölkerung nur 25 Prozent bestimmte Berufe oder Beschäftigungen haben, die übrigen 75 Prozent aber seien nicht imstande anzngcben, womit sie sich beschäftigen'. In einer Korrespondenz in der jüdischen kommunistischen Zeitung „Emes' vom 14. Mai 1924 aus der Stadt Dubrowno. Kreis Homel, heißt es zum Beispiel: „Das Städtchen, welches 12 000 Einwohner zählt, darunter 75 Prozent Juden, ist mit Armut durchtränkt. Es sind im Städtchen bloß Arbiter oder Heimarbeiter und mittlere Krämer geblieben. die den ganzen Tag nach einem Käufer ausschaueu. Arbeit ist nicht vorhanden/ Aus der Stadt S t c p c n i t sch, Gouvernement Kiew, heißt es in derselben Zeitung: „Tie ökonomische Lage des Städtchens ist schrecklich. Unter 800 Personen gibt es im ganzen 40 Heimarbeiter und 30 Ladcnbesitzer, die übrigen leben von unbestimmtem Verdienst, von Groschen, welche sie aus Amerika befonimen," usw. Aus dem Städtcl-en Pogrebitsch, Gouvernement Kiew, wird geschrieben: „Tie übrigen Einwohner leben von amerikanischen Dollars (d. h. von den Dollars, welche ifjncn ihre Verwandten aus Amerika schicken) usw." Aus dem Flecken S e d e l k o w , Gouvernement Wolhynien, heißt es: „Jetzt leben die hiesigen Juden, außer einer kleinen Zahl Arbeiter und Handwerker, von amerikanischen Dollars. Tie, welche keine Verwandten in Amerika haben, beschäftigen sich einfach mit Schnorrerei." („Emos*, Nr. SO, 1924.) geht cs in einem fort. Tazu kommt noch eine besondere Eigentümlichkeit des Sowjetregimcs. Ein Handwerker, welcher Gehilfen oder Arbeiter in seiner Werkstatt ansmmmt, gerät dadurch in die Kategorie der Bürger, welche, wie der technische Ausdruck lautet, „fremde Arbeit ausbenten", also als sozial unerwünschtes Element einer Reihe von Schikanen ansgesetzt ist. Er muß dann höhere Steuern zahlen, erhöhte Wohnnngsmiete, verliert das Wahlrecht in den Sowjet usw., wird also aus diese Weise zu einem Bourgeois und unterliegt folglich allen Gefahren, welche mit dieser Bezeichnung-im gegenwärtigen Rußland verbunden sind. Er muß seinen Arbeitern einen Lohn zahlen, welcher von der Gewerkschaft festgesetzt wird, muß ferner, wenn er seinen Arbeiter entläßt, ihm für eine Reihe von Monaten voraus sein Gehalt anszechlen. Das hat dazu geführt, daß selbst diejenigen) wenigen Handwerker oder Privatunternehmer, welche auch nach dem Umfang ihres Geschäfts imstande gewesen wären. Arbeiter zu beschäftigen, cs zu tun fürchten und vermeiden. Entweder arbeiten sie selber möglichst laug, 12 bis 16 Stunden am Tag, oder sie geben die Arbeit an Heimarbeiter, die jetzt bei den Juden auch Stubenarbeiter oder .,Ev.'arlirniks~ genannt werden, d. h. an Arbeiter, die nicht in der Werkstatt, sondern zu Hause arbeiten. Aus diese Weise entgeht der Arbeitgeber den Schikanen der Sowjetgesetzgebuug. Tie ganze Schwere dieses Zustandes aber fällt auf den Arbeiter, welcher nicht mehr den Schutz der sozialen Gesetzgebung genießt und, da er vor der Gefahr steht', als gänzlich Arbeitsloser zu verhungern, gezwungen ist, unter außerordentlich unhygienischen Bedingungen und ganz unverhältnismäßig hoher Arbeitszeit und gleichzeitiger schlechter Bezahlung bei sich zu Hanse Arbeit zu leisten, ^o wird z. B. aus Odessa von der Lage in der Schuhindustrie berichtet: „Getrieben von Hunger gehen die Arbeiter auf alles ein, arbeiten 15 bis 18 Stunden sin unhygienischen Wohnungen, neben ihrem Bett und Tisch, und erhalten nur soviel Lohn, als der Arbeitgeber ihnen gibt, solche Stubenarbeiter gibt es in Odessa im Schuhsach mehrmals 600.' („Emes', 11. Dezember 1923.) Ebenso wird aus ^hltomir, der Hauptstadt des Gouvernements Wolhynien, gemeldet, daß dort ein Syndikat „60 bis 70 Stubenarbeiter beschäftigt, die 14 oder mehr Stunden am Tag arbeiten'. Eine Reihe ähnlicher Berichte aus anderen mehr oder weniger größeren Städten beweist überzeugend, daß sich infolge der Revolution dre Zahl der verhältnismäßig wohlhabenden. Gewerbetreibenden und Handnoerker außerordentlich stark verringert hat. Diese Tatsache hat den ärmsten Arbeitern nicht nur leinen Nutzen gebracht, sondern im Gegenteil ihre Lage noch bedeutend verschlimmert. Außerordentlich traurig ist dabei besonders die Lage der Heranwachsenden Jugend. Früher fand diese Jugend Beschäftigung als Lehrlinge, Gehilfen usw. Infolge. des Niederganges des gewerblichen Lebens aber sowie der Verfolgungen, welche „fremde Arbeit ausbeutende" Unternehmer durch das Sowjetregime ausyesetzt sind, hat gegenwärtig Meie Jugend meist gar nichts zu tun, wächst vollkommen verwahrlost und demoralisiert aus. In einer ganzen Reihe von Berichten aus einzelnen Städten wird überein- *) „Der Emes wegen dir Ziden kn Rußland", Berlin 192-1.