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Central-Verein-Zeitung · 1925-05-22 · 21 (22.5.1925) · p. Seite 369

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
21 (22.5.1925)
Date
1925-05-22
Page
Seite 369 (sequence 9)
Language
German
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S63 r r> Dorsch läge und Anregungen von Paul Frank. Noch vor wenigen Jahren wurde die sommerlick)e Erholungsreise nur als ein schönes, oftmals beneidetes Borrecht weniger begüterter Volkskreise angesehen, zumal, wenn sie nicht eigentlichen Kurzwecken, sondern mehr der allgemeinen Entspannung von den Alltagssorgen galt. Infolge der immer mehr zn nehmen den Unrast des Berufslebens und der immer stärkeren 'Ausnutzung aller körperlichen und geistigen Kräfte in dein wirtschaftlichen Kamps bedarf aber heute fast jeder Mensch, insbesondere der Großstadtbewohner, in jedem Jahr einiger Wochen der Erholung. um neue Kräfte und frische Eindrücke zu sammeln. Die ^ommerreise dient heute in erster Reihe der Erhaltung der Gesundheit und der seelischen Elastizität. Hinzu kommt, daß sich der Gesundheitszustand von jung und alt infolge der Entbehrungen und seelischen Nöte während des Krieges und der Nachkriegszeit bedeutend verschlechtert hat. Leider ist es aber heute gerade den meisten Angehörigen des Mittelstandes, die diese gesundheitliche Auffrischung durch eine Sommcrreise am notwendigsten brauchen, wirtschaftlich nicht möglich, die Kosten aufzubringen. Noch sind wir nicht wieder soweit, daß^eder vorsorgliche Familienvater in sein Jahresbudget wieder einen ^ommeraufenthalt für seine Familie cinrechnen, daß jeder vernünftig wirtschaftende Erwerbstätige planmäßig für die Ferienreise sparen kann. So ist cs begreiflich, daß die E r h o l u n g s f ü r s o r g e m i t ihrer vorbeugenden Wirkung heute eine der wichtigsten Maßnahmen zur Stärkung nicht nur der eigentlich „armen" Bottskrcise, sondern auch des M i t t e l st a n d e s darstellen muß. Bon den K i n d e r h e i l st ü t t e n für das Kleinkinderalter an stehen für fast alle Lebensalter, dl n s p r n ch e und Berufe gemeinnützige Einrichtungen zur Verfügung, um gesundheitlich Schwache oder Kranke zu kräftigen oder zn heilen. Ferienk o l o n i c n, S ch ü l e r h e i m e, Walderholungsstätten, F e r i c irw a n d e r u n g e n, E r h o l u n g s h ei m e. städtische oder private Einrichtungen, Gründungen ans religiöser oder interkonfessioneller Grundlage dienen diesem Zwecke. Nicht zuletzt hat unsere Glaubensgemeinschaft Wert und Bedeutung der Erholnng-stürsorge erkannt; "eine große Anzahl derartiger Einrichtungen und großer — leider zurzeit entwerteter — Stiftungen legen hiervon Zeugnis ab*). So segensreich unbestrittenermaßen alle diese Einrichtungen auch wirken, so ist doch unbestritten, daß in den nächsten Jahren diese Fürsorge nicht a u s r e i ch e n kann, u:n allen Personen einen Erholungsaufenthalt zu beschaffen, die ihn aus eigenen Mitteln nicht ermöglichen können. Es sei deshalb versucht, für den j ü d i s ch e n M i t t e l st a n d einige neue Wege a u f z u w e i s e n oder ölte in Gtinnerung 311 bringen. Für die völlig unbemittelten Kreise kommen natürlich in erster Neihe die öffentlichen und privaten, jüdischen oder neutralen Wohlfahrtsämter, Vereine, Berufsorganisationen und Stiftungen in Betracht. Diese Adressen hier anzugeben ist naturgemäß nicht möglich, da die llcbersicht über die Zahl der freien Plätze letzt täglich schwankt. Jede Stadt hat jedoch öffentliche und jüdische Wohlfahrtsämter oder sonstige Zentralstellen-), die allein in der Lage sind, jede Anfrage unter Berücksichtigung des Wohnortes, Dcrnses, Alters und Geschlechtes, Art der Erholung oder Kur, sowie der wirtschaftlichen Verhältnisse zu beantworten. Diese Anskunsrs- und Beratungsstellen kommen keineswegs nur für die völlig unbemittelten Kreise in Betracht, sondern sind auch in der Lage, billige Erholungsmöglichkeiten anzugeben bzw. Teilbeihilsen zu gewähren. Es wäre eine durchaus falsche Scham, wenn Mittel st andskreise von dieser Möglichkeit nicht Gebrauch machen würden, weil sie nichts mit der „Wohlfahrtspflegezu tun haben wollen. Wohlfahrtspflege ist heute nicht mehr die einstige „Armenpflege", sondern die Anerkennung der gegenseitigen Ge m e i n sch a f t s v e r p fl ichtnng für alle Volkskreise, ganz im Sinne unseres jüdischen Wortes „Zedoko", dessen Uebersetznng sowohl „Wohltätigkeit"' wie „Gerechtigkeit^ bedeutet. Dieser tiefe Inhalt des Wortes „Zedoko". der somit bedeutet, daß ihre Inanspruchnahme nichts Beschämendes an sich hat und ihre Ausübung nur einen Akt sozial ansgleichender Gerechtigkeit darstettt, muß uns auch zn einer weiteren ^Ausgestaltung der Erholungssürsorge veranlassen. Viele unserer Glaubensgenossen leben in Verhältnissen — insbesondere in den Kleinstädten —, die es ihnen ohne weiteres gestatten würden, ein oder mehrere unterernährte Croßstadtkinder oder erwachsene Personen für wenige Wochen kostenlos oder gegen Selb st ko st ene r st a t t u n g bei sich aufzunehmen. Wo dies bereits geschah. 1) Dies beweist ein Blick in das inr Auftra-gc der Ientralwohli^hrksstclls der deutschen Juden von Dr. Jekob <5 c $ g 11 und Frida Weinreich soeben herausaeciebcne Landbuch Uber „Die geschlossenen und hnlboffenen Einrichtunaen d^L jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland". Verla-g F. A. Herb , g, G. rn. b. H., Berlin. 2) Wer seine örtliche Zentralstelle nicht kennt, wende sich an die genkral» wohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin 6 2, Rosenstcaste 2—4, oder (sofern fein ausschlaggebender Wert auf jüdisch-konfessionelle Vereine, Heime od. dg?, gelegt wird) an das Archiv für Wohlfahrtspflege, Berlin W Li, MoUrveLlstraße 4. haben die Gastgeber ebenso große innere Befriedigung, wie ihre Gäste gesundheitlichen Nutzen davon gehabt. In mehreren Fällen haben sich auch d i e F a m i l i e n einer Gemeinde zufammengeschl 0 ssen, um unter gemeinschaftlicher Kostenteilung eine größere Anzahl von Kindern bei sich aufzunchmen. Die sachgemäße Auswahl der Kinder, ihr Transport nebst Unfallversicherung und Begleitung, sowie die ärztliche Beaufsichtigung wurde von der Z e n t r a l w 0 h l f a h r t s st e l l e übernommen, da in diesen Fällen nur gesunde, wenn auch unterernährte und zarte Kinder verschickt werden können. Es wäre dringend zn wünschen, daß diese Art von Erholungssürsorge sowohl für Kinder wie für Erwachsene noch weiter ausgedehnt würde, und sich recht zahlreiche Familien zu einer derartigen Gastansnahme unentgeltlich oder gegen Kostenznschuß bereit erklären. Manche alleinstehende Familie — sie braucht dazu gar nicht in hervorragend guten Verhältnissen zu leben — würde damit nicht nur ein überaus verdienstvolles Werk tun. sondern auch sich selbst Anregimig und Abwechselung in die Eintönigkeit und Abgeschlopenheit ihres Daseins bringen. Und unsere Großstadtjugend würde aus diese Weise nicht nur eine gesundheitliche Förderung erhalten, sondern oftmals znm ersten Male auch wirtliches jüdisches Familienleben kennenlernen, wie es vornehmlich noch in der Kleinstadt herrscht. Und schließlich würden die Eindrücke aus dom Kleinstadtleben zu gleicher Zeit die so notwendige B e r u f s u m s ch i ch t n n g n n d R ü ck s i e d l u n g der G r 0 ß st a d t m e n s ch e n fördern Holsen. Aber auch manche G r 0 ß st a d t b e w 0 h n e r mit Villen und Landbesitz in den Vororten dürsten in der Lage sein, solche erholungsbedürftigen „Gäste" aufzunehmen und dadurch Kinder- und Erwachsenenaustaujch von Land und Stadt zn ermöglichen. Hoffentlich veranlassen diese Zeilen recht viele unserer in Klein- und Mittelstädten, auf dem Lande und insbesondere in den Kurorten lebenden Mitglieder, sich zn einer derartigen «gesundheitlichen Förderung ihrer in den steinernen Wüsten der Großstadt lebenden Glaubensgenossen zur Verfügung zn stellen. Allerdings müßten sich die Erholungsuchenden eine diskrete Nachprüfung ihrer wirtschaftlichen und gesundheitlichen Lage, und die Gastgeber ihrer Verhältnisse in bezug aus jl)rc Eignung zur Ausnahme von Erholungsbedürftigen gefallen lagen. Tenn die Vermittlungsstellen übernehmen eine nicht geringe Verantwortung nach beiden Seiwn hin. Man rühmt so oft den Gemeinschaftssinn und das gegenseitige Verpflichtnngsgefühl der Inden. Hier bietet sich eine Gelegenheit z u wirklich Produktiver und dankbarer Arbeit für die gesundheitliche und g e i ft i g e Erhaltung unseres Judentum s. In öle Ose§§ trotz allsöem! Z u s ch r i f t e i n e s A l P i n i st e n. Herr Haupt lehr er Maier aus Weinheim, ein bekannter Alpinist, Mitglied des schweizerischen Alpenklubs, Sektion Monte Rosa, schreibt im folgenden im Auschlust an die Einführung dos Numerus clausus der Berliner Sektion dos DOAY. Seit vielen Jahren sind die Schweizer Alpen das Ziel meiner Reisen in den Sommerserien: niemals ist mir begegnet — und ich habe sie nach allen HiumwlsrichLungen durchwandert, daß ein Mitglied des Klubs oder eine Sektion dieser Bereinigung irgendeine mißfällige Bemerkung in antijüdischem Sinne getan hätte. In diesem großen Vereine wahrer Alpenfreunde wird jeder nach seiner Leistung geschätzt; hier herrscht kein „Rassenhaß und Klassenhaß und andere Tenfelssratzen!" Haben wir's denn nötig, unsere alpinen Leistungen herunterfehen zn lagen? Der Münchener Professor Herr Tr. Alfred v. Martin. Mitglied des Schweizerischen Alpenklubs, Sektion Uto (Zürichs hat im Februarhest 1925 der Monatsschrift des Schweizerischen Alpenklnbs unter dem Titel „Alpinismus und Antisemitismuszu den viel erörterten Vorgängen im DöAV in einer so klaren und für uns Juden so Herz ' und Seele erfreuenden Weise Stellung genommen, daß es sich erübrigt, aus die tatsächlich armseligen An würfe unserer Gegner cinzngehen. Meine knappe Zeit hat mir leider nicht erlaubt, so manches zu sagen, was ich in diesem Zusammenhang ans dom Herzen hätte; auch be-ürchte ich. von unseren Feinden mißverstanden zu werden. Eins nur möchte ich unseren Glaubensgenossen raten: Schickt, so ihr in der Lage seid, eure Söhne und Töchter in die Berge, laßt sie erschauern vor der erhabenen Größe und Allmacht des Schöpfers, dessen Nähe w 1 x nirgends deutlicher fühlen als in der Einsamkeit der Firnen- und G l e t s ch e r w e l t! Meine Jungen, von denen der eine bereits den höchsten Gipfel der Schweizer Alpen nebst mehreren anderen erstiegen hat, und der Jüngere, der im vorigen Jahre im Alter von 14 Jahren das Brei th 0 r n (bei Zermatt, 4171 Meter!) und M e 11 c I f) 0 r n in Begleitung eines Hirtenknaben erklomm, mögen als Beispiel dienen, daß auch die jüdische Jugend heute gewillt ist, im alpinen Sport Tüchtiges zn leisten. Freilich: im eleganten Seebad oder im „mondänen" Alpenkurort wird man körperlich nicht erstarken, das kann nur in hartem Ringen mit dem Fels, Eis- und Schncestürmen geschehen. Es sollte mich herzlich freuen, wenn ich bei meinen diesjährigen Wanderungen in den Ponninischen Alpen (Monte Rosa, Mischabelgruppe, M'atterhorn und Weißhorn, alles erhabene 4000er!) recht viel stmgen Glaubensgenossen begegnen würde.

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