Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 21 (22.5.1925)
- Date
- 1925-05-22
- Page
- Seite 370 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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370 „?u6 Süß." Von Doris Mittlrer. Unter den mannigfachen, zu historischer Bedeutung gelangten internationalen Inden, die, trotz jeweiliger Knechtung und Entrechtung der über sie eingesetzten Wirts- und „Schirmvölker", weltgeschichtliche Patina erlangten und — berühmt oder berüchtigt — mit dröhnendem Schritt durch die Jahrhunderte schritten, ist Leopold Süß Oppenheimer, unter der volkstümlichen Bezeichnung „Jud Süß" bekanm und genannt, nach ertragreichen des katholischen Herzogs Karl Alexander, vor jener Weltgeschichte, die das Weltgericht darstellen soll, eigentlich recht schlecht weggekommen. Gewiß: es hat sich eine haushohe Literatur anfgeschichtet über Glück und Ende des merkwürdigen Mannes, dessen Leben, ohne daß er ein ofsiziellcs StaatSamt bekleidet hätte ser verweigerte diese ihm häufig angebotcne Gunst hartnäckig' ihm schien der Kitzel der Macht um jo süßer, je willkürlicher, unverbriefter er sie genoß), einen Rausch von Ansehen, Glanz, Schönheit, unbegrenzten Möglichkeiten darstellte, und dessen" Tod: — bekleidet mit seinen Prunkgewändern, eingesperrt in einem eigens errichteten Käfig, an haushohem Galgen unter dem Johlen des Pöbels (der allsolang vor ihm gedienert und gekrochen) gehängt zu werden — wieder einen Beweis für die Erfindungsgabe des Menschen in Grausamkeit mW Bestialität lieferte. — Zugegeben: Leopold Süß Oppenheimer hat das schwäbische Land bedrückt, gezwackt, ansgesogen, wo nnd wann er nur immer konnte; aber allzeit zu Diensten und aus Befehl seines herzoglichen Gönners und Herrn, den cs gelüftete, außer Landes den ruhmgelrönten Feldherrn, den unbesiegbaren Soldaten, innerhalb seines „Ländles" aber einen „Louis Quartorze" en miniature zu spielen. Ter Herzog — ein ungebildeter, weibs toll er Patron — war der eigentliche Schuldige; „sein Jud", der geniale Finanzkünstler und gekriegte Staatsmann, der über alle Geisteskräfte und Bildungsmöglichkeiten seiner noch nicht eben sehr erleuchteten Zeit — Anfang des achtzehnten Jahrhunderts — und den als Teuselsspuk verschrienen. weil seinen obskurantislisch verschlossenen, Pietist isch versinsterten, tölpelhaften Volksgenossen wesensfremden Kombinationen und Intuitionen einer ausgehenden Kultur mit souveräner Eleganz gebot: er mußte zum „gottgewollten-Prügelknaben" eines inaiujjcnbcit und böswilligen Zeitalters werden. ^Hepv-Hepp!" Der Schandrus der Menschheit, der zur hohen Jagd auf das Edelwild, ten M'en'chen, den ..Bruder Mensch" höchstselbst, anfruft, hallt durch Zckt nnd Raum. Jur Falle des „Jud Süß" hat kein Geringerer als der Dichter Wilhelm Hauff sich durch seine Anstimmnng geschändet. Und heute? Heute herrscht das Hakenkreuz, der Arierparagraph, die Blntsproöentheorie. (Die Statuten der Burschenschafter verwehren die Mitgliedschaft jedem, der in seiner Aszendenz die legitime Verbindung mit einer farbigen oder jüdischen Frau etwa cmswoistn kann; — zu Zeiten des „Jud Süß" stand strafe des Hochgerichts, vulgo: Tod durch den Strang, dem vermessenen Inden in Sicht, der sich mit einer christlich geborenen Fron oder Jungfrau „in eroticis" fand.) Man sieht, die Kulturgeschichte hat wenig Phantasie und gebiert selten neue Einfälle. Um so verdienstlicher ist es, daß gerade jetzt ein Schriftsteller von Rang, wie Lion F e u ch t w a n g e r. es unternimmt, in Geflockt eines etwa sechshundert Seiten langen Romans über „Jud Süß" (Drei- Masken-Berlag, München) die jahrtaustndalte Antinomie zwischen Christ und Jude, zwischen dem Volke des Buches — dem „D a s B u ch" alles ersetzen muß: Staat, Heimat, Heim, Glück, Beruf, Erfolg. Freude, — . . . und dem kriegsgewaltig über dem in aller Welt zerstreuten Memchenhänflein dahim'ahreadcu „Edom"; daß, sagen wir. ein Mutiger im Geiste eben jetzt dieses Problem ausrollt. Und wie Lion Fenchtwanger es tut, beweist, daß er jeglichen Willen zur Objektivität hat, daß er weder voreingenommen für die eine noch für die andere Partei ist. (Darin liegt jenseits des künstlerischen Valeurs die menschliche Größe dieses Werkes.) Nur hie und da, ganz selten, wenn er der in der Diaspora verirrten, sich nur in seinen heiligen Büchern und Bräuchen wieder zusammen und zueinander findenden Kindern des Wüstenwanderstammes gedenkt, erklingt seine Tichrerharse unversehens in Molltönen: süß, erhaben'und ergreifend, wie sie dereinst vielleicht auf dem heiligenHügelMoria dank Kithara und Theorbe zum Preise des Allerhöchsten, nicht aber zum unedlen Zwecke der Menschenhatz, erklungen sein möge. In solcher!' Bürgenblicken verspürt man wohl auch — durch das Medium des Herzens, nicht des Hirns, dse Zusammengehörigkeit des Dichters mit dem" „Allen Bunde", besten Gesetz i n ihm ist, mag er auch seine Satzungen äußerlich mißachten. Die Gestalt des ,Zud Süß" hingegen ist — zumal in ihrem ersten Teil, bevor der gewaltsame Tod seines Kindes, der „Rose von Zion" und ,chilie im Tal", seinen schuldbeladenen Geist entsühnt und ihn zum freiwilligen Märtyrer prägt — so herb nnd erbarnrungslos gezeichnet, daß kein Hakenkrenzler ihn in dieser Charakteristik übertresscn fönntc. Gin Streber: nach oben kriechend, nach unten tretend, devot, zynisch, je nach Bedarf! Und immer nur e i n Ziel im Auge: die Erhöhung der eigenen Person zu nie geahnten Würden und Bürden und dem darob entstehenden Aerger der — andern. Und trotz allem, bei allem: der *£> o f j u b" (sonder Stolz und Stammesbewußtsein), öffentlich gefürchtet, heimlich von jedem verachtet undanaespien. Aber: wir stxnen mit, um so mehr, als. wir wißen, daß d i ese r Typus — abgesehen von seiner Genialität — unsterblich und unausgestorbeu ist und allezeit unter uns „wandelt in rosigem Licht". Ter innerlich bekehrte „Jud Süß" (die poetische Lizenz einer illegitimen christlichen Geburt ist überflüssig und vom Nebel); die Gestalten kluger und doch selbstbewußter Geldgeber, ehrwürdiger Rabbiner nnd gelehrter Kabbalisten stwie die eindringliche und anschauliche Darstellung des dazumal Deutschland zerreißenden Kulturkampfes zwischen Nom und der Reformation (al^ermals eine Parallele zu heutigen Zuständen) feilten diesem Werk einen Wert weit über den Tag hinaus. Blau möchte beinahe sagen; einen säkularen Wert. IuösnLum, Ehe, Irauen. Bon L:c. theo'l. P. Ficbig (Leipzig). 1. Es ist bekannt, daß es viele mustergültige jüdische Ehen gibt. Nicht mit Unrecht hat man gesagt, daß dem Juden ein ausgeprägter Familiensinn eigen ist. Für N a ch k o m m c n j chajt zu sorgen, ist religiöse Psiicht (1. Mose 1,28). Die religiöse Belehrung der Kinder, namentlich der Söhne, wird im Schema Jisroel. dem Hauptbekenntnis, geboten. Unter den zehn Geboten der fünf Bücher Mose lautet das eine: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren." Die jüdische Religion^ reicht auch in das häusliche Leben hinein. Der Sabbat, der Pagahabend, die Tischgemeinschaft usw. zeigen den Hausvater im häuslichen Kreise als au-gestattet mit religiöser Würde, und die Frau und die ganze Familie hincingestellt in einen religiösen Zusammenhang, in ein Leben vor dem Angestcht Gottes. Streng sieht man darauf, daß der Borbeter der Slmagoge verheiratet ist/damit er nicht ins Gerede kommt. „Heiligung des göttlichen Namens" ist ein besonders wichtiger Begriff, der alles ausschließt, was etwa in den Angen von Mchtjudcu anstößig sein könnte. 'Unzucht und Götzendienst werden auf eine ^tuse gestellt, d. h. streng verabscheut/ Es ist bekannt, wie gut es meist die jüdischen Ehefrauen haben, da der Mann mit aller Kraft für seine Frau und seine Familie sorgt, nüchtern ist nnd fleißig. Ostmals ist die Frau auch insofern die Gefährtin des Mannes, als sie sich an seiner Arbeit, seinen geschäftlichen Sorgen beteiligt. In dieser wie in anderen Beziehungen sind natürlich jüdische Ehen verschieden, genau so verschieden wie christliche. 2. Es soll an dieser Stelle nicht ans alle die Probleme eingegangen werden, für die z. B. I. Lei pol dt, Professor für nentestameniliche Wipenschast an der Universität Leipzig, in seinem Buch .TZesus und die Frauen", Bilder aus der Sittengeschichte der alten Welt, 1921 (Leipzig, Quelle u. Meller)^auch hinsichtlich des Judentums jener Zeit eine reiche Sammlung von Belegstellen bietet. Es/ müßten da zu allseitig gerechter Würdigung viele Einzelheiten behandelt werden. Es seien hier nur folgende ö r u n d z ü g e herausgehoben: a) Das Judentum betont die Ehe und verabscheut das ' Dirnentum. d) Ehelosigkeit, Mönchtum sind nniüdisch. ch Kinderreichtum ist Ehre, Kinderlosigkeit Schande, d) Tie Durchdringung des Familienlebens mit religiösem' Leben, jüdischer Religionsunterricht ist Pflicht, ch Pflicht der Kinder ist. die Eltern zu ehren, k) Ter Mann ist der Frau übergeordnet, auch der eigentliche Träger der Religion. 3. Im p c o t e st a n t i s ch e n Christentu m wirken, im Anschluß an das Nene Testament, diese Grundzüge und Tendenzen des Judentums nach. Griechisch ist die Herabsetzung der Ehe, die Verherrlichung des Helärcntnms, die Ehelosigkeit, Ausschweifung und Askese, Ätöuchtum. In der Abwehr alles dessen nimmt das Christentum jüdische Tendenzen aus. Man sieht das auch tu der verschiedenen Stellung zur Nacktheit, worin das Judentum nnd das Christentum anders denkt als das Griechentum. svgl. die jüdischen Vorschriften über Nacktheit und Gebet, z. B. in Tose Pbtatraktat Laralllrolll). In dem Kamps um den 'Religionsunterricht steht das fromme Judentum aus dem Standpunkt der Forderung von Schulen mit jüdischem Religionsunterricht. am besten von rein jüdischen Schulen. Auch der Protestantismus bewahrt im kirchlichen Lebern soweit es sich dabei um das geistliche Amt handelt, die Vorherrschaft des männlichen Geschlechts, und hat im Trangelübde im Anschluß an das Neue Testament die Formel: „ihm (d. h. dem Manne) untertan sein in dem Herrn". Dabei ist hier, wie auch sonst in bezug auf die Stellung >er Frau, erkennbar, daß jüdische Ileberliesernngen über Polygamie und Stellung der Frau innerhalb des ^religiösen Lebens, auch über Ehescheidung, im Christentum zugunsten der Monogamie, der religiösen Gleichstellung der Frau und des Verbotes der Ehescheidung eine „Erschwerung" (rabbinisch zu reden) erfahren haben. Innerhalb der christlichen Kulturwelt vermag sich aber das Judentum leicht, seinen Grundsätzen der Vermeidung der „Entweihung des göttlichen Namens" und dem Satz: „Dina d’malkhutha dina“, d. h. „Staatsgesetz ist Gesetz", entsprechend, und entsprechend obigen Grundkendenzen, den in der christlichen Welt geltenden Staatsgesetzen und Grundsätzen zwanglos einzuordnen. Schon die Betonung der Ehe und der Kindererzielmna, vor allem auch das Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren", weist in eine Richtung, die in mustergültigem, innigem, monoganischem Ehe- und Familienleben unserer jüdischen Zeit- und Volksgenossen Tatsache ist.