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Central-Verein-Zeitung · 1925-05-15 · 20 (15.5.1925) · p. Seite 350

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
20 (15.5.1925)
Date
1925-05-15
Page
Seite 350 (sequence 3)
Language
German
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350 und gesetzgebenden Konischesten unserer staatlichen, kommunalen'.und kirchlichen Gemeinschaften in unverhältnismäßig großer Zahl Persönlichkeiten anlresfen, diesem Lande entstammen. Während aber die nichtjüdische. großstädtrsche Bevölkerung ihren Bedarf an Menschen in dem großen Bevölkerungsreservoir des Landes gesichert sieht, muß für die jüdischen Bewohner der Großstadt bei dem gegebenen ungleichen Zahlenverhältnis zwischen Stadt und Land eines Tages der die Lücken ausgleichende Zustrom Vom Lande versiegen, und die Gefahr eines allmählichen und sich^ immer schneller entwickelnden Niedergangs taucht greifbar fast vor unserem Auge auf. Gewiß ist die moderne Großstadt ii\ der Lage, durch "hygienische Maßnahmen aller Art. durch Pflege von Sport und Spiel den Dersallprozeß zu verlangsamen. Aber sie wird ihn nie ganz ausgleichen können; denn gerade das aufreibende Leben der Großstadt ,mit seinem Hasten und Jagen, seiner Unruhe und Wurzellosigkeit, seinen lockenden und verzehrenden Genüssen, entzieht sich dem Einfluß ^einer noch so fürsorglichen Verwaltung. Und was die Großstadt gerade uns Juden so sehr belastet, ist die Tatsache, daß auf ihrem sonst sterilen Boden die Gistgewachse von Taufe und Mischehe am besten gedeihen. Aber die aus diesen Feststellungen sich ergebende Forderung einer Rückkehr aufs Land wird in u n seren Reihen ungeheuren Schwierigkeiten begegnen. Die Struktur der gegenwärtigen jüdischen Gemeinschaft weist sie unerbittlich in die Stadt. Hier lockt das stark flutende, wirtschaftliche Leben, hier ist das Herz des Verkehrs, und weite, glückverheißende Perspektiven eröffnen sich dem Angehörigen des Handelsstandes. Hier aber auch besteht die Möglichkeit eines Geist und Gemüt befriedigenden geselligen Verkehrs und der Erschließung aller Bildungsquellen sür das Heranwachsende Geschlecht. So zieht die Großstadt mit tausend Fangarmen auch noch den letzten Juden vom Dorse in ihr Netz und verwandelt die alten Gotteshäuser, einst mit frommen Betern gefüllt, zu meist einsamen Stätten. Ganz im Gegensatz zur nichtjüdischen Welt. Hier fehlen die treibenden Kräste, die das L-eben in der Großstadt mit sehnsüchtigen Augen anschauen lassen. Fest in der Scholle wurzelnd, erweist sich die nichtjüdische Bevölkerung des flachen Landes in ihrer Seßhaftigkeit als das ruhende Element in dieser Zeit des^Gärens und Drängens. Zudem ist die Erhaltung eines gesunden und wirtschaftlich gesicherten Bauernstandes eine Frage, die nicht nur ihn selber angeht. Bon seiner Arbeit hängt Sein oder Nichtsein seines Volkes ab, und die Erfahrungen des Krieges haben auch den größten Skeptiker von jedem Zweifel an dieser Wahrheit geheilt. Die Gründe aber, die die Existenz eines jüdischen Bauernstandes wünschenswert machen, sind, wie wir gesehen, anderer Art. für die Masse weniger überzeugend und weniger dringend, weil sie nicht an der Oberfläche liegen wie dort, und auch weniger bestimmend, weit sie das Einzelschicksal fast ganz unbeeinflußt lasten. Dort führt einzelne nur in dem Maße, als er selber mit der Gesamtheit im geistigen Zusammenhänge steht und ihr Gedeihen oder Nichtgedeihen seine eigene Seele in Schwingung versetzt. Dort ergibt die. Summierung des Leides der einzelnen das Leid der Gesamtheit; hier ergibt das Leid der Gesamtheit in seiner Teilung das Leid des einzelnen. Damit crgrbt sich von selber der Schluß, daß die Gründe, die uns zur Rückkehr aufs Land bestimmen konnten nur im Gedanklichen wurzeln. Soviel Macht der Gedanke'der Gesamtheit über den einzelnen gewinnt, so weit wird er auch bestin.unelld ]em^ auf die Gestaltung des persönlichen Lebensschicksals einzuwirken und eine Kongruenz zwischen den Fordernngen des Individuums und denen der Gesamtheit herbeizuführen. Von dieser Höhe sind wir noch weit entfernt. Aber was den Zionisten gelungen ist. sollte auch uns nicht unrnög- Uch sein. Freilich fehlt uns der starke WillenZantrieb. über den der Zionismus verfügt: das Versprechen des freien Menschen aus freiem, eigenem Boden. Aber trotz allem sind auch ww in der Lage, durch bewußte Erziehungsarbeit entscheidende Willensfaktoron auszulösen, die gleich jenen des Zronrsmus un Individuum und im Volke zugleich wurzeln und durch diese zweifache Verflechtung genügende Stärke erhalten. S*1 kct der Beeinflussung der individuellen Richtuna des Zöglings geltenden Erziehungsarbeit muß sich ein Gedanke mit aller Macht emporringen und zur Vorherrschaft aller anderen Werturteile gelangen: in der Schatzung zwischen Geschaffenem und Erworbenem muß dem erstercn die überragende Bedeutung zuerkannt werken, und die Freude am Geschaffenen muß die am Erworbenen übertreffen und überwinden. Diese Anschauung bedeutet einen vollständigen Bruch mit unserer bisherigen Denkart und kommt fast einer Umwertung aller unserer in Mefcm Gebiete liegenden Begriffe gleich. "Aber sie ist die unerläßliche Voraussetzung einer bewußten Erziehstmgsarbeit, die die regenerativen Kräfte des jüdischen Menschen der Gesamtheit nutzbar machen will. Im Gegensatz zu allen Einwirkungen aus die seelische Einstellung zur Gesamtheit, deren Erfolg doch nur relativ bedingt ist und davon abhängt, wie wert das Schicksal des Ganzen in dem einzelnen anklingt, wendet sich diese Erziehungsarbeit an etwas Ursprüngliches im Menschen. Die Freude am Schassen und Geschaffenen ist etwas Absolutes^und tief im Gemüte Wurzelndes, und wo sie fehlt, da ist eine Seite im Menschenleben verkümmert und nicht zur Entfaltung gebracht worden. Unsere eigene Geschichte ist ein lebendiges Beispiel sür diese Wahrheit, und so manche Tatsache unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ausbaues erhält durch sie erst ihre Aufhellung. In einer Menschheit aber, die das Geschaffene dem Erworbenen überordnet, erhält der Besitz seinen Adel nur dadurch, daß Schassen und Gestalten vor ihm und hinter ihm stehen, und Würde und Ansehen werden nur dem zuteil, der auf schöpferische Arbeit Hinweisen kann. Wenn es uns so gelingt, das Heranwachsende Geschlecht wieder reif und empfänglich zu machen für den Segen, der schassenden Tat und damit ein uraltes jüdisches Gut wieder neu zu erwerben, dann haben wir das feste Fundament für unsere Bestrebungen gelegt. Dann ist unsere Jugend auch in der Lage, die Worte eines Gustav Frey tag nachzuempfinden, der Höhe und Würde des bäuerlichen Berufes wie selten einer lehrt: „Glücklich ist der Fuß, welcher über weite Flächen deseigenen Grundes schreitet: glücklich das Haupt, welches die Kraft der gründenden Natur einem verständigen Willen unterwerfen weiß . . . Ihm (dem Landwirt) wird die höchste Freude des Schaffens. Denn was sein Befehl von der Natur fordert, Pflanze und Tier, das wächst unter seiner Hand zu eignem, frohem Leben auf/ Ganz von selber regt sich daun in dem Heranwachsenden Geschlecht die Sehnsucht nach der eigenen Scholle, und die Umschichtung unserer Berufsarbeit wird sich allmählich vollziehen. Die regenerativen Kräfte unserer Gesamtheit sind damit w a ch g e r n s e n , und z u d e m beglückenden Segen der Erdscholle wird sich dann doch jener gesellen, den das Bewußtsein gibt, t nt eigenen Wachstum zugleich das der G e s a m t h e i t z u verbürgen. So schlagen zwei Flammen zusammen, und in ihrer reinen Glut schmelzen alle Schlacken und lassen das reine, edle Metall zum Vorschein kommen. Die Hinwendung zum landwirtschaftlichen Berufe darf nicht zu einer philanthropischen Tat oder zu einem Akte wirtschaftlicher Erwägungen herabgewürdigt werden. Nur die Jugend, die aus innerem Drange heraus den Weg ans der einengenden Groüstadt zur sreien und befreienden Scholle zu finden weiß, wird stark und fähig sein, sich als Pionier einer besseren Zukunft ihrer Gemeinschaft zu erweisen. * Nachschrift der SchrisLlcitung. lieber die Bedeutung des im vorstehenden Aussatz behandelten Problems gibt es keine Meinungsverschicdcuheit. Doch scheint uns der positive Borschlag des Verfassers die Lösung des Problems nicht zu verbürgen. ’ Das Problem ist seinem Wesen nach ein wirtschastlich-so.ziales. Wirtschaftliche und soziale Bedingungen haben die heutige Struktur der deutschen Jndcnheit geschussen; nur eine Aeuderung dieser Bedingungen kann daher eine Umbildung des jüdischen Gesetlschastskvrpers herbeifuhren. Gewiß ist dabei auch die Schaffung der entsprechenden Geistigkeit von Bedeutung; aber nicht von entscheidender. Der Hinweis auf die zionistische Praxis erscheint uns daher als abwegig. Nicht die vom Zionismus erstrebte und erreichte geistige Uinstellung in seinen Reihen bedingt und erklärt seine wirklichen oder vermeintlichen Erfolge, sondern die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der ostjüdü'chen Masten ermöglichten und ermöglichen ihm die Schaffung eines jüdischen Bauern.standes. Ohne diese entscheidende Tatsache wären auch seine Umschichtung-plane das geblieben, was sie bei uns geblieben sind und leider zurzeit bleiben werden: graue Theorie. Zn bedenken ist auch, daß sich unter den heutigen Berhältmsten den Juden auf dem Lande und in den kleinen Städten Schwierigkeiten gescttschastlicher Art entgegenstellen. die mcht zu unterschätzen sind. Es gibt ja jüdische Groß- und Kleingrttndbep.tzer und jüdische Beamte in der Landwirt schalt. Sie können davon erzählen.

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