Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 19 (8.5.1925)
- Date
- 1925-05-08
- Page
- Seite 336 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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386 Jakob Löwenberg, Jakob Löwenberg als Erzähler unö Lpriker. Unsere dcuischen Dichter jüdischen ElaubcnH Stefan Zweig, Arno Nadel, Else L a s k e r - 2 ch ü l e r, Richard Beer-Ho jmann und viele andere, flüchten gern in die große Vergangenheit zu den Monumcntalfiguren unserer btbLtjdjen Gestalten, weil?tc hier religiöse Leidenschaft mit Kraft vereint smden. rufen in Gesang und Sage die verstreuten -Llamme Israels wieder in die heimatlichen Zelte, Häuser und Gärten zurück und suchen unter dem Tempelkuppelglanz Herusalems König Davids verfchollene Harle. Der Schilderung des Leides unserer Zeit aber lvcichen sie verlegen aus. Don den jüdischen Dichtern unserer Tage scheuen lediglich Jakob Wassermann und Jakob Löwenbcrgden- Abwehrkampf wider grundlose Verdächtigungen unserer Gegner nicht. Aber der weit jüngere und liLerarssch zweifellos bedeutsamere Wayermann, der die Waffe seiner scharsgeschlissenen Feder gern mit Galle ätzt, treibt als Punrphletis zu kostbaren sprachauswand, bleibt also leider ziemlich wnrkungslos, während sich Lowenberg gerade durch die u n v e r k ü n st c l t e S ch t i ch t-. heit seines zurveilen gell anklagenden. zutveikcn seifen und gemütsticfen volkstümlichen Er- .zählertoneZ bereits seit Jahrzehnten ein starkes Scelenecho sicl)erte. „Der gelbe Fleck", sein neuestes Novellenbuch (im P H i l o - D e r l a g G. m. b. H.. Bert i n) dürste nicht nur seiner. Lesergemeinde willkommen sein, sondern auch Judenfeinden scharf in die Augen stechen. Tenn es bejaht die Möglichkeit eines freundlichen Miteinander-, statt eines gegnerischen Nebcnemanderlebens von Juden und Christen. Mit seinen alten, aber noch immer linsenscharfen Blicken beobachtet Löwenberg die Dörfter- und Kleinstädterwelt eingewandertcr jüdischer Händler und Handw.erksburschen, und er begrüßt das nicht selten harmonische Verhältnis zwischen christlichen Bauern und seinen Glaubensgenossen bei aller Wahrung jeder religiösen Ueberzeugung als eine notwendige, durch ihre Berechtigung innerlich gesunde Annäherung von umgewandelter Naturkraft und Geist. Und seine reine Seele, der unsere ältere Lyrik manches Verskleinod verdankt, jubiliert lerchenhast, wenn er die harte Eiskruste religiöser Vorurteile unter der Wärme eines durch Nächstenliebe bekundeten menschlichen Gemeinschaftsgefühles schmelzen fühlt, denn sein im Grunde schelmenhaft heiteres Gemüt, das sich von der Trauer um sein gedrücktes Volk gern bei anekdotischem Frohsinn erholt, sieht in der ceelenhastigkeit eine neue Lebenssoune. Deshalb schwelgt er zuweilen in der Schilderung menschlicher Güte und Verurteilt selbst nicht Misses täter, sofern er deren Handlungen ans Gedankenträgheit, persönlichem Irrtum oder vererbter Rapenseindschast herleitet. Wenn er aber lediglich Böswilligkeit und niedrige Gesinnung seststellt, wettert seine gekränkte Menschenwürde gegen die Haßsäer in prophetischen: Zorn, entwickelt er sich zum Frontkämpfer der bedrängten Unschuld, deren weißes Friedensgewand er durch keine gelben, schwarzen oder roten (Pogromblut-) Flecke besudeln lassen will; mit der gleichen Empörung entrüstet sich sein reines Gefühl über Glaubensabtrünnige, wenn sich diese von der Religion ihrer Väter nicht aus Ueberzeugung, sondern lediglich um irdischer Vorteile willen wenden. Erstaunlich bleibt die jugendliche und volkstümliche Tarstclluugsfrilche des doch immerhin betagten Erzählers und die Zeichnungsschärfe seiner christlichen und jüdischen Dörfler, die zuweilen an Berthold Auerbachs Gestaltenwelt gemahnen: man empfindet die Sorgfalt in der seelischen Licht- und Schattenvcrteilung als Wohltat eines selbst im Abwehrkampf gegen scharfe Judengegner seinen eigenen Gerechtigkeitssinn kritisch überprüfenden Geistes, der das Gewicht und den Wert seiner Worte meist zu wägen weiß. Dieses Buch ist also weit mehr als nur das Kennzeichen einer edlen Gesinnung; denn es überzeugt durch Gestaltungskraft seines.Dichters, den gewiß anch der Philo-Verlag durch geschmackvolle Ausstattung des Werkes, gutes Papier und sauberen Letterndruck ehren wollte. Möchte „Der gelbe Fleck", das von Judcngeanern unseren Ghettoahnen aufgedrungene Glaubenskennzeichen, nach lanaer mittelalterlicher Nacht und den vielen Jahrzehnten unserer angeblichen Gleichberechtigung unter einem freien Morgenhimmel ungetrübter Erkenntnis den aufgeklärten Geistern aller Religionen Ins Gewissen brennen! Dem Lyriker Jakob Löwenberg braucht man keine Kränze mehr zu winden. Sern Name prangt bereits in den mciftcn älteren deutschen Anthologien. Und sein um zahlreiche Gedichte vermehrter Versbaud: „Kämpsen und Bauen" erlebt jetzt im Verlage von Z.n Glogaü jr., Hamburg, die vierte, festlich gewandete Auslage. Auch in LöwenbergZ Strophen stürmt Trutz gegen I u d e nb e d r n ck u n g e n an, und die jüdische Geschichte entsendet manche ihrer Heroen zu uns. Scharfe Kampfansagen wechseln mit innigen Glaubenshosiannas, zarte Naturschilderungen rnit Valladc?ckenwucht, Gesänge mit Sagen, Friedensschalmeien mit Posaunendonner. So reifer Lyrik (älteren Stils) begegnet mau stets gern, .Arthur SilvcrgleiL. Die Iuöen in Japan. Von Ewen-Sadjoh. Tie Frage, ob in Japan Juden leben, hat mich immer interessiert. Als ich seinerzeit in Japan geschästlich weilte, beschloß ich. mich für diese Angelegenheit Zn interessieren. Ich suchte und forwhte, doch gelang es mir nur zufällig, mit Juden in Japan m Berührung zu kommen; zufällig kam ich in Osoki in eine Werkstatt, um Koffer zu bestellen. Gerade war ich ohne Dolmetscher, und durch verschiedene Bewegungen und Zeichen gelang es mir, Aufschluß über die gewünschten Koffer und Preise zu erhalten. Plötzlich bemerkte ich an der Wand die Bilder von Moses und Aron hängen, und als ich das Gesicht des Eigentümers betrachtete, kam ich zu der Ueberzeugung. daß vor mir ein Mensch semitischer Abstammung stehe. Ich überließ ihm die Adresse, und mit Hilfe von Gesten gelang es mir. ihn für abends in mein Hotel ciuznladen, wo mein Dolmetscher zugegen sein und ich ihm einen Auftrag geben würde. An diesem Abend, als ich aus den Besucher wartete, legte ich den Taleth und eine offene Bibel auf den Tisch, um ihn ans die Probe zu stellen. Ter Japaner kam zur bestimmten Zeit. Er war ein Mann von 35 bis 40 Jahren mit einem glattrasierten, breiten Gesicht, großem Kops, sehr schmalen Augen, einer breiten, platten Rare unt) einem großen Mund. Alles Merkmale, dw eher ausseinen Mongolen als auf einen Sohn der „ausgehenden r-oune" schließen ließen. Als ich ihn Platz zu nehmen bat, zeigte ich ihm, daß meirisi Dolmetscher gleich eiittrcffen würde. Kaum hatte der Japaner den Taleth und die offene Bibel erblickt, wurde cr von einem außergewöhnlichen Gefühl berührt, das sich gar nicht beschreiben läßt. Der Japaner bekam direkt eine neue Haut. Er erhob sich vom Platze, und rnit Ehrfurcht faßte er mit den Fingern den Taleth, und sein Gesicht strahlte vor Freude. Ans Japanisch sing er mir znzuslnsrern an, ich möge ihm etwas von mir erzählen. Daraus wandte ich nach zu ihm auf Hebräisch. — Jahud! Er verstand meine Frage und bejahte sie kopfnickend. Den Finger der Stirn zuweudend, gab er nur auf stmnme Weise zu verstehen, daß ihm eben ein Gedanke gekommen sei. Ohne ans die Zeichen zu achten, die ich ihm gab, daß mein Dolmetscher gleich komme, reichte er nur die Hand und verschwand. Inzwischen war mein Uebersetzer eingetrofsen. Es dauerte kaum eine Stunde, und der Japaner kam zu mir in das Hotel zurück, diesmal m Begleitung eines ehrenhaften Mannes desselben Aussehens, nur mit einem länglich schmalen Bart und Gesichtszügen, die stark den Juden ähnlich sind, die ich in Aegypten und in der Türkei gesehen habe. Der neue Ankömmling begrüßte mich freudestrahlend mit folgenden Worten: „Solo aleche!" was in seiner Sprache die jüdische Begrüßung Schalom Aleichem bedeuten soll. Daun fragte ich ihn aus Hebräisch: „Mi aLhoh?" (Wer bist du?) Er verstünde meine Frage nicht, sagte mir der Dolmetscher, außer Japanisch verstehe er keine andere Sprache, doch seien cr sowie der Besitzer der Kosserwcrkstatt Israeliten. Auf meine Frage über das jüdische Glaubensbekenntnis lud mich mein Bekannter, statt einer Antwort, mit meinem Dolmetscher in das Gebethaus ein, wo er Schaums sei, erwähnend, daß ich dort jede Ausfinift über die japanischen Inden erhalten würde. Am nächsten Tage mieteten wir eine Rikscha und ließen uns nach der angegebenen Adresse voraus Gebethaus dringen. Nachdem wir eine ganze Stunde durch die '<-tadt gefahren, blieben wir endlich vor dem Tor eines prächtigen Parkes stehen. Uns entgegen kam mein gestriger Bekannter in Gesellschaft eines patriarchalischen Japaners in mittlerem Alter, in japanischer Tracht, doch mit einem Zylinder nach europäischem Muster. Dieser stellte sich als Rabbiner der Gemeinde vor und erzählte uns aus unsere Frage, in Hebräisch beherrsche er nur einige Gebete, dagegen sei er ausgezeichnet über die Geschichte der japanischen I u den unterrichtet. E r versicherte u u§, er könne dokumentarisch Nachweisen, daß sie wirklich vom den zehn Stämmen herstanunten. Nachher begrüßte er uns nach japanischer Sitte und ließ'uns ihm folgen. Als wir in den Park kamen, wurden wir ersucht, die europäischen Schuhe abzulegen und Strohpauioffel anzuziehen. Gleich beim Eingang sahen wir einen hohen Pfeiler mit einer Tafel, ans der folgende Inschrift in Japanisch und Englisch zu lesen war: „Fremdländer! Wer du auch sein solltest und zu was für einem Glauben du auch gehörst, denke daran, du trittst in diesen heiligen Ort ein, du betrittst die durch Generationen des Glaubens geheiligte Erde und dienst Gott." In seinem Aeußeren unterschied sich der Tempel von anderen eineinfachen buddhistischen Tempeln nicht. Er besaß dieselbe Architektonik, dagegen.im Innern unterschied sich die Synagoge gegenüber den übertrieben mit Schmuck beladenen buddhistischen Tempeln durch die Einfachheit und das absolute Fehlen von'Bildern und Götzen. Aus die Wände waren die SesetzLaseln mit Buchstaben in japanischer Schrift gemalt und viele Sprüche aus der Bibel.