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Central-Verein-Zeitung · 1925-05-08 · 19 (8.5.1925) · p. Seite 335

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
19 (8.5.1925)
Date
1925-05-08
Page
Seite 335 (sequence 13)
Language
German
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335 Nemyrit. Betrachtung zum Wo che nab schnitt. Der Schriftabschnitt beginnt mit besonderen Vorschriften für Len Priester. Er soll die ReinlM wahren, sich von jeglicher Unreinheit fcrnhalten. Die Unreinheit entsteht durch eine jegliche B-erührung nnt dem Tode, durch Betreten des Raumes. in welchem sich ein Toter tennbet, durch Ueberschreiten eines Grabes. Dein: Heimgänge der nächsten Anverwandten fallen diese Vorschristen für den gewöhnlichen Priester fort, bleiben ober für den Hohenpriester auch dann in Geltung. für den sie nur anfhören, wenn es sich um einen Toten handelt, -er keinerlei Annehmer hat. Eintretente UnremlM hatte für den Priester und reden sonst davon Betroffenen strengste Fernlplltung vom Besuche des Tempels zur Folge, bis die Ncinteit nach vorgcschriebcnem Zeremonial wkDer hergestellt war. Mit dieser Unreinheit sollte der Israelit den heiligen Tempel nicht betreten. Ter erste überwältigende Eindruck des Todes sollte vorübergehen, die Seele sollte sich beruhigen, sich wieder znr wahren Auffassung des Ewigkeitswertes der menschlichen Persönlichkeit durchringen. Dann war er wieder würdig, in die erhabene Gegenwart seines Gottes einzugehen. In wie scharfem Gegensätze steht diese altüberlieferte jüdische Lehre zu der religiösen Betätigung des modernen Juden. Der alte jüdische Priester hatte sich vom Tode fernzuhalteu, der moderne fommt mit der großen Maste der seiner Fürsorge Befohlenen meist erst durch das Eingreifen des Todes in Berührung. Ter alte Tempel schloß seine Pforten den durch den ersten Eindruck des Todes Niedcrgcworfenen; die modernen Tempel füllen sich meist erst durch die Scharen derer, die für ihre Toten beten. Jüdisches Ideal ist es, mit seinem Gotte zu leben, moderner scheint es, sich erst durch den Tod zu ihm zu finden. Wir bewundern den Selbstmörder nicht ob seines Mutes, denn schwerer ist es, der Not ins Auge zu schauen und zu leben, als ihr feige zu weichen und zu sterben. Selbstmord begeht eine Religion, die im Totenkultus aufgcht. Leben kann sie nur in fiele«, Unterordnung unter das göttliche Ideal. Gleicht nicht unser religiöses Leben vielfach dem verdorrten Totengebcin des Sehers? Täte es uns nicht not, daß der Herr uns sortbrächte von den Gräbern, an die wir uns klammern, auf den heiligen Boden echten jüdischen Lebens? Möchte sich doch an uns erfüllen das Wort: Ich will euch meinen Geist geben, auf daß ihr lebet! Es weiche der Geist der Unreinheit und des Materialismus, auf daß wir ein Leben in Reinheit führen! Hosfmann. Ssmfsrvshl. Don Margarete Fried. Es gibt unter den Menschen hervorragend Begabte, die in irgendeinem Spezialgebiet, fei es Dichtung, Musik, Malerei, Handel oder Technik, Vollendetes geleistet haben oder zu Iciftcn fähig sind. Wenn solche Menschen uns im Leben begegnen, so empfinden wir Ehrfurcht vor ihrem Talent, und wir fühlen, daß sie, die wirklich Begabten, dem Leben Ewigkeitswerte gegeben haben oder geben werden. Die Sehnsucht, Ewigkeitswerte zu schaffen, veranlaßt gar viele junge Menschen, irgendein Gebiet schöpferischer Tätigkeit als Lebensarbeit zu wählen. Es ist gewiß nicht selten, daß unzureichendem Erfolge auf dem erwählten Gebiet jene Unzufriedenheit folgt, die schon manches Leben verbittert oder vernichtet hat. Die Erkenntnis, daß bei der Wahl des Berufes Sehnsucht, dem Leben Ewigkeitswerte zu schassen, in der Stille mitspricht, muß insbesondere uns Frauen mit ernstem Nachdenken erfüllen. Die Wahl des Berufes ist nicht eine Frage, die zum Schulschluß auftaucht, um schnell wieder untcrzutauchen, und die mit der Erwählung einer bestimmten Tätigtett ihre Antwort gesunden hat. Die Wahl des Berufes ist die Frage, die unabhäugig von einer bestimmten Erwerbsart uns Mütter, uns Erzieher der Jugend, dauernd beschäftigen muß, wenn wir das heiße Verlangen der Jugend nach Ewigkeitswerten Der* stehen und achten. So war Moses Mendelssohn terusen zum Religionsphilosophen und zum Führer seiner Glaubensbrüdcr; seinen Erlverb aber bezog er als Buchhalter. Spinoza war berufener Nt e n s ch h e i t s f ü h r e r mif dem Gebiete der tiefsten Erkenntnisse; als Erwerb diente ihm die Handwerkstätiqkeit eines Brillenschleifcrs. Die wirtscl-astlichen Verhältnisse sind meist schuld daran, daß der junge Mensch das, wozu er sich im wahren Sinne des Wortes „berufen" fühlt, nicht unmittelbar ergreifen kann. Hat nicht das Wort: viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt, eine gar beredte Sprache? Soll deshalb die Mehrzahl unserer Binder ihr eigentliches Lebensziel 511 Grote trugen? Sollten wir nicht vielmehr unser Augenmerk auf die R i ch t a u s e r w ä h l t e u richten, u m durch Erzie h u n g z u m Derständni s des 'k u - s n m m enhaug s v0 u Er w erb und Beruf i h neu ihr Lebensziel zu erhalten? Gerade uns jüdischen Frauen darf es nicht schwer fallen, jenen Unterton zu finden, der leise, aber vernehmlich mitklingt, und der Melodien schassen kann, die das Eebnen der Jugend befriedigen. Der Unterton liegt in der religiösjüdischen Erziehung. Es ift uicfjt ausschlaggebend, wie wir Mütter unsere eigene Person Zu rM-rös-nrdischen Fragen einstellen; es ist aber ausschlaggebend, welchen Weg wir für die Jugend einschlagen. Auch die der Religion gegenüber gleichgültigste Mutter weiß, baß gerade die jüdische Religion jenen Ewigleitsgehalt besitzt, der dem in seiner Erwerbstätigkeit nicht voll befnedigten jungen Menschen sein Gleichgewicht erhalten kann. In der Zeit, in der unsere Kinder uns noch voll nnd ganz gehören, in der wir sie lenken und leiten könne», müssen wir den Gedanken in uns wachhalteu, daß unser Kind dereinst nicht zu den Auserwählten bei der Durchsetzung seines Berufes gehören wird. Unter diesem Gesichtspunkt ist es als ein schweres Unrecht zu betrachten, wenn wir unseren Kindern das Eindringen in ihre Religion vorcnthalten. Die Einheitlichkeit der Gottesidee erzieht zur Einheitlichkeit der eigenen Person, die notwendig ist. um in dem im Erwerb stehenden jungen Menschen den Glauben ansrechtzucrhaltcn, daß auf Grund persönlicher Unabhängigkeit er sich die Vorbedingungen für berufliche Leistungen sichern kann. Aber noch etwas anderes kommt hinzu: Wir Juden müssen damit rechnen, daß Zurücksetzungen irgendwelcher Art die Neigung unserer Kinder zu einem bestimmten Berus beeinflussen. Haben wir nicht schon oft vor der Tatsache gestanden, daß die Besten unter uns durch Neid und Mißgunst in ihren Leistungen gehindert wurden? Ist es uns Müttern unbekannt, daß schon oft die Besten unter uns. um ihrer Begabung Ewigkeitswert geben zu können, ihr Judentum verleugnet oder verlassen haben? Unsere Kinder erleben jetzt die Umschichtung menschlicher Betätigung, die so viel von sich reden macht. So wird neben dem Handwerk auch die Landwirtschaft als Erwerb für die jüdische Jugend befürwortet. Die Erweiterung der Erwerbsnwglichkciten hat viel Gutes für sich, aber wir müssen uns auch klar darüber werden, daß die Beeinflussung durch die Umwelt gerade bei den oben angeführten Erwerbsarten ihre Grenzen erweitert hat. Die Hemmungen für unsere Kinder in der Ausübung des Erwerbes oder des Berufes haben durch judenfeindliches Verhalten eher zuals abgenommen. Tie Folgen, die der Antisemitismus bei einer innerlich ungefesügten Jugend zeitigen kann, könnicn für die G e s a m 11) c i t Der deutschen Juden unendlich traurig werden. Der Antisemitismus wird wirkungslos einer Jugend gegenüber, die die Verpflichtung in sich fühlt, den Ewigkeitswert der jüdischen Religion zu beweisen. Die Ausgabe der jüdisch m Frau und Mutter aber wird cs sein, durch religiös-ethische Gesichtspunkte eine im Erwerbs- und Berufsleben ertüchtigte jüdische Jugend zu erziehen. Seit rvarm bsstsht örs hebräische Husöratschrift. Zu dem lesenswerten, von großer Fachkenntnis zeugenden Artikel des Herrn R. in Nr. 14 der „E. B.-Zeitung" vorn 3. April d. I. möchte ich mir noch einige Bemerkungen gestatten: Dir sam ar itan ischeu Schristzeicheu weichen mehr als die der Quadratschrift, Zum Teil ganz erheblich, von d-en a l t h e b r ä i - schon ab, beide -^christarten haben sich aus dieser entwickelt. Es sei hier eine Zusammenstellung der drei Aftchabete gegeben, aus der zu ersehen ist. daß die weitverbreitete Ansicht, die samari tonische Schrift sei identisch mit der althebräi schon, falsch ist. n 1 n ‘ste!yto:3fö b\z ^fojn tri) 'nhljp'sj Alfnetjtäisch X w 9 z|y Sambisch A *tehrbiÄi Daß das Judentum — im ^Gegensatz zu seinen Gelehrten — hartnäckig an der althebräischen Schrift sestgehalton hat, geht nicht nur daraus hervor, daß sämtliche Revolutions-Münzen die mthebräftchen Schristzeicheu ausweisen, sondern diese alt hebräische Schrift hat sich in kursiven Formen als sogenannte j ü d i s ch e Schreibschrift (Jüdischdeutsch) bis heute erhalten. Ist diese meine Behauptung aber richtig dann haben wir alle Ursache, diese Schrift nicht, wie es geschieht, weil sie hauptsächlich die Schrift der Ostjuden in — die Spaniolen haben eine ähnliche, ater anders ausgcbildete Kursivschrift — zu verachten, sondern als älteste Buchstabenschrift der Welt pietätvoll zu schätzen. Es ist dach nicht zu bestreiten, daß diese Buchstabenschrift, deren Erfindung eine der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendste, Kulturerrungenschasten der Welt darstcllt, im israelitischen Kulturland Palästina entstanden ist. daß die ältesten Dokumente, die die Welt in Buchstabenschrift besitzt, in hebräischer Sprache abgefaßt sind, daß vermutlich ein Israelit, (im ungünstigsten Falle ein unter israelitischem Kultureinftuß stehender Palästinenser), diese große Erfindung gemacht hat. die später von Gutcnberg aus dem Gebiete des Drückens nachgeahmt wurde. QjadfäTscDrifr & p s D r<? D IT' n -i\ ts'! Äftheöraisch w? 0 O 'Y O z A < Judischdeutscfi X 1 ö L N 1 Ö 2 Aus der vorstehenden Zusammenstellung einiger Buchstaten aus der althebräischen und ans der jüdischdeutfchen Kursivschrift läßt sich ersehen, daß ein Ter! der Buchstaben dieser Schrift noch heute die olthebräische Form erkennen läßt, andre sind stark durch die Quadratschrist beeinflußt.

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