Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 19 (8.5.1925)
- Date
- 1925-05-08
- Page
- Seite 334 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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334 Völkische Spaltung. Gründung des National sozialen Volks- ' Hundes. — Der einsam eHitler. — Rohm und B r ü ck n e r z i e h e n sich zurück. Der 1. Mai hat tun Baum der deutsch-völkischen Bewegung eine neue Blüte entsprießen lassen: den „Nationalsozialen Dolksbund". Unter dieser Firma — der „Völkische Kurier" 'selbst gebraucht diese mehr dem Händlerals dein Heldengeist entstammende Bezeichnung — tritt die Neugründung, natürlich als „überparteiliche.Bewegung"', neben die Leu tjchv öl tische FrcrhcibZPartei der Grase und Henning und neben die von Hitler nach seiner Ent- | kafsung aus der Festung ncubelebte Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei, gleichsam als „Völkische Bewegung 2)<", wenn man die bestehenden Gruppen mit der 2. und 3. Internationale vergleichen darf. Als Gründer zeichnet der Abgeordnete und Oberlandesgerickstsrat Dörfler; seine übrigen Kampfgenossen hüllen sich noch in Verborgenheit, man darf sie wohl zumeist in der völkischen > Fraktion des bayerischen Landtages suchen. Dörfler * hat «gleich bei Neugründung der N. S. D. A. P. sich von Hitler fern gehalten und andere Unzufriedene um sich zu sammeln ge-! sucht. Der Wahlsieg H i n d e n b u r g s i st jetzt wohl die äußere Veranlassung dafür, daß er n i ri) t Langer hinter demBerghä 1 t, sondern die er Höfte nationa le! Welle dazu benutzen will, sein Schifflein slott zu machen. Als! Organ der neuen Gruppe scheint der „Völkische Kurier" in Aussicht! genommen, der ja, seit Hitler selbst den „Völkischen Beobachter"! wieder herausgibt, keine rechte Daseinsberechtigung mehr hatte, . Hier wird der Aufruf des Bollsbundes veröffentlicht und zu seiner * Erläuterung ein Leitartikel, der aber auch nur erkennen laßt, daß rn an nicht m c h r mit Hitler u n d seinen F , e u n d e n Esser u n d t r e i ch e r z u s a mm e n g e h e n will, ohne über die positiven Ziele des Bundes viel zu verrate:.'. Da wird zuerst eine sönnliä-e Verbeugung vor den: „hochverehrten Führer Hitler" gemacht, dann aber erfährt man, daß die alte Hitler-Partei doch arm an organisatorisch befähigten Kopsen war, daß cs bei der Neugründung der N. S. D. A. P. „öde gegenseitige Beschimpfungen" gegeben habe, „in denen man vergeblich nach cinern positiven Gedanken suchte". Mit einer ausgesuchten Bosheit wird dem großen Trommler vorgehalten, daß „durch eine Versöhnungsfzcne, die auf dem historischen Podium des Lürgerbräukellers reichlich kitschig wirkte", der Bruch im Völkischen Block nicht aus der Welt geschafft werden konnte. Wenn es jemand beklagen sollte, daß man jetzt glücklich drei politische Organisationen der völkischen Bewegung habe, so hat Herr Dörfler dafür einen sehr philosophisch klingenden Trost: „Jede Spaltung führt erfahrungsgemäß zu einer Dreiteilung". (Sollte etwa gar der von den Völkischen so bitter angefeindete Rudolf Steiner noch über seinen Tod hinaus Herrn Dörfler mit seinem Lieblingsgedanken von der Dreigliederung des sozialen Organismus angesteckt haben?) Zwischen den Zeilen kann man allerdings lesen, was zn der Neugründung gedrängt hat; die Sorge, zahlreiche Anhänger. die auf die Dauer mit bloßem Lär nemachen und völkischen Phrasen nicht zu fesseln sind, i m Augenblick, d a die Wahl H i n d e n -! burgs den D e u t s ch n a t i o n a l e n neuen Glanz ver-? leiht, an diese Partei zu verlieren. Man redet! zwar von Sammlung und Volksgemeinschaft und Ueberpartcilich-; feit, aber man gönnt doch dieser Nachbarpartei feinen Zuwachs, und j kann mau die Freunde nicht bei der Hitler-Partei halten, so gründet : man lieber im Namen der Einigkeit eine dritte Gruppe.! Konservativ gerichtete Männer bei der Hitler-Partei festzuhaltcn, ‘ erweist sich allerdings als völlig unmöglich. Das Hitler-Blatt, der „Völkische Beobachter", hat ja die Kandidatur Hindonburg nur mit scheinbarer Befriedigung, im Herzen aber mit ziemlich unverhohlenem Mißvergnügen betrachtet; es spricht verächtlich von den kapitalistisch gebundenen Kreisen um Herrn v. Löbell, vom sogenannten nationalen Deutschland, vom sogenannten Bürgertum, und spricht offen aus, daß die n a t i o n a I s oi a l i st i s ch e Bewegung i n den ko m in un i fti f dj c n Bataillone n das Reservoir k o m mender Kraft sieht. Die Ojsenheit, mit der jetzt endlich solche national bol schewi st i sche Gedankengänge verkündet werden, erklärt es auch, daß auch auf der rechten Seite des bayerischen Landtages keine 'Neigung bestand, trotz der im „Völkischen Beobachter" seit Wochen mehr betriebsam alS überzeugend verkündeten Empörung der Massen über das Redeverbot, gegen Adolf Hitler, sich für eine Aushebung dieses Verbotes stark einznsetzen. So ergab sich bei der Interpellation im bayerischen Landtag über dieses Redeverbot nicht einmal die nach der Geschäftsordnung erforderliche Zahl von 2ö Stimmen für eine Besprechung, so daß die pomphafte Interpellation im Sand verlief, nachdem der Münster des Innern sie ablehnend beantwortet halte. Eine kleine slir das „homogene Ministerium" und die Herzeusfreundschaft der deutschnationalcn Koalitionsgenossen für die volksparteiliche Mehrheit bezeichnende Pikanterie war dabei allerdings zn bemerkender zur Bayerischen Volkspartei geH,che Innenminister erklärte, solange Hrtler sich nicht ändere und den Grund zum Verbot aus der Welt schaffe, müsse es bestehen bleiben. Am gleichen Tage aber hatte der deutschnatronale Justizministor bei Beratung des Justizetats bemerkt,'das Verbot stütze sich auf den Artikel l02 des bayerischen ^Polizerstrasgesetzbuches und könne deshalb nur als eine p o tu vergehende Maßrrah m e angesehen .vorder!. Das sei zwar nur seine persönliche Ausfassimg, er nehme aber an, daß der zuständige Minister sie teile. Ter zuständige Minister scheint sie aber nicht zu teilen, und so bleibt dem großen Trommler nach wie vor die Rednertribüne in Bayern verschlossen. Zu gleicher Zeit mit dem Ausruf dos Nationalsozialistischen Volksbundes erscheinen Kundgebungen des Hauptmanns R v h m und des Oberleutnants Brückner, wonach sie die Führung des Frontbannes und der Sturmabteilung niedcr-- legen und aus allen politischen Verbänden ausscheiden, um sich volle Handlungsfreiheit für die Zukunft zu sickern. Rohm kündigt gleichzeitig an, daß er auf längere Zeit von München fortreise. Wie das Work von der Handlungsfreiheit gemeint ist, darüber kann man nur Vermutungen hegen. Man wird so unentlvoat völkischen Männern doch nicht unterstellen dürfen, daß die gegen beide vom Hitler-Putsch her noch lausende Bewührungs.'üst dabei eine Rolle spiele. Also bleibt nur die Annahme, daß sie der kommenden Auseinandersetzung der Richtungen i n n e x T) a l fc der völkischen Bewegu n g abwartend g eg e n ü b e r st e h e n und sich die Entschließung darüber Vorbehalten wollen, ob sie der schließlich siegreichen Gruppe ihre Dienste wieder widmen »vollen. Bemerkenswert ist, daß derselbe Hauptmann Rühm so kühl bei Hitlers Machtkampf sich verhält, der im Hitler-Prozeß am fünften Verhandlungslag sich als den treuesten der Treuen um Hitler gebärdete. Damals erzählte er: „Ich erklärte Hitler, verschont mich mit den zeitraubenden Besprcchungen. Wenn ihr mir den Befehl sendet, wir müssen an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort stehen, so könnt ihr euch aus mich Verlagen." Dieselben Leute aber, die nicht einmal in dem immer kleiner werdenden völkischen Haufen Einigkeit bewahren oder erzielen können, maßen sich an. dem ganzen deutschen'Volk den Weg zur Volksgemeinschaft nach ihren Rezepten vorschreiben zn können, einer Volksgemeinschaft, von der allerdings Marxisten und Juden, Katholiken und Demokraten von vornherein ausgeschlossen sind. W, L. Ssrhart Hauptmcmn gegen religiöse Unöulösamkeit. Von Dir. Roscrrhakn (Berlin). Hauptmanns Duldsamkeit in ällgcinein menschlichen Dingen und religiösen Fragen ist bekannt. Im „Berliner Tageblatt" hat Josts Chapiro wertvolle Erinnerungen aus Gesprächen über ba? religiöse Empfinden des Dichters »nitgeteilt, Erinnerungen, die uns eeu Scharfsinn der philosophischen Lebensauffassung unseres beliebtesten Volksdichters deutlich vor Augen führen. Das neueste Werk Hauptmanns, der Roman „Die Insel der großen Mutter", über dessen Inhalt ich im B-erliner Rundfunk bereits sprechen tonnte, enthält weitere wichtige Ausschlüsse über die persönliche E i n st e l l u n g H a u p t m a n n s zu dem Thema Religion. Hauprmann bekämpft aus entschiedene Weise jeglichen konfessionellen Hader. Unter den Frauen, die in seinem Roman Schiffbruch erlitten haben, die nach einer einsamen Intel verschlagen wurden und sich nun unchsam ein neues Leben ausbauen müssen, befinden sich auch Jüdinnen. Das wissen wir aus den Namen, die der Dichter ihnen gibt, so z. B. Frau Rosenlxnnn. In anderer Art besonders auf die jüdisck)c Abstammung hinzuweisen. ist nicht nötig: denn in ihrer Vereinsamung sind zwischen den Frauen alte Schranken gefallen, sie denken nicht mehr an die absichtlim bunt dnrchcinandergewürsolte Nationalität, an die Verschiedenheit ihrer Glaubcnsbekcnntnine und ihrer ehemaligen sozialen Stellung, sie fühlen sich nur als Bien scheu, als Schwestern. Konnte es einen glücklicheren Gedanken geben, als hier, wo ein paar hundert Mensch-enlinder, die unter der Ilcberkultur Europas beinahe verkümmerten, deren Seele fast schon erstorben war, in die Ferne zu verpflanzen, in eine so selten erschlossene Welt, die noch unberührt ist von: Lärm der Antos, vom Geräusch der Großstadtstraße? Da müssen die Frauen nun arbeiten, das gemeinsame Schassen schmiede: sie zusammen, sie fühlen sich alle als M i t g l i e d e r einer großen Familie. Wann, so lesen wir zwischen den Zeilen, werden die Völker sich als V v l k e r f a m i l i c betrachten, wann wird der Rassenhaß verschwinden? Und nun kom-nt Hauptmanns überkonfessioneller Gedanke. Eine Audachtsstätte wird auf der Insel errichtet, mit einer Pricsterin. Die Gebräuche und Formen sind aber nicht christlich, nicht jüdisch, nicht an die Dogmatik gebunden. Wer sein Hcrz ausschütten will vor Gott, ganz gleich, welcher Religionszugehörigkeit er ist, kann es hier ohne Zwang tun. Ein großer, erhabener Gedanke! Wenn wir auch als Juden den Zeitpunkt, den wir so sehr erstreben, ba alle Menschen sich eins sein werden in reinen: Monotheismus, in erhabenster Gottesanbetung, noch nicht für'gekommen erachten können, wenn wir auch wissen, dich unsere göttliche Sendung noch nicht beendet ist, so ist Hauptmann, das verkennen wir nicku, ein Vorarbeiter jenes idealen Zukunftsreiches. Mv ge es ihn: vergönnt sein, noch recht lange im Dienste der Menschheit und Menschlichkeit, der Bölkerversöhnung und als Gegner der religiösen Unduldsamkeit zu wirken! Mögen wir Juden aber lernen, daß schon Stimmen laut werden, die erfüllt sind vom Wahrhcitsgelullte der Wcltreligion des alleinigen Gottes, daß diese stimmen an schwellen und endlich alle finsteren Fanatiker übcrtvncn werden. Per aspera ad astra! Durch Nacht zum Lickst.