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Central-Verein-Zeitung · 1925-05-01 · 18 (1.5.1925) · p. Seite 316

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
18 (1.5.1925)
Date
1925-05-01
Page
Seite 316 (sequence 7)
Language
German
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316 das entstellte „Mische Problem". Don Tr. Paul Nathan. In der Jahresversammlung fcc§ Hilssvcreins der Deutschen Inden, die kürzlich stattgesundcn hat, habe ich ein Referat über das „jüdische P r o b l e m" gehalten. Ter zusalnmenfassen.de kurze Bericht, der über diese Rede versandt worden ist, lautet folgendermaßen: „Tie Lage der Juden des Lstens, in den Randstaaten, die früher zu Rußland gehörten, und in Sowjetrußland selbst, sei verzweifelt, teils in rechtlicher, teils in wirtschaftlicher Beziehung. Ihnen drehe der Untergang, wenn cs ihnen nicht ermöglicht werde, die Gebiete, wo sie entweder der Verkümmerung anheiuifallen oder der dringenden Gefahr von Pogromen ausg-esetzt seien, 311 verlassen. Cnuc Btassenauswandernng nach Wcüen fei nicht möglich, insbesondere ni6)t, weil das Hanpteintoanderungsland, die Vereinigten Staaten, sich gegen Immigration fast völlig verschlvncn. Auch andere überseeische Länder uud die kontinentalen Wcststaccken kamen für Masscneiuwandcrung nicht in Frage. So bliebe nur die Abwanderung der Juden des Lstens nach den weiten Gebieten des ö st l i ch c n Rußlands übrig. Tiefe müssen im Einverständnis mit der Sowjetrcgierung erfolgen. Ilntersuchungskinnmissionen, die sich ans Repräsentanten verschiedener Berufsklasten zusammensctzen, müssen vorher aufs sorgfältigste das Terrain sondieren. Tie Abwanderung könne dann erst allmählich erfolgen. Ten Juden des Ostens hierbei hilfreiche Hand zu leihen, sei die große Ausgabe der Judcnheit des Westens, die unter allen Umständen eine Lösung erheische und aus die sich vorbcreitcn unerläßlich sei." Zu diesem Bericht stehe ich; er entspricht in einer eng zusammcngcdraugteu Form den Anschaumigen, die ich vertrete: und diese Anschauungen lassen sich in die Worte zusammen mssen: Tie russische Judenfrage kann bei der heutigen internationalen Lage nur in Rußland s c l b st gelöst werden, und zwar durch eine Verteilung der im Westen des Riesenreiches zirsammengedrängten Juden über den ganzen Sowjetstaat n a eh V e r st ändi g u n g m i t d e r Sowjetregierung. Also ich schlage vor, daß die riesigen unbesiedelten Gebiete Rußlands der Kultur erschlossen und der Humanität dienstbar gemacht werden, indem den zusammengepserchien jüdischen Proletariern des srüheren sogenannten „Zarischen Judenrayons" eine Wanderung gegen den Ural hin und nach Sibirien hinein ermöglicht wird, ivo Raum zu wirtschaftlicher Betätigung und kultureller Entwicklung in Hülle und Fülle vorhanden ist; die Juden sollen aus der bisherigen Enge herausgeführt werden zu ihrem Nutzen und zum Nutzen des russischen Staates, in dem sie leben. Man kann die relativen Schwierigkeiten solcher Umsiedlung nicht verkennen, aber man sollte meinen, daß ein antisemitisches Organ solchem Plane freundlich gegenüberstehen müßte, oder wenigstens neutral; denn wird dieser Vorschlag in die Wirklichkeit übcrgesührt, so verschwinden die jüdischen Ansammlungen in der Nähe der deutschen Grenze, und damit verschwindet die Gefahr, daß bei ernsteren Verwicklungen jüdische Massen nach Deutschland über- Zutreten versuchen. Weit gefehlt: „Ter Kämpfer für Christentum und Deutschtum", dessen Spezialität der Antisemitismus ist, nimmt einen Bericht über meine Rede zum Vorwand für eine „Anmerkung der Schristleitungch in der es heißt: „Aus dieser Rede des Herrn Nathan geht klar hervor, daß die Inden in Deutschland sich sehr wohl der internationalen Weltmacht des Judentums bewußt sind. Weiter erkennt man daraus, mit welcher Selbstverständlichkeit ein jüdischer Redner daraus hinweist, daß die Regierungen der westeuropäischen Mächte ihre außenpolitischen Maßnahmen so eintidjten, wie es die Inden für nötig hatten." Ich habe kein Wort von der internationalen Weltmacht d^s Judentums gesprochen. Ich würde auch solchen Unsinn niemals denken, weil mir altzugegenwartig die furchtbaren Verfolgungen sind, denen die Juden bis in die neueste Zeit ausgesetzt gewesen sind; Morde, Plünderungen, Vergewaltigung von Frauen, Austreibungen, alles Dorkoulmuisse, die ein Beweis für Schutzlosigkeit und Ohnmacht sind und wodurch erwiesen ist das genaue Gegenteil von der behaupteten „internationalen Weltmacht des Judentums", diesem Popanz aut isomit i scher Her st as si e umg. Es ist nur auch niemals eingefallen, anzunehmen, das; die westcuropüischclt Mächte ihre Politil nach den Wünschen der Juden einrichten werden. Tie französische Republik ist auf das engste dem polnischen Staate verbunden, und voraussichtlich ist auch schon bis zum antisemitischen „Kämpfer" die Nachricht von den Judenpogromen in Polen gedrungen, die die politische Freundschaft zwischen Warschau uud Paris keineswegs gestört haben, tmd durch die von den Juden ebensowenig diesmal wie früher Zaristische Pogrome abgcwandt werden konnten. Tie antisemitische Krankheit freilich spiegelt diesen närrischen Politikern immer wieder solche Zusammenhänge vor, oder die Antisemiten lagen es sich doch angelegen sein, trotz besserer Einsicht solchen politischen Irrsinn ihren Anhängern auszutischen. Ein Antisemitismus, der die Verhetzung betreibt, wird meine Vorschläge durch Entstellung für seine Zwecke herzurichten versuchen; ein Antisemitismus, der sachliche Bedenken gegen eine starke Einwanderung von Ostjuden nach Deutschland hegt, wird sich zu der Ausfassung bekehren müssen, daß mit der Turchsührung meiner Vorschläge der Versuch einer Zuwanderung von Ostjuden nach Teutschland überhaupt nicht mehr in Frage kommen würde. Wohnen die Ostjuden im Innern Rußlands. zum Teil im asiatischen Rußland, dann liegt ihr Uebertritt über die deutsche Grenze nicht mehr im Bereich der Möglichkeit. Daher diese Umdichtung meiner Vorschläge. Mpenverem. Heraus a u s d e r Sektion Berlin des D.ö-A.V.! Die Vorgänge in der Sektion Berlin des deutschen und österreichischen Alpenvereins sind hinreichend bekannt. Nnzwci. d e u t i g ist auch die Stellungnahme des wicdergewähtten Hauptvorstandes, welche dahin geht, daß bei Ausnahme jüdischer Mitglieder nicht die alpine Eignung allein ausschlaggebend sein soll. Tamii ist klar ausgesprochen, daß jüdischen Mitgliedern gegenüber mit zweierlei Blaß gemessen werden und somit die jüdischen Mitglieder als eine Klane von Mitgliedern zweiter Klasse behandelt werden sollen. Tie Mehrheit der Mitglieder der Sektion Berlin des D. ö. A. V. hat durch die Wiederwahl des jetzigen Vorstandes in der Hauptversammlung im März d. I. diesen Standpunkt des Vorstandes gebilligt. Und wenn Herr Kommerzienrat Hau Pt ne r als Vorsitzender des Vorstandes in der Hauptversammlung im März sich dahin ans sprach, daß der Vorstand durch diese S t e l l u n g n a h in c in keiner W eise Antisemitismus treibe, sondern ans vereinsiechnifchen Gründen zu dieser Maßnahme gezwungen sei, um eine Ueberjudung der Berliner Sektion zu verhindern, so klang dies wie ein Hohn aus alle Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit. Es erübrigt sich auch zu schildern, in welcher brutalen Weise die erhebliche Minderheit in der Hauptversammlung im März niedergefchricu wurde. Es erhob sich vielmehr für diese Minderheit die Frage: W a s 1111 n? Gleich in der ersten Aufregung nach erfolgter Wiederwahl dcs jetzigen Vorstandes wurde von der einen Seite zum sofortigen Austritt und von einer anderen Seite zum Verbleiben in der Berliner Sektion ausgesordert. Diese Frage hat sich dann bis heute weiter sortgepAanzt. Tie einen, welche zum Verbleiben im Verein ausforderten, begründeten dies damit, daß man i m Verein besser für Recht und Gerechtigkeit streiten könne als außerhalb desselben, daß man auch nicht feige das Feld räumen und daß man die wohlerworbenen Rechte nicht ausgeben dürfe. Diese Gründe treffen den Kern der Sache ebensowenig wie beispielsweise der Standpunkt, daß die Stellungnahme des Vorstandes und der Mehrheit nur eine 'vorübergehende Erscheinung sei. und daß man versuchen mäße, eine Versöhnung herbeizusührcn und eine Brücke zum anderen User Zn schlagen. Es ist nicht möglich, eine Brücke zum anderen Ufer zu schlagen, wenn diejenigen, die an dem anderen Ufer stehen, dem Brückenbauer ständig ins Gesicht speien. Gs ergibt sich vielmehr für die jüdischen Mitglieder der Sektion Berlin des deutschen und österreichischen Alpcnvcreirrs die zwingende Notwendigkeit, in Masten den Austritt ans dcur Verein anzumcldcn. Gs verträgt sich nicht mit der Ehre und Würde eines aufrechten Inder?, in einem Verein zu bleiben, in wetchcrn er als Mitglied zweiter Klaffe behandelt wird. Gs kann keine Verständigung iu diesem Punkte geben, wenn die clemenLarstcu Grundsätze von Recht und Anstand verletzt werden. Es haben deshalb Versammlungen und Verhandlungen aller Art stackgesunde??, und eine große Zahl jüdischer Mitglieder hat bereits ihren Austritt aus der Sektion Berlin des deutschen uud österreichischen Alpenvereius anaemetdet. Es hat sich ein llomiicc gebildet, von welchem eine Liste für den Ausrritt ausgegebcn ist, und cs empfiehlt sich, daß die jüdischen Mitglieder der Sektion Berlin ihren Austritt in diese Liste eintragen, weil auf diese Weise der Eindruck des Austritts wirkungsvoller erscheint, als wenn jeder einzelne diesen Schritt tut. So schwer es manchem von uns sein mag. dem D. ö. A.V., dem er jahrelang in Freud und Leid angchört hat, den Rücken zu wende?'., so darf cs für einen aufrechter? und chrliobenden Menschen darin kein Schwanken geben. Das, was man aufgibt, stände in gar keinem Verhältnis zu dem ideellen Schaden, den man durch rin Verbleiben im Verein an seiner Ehre erleiden lvürde. Für die Liebe zum Bergsport und dcsten Betätigung werden sich sür die austretenden Mitglieder andere Gelegenheiten bieten, und rs wird dafür gesorgt werden, daß an anderer Stelle ausreichender Ersatz geboten wird, Mar Ghodzicsner.

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