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Central-Verein-Zeitung · 1925-04-24 · 17 (24.4.1925) · p. Seite 302

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
17 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
Seite 302 (sequence 11)
Language
German
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„Gegen den Strom". Von Arthur Eloesser. Wir stehen etwas Plötzlich vor der Entdeckung, daß es in Amerika ein junge Literatur gibt, das; cs nicht nur mit den größten Auto- VwbilfabrikanLeu, den härtesten Boxern, den kleinsten Filmschauspielern an Europa zurückzuzahlen beginnt. Es ist richtig, daß diese Literatur im allgemeinen von jungen Schriftstellern geschrieben Wird, dis wenigstens von den Vermummten dos „Kn -Kur -JUnn* nicht als hundertprozentige Amerikaner anerkannt werden/ Wahrsichern!ich war cs Mra-de vor Tropfen unossi nulierten Blutes. dor diese Lireraten kritisch gemacht, der sie gegen die träge Sattheit der öffentlichen Meinung mit Ansprüchen und Angriffslust bewehrt hat. Unsere bedeutenden Schriftsteller, sei es Hauptrnann oder Lehmei oder Wedekind, sind säst alle aus der Opposition hervorgegangen; aber ein literarisch so trainiertes Land wie Deutschland hat viele Arten von Publikum, daß ntmi bis zur ersten offiziellen Anerkennung und Heiligsprechung auch vorn Gegensatz, vom Anderssein leben kann. In Amerika schickt es sich nicht, in der Opposition zu stehen, befleckt sich mit moralischer Verdammnis, wer gar allein steht, und die Demokratie, die häufig nur eine plutokratische Herrsihast verdeckt, die jeden Besitz, auch den an sittlichen Idealen, mit puritanischer Verstocktheit verwaltet, bat manches sanfte Drittel, um die Empörten und die Empörer zur Ruhe zu bringen. Die Gesellschaft ist mächtiger als der Staat, und ihre Zensur die gefährlichere, wenn cs einmal auf das Aushängern anlommt. Aber cs sind gerade die Schwierigkeiten, die Männer machen, und sie haben drüben sehr famose junge Leute und starke Rufer hervorgebracht, die nicht mehr überhört werden können. Zu beit wichtigsten Dokumenten dieser Litoral ur nrie zu den schönsten Vclemcknrsson, die die Menschheit nach dran Kr-icow empfang?!! hat, gehört „U P S t r e a m" von L u d w> i q Le w ist' o h n. der dir überaus wertvolle New Yorker Wochenschrift „The Nation^ mit he raus gibt und der auch sck>on vor dem großen Erfolge dieser Schrift als Essayist und Krttittr sehr hoch geschätzt wurde. Diese Autobiographie, die der Verfasser mit Recht verallgemeinernd als eine amerikanische Chronik bezeichnet, ist in einer ungewöhnlich guten Ilebersetzung von Thea Wols unter dem Titel „Gegen den Strom" in der Frankfurter Societäts-Dr uckerei erschienen, und es muß gleich gesagt werden, daß das Buch für Deutschland und besonders für die deutschen Juden nicht mindere Wichtigkeit als für Amerika zu beanspruchen hat. Wir haben zunächst das Vergnügen, den höchst angesehenen amerikanischen Schriftsteller als unseren Landsmann zu begrüßen. Als ungefähr achtjähriger Junge ist Ludwig Lewisohn im Jahre 1889 aus Berlin mit seinen Eltern ausgewandert, die, nach früherer Wohlhabenheit, sich wirtschaftlich nicht mehr behaupten konnten. Das Buch der Kindheit gehört zum Schönsten, was über die an Huldigungen arme Hauptstadt je geschrieben worden ist; es bezeichnet besonders die Loge der Juden vor der Stöckerei und der Ausbreitung der antisemitischen Pest. Die Famrlie lobt in einer uovdd^utsch-protesllrntt schon Sphäre; die Synagoge mit den besonderen jüdischen liebe rlicferrmcprr scheint etwas fern und fast zur Sache der Großel-iorn geworden zu;em. Was nehmen die Auswanderer an seelischen Gütern mit? Der Vater liest Kant u-nd spielt Beethoven, die Mutter singt schon, den; Kleinem Schubert, Schmnann. Lörve vor, und der Junge packt die Märchen der Brüder Grinnn für die große Reise ein. Die Familre wird tn ein Nest der Südstaaken verschlagen; die Eltern leiden an stunipfer Einsamkeit. Ihre völlig d e u t sch e Bildung läßt eine unmittelbare Verständigung mit den ostjüdischen Eincproanderken nldyi zu. und die cingrstftone Bevölkerung ocquemt sich zu gesellschaftlicher Annäherung erst, als es zu spät ist. Der Junge dagegen wird durch Schule und Kameradschaft schnell assimttiork; er weiß bald, was ein Amerikaner und das heißt ein Puritaner sagen imb denken oder nicht sagen und nicht einmal tonten darf. Gxmz ehrlich und unbewußt lässt er sich in die große Heuchelei des Durchschnitts einweibon, die alle sit tuchen Probleme erledigt hat, die Zweifel und Aufsässigkeit nicht duldest. Die „Anfertigung eines Amerikaners", für die es ein System wie für irgendwelche nützlichen Maschinen gibst, triumphiert in einem außer gewöhnst ich begabten ßnnbe, das spielend englisch lernt, das von feinen Lehrern ausgezeichrwt und beim Abgang von der schule von der kleinstädtischen Presse gar als Hoffnung der Gemeinde gefeiert wird. Sein Ideal ist cs, Professor der leidenschaftlich ergriffenen englischen Literatur zu werden; in einer geachteten, von den bi ldungsg laubigen Eltern besonders ersehnten Stellung wird der Sohn ihnen alles ' ersetzen, die verlorene Heimat, die lange Einsamkeit, die soziale Herabsetzung und alle die Mühen, di/sie nach jüdischer Art selbstlos auf das Kind verwandt haben. Amerika ist ohne Vorurteile; als Land des Kim des wird es ihnen zur echten Heimat werden. Der zukunftsreiche junge Mann bezieht die Columbia-llniversität mit den schönsten Empfehlungen, aber das so reich cmsgestattete Institut, das seine Stipendien kaum los werden kann, hat "für ihn auch die üblichste Hilfe nicht übrig. Bei allen Bemühungen fühlt der Student einen Widerstand, an den gerade die Eltern nicht glauben, wollen; denn sie find in ein vorurteilsloses Land gekommen, und zu der großen Demokratie, die wenigstens für die weißen Rassen keinen Unterschied macht. LrQwig Lewisohn kenm die europäischen Verhältnisse, und besonders die deutschen, sehr genau, obgleich er erst im vorigen Jahre und nach Erscheinen seines Hauptwerks die Heimat wieder gesellen hak. Der deutsche Jude, sogt er. wußte mindestens vor dem Kriege sehr genau, auf welche Widerstände er sich vorzubereiten hatte, in welchem Fach etwa und an welcher Universität'er nicht ordentlicher Professor werden konnte. Der amerikanische Antisemitismus im allgemeinen und der akademische im besonderen gibt sich niemals offen zu erkennen, und sogar die Juden wollen seine sttlle Herrschaft zu Ehren der großen Demokratie, an der zu zweifeln um schicklich wäre, nicht anerkennen. Ter junge Gelehrte, auch dichterisch begabt, gleitet von der Wissenschaft in die Literatur, und er muß auch da fcie Zumutung, durch die Amerikanisierung des von den Eltern ererbten Namens seine Laufbahn zu glätten, erst charaktervoll abweisen. Lassen wir die Jahre der Not, der Unsicherheit, des niedrigsten Broterwerbes; sie haben von ihrer Misere viel gemeinsam mit der anderer, auch hundertprozentiger Amerikaner, die sich für überslüssig hielten, wenn sie nu - die Anschauungen des großen Durchschnitts bestätigen wollten, die die Sache des f e l b st ä n d i g prüfenden Geistes, der persönlichen Sittlichkeit auch an keine Not zu verraten wünschen. Einigen vorurteilslosen und beherzten Gönnern, die sich von seinen literarischen Leistungen^überzeugen ließen, gelingt es schließlich, den jungen Gelehrten und Schriftsteller in einer Universität des Mittel- Westens als Professor, iucun auch nicht der engkisckM, so doch der deutschen Literatur unterzubringen. Professor Lewisohn kämpft von seinem Katheder gegen die fröhliche Indifferenz einer synstmchi schon, sauberen, geistig fürchterlich) genügsanwn Jugend, die von jeder Art des Studiums außer exrein gesell, schnftl'ich n^rstvollen Zeugnis nur praktische Förderung 'erwartet, cchne jedes BeDürsurs einer periöMchon Bildung, das etwa in , Deutschland auch über dem Brotstudium wenigstens ms ein Ideal stchc-ngebstieben ist. Mit einem leidenschaftlichen Erkenntnisdrang stellt man sich dort übewrhebl'ch außer der Reihe; alle echte Leidenschaft gehr zum Base-Ball. Die Persönliche Hingabe d-cs jungen Professors und die stille, zähe Begeisterung, ohne die man Dinge der Kunst und Literatur nicht treiben kann oder nicht treiben sollte, erwecken wenigstens einige hungrige Seelen und machen ihn auch sür die laue, flache Masse zu einem beliebten Dozenten. Jetzt tritt der zweite Widerstand auf, und diesmal gebraucht die Majorität, die vssentliche Meinung, gegen einen doppelt Belasteten schon weniger Rücksichten. Ir; einem außerordentlichen Kapitel, i&Fw&hÜan wenn nicht alle Kapitel dieses Buches außerordentlich sind, hat uns Lewisohn auseinandergesetzt, wie er seine g e i st i g e Betz reiung von d em sittlichen Dünkel des amerikairische n Puritanismus allein auf den Einfluß der modernen deutschen Literatur z u r ü ck f ü h r t. Unser Landsmann hat Eerhart Hauptmann vollständig übersetzt und überhaupt sür die Verbreitung des Dichters in Amerika das Beste getan. Die deutsche Dichtung ist für ihn die der kämpfenden Seelen, die im Anschluß an die große Entwicklung unserer klassischen Literatur und Philosophie eine andere Verantwortung als die persönliche und selbsterworbene nicht anerkennen können. Ter Weltkrieg und die Propaganda, die von den Enkentestaaton, besonders von England, nach Amerika getragen wird. hindern ihn nicht, seine Bewunderung, seine Anhänglichkeit an das große geistige Deutschland weiter zu bekennen. Tie öffentliche Meinung, auch des damals noch neutralen Amerika, verträgt diese Selbständigkeit nicht. Die Universitäten werden überdies von Mächtigen des Geldes erhalten, die die Wissenschaft so gut wie die Presse in. ihrem wohlverstandene» Interesse kontrollieren. Ter Sohn deutscher Eltern, auch wenn seine ältesten Vorfahren nicht an beiden Ufern des Rheins gesessen und immer noch eins getrunken haben, verweigert feigen Widerruf. Das kostet ihn seine Professur, der übrigens auch für eine Familie zu sorgen hat. Lewisohn acht nach New Vork und wird wieder Literat. Mit beispielloser Kühnheit kennzeichnet er die Kriegspsychose in einem Lande, das nie Neutralität gehalten hat. das wie in einer großen Orgie alle schlechten. grausamen, alle unterdrückten Instinkte zu entfesseln scheint, um sie auf ein wie im Blutrausch umlanztes Opfer abzuwälzen. Die Amerikaner haben sich ja längst ernüchtert, großenteils sogar zu der Einsicht, daß sie den Krieg, den sie entschieden, lieber nicht hätten sichren sollen. Kriegskatzenjammer — sagte mir einmal der burschikose H. L. Merlcken, der zu den stärksten Vertretern der jungen amerikanischen Literatur gehört. Wenn da eine Besinnung cingetretm ist, so hat Ludwig Lewisohn Rühmliches dazu getan, als er vor nunmehr drei Jahren mit seinem mutigen, mit seinem so mensch liehen und überaus ergreifenden Bekenntnis „gegen den Strom" schwamm. Das P r o b l e m des Deutschen in A mcrika kann nach der Beschwichtigung der Gemüter wenigstens wieder auf den alten Stand gebracht werden, das Problem des Inden ist für Lewisohn als eilte tragische Frage zurückgeblieben, das er st

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