Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1925-04-24 · 17 (24.4.1925) · p. Seite 301

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
17 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
Seite 301 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2277569-2277586--02080-3536998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

301 tmm lMut DhLrbÜrgermeistev Dr. Löffler (Würzburg) auf der Tagung bayerischer israelitischer EeurernDen. Wer kennt nicht die Gleichartigkeit offizieller Begrüßungsreden der Behörden bei Tagungen? Zumeist sind sie farblos, verlaufen nach Schema F, müssen sich vielleicht oft „in gleichem Schritt und Tritt" bewegen, weil der behördliche Redner außer dem Willkommensgruß eine sachliche Stellungnahme 311. den bevorstehenden Verhandlungen oder den Verhandelnden zu vermeiden hat. Wir jüdischen Deutschen sind nicht verwöhnt. Welches Aufsehen erregte es zur Zeit des Kaiserreiches, als der schlesische Lberpräsident v. Zedlitz-Trützschler der Breslauer Tagung des Verbandes der deutschen Juden beiwohnte und sogar das Wort ergriff! Und nach dem unseligen Ausgang des Krieges sind uns kaum Fälle geläufig, in denen Vertreter der Behörden ihre Teilnahme an jüdischen Tagungen über das gewöhnliche Maß wohlgesehter Worte hinaus bekundeten. Vom 15. bis 17. März fand, wie wir schon kurz mitteilten, im heiteren Würzburg die 3. Tagung des Verbandes bayerischer ifraelrti scher Gemeinden statt, von der soeben ein ausführlicher Bericht in der „Bayerischen Israelitischen Eemeindezeitung' (Nr. 3) erschienen ist. Der Vorsitzende Lberstlandesgerichtsrat Professor Silberschm'idt (München) eröfsnete die Tagung, Justizrat Haas begrüßte namens der Kultusgemeinde Würzburg in lehrreichen Worten geschichtlichen Gedenkens die Versammlung. Oöerregierungsrat Dr. Hoffmann überbrachle die offiziellen Willkommen der Behörden. Und Distriktsrabbiner Dr. Hanover (Würzburg) hielt einen feinsinnigen, fesselnden Vortrag über die ideellen Aufgaben des Verbandes, auf den zurückzukommen wir hoffentlich noch Gelegenheit haben werden. Vor ihm sprach der Würzburger Oberbürgermeister Dr. Löffler. Es ist wohltuend, mit welcher vornehmen Gesinnung er den Anteil der jüdischen Bürger an dem Gedeihen der Stadt Würzburg würdigt. Keine trockenen Worte, keine steife Ueblichkeit, nein, lebensvolle Teilnahme durchzieht feine Rede. Und der Ausklang, sein Wunsch, das deutsche Judentum möge sich sein Höchstes und Heiligstes, eine Religion, erhalten, möge den „Segen der Familie" nicht ahren lassen — wer teilt ihn herzlicher als der jüdische Deutsche, mit uns in der Religron das Bindemittel des Judentums sehend, das über alle nationalistischen Bestrebungen dem Judentum Bestand sichert. Es gehörte in Bayern vor nicht gar zu langer Zeit zum guten Ton, die völkische, meist mißtönende Schalmei zu blasen. Die völkischen Eewaltsakte in Franken, die Novembervorgänge 1923 in München, nicht zuletzt die hemmungslosen Angriffe gegen jüdische und christliche^Religion haben vielen die Augen geöffnet. Wir freuen uns deyen, weil wir eine solche Erkenntnis im vaterländischen Jnlereste für unerläßlich Hallen. Trotzdem die völkische Sturmflut über das Bayernland hinweggebraust ift — sie ist lange noch nicht völlig verebbt, und in vielen Teilen des Landes stehen noch ihre beträchtlichen trüben Reste. Der „große Trommler" hat noch stattlichen Anhang, und eine an Zahl und im Schimpfen beachtliche Presse wirbt ür seine Ziele. Um so erfreulicher ift Dr. Löfflers Rede, lud um so wünschenswerter erscheint es uns, seine Worte aus der „Bayerischen Israelitischen Eemeindezeitnug" in nufere in Zehntaufenden jüdischer und christlicher Häuser verbreitete Zeitung zu übernehmen, damit sie im ganzen Reiche bekannt werden. Die Rede lautet: . Ich spreche zunächst meinen herzlichsten Dank dafür aus. daß das hohe Präsidium es für richtig befunden hat, auch die Stadt Würzburg zur heutigen Versammlung emzuladen. Ich bin - der Einladung gern gefolgt; denn ich verehre in meinen jüdischer Mitbürgern außerordentlich wackere, brave und tüchtige Männer, auf deren Tätigkeit int bürgerlichen und wirtschaftlichen Leben ein nicht geringer Teil des Gedeihens u n\c tc c Stadt fiel» oufbout. Ich verehre aber auch in unseren jüdischen Mitbürgern eine Pfla n z ft ä 11 c des Bürgersi n n s. dem Co jederzeit gelungen ist. wackere und tüchtige Männer, stark UN Rat, in unsere Geineindeversammlungen abzuordneu. die dort das Wohl der Gemeinde sich angelegen sein ließen, wie wenn cs rhro eigene Sache wäre. Ich mochte allen diesen danken und namens der Sradt Würzburg unsere Sympathien mit Ihrer Tagung anchprechen. Ich Härle.herzlich gewünscht, daß Würz- -b'.u.g seinem Ruf als Stadt des Frühlings heute recht gegeben hä'te. aber leider hat der Winter ein neu: sch es Spml gelri-A-m und uw Amfelschlag sein sollte, da u'.achen unsere alten Stadtstraßen einen nicht eben angenehmen Eindruck. Sehen Sie über all das Aeußere hinweg und glauben Sie mir, daß Sie uns aufS herzlichste und wärmste in Würzburg willkommen sind. Meine sehr geehrten Damen und Herren! Der. Herr.Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg, Herr I. R. Dr. Haas, hat außerordentlich viel Gutes und Schönes Ihnen von Würzburg verkündet, und ich habe mich dessen herzlich gefreut. Würzburg hat eine uralte Geschichte. Man weiß gar nicht, wann es begonnen hat, auch die Würzburger Judenschaf t hat eine uralte Geschichte, und wann sie begonnen hat, weiß mau auch nicht. Aber sicher ist, daß die Judenschast in Würzburg all das miterlebt hat. was Würzburg in langen Tagen erlebt hat: Nauscheude Freude, jubelnde Feste, markerschütterndes Weh. Einen freundlichen Stern hat er genannt, . den uns Würzburgern so lieben und werten und unvergeßlichen Minnesänger S ü ß k i n d T r i m b e r g , der am Marktplatz in den alten Häusern, die heute noch stehen, den Beruf eines waltenden Arztes gefunden und dessen Andenken immer gesegnet sein wird. Meine Damen und Herren! Sie sind ja nicht nach Würzburg gekommen, um mit weichen Gefühlen sich hier an der Vergangen- . heit und Gegenwart Schönheit zu erbauen, sondern mit dem harten Willen, zu arbeiten. Sie wollen arbeiten und bessern, verwaltend und waltend Hand an die Dinge, die Ihnen anvcrtraut sind, anlegen, da haben Sie auch von unserer Seite den Segen für Ihre Versammlungen und Ihre Arbeit. Ich möchte Ihnen sagen: Pflegen Sie tu Ihren Kulrusgemeindeu den guten alten Geist, Ihren guter: alten religiösen Geist, lassen Sie den Gott Ihrer Barer nicht! Ich möchte Ihnen sagen, wenn Sie sich abdrängen ließen von irgendwelchen Strömungen, die die alte Religiosität bekämpfen, die von Ihnen auf andere Kultusaemeinschasien übergegangen ist:, ich sürchte, dann wäre ein sehr schweres Unglück eingetretcn für unsere Judenschaft. dann wäre Jerusalem ein drittes Mal und endgültig zerstört. Halten Sie fest am Gotte Ihrer Väter, dann sind Sie auch treue wackere Staatsbürger und Gcmeindebürger. In Ihnen liegt etwas, was mich immer außerordentlich angezogen und emporgehoben hat: die Liebe zur Keimzelle jeder Allgemeinheit und jeder bürgerlichen Zusammenfassung, daß Sie nämlich in so prachtvoller Werse Gottes Gebot beachten: D rr sollst Vater und Mutter ehren. Dieser Gedanke der Familie, des Familienzusammenhanges wird es Ihnen leicht machen, Ihre Kultusgemeinden Zusammenzuhalten und das Leben in der Gemeinschaft immer mehr Zur sittlichen Stütze des ganzen . Lebens der Judenschaft zu umchen. Empfangen Sie zu diesem Zwecke und zu den anderen meine herzlichsten Wünsche. Mögen die israelitischen Kultusgemeinden eine Pslanzstätte sein echt wackeren Gemeinschaftsgeistes, sozialen Empfindens und soziawu Arbeitens und Wirkens. Ter Tag, den Sie diesem Wer- und dieser Arbeit gcwldmet haben, möge ersprießlich sein, und die Würzburger Beschlüsse mögen Richtlinien ergeben, an denen Sie dauernd sesthalten können zum Segen jür Sie selbst und für uns alle. „Eltern, hütet mn Kinder." Unser Artikel über die Werbemethodeu des Blau-Weiß in Nr. 13 vor .,C. V.-Zeitung" hat zahlreiche Zuschriften aus Kreisen der Eltern und der Jugend veranlaßt. Alle bestätigen die Richtigkeit unserer eigenen Wahrnehmung, alle danken, daß das n o t w e n d i g e Wort der W a r n h n g von uns gesprochen worden ist. Einzem-e Leser scheinen unseren Aussatz zeörch nicht ganz verstanden zu haben, und für diese sei heute bemerkt, daß wir die Methoden für die sportliche und geistige Ertüchtigung unserer Jugend — „Wandern. Spucken. Heimabende" —. wie' st? bei Blau-Weiß in seinen Werboschreiben an gab, durchaus nicht ablehncn. Verfolgen doch die dentschjüdischen Jugendorganisationen in dieser Beziehung das gleiche Programm. Unser Artikel wollte gerade die Tendenzen des Blau-Weiß bekämpfen, - die m dom Werlck'chreiben u i ch t erwähnt waren, nämlich, daß er der Entfremdung der d e u t s ch j ü d i j ch e u I uge u d ge ge n ü der dem de u t s che n Vater lande vorarbeitet. In diesem Verschweigen (regt die Bedrolning unserer Jugend; denn wie viele Eltern sind zufrieden, daß ihre Kinder überhaupt in rrgdeiner Ju<wndvereinigung gut aufgehoben schnnen. und wißen nicht, daß die Zugehörigkeit zu 'dieser Vereinigung ihnen ihre Kinder entzieht. Eltern, die wünschen, daß ihre blinder einstmals auch ihr geistiges Erbe sortsnhren, wüsten dafür sorgen, daß sich die Entnoicklung ihrer Lander in Bahnen vollzieht. d x c u i ch t von ihnen f o r t f ü h r c n. Die deutschjüdischen I n gen do r gan isationen — Kameraden. DeutschjüdischL Jr-.Z'.ndcheiu-ern-.-'lastch — sind die Bereuugnngcn für die Kinder unlerer Mitglieder. * Meldungen zur TcntschjübGchen Jugeiidflemew.scbast erfolgen cm Tr. Friedrich Brodnitz. Berlin V»' 02, SchiUstraße 9.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.