Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 17 (24.4.1925)
- Date
- 1925-04-24
- Page
- Seite 300 (sequence 7)
- Language
- German
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300 Mötschs Wüttöerfürsorgs. Von Tr. Max Krtutzberger. Bor dem Jahre 1914 breitete sich übet Deutschland cm enges Netz km ProvinziaLkasfen der ZentralesürWander- Iürsorge aus. -Zwar fehlten an einzelnen Stellen wesentliche wieder, so waren Südbayern. Laden und wenige andere Landesterle zum Anschluß nicht zu bewegen, aber im großen ganzen funktionierte doch ein einheitliches System von inemandcrarbeftenden Kassen. 2ne finanziellen Leistungen mancher Kassen waren recht groß, so hat z. B. die Zentralarmenkasse für die Rheinprovinz mit dem Sitz tn Köln im Geschäftsjahre 1910/11 den Betrag von 30 000 Mark ver- «usgabt. - Ter Sinn der Zentralstelle für Wanderfürsorge war in erster Linie der. die Wandernden aus möglichst werte Strecken zu befördern, um zu vermeiden, daß sie durch den systematischen Besuch all der Gemeinden. die auf ihrem Wege lagen, zu Schnorrern wurden. Die örtliche Provirizialkasie wiederum sollte veranlagen, dag der Wanderer es nicht nötig hatte, von Haus zu Haus zu gehen, um sich seine Ncisemittel znsammenznbettcln. Er wurde hier von einer verantwortlichen Stelle erfaßt, die ihn fachgemäß abzufertigen hatte. Diese Zentralisierung hatte gleichzeitig die Möglichkeit, unwur» dige Elemente auszu scha! ten, das berufsmäßige Schnorrer- und Wandertum zu kontrollieren und danicderzuhalten. Daß durch diese Maßnahmen sich die Kosten der diesbezüglichen Wohlfahrtspflege erheblich verminderten, soll nur nebenbei erwähnt werden. Die Kriegsjahre mußten naturgemäß aus vielfachen Gründen die Lage der Zentralstelle und der ihr cmgeschlopenen Provinziallassen vollständig verändern. Eiwna! ging der Wanderstrom zu Beginn des Krieges stark Zurück. Als er wieder in größerem Maße ein letzte, war das Objekt der Wanderfürsorge ein völlig anderes geworden. Die Kriegsmaßnahmen brachten zwangsweise Taufende von O st j u d e n nach Deutschland, die von der Militärverwaltung kriegswichtigen Arbeitsstellen zuee» führt wurden. Sie waren zum allergrößten Teil produktive, arbeitende Elemente. Dieser Riesenaufgabe war die alte Organisation der Zentrale für Wanderfürsorge nicht gewachsen. Es fehlten die außerordentlich großen Geldmittel, die Zur Hilfeleistung notwendig waren. Es fehlte das geschulte, auf Liesen Zweck hin eingestellte Beamtentum. Es fehlten schließlich die Selbständigkeit der Zentralorganisation. die ja über kernen direkten Apparat verfügte. Hier setzte das Arbeitcrfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands (Afa) ein. Es übernahm den 'Arbeitsbereich der früheren Provinzialkassen. dehnte ihn aber in politischer und sozialer Weise in weitestem Maße aus. Die Zentrale für Wanderfürsorge hatte damit de facto zu bestehen aufgehört. Tics war nur deshalb möglich, weil dem ArbeiLerfürsorgeamt all die Jahre hindurch Mittel, und zwar reiche Mitte! amerikanischer WohltätigkeitsInstitutionen zur Verfügung standen. Nachdem aber nunmehr der Wanderstrom wieder geregelte Formen angenommen hat. sein zahlenmäßiger Umfang sich stark verminderte. sein Charakter wieder die frühere Gestalt gewann, war es notwendig, den Kreis der mit dieser Frage befaßten Organisationen zu erweitern. Deshalb traten im Januar dieses Jahres die wichtigsten jüdischen Zentralverbände zusammen und gründeten die O an PL stelle für jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise. An dieser Hauptstelle smd beteiligt die frühere Zentrale für jüdische Wanderfürsorge (D. I. G. B.). die Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden, das ArbeiLerfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands, die Großloge u. a. m. - ~^L€5flIU’£fäiii3feii der ueugegrundeten Stelle wird darin bestehen müpeu. das Netz der früheren P r o v i n z i a l k a s s cn wieder lebendig zu machen; dort, wo solche früher nicht bestanden und die Notwendigfett dafür vorliegt. neue zu gründen. Dieser Ausbau der Provinzial tagen muß von dem Gedanken geleitet sein, den Wandernden möglichst schnell an sein Ziel zn bringen, d. b. die Provinziallaßen müssen auf weite Strecken hin befördern. 'Las Meldewefen muß vereinheitlicht werden und schneller arbeiten. Die Kassen müssen mit namhaften Mitteln ausgestattck sein; die der Provinzial- Kriw QngejchwMneu Ortschaften haben an sie eine Ablösung, der Gro^e der Zenpcken entsprechend, zu zahlen. Kurzum, es muß alles getan werden, um den Wandcrstrom in geregelte und für den Wandernden sinnvolle Lahnen zu lenken. Daneben besteh! füx die Hauptstelle eine andere große Ausgabe.* panbcrfurfornc ist nur dann sinnvoll, wenn sie daraus ausaebi, sich f e I b st ü b er flüssig z um (idjeti Das kann sie aber nicht, sobkrerne WanDersürsorge bleibt Sie muß vielmehr darauf bedacht sein, möglichst viele Menschen dem Wanderstrome zu entziehen und s e ß h a s t z u m a ch c n. d. h s i e i n p r o d u k t i v e B e r u s e überzn lerten. Tie Provmzmllassen sollten also die wesentliche Losung ihres AmgabenkreNcs nicht in der ..Fahrkarte" sehen, sondern sie sollten vielmehr Verpichen, den Wandernden am Orte zu halten und ihm Arbeit Zu geben. Aber nicht nur aus diesem Gesichtspunkte heransondern ganz allgemein drangt Die jüdische Not zur Grünung von Arbeltsnacyrveifen. als des besten und würdigsten Mittels dem m Bedrängnis Geratenen Zu helfen. Die jüdische Arbettslosiafafa. 3*!|ttn auf. Der zentrale Berliner F^M.^beiL-nachweiZ wird allein täglich im Durchschnitt von ^OFersouen^ au gesucht. Die BermittknngSzifffrn bewegen sich Kvrschon l0 bw lo Prozent. Wenn erst eine einheitliche Regelung der Berliner jüdischen Arbeitsnachweise durchgeführt sein wird. d. k wenn erst die vielen, teilweise nur dem Namen nach bestehende Zwcrgarbciwnachweise ihre für die Slellcnsnchenden wenig hnivou- Arbeit eingestellt haben werden, so dürste der Besuch des Zeulrab arbcitsnachweises noch erheblich steigen. Ein Zentralarbeitsnachweis in Berlin kann aber erü seine volle Tätigkeit dann entfalten, wenn ihm ein Retz vor Provrnzialarbeitsnachweisen zur Verfügung steht. Es sind viele Bewerber aus der Provinz vorhanden und leine Stellen für sie. odc^ aber man hat geeignete Provinzstellen und keine Bewerber. Dst Erfahrungen, die Berlin bisher in seiner Zusammenarbeit mit dcu, Zweigarbeitsnachweis in Frankfurt a. M. gesammelt hat, bestätige!- auss schlagendste die Ansicht, wie segensreich ein solches Zusammen, arbeiten auf Angebot und Nachfrage, auf Austausch von Stellen wirken kann. Schon diese oberflächliche Ekizzierung zeigt, ein wie reiches und wichtiges Arbeitsfeld die neugegründete Hauptstette zu bewältigen hat. ^ie wird aber dieser Arbeit nur dann gerecht werden mrmeu, wenn die Vertreter des deutschen Judentums, d. h. die einzelnen G> meindevorstände und der neugegründete Preußische Landesverband, ihr dasjenige Interesse und Mas; von williger Mitarbeit cntgegenbriuger werden, das die Größe. Notwendigkeit und Bedeutung ihres Arbeitsbereiches in weitestem Maße verdient und ersordert. Die böse Zunge. Betrachtung zum Wochenabschnitt. Unsere alten Weisen waren gewiß nicht so kindlich, daß sie nich! gewußt hätten, daß jede Krankheit und jeder Schmerz ihren llrfpritr.o in natürlichen Vorgängen des menschlichen Körs>ers zu suchen l}nl>cr, Anderseits waren sie aber auch fest davon überzeugt, daß der Mensch auch nicht einen Finger aus Erden heben kann, ohne daß cs im Himmel beschlossen wäre. Es stand ihnen fest, daß jede Schuld sich' im letzten Grunde schon auf Erden rächt. So stellten sie an'der Hand vieler Beispiele ans der überlieferten Geschichte ihres Voltes den Grundsatz auf. daß die Strafe in einem entsprechender» Ausmaße und Verhältnisse Zur Sünde stehe. Sie wollten damst allerdings nicht dem selbstgerechten Eiferer eine Handhabe bieten nunmehr jeden Leidenden als Schuldigen hinzustellen. Es sollte nur eine Mahnung für fromme-Gewissenhaftigkeit sein, sich in der Stand? der körperlichen oder seelischen Not einer ernsten Selbst- Prüfung Zn unterziehen. Ter Schriftabschnitt, der von der hygienischen und priesterlichm Behandlung der furchtbaren Aussatzkrankheit handelt, gibt ihnen Anlaß zu einer solchen sittlichen Abrechnung. Die Aussatzschäden, sagen sie, treffen den Menschen wegen der Sünde der bösen Zunge. Wer als bösartiger Verleumder durch das Gifr seiner Worte seinen Bruder aus dem Kreise der menschlichen Gesellschaft aus schließen will, der fei gewärtig, daß ihn das gleiche Los trifft und er wegen bösartiger Krankheit von den Menschen gemieden wird. Sie können sich nicht genug darin tun. dieses häßliche Laster zn geißeln. Es ist ihnen die uralte Schlange der ersten Sünde, die das lrciligc_ Werk des Schöpfers lästerte und den Menschen aus dem Paradiese trieb. Schlimmer als die drei Todsünden Götzendienst. Mord und sittliche Entartung, e r s ch e i n t i h n c n d i r Sünde der dösen Zunge. Sie vergiftet das glückliche Zusammenleben der Familien nnd macht den edlen WeffstreÜ der Geister zu ödem und häßlichem Parteigezänk. T-er bösen Zunge war nichts heilig. Sie verschonte nicht einen Mose. Sie war die Geißel, unter welcher die zartbesaitete Seels des Säugers der Psalmen am meisten litt. Wenn in den langen Jahrhunderten des Mittelalters das übrige Religionsgesetz in strengster Observanz stand, so lehren uns doch die scharfen Mahnworte der Sittenprediger alter Zeiten, wie leider allzuoft sich unter dem Gewände der Frömmigkeit der Fluchgeist des bösen Wortes barg. Wenn Israels Söhne sich selbst mit t-er Waffe des bösen Wortes zerfleischten, so durften sie sich nicht wundern, daß dieses böse Vor' zum furchtbarsten AngrissZnüttel wurde, mit tem ihre Feinde fie ^griffen und zu Parias ter menschlichen Gesellschaft stcmveltrm Mose sann nach, so erzählt der Midrasch. Wie kommt es, daß mein Volk so hart von den anderen Völkern gedrückt wird? Er sah däböse Zunge in ihrer Mitte ihre Triumphe feiern. Wie sollten sie erlöst werden? Wenn Jlrael wieder leben seine Erdentage lieben und das Glück schauen will, so müssen alle seine Söhne ihre Zunge vor Bostm mck ihre Lippen vor trügerischer Rede bewahren, wozu sie ja in ibrem taglm^u Gellte dreimal Gott um seinen heiligen Beistand bitten. Rabor fcimon. der Sohn des Rabbi Nathan, bemerkt: ES gibt etwas, was uns von der Sünde der bösen Zunge erlösen kann. Es sind d:e Glöckchen am Mantel des Hohenpriesters. Heben und scstärwn wrr unseren geistigen Sinn. Lauschen wir auch tm gebeuchten .UI1K.rcr Seele den feinen und zarten Stimmen de- Göttlichen, wie echt jüdisch' Lebensführung sie zu jeder Stunde fc-i ^.ages sie uns zuträgt. Von einem so geläuterten Israel wird der Aussatz ichwinden. den eine feindliche Welt ihm anzuheften such'. *rjc unheil:ge Glut wird in Asche zusammcnsiukom und aus ihr wirr sich zu lichten Höhen schwingen der Genius der Freiheit und Eilo!"ng. Hoffmans