Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 17 (24.4.1925)
- Date
- 1925-04-24
- Page
- Seite 299 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dürfen wir nach Hapern reisen? Gin Antwortbrief von einem bayerischen Ha u P l v o rst a n d s nr i l g (i ed e. i Werte Frerrnde! Sie fragen mich lim Rat, ob Sie Ihren Urlaub hener unbedenklich wieder in Bayern verbringen können, in lmfetem schönen Hochland, das Sie früher mir Ihrer Familie so gern besucht, in den letzten Jahren aber ans bekannten Gründen gemieden haben. Es war, wie Sie schreiben, mcht sowohl die Furcht vor persönlicher Behelligung, die Sie ferngehalten hat, als vielmehr die Scheu vor dem ganzen M i (i e u politischer Verhetzung und Verwilderung, der Wunsch, nicht unter Leuten weilen zu müssen, die einem übelgesinnt sind und die Lust nicht gönnen, die man mit ihnen atmet. Sie haben recht darin, und ähnliche Erwägungen haben ja weitere Kreise, auch nichtjüdische, in den letzten Jahren veranlaßt, unserem Bayernland fcrnzubleiben. Allein, ich glaube versichern zu können, das; die Verhältnisse sich d och w ese n tl i ch geändert und gebessert haben. Der Hitler-Rummel ist überwunden. Es darf der jetzigen bayerischen Regierung zugegeben werden, daß sie es klug und würdig verstanden hat, die geschwächte Staatsautorität und Rechtssicherheit wiederherzustellen. Ebenso wichtig ist indes der innere Zusammenbruch jener Bewegung, die mit Schlagworten und Massensuggestion, aber arm an geistigem Gehalt, die Massen eine Zeitlang fortgerisson, dann aber mit dein weichenden Nimbus ihrer bekannten Helden und Führer die werbende Kraft verloren^ hat. .lUan braucht mir an die letzten Abstimmungen zu erinnern. Wir haben deshalb gewiß noch keinen Grund, zu jubeln. Die Hitlerschen Epigonen möchten gern weiter lärmen und tun dies mancherorts, wie zum Beispiel in N ü r nberg, mit weitgehender behördlicher Duldung. Es fehlt and} in manchen, sich vaterländisch nennenden Verbänden nicht an judenseindlichen Tendenzen, so wenig wie im übrigen deutschen Vaterland, und die letzten Alpenvereinsdebatten haben gezeigt, w i e m a n ch e -K r e i s e unseren Rechtsu n d E h r e n - a n s p r ü ch c u h ö ch st gleichgültig gegen ü ber - stehen: wohl genrerkt. nicht alle, wir haben in einzelnen bayerischen Atpenvereinösektionen einen erfreulichen Widerstand gegen das antisemitische Unrecht wnhrnehmen können, wie überhaupt dem aufmerksamen Beobachter auch die stärker werderrden Regungen der Vernunft und des Gerechtigkeitssinnes nicht entgehen können. Es ist unsere Sache.dieseRegungenund Bestrebungen zu unterstützen. Man hat in den maßgebenden Kreisen des Bayerischen Hochlandes, und das gilt vor allem von den Hotelbesitzern, den Wirten und den Gemeindevertretungen, die a n tisemiti s ch e S t r ö m u n g nicht mit gemacht. Es war Herrn Hitler in einem bekannten großen Gebirgsort trotz aller Mühe nicht möglich, einen Saal für Vorsanuntungen zu bekommen. Man erkennt, nach dem, was von berufenster Seite erklärt worden ist, nun wohl auch allgemein dort, welchen Schaden an Ruf, Ansehon und in wir-schastticher Hinsicht nnserm Bayernland entstanden ist mW noch weiter droht, wenn nicht mit jener Politischen Mitarbeit gründlich aufgeräumt wird. Das ist jetzt zweifellos die Meinmag aller einsichtigen Kreise. Sie werden, :venn Si e i m S o m tn ernachBaye v n t o m m en , sronnd - lich n rl d ho r z l i ch empfangen werden, dessen tö i! neu Sie sicher sein. Es ist schon früher gelegentlich empfohlen worden, diß man. bevor man mietet, sieh noch vergönn gern möge, ob mau als jüdische Familie in dem Hanse gern gesehen? und willkommen ist. Bei den größeren Hotels ist das allerdings unnötig. Wenn Sie dagegen in einem Privathans oder einer kleinen Pension Unterkunft suchen, so kann die Anfrage nicht sthaden: schon im Interesse der Klärung. Wenn wir aber Freunden die Reise nach Bayern, empfehlen, dann wollen wir erinnern, daß schon tu den besten. Friödenszeiten, als von antisemitifcher Hetze noch keine Rede war. gewisse protzig anftretende. in ausfälliger Gewandung sich gefallende, laut gebärdende Leute in der Sommerfrische immer berechtigte Mißstimmung erregt und uns selbst stark ans die Nerven gegangen find. Die Herrschaften — sie sind nicht nur unter unseren Glaubensgenossen zu finden, aber a u ch unter ihnen sie mögen sernbleibon! Wer aber knie Sie in den Bergen, als ruhiger, fröhlicher So m m er g a ft u u d W anderer, n u r Erholu n g nndErgnick u :t g! lrcht. d e r w i r d sich dessen n n g e st ö r t erfreuen. Und darum, meine liehen Freunde, ans Wiedersehen in unstrea Bergen: MethööL öes Wahnsinns - Wahnsinn öer Met^oör. Niemand wird den berufsmäßigen Vertretern der Judenfeindfchast den erig'ten Willen absPreckM, ständig neue Perspektiven für die Auspeitschmlg der Volksmassen zu suchen, stets durchaus sich zu bemühen, immer wieder sensationelle Forschungsergebnisse vorznführen, lim endlich das letzte Stadium von I u d e n v eracht u n g und I u d e n a u s s ch a l t u n g zu erzielen. T-er Lorbeer des Siegers in diesem geistigen Wettlanse gebührt Herrn M i l l e r. Tenn er ist bereits beim Wahnsinn angelangt. Nein, nein — Herr Miller, Mitarbeiter der Zeitschrift ,.Ter Bseltkampf", ist nicht wahnsinnig. Seine Arbeit heißt vielmehr der „H c b r ä i s ch e W c h n j i n u*\ Also: W i r sind verrückt, meint Herr Miller. Herr Miller begründet seine Meinung auf acht engbedruckten Seiten. Es kommt hierbei manch Interessantes heraus für den Irrenarzt — für die Beurteilung des Herrn Miller. Wie l^gründet Herr' Miller seine Theorie? Hinter allem und jedem steht, so ergaben es ja die völkischen Forschungen schon längst, der Jude. „Ist nicht der Hebräer selber, der all die Wirrnis anstiftet, weil er von ihr leben muß. am Ende wahnsinnig?' fragte Miller. Herr Miller bringt den Artikel „Geisteskrankheit' aus einem Konversationslexikon zum Abdruck, um die w i f s e n s ch a s t l i ch e Unterlage für seine Ausführung zn haben: Selbstbewußtsein ist die Vorstufe für Größenwahn, die Inden haben alle ein gesteigertes E-elbstbewußtsein, also sind die Inden verrückt. Herr Miller untersucht die Geschichte des Judentums. Er findet, . . so zwingt sich einem ... die bange Frage ans. ob nicht der Hebräer oder Jude von Anfang an . . . wahnsinnig gewesen sein muß'. Zurückzniühren sei dies ans die starke I n z it ch t der Inden, die schon in Aegdvten Hebung gewesen, ans die Entstehung der jüdischen Rasse ans Verbrechergcsindcl niedrigster Art. Herr Miller findet selbst, daß nicht alles in seinen Ausführungen „s p r n ch r e i f* sei. Er hätte dies erkennen ' müuen, bevor er seine Feststellungen niederschrieb. So hat er den großen Fehler begangen, das; er ö s s e n t l i ch die Verrücktheit der Inden verkündete. Jedes Kind weiß, daß cs für die Förderung des Wahnsinns nichts Besseres gibt, als dem Verdächtigen zu sagen: „Du bist v e r r ü ck tr Nun muß der „hebräische Wahnsinn' also entweder jetzt zum Ausbruch kommen, oder — Herr Miller hat sich geirrt. Herr Miller kennt vielleicht die alte Wahrheit, daß ein Trinker alle'Welt für betrunken hält, nur sich selbst für nüchtern. Herr Miller hält sich sicher für den einzigen Normalen unter lauter Verrückten. Einen Psychiater her für — Herrn Miller. Dis Craöirron öersr von ösr Schulenburg. Dich, meines Ha use s hohen Ah n Herr n, ruf.ich an . . . Merkwürdig sind die Erscheinungen der Vererbungslehre. Geschlechter hindurch ruhen Anlagen, die irgendeiner in der Ahnenkette in besonderem Umfange auswie? — aber plötzlich tritt ein Ereignis ein, das die Jahrhunderte überbrückt und die Weltgeschichte zu einer Art Familienberatung macht. —- Borku m ist eine historische Insel geworden. Der Stolz ihrer Gäste geht dahin, daß ne ganz unter sich sind. Rein und unverrnischt wie der Seewind soll germanisches Blut in den Adern aller rollen, die seine Gestade betreten. Das geistige Ergebnis dieser Inzucht des Beisammenseins ist das berühmte B o r k u m l i e d. bTisia non cantat — die Friesen sind keine Dichter. Das Borlunckied ist auch danach. Auch mancher Völkische empfindet das. Und auf einmal gibt cs ein Gedicht, besten Muse gleichfalls Borkum und besten Verfasser ein Mann aus märkischem Sande, ein Graf v. d. S ch n l e nbur g ist. Er dichtet ein Gedicht mit dem lyrisch angehauchten Titel: „Die Scheidung der G e i ft e r auf d e m H a n p t b a h n h o f Emden". Die frische Seeluft, der feuchte Aufenthalt ist dem Poem anzmnerken. Er schildert, wie.vom Emdener Hauptbahnhof ans das Böllergemisch von Tschechen. Slawen und Semiten nach N o r d e r n e y dampft, die reinrassigen Arie v dagegen Bork u m aussuchen. — ltnb d i e Vererbungslehre? Bitte! Ist es nicht sonderbar. daß dieser Gras v. d. Schulenburg als Verteidiger einer Insel gegen fremdrassige Anstürme miftritt? Warum bleibt er nicht in der Mark, wo er Zu Hause ist. und erfüllt dort seine Mission? Lexikon her! Des Rätsels Lösung ist gesunden: Johann Maria Graf v. d. Schnlenbnrg verteidigte 1716 Korsn gegen die Türken. Das saß im Blute aller nachkommenden Geschlechter. Und da unser Zeirgenössische Gras keine Heldenehren mit Lorbeer erringen kann — seine Insel wollte er haben. So mußte das Gedicht entstehen. Herr Gras v. d. Schulenburg kann wirklich nichts dafür! Ridens.