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Central-Verein-Zeitung · 1925-04-17 · 16 (17.4.1925) · p. Seite 284

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
16 (17.4.1925)
Date
1925-04-17
Page
Seite 284 (sequence 7)
Language
German
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281 Ein Mrnö brim prDösnten Ebert. Eine Erinnerung von Prof. D r. Eugen Wölbe. - Wenn in der Vorkriegszeit Lehrer der höheren Schulen sich zu wissenschaftlicher Tagung zusammensanden, lies; ihnen ver Unterrichtsminister, der leider dienstlich unabkömmlich war, durch einen Nttnistcrialrat seine Grüße übermitteln und ihren Verhandlungen guten Erfolg wünschen. Tie republikanische Negierung hingegen sucht Fühlung zu den Vertretern aller Berufe; demgemäß nimmt sie an ihren Verhandlungen regen Anteil. Als die deutschen Neuphilologen sich in der Zeit vom 1. bis 5. Oktober 1921 zu ihrer XIX. Tagung in Berlin zusammenfanden, bereitete ihnen die Staatsregierung einen glänzenden Begrüßungsabend mit Künstlerkonzert im Neichstag. Am nächsten Tage lud sie der Reichspräsident zu einem Gesellschaftsabend in sein Palais. Zn Ehreil seiner Gäste hatte er auch den Reichskanzler Marx, die Minister Boelitz und Ja rr es, den Ministerkandidaten Hergt sowie Ger hart Haupt mann und Ludwig Fulda zu sich gebeten. - Es war ein glücklicher Gedanke der Staatsregierung, mit den Vertretern der Oberlehrerschaft, die sich im allgemeinen mit der republikanischen Staatsform nur schwer zu befreunden vermag, persönlich Fühlung zu nehmen. Gewiß: die geistige Umstellung erfolgt nicht von heute auf morgen, aber unverkennbar hat Präsident Ebert burd) seine herzliche Begrüßungsau sprache und durch die taktvolle, ritterliche Art seines Auftretens au jenem Abend nicht nur sich selber, sondern vor allem dem von ihm in so wundervoller Weise repräsentierten Staate viele-'Freunde gewonnen. Für mich jedenfalls bedeutet der Festabend bei Ebert eine überaus angenehme Erinnerung. Zufällig saß ich mit Ebert Rücken au Rücken. Als er sich - einmal umwandte, stellte ich mich ihm vor und dankte' ihm für die Freundlichkeit, mit der er sich aus Fürsprache des Herrn Neichstagspräsidenteu in mein Handschristenalbum eingetrageu hat. „Run lernen wir uns auch noch persönlich kennen/ antwortete Ebert, „ich denke, wir werden uns während des heutigen Abends noch eingehender sprechen/ Inzwischen hatte sich der Reichskanzler Marx erhoben und sich den in den Rebensäken beim Glase Bier sitzenden Staatssekretären und anderen hohen Beamten angeschlossen. Die Oberlehrer fluteten gleichfalls in die herrlichen Räume, um hier Erinnerungen an Studienzeit und Berufstätigkeit miteinander auszutauschen. Hier fand ich meinen alten Studiengenosien Wilhelm Doe gen im Gespräch mit Marx. Der alte Freund mußte den Festabend vorzeitig verlassen, um noch den Dorortzug zu erreichen — mich ließ er nunmehr in der. angenehmen Gesellschaft des Reichskanzlers. Marx hatte damals gerade seine langgehegte Idee der parlamentarischer! Volksgemeinschaft in die Tat umzusetzen versucht. Wie er sich äußerte, zweifelte er nicht an ihrem Gelingen. Ich konnte ihm berichten, daß er das Vertrauen des jüdischen Bevölkerungtzteiles unseres Vaterlandes in hohem Maße besäße, denn er gelte als ein durchaus vorurteilsfreier Mann. „Ich bin kein Antisemit/ antwortete mir der Neichskanzler, „denn ich bin Jurist und Rheinl ä n b c r.~ Ich wurde nachdenklich, denn vor meiner Seele stiegen Erinnerungen an Juristen auf, deren Urteile nicht immer von Toleranz zeugten. Schnell gesammelt, erwiderte ich: „Wenn diese beiden Faktoren nicht in Frage kämen, würden Sie dennoch tolerant sein, weit es Ihnen Ihre Kirche gebietet/ Marx fuhr fort: „Wir Rheinländer sind ein fröhlicher Menschenschlag. _ Darum wirken sich die religiösen Gegensätze bei uns lange nicht mit der Schärfe aus wie jenseits der Elbe. Rehmen Sie unsern Karneval: alle Volksschichten beteiligen .sich. Brutalität und Rohheit gehören zu den größten Seltenheiten. In Berlin wäre eine derartige harmlose Genußsreude unmöglich/ Run erzählte der Neichskanzler — im Kölner Dialekt — eine erheiternde Karnevalsgeschichte von einem gewissen Weisen, der aus den Tisch stieg und sich mit bem Bemerken vorstellte, er sei bereits gerichtlich bestraft. „Schadet nichts, schadet nichts!" rief die (Gesellschaft, ..wir wollen aber wissen, warum?" Humorvoll erzählte dann Marx von einem Reukoutre dieses Meisen mit einem Schutzmann. das schließlich in einen kleinen „Widerstand gegen die Staatsgewalt" ausmündete. Inzwischen war der Reichspräsident Ebert an unseren Tisch getreten und nahm neben mir Platz. Ich hatte nnumehr nahezu eine Stunde lang das Vergnügen, zwischen den beiden höchsten Beamten des Deutschen Reiches zu sitzen. Mit Ebert sprach ich zunächst über den Neichstagspräsidenteu Löbe, den ich bereits seit der Zeit kenne, wo ich noch in Liegnitz die Schule besuchte, er aber in der dortigen Krumrhaarsehen Buchdruckerei die „schwarze Knust" lernte. Präsident Ebert rühmte Lobes Bemühungen um den Anschlus; Deutsch-Oesterreichs an das Mutterland und ich stellte an "ihn eine Frage, welche politisch interessierte Deutsche sich oft vorgelegt haben: „Warum hat die erste Nevolutionsregierung den sofortigen Anschluß Deutsch-Oesterreichs verabsäumt/' Ebert antwortete: „Au uns lag es nicht. Die Verhandlungen betreffs des Anschlusses waren bereits so weit gediehen, daß wir uns mit Oesterreich sogar über eine gemeinsame Münze geeinigt hatten. Inzwischen hatte Oesterreich von der Entente einen Wink erhalten, auf den es — aus Furcht vor einem ihm ungünstigen Frieden — bereitwillig e-uging/ Wir sprachen dann über führende Persönlichkeiten in Oesterreich einst und jetzt. Ich'erinnerte an Lueger, von dessen großen Verdiensten um die Verschönerung Wiens ich mich bei meinem letzten Besuch der Donaustadt (1903) überzeugt hatte. I,Lueger war ein handfester Kerl/ stellte Ebert fest, „sein Antisemitismus war ihm nur Mittet zum Zweck, nicht ernst gemeint/ Ich bedauerte, daß dieser Demagoge keine Memoiren hinterlassen habe, die vielleicht manchen Aufschluß über seine Beweggründe und manche Kennzeichnung von Persönlichkeiten des politischen Lebens in Oesterreich geboten hätten. Don den Denkwürdigkeiten des Barons Conrad v. Hötzendorif ausgehend, streifte unser Gespräch einen großen Teil der Memoirenliteratur der Nachkriegszeit und rankte sich schließlich um ein Anfang 1921 erschienenes, weitverbreitetes Buch über Erlebnisse seines Verfassers in der Vorkriegszeit-. Ebert kannte das Buch nicht aus eigener Lektüre. Ta ich cs^sehr genau gelesen hatte, so war ich in der Lage, dem Präsidenten eine ganze Anzahl von Einzelheiten aus düstm zu erzählen, und da mir der Verfasser persönlich bekannt ist, so konnte ich nicht nur mancherlei zu dessen Kennzeichnung hinzusügen, sondern dem Präsidenten auch einen Abdruck dee> Buches in Aussicht stellen. Sechs Wochen später übersandte ich dem Herrn Reichspräsidenten jenes Memoirenwerk. Umgehend antwortete er mir: . . Ich habe das Buch, das ich bisher nur auc> den Rezensionen und aus den Auszügen der Presse kannte, in Erinnerung au unsere Unterhaltung gern eutgegengeuommen und mit Interesse gelesen. Das Buch hat bei dieser Lektüre mir jedenfalls einen wertvolleren Eindruck hinlerlasseu aw denjenigen, den ich vorher aus den flüchtigen' Besprechungen der Presse gewonnen hatte. Darf ich Sie bitten, das anliegende Buch von Paper, „Von Bethmann bis Ebert" als Gegengabe freundlichst anzm nehmen, das ich für das sachlich beste und vollständigste Werk der Memoirenliteratur der letzten Jahre halte. Ich hoffe, c-v wird Ihnen eine Erinnerung an unser Gespräch über dar- Thema der Memoiren führender Staatsmänner sein und Ihnen manches, was wir flüchtig berührten, in aussührliche-n Zusammenhänge wiedergeben. Mit freundlichen Grüßen bin ich Ihr sehr ergebener (gez.) Ebert, Reichspräsident." Als Freund handschristlicher Andenken konnte ich cs mir nicht versagen, kurz nach jenem Gesellschaftsabend den Reichskanzler Marx — unter Bezugnahme aus die persönliche Bekanntschaft — schriftlich um Eintragung in mein Autographenalbum zu bitten. Marx willfahrte meinem Ersuchen mit folgender Einzeichnung: „G o 11 w cif;, w;i r um er d e m deutsche n Volke d a s schwere I och de s Unglücks a u f e r l e g t h a t. Möchte das deutsche Volk die Lehre für s i ch entnehmen, sich auf sich z u b e s i n n c u , alle inneren Streitigkeiten zu vergessen und sich daran zu erinnern, daß es eine hohe A u s g a b e der Weltgeschichte zu erfüllen hat: Vermittler wirtschaftlicher, aber besonders kulture ller Güter für die Völker nicht nur Europas, sondern der ganzen Welt zu sein. Berlin, 5. Oktober 19 21. Marx, Reichskanzler/-.

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