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Central-Verein-Zeitung · 1925-04-17 · 16 (17.4.1925) · p. Seite 282

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
16 (17.4.1925)
Date
1925-04-17
Page
Seite 282 (sequence 3)
Language
German
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’H \; 282 - der Zinne bcv Partei. Nicht die Dagrspolitik ist still Feld. Die — sehr notwendige und umfassende — .Kleinarbeit der Abwehr soll den bestehenden und berufenen Blättern bleiben; aber die Ergänzung, deren sie bedarf, durch die wissenschaftliche Behandlung der vielfältigen und wandlnngsreichcn Probleme wie Nation, Vtinoritüt, Rasse, Deutschtum nult „Der Morgen" liefern und jedem, der guten Willens ist, den Stoff bieten, sich eine unbefangene Ueberzeugnng zu bilden, blindes Vorurteil durch gefestigtes Urteil zu ersetzen. Darum ist das Arbeitsgebiet der neuen Zeitschrift weit Umrissen, nichts Menschliches ihr fremd, nicht Ethik noch Pädagogik, nicht Soziologie noch Medizin, nicht (beschichte noch Volkswirtschaft- Und weil nicht auf einen engen Kreis, sondern ans die 6cjn in t h ei t berechnet, soll ihre Sprache wenn auch wipenschaftlich, so doch voltsverständlich sein. Ein großer Vorsatz für Stoff wie Form. Möge ihm die Ausführung entsprechen! Aller Anfang ist schwer, und cs wäre zu verstehen, wenn das erste Heft des „Morgen", das sein Herausgeber, Prost pe r Dr. Julsu s Gold st ein in D a r m st a d t, der Oesfentlichkeit unterbreitet, hochgespannten Anforderungen noch nicht genügte. Ist es doch erst ein Probcpseil! Indessen verscheucht die Prüfung den Zweifel. Eine Fülle gediegener Abhandlungen ist geeignet, die besten Hoffnungen zu wecken. Allen voran wie ein Wegweiser Dr. I. H eine m a uns. des Breslauer Gelehrten, glänzendes Essay über den Begriff des Uebermenschen in der jüdischen Religionsphilosophie. Für den Fachmann ivie den Laien jedweden Glaubens und Stammes ist es fesielnd und belehrend, zu sehen, inwieweit Nietzsche Vorgänger gehabt hat in Philon. Jehuda valevi, Maimnni, und den Wechselbeziehungen zwischen Wissen und Glauben in den gedankenreichen Darlegungen ihrer Lehrer vielfach zu begegnen. Nicht minder gründlich ist B i § c o n n t B r h c c s, des englischen Diplomaten und Historikers, Aufsatz über die Frage: Ist das Rasienbewußtseiu ein Faktor der Geschichtet Der Dortmunder Rabbiner Dr. B. Jacob gibt Einführungen in das Erste Buch Mose. Wer lediglich einen theoretischen Traktat über die Schöpfung zrr finden glaubt, wird bald eine* anderen belehrt fein, wenn er Sätze liest wie den folgenden: „Die Ergebnisse, die der forschende Menschengeist, sei es in der Naturwissenschaft, sei cs in der Geschichte, erzielt hat — aber auch nur die unbedingt sicheren — müssen unumwunden anerkannt werden. Eine Religion die sich dessen weigert oder ihnen ausweicht, die sich mit Vernunft und Wigenschaft in Widerspruch setzt, spricht sich selbst das Todesurteil und könnte nur noch ein künstliches und unwahrhaftes Leben fristen." Der Mediziner Dr. Richard K o ch (Frankfurt a. M.) weiter stellt Betrachtungen über Glauben und Ucberzeugung an, sein Landsmann und Berufsgenosse Dr. Gustav Löffler über Geschlechtlichkeit und Sittlichkeit, ausgiebig und hie und da bewußt ans die Gefahr hin, ans vieifachen Widerspruch zn stoßen, beispielsweise, wenn er sich für die Zulassung der Bigamie erwärmt. Dr. I. Araenner (Frankfurt a. M.) spricht über den „Künstler dieser Zeit", Dr. E. Brandenburg (Ebenhausen) plaudert belehrend über seine Erlebnisse bei den jüdischen Höhleubeloohuern in Tripoli. Last not least ist Rabbiner Dr. Leo B a e ck (Berlin) git nennen mit einem Beitrags hohen Ranges über Kulturznsammenhünge, der zu dem Schluß kommt: „Kultur ist da* Wirken eines Geistes in einer Welt . . . Und zuletzt gibt es einen Geist und eine Welt, den einen Geist, der in aller Welt sich verwirklichen soll. Das ist die Religion, die Menschheitsknltur, die Ewigkeitstultur. In ihr gewinnen alle Kulturen ihren Platz und ihren Sinn, ihren wahren Zusammenhang. Sic ist das große Zusichstlbsttommen de* Menschen." Fazit: Halt' dir zwei Freund im Hans . . . „Der Morgen" bringt in seiner ersten Nummer*) noch mancherlei Kost, zumal Buchbesprechungen. Und er verheißt für die folgende Nummer Aufsätze von I. Goldstern über die Ehrfurcht, William James über Unsterblichkeit, Franz Oppenheimer über den Antisemitismus un Lichte der Soziologie Felix Perle* über Jüdisch-Deutsch und Jndisch- Spamfch nsto. nsw. Ferner werden in Aussicht gestellt eine groste Anzahl Beiträge jüdischer wie christlicher Männe'' der Wrsteufchaft. Herausgeber' und Verlag, wie der Augenschein somit geint, haben rare SchnLdlgleit getan. Mögen desgleichen tun alle, Die cv angelst, ans daß der junge „Morgen" in düsterer Gegenwart das Morgenrot einer besseren Zukunft bedeute. Lic ..^finioiiatsfrfjrift „?rr Msr§c>;" f3crirrs<>*ouiirn:rnt und ciirij d:c PhUo-Buctzdan-iunq (B<r!in S\Y 68, Lindenstrnßc 13) c1.t5cn.cn In öen Ipril beschickt! .Das Geheimnis des Großrabbiners von England." Wie kritiklos die völkische Bewegung geworden ist, das zeigt am besten das Münchener „Kampfblatt" der Nationalsozialisten. der „Völkische Kurier", in seiner Sonntagsausgabe vom 5. April. Heber die ganze erste Seite hinweg brinht es eine fette, doppelzeilige tteberschrist, die da lautet: „Das Geheimnis des Großr n b b i u e r s von E n g l a n d." Unter dieser Neberschrift wird dann im Fettdruck eine Mitteilung wiedergegeben, die angeblich von einem F e l d g e i st l i ch c it flammt, der den Krieg an der Ostfront mitgemacht habe, und der vorgibt, sein Material ans der Juden- Hochschule von G r 0 d n 0 zu haben. Eigentlich müßte man den ganzen Unsinn wörtlich ansühren, um den Grad von Dummheit aufznzeigen, der allmählich die völkischen Gehirne belastet. Offenbar hat ein Spaßvogel dem völkischen Blatte die Zuschrift gesandt, und dieses ist darauf hereingefallen. Der angebliche Feldgeistliche will die Protokolle eines Sanhedrins anfgefiinden haben, der in: September 1846 zu Warschau getagt haben soll. Schon das ist ein Unsinn, da es seit Ende des 18. Jahrhunderts, seit Aufhebung der „Bierländersynodest in Polen keine allgemeinen Synoden mehr gegeben hat. Dann berichtet der brave angeblielpe Feldgeistliche, das; mster den Anwesenden auch der „Großrablnner Englands", M 0 s c 0 M 0 n t c [ i o r c, gcivcsen sei. Bekanntlich war M 0 n t e f i 0 r e überhaupt kein Rabbiner, sondern ein Industrieller, der sein ganzes Vermögen philanthropischen Ziveclcn dienstbar machte und es im besonderen zur Hebung der Loge seiner Glanbensgenossen in Ost cnrvpa und in Palästina venvandte. Schließlich führt der vöckistst Enthnller unter den Amvesenden auch den ..Oberrabbiner Galiziens' auf, den cs ebensowenig gab, er nennt ihn Krakauer und bchau.ptet, das; dieser Oberrabbiner Krakauer der Vater Ferdinand Lassalles gewesen sei. Man kann nicht gut mehr Unrichtigkeiten in dieser gedrängten Kürze aussprechcn. Me gesagt, gab cs nie einen Obcrrabbiner von Gickizien, es hat auch nie c-incn Rabbiner namens Krakauer gegeben, und der Vater Ferdinand Lasialles war bekanntlich K a n f m a 1111 in Breslau. Kein Wunder, das; die weiteren Angaben ebenso unsinnig sind. Der Warschauer Sanhedrin soll sich mit d«w Aufgabe beschäftigt haben, eine „internationale Arbeiterpartei" z 11 g r n ndc n. aber Moses j Montesiorc habe geraten, daß man versuchen müsse, „die Zeitungen der G 0 j i m z n beherrschen, um durch sie die Völler der Welt zu betäuben und zu verwirren". Daraus könnte man eigentlich nur mit Fritz Reuter antworten: „Daß du die Rase ins Jesicht l behältst'" In Verfolg dieser großen jüdischen Aktion sei daun i:i Berlin das „Berliner Tageblatt" und in Frankfurt am Main die „Frankstirter Zeitung" geschaffen worden. Das „Berliner Tagcb-atst habe die "Revolution 1848 in Berlin „kräftig zu fördern" gehabt, was besonders originell gewesen sein muß, da dieses Blatt bekanntlich erst im Jahre 1872 gegründet worden ist. Von der „Frankfurter Zeitung" wird behauptet, sie hätte die Idee der internationalen sozialdemokratischen Arbeiterpartei vorzubereiten und zu verbreiten gehabt. Bekanntlich ist die „Frankfurter Zeitung" nicht sozialdemokratisch, sondern demokratisch, und ihr Begründer Leopold Som-.c-! nimm verlor sein Rc-chstagsmandat im Kampfe gegen die Sozialdemokratie. Ganz offenkundig hat hier ein Spaßvogel die Probe ans das Ercmptk machen wollen. was für dummes Zeug man dem Organ des Herrn Lndcndorsf bieten könne, ohne daß es den Unsinn inerU. Sicher hat unser Spaßvogel nicht geglaubt, daß der „Völkisch? Kurier" alles für bare Münze nehmen würde, denn zum Schluß dichtet er den Juden die schreckliche Absicht an, „eine neue Wissen' schast, »Nationalökonomie', öffentlich zu lehren, um mit ihrer Hilfe die sozialdemokratischen Gedanken auch möglichst in die Gebildeten hineinzutreiben". Nachdem er diesen handgreiflichen Blödsinn angebracht hat, setzt er seiner Spaßvogelleistnng die Krone auf, indem er schreibt: „Wie sehr das letztere geglückt ist, lehrt der Raine A d 0 l f Wagner, Professor der Nationalökonomie in Berlin, der sogar im evangelisch-sozialen Kongreß 1893 eine bedeutende, aber für uns Deutsche verderbliche Rolle gespielt hat." Adolf Wagner war bekanntlich ein intimer Freund des Hosprcdigers Stöcker und somit gewissermaßen ein Vorläufer der völkischen Bewegung. Aber unser Spaßvogel nahm sehr richtig an, daß ein antisemitischer Redaticnr von heute nicht nur dumm, sondern auch unwissend ist. Und so ist cs gekommen, daß der „Völkische Kurier" in seiner Aprilmnumer nicht nur die größte Fülle handgreiflicher Unwahrheiten auf engstem Räume znsannnenträgt, sondern ncch obendrein seine eigenen Vorläufer beschimpft. Und so etwas will in Deutschland geistig führen! Otto Rrischfc, M.d.L.

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