Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 15 (9.4.1925)
- Date
- 1925-04-09
- Page
- Seite 268 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277584--02045-3536961- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
268 Bus öer Geschichte öer Zeanksurter JuKsn. Von Moritz 2L. Locd (Berlin). Unter den jüdischen Gemeinden Tentschlands nahm während des ganzen Mittelalters die frankfurter Gemeinde einen der ersten Plätze ein. hervorragend an. Zahl ihrer Mitglieder, meist in günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen^ blieb sie von den schweren Schicksalsschlägen verschont, die die Existenz so vieler anderen Gemeinden, wir brauchen nur an Worms, M a i n z, Köln usw. zu denken, oft für längere Perioden gänzlich unterband. In Frankfurt a. At. hatte nur cimnat, 1616 d'nreh den FeLtrnilchanfstand, eine Austreibung aller Inden statrgestmden. Auch damals koiniten sie in geschlossener Siedlung vor den Toren der Stadt Zusammen bleiben, bis nach Jahresfrist ihre Nückkehr in allen Ehren erfolgte; ein Ereignis, das noch heute im „Tanith Frankfurt" und „Purina Frankfurt" alljährlich gefeiert wird. Wenn also in diesen Blättern vor kurzem die Mahnung erging, Zeugnis dafür abz'nlegen, das; die deutschen Inden nicht erst gestern und'el^gsiteru als Gäste nach Deutschland gekonnnen sind, das; sie vielmehr schon vor mehr als einem halben Jahrtausend mitten in kerndeutschen Gebieten in Gern.einschasten siedelten, die sich bis heute erhalten haben, so muß hierbei der Hinweis au? Frankfurt a.M. an erster Stelle stehen. Auch bürste kaum eine andere Gemeinde in Deutschland Zu finden sein, für die dieser Beweis so leicht und schlüssig geführt werden kann. Das Verdienst hierfür gebührt einem nich ftjüdisch e n Forscher, Br. jur. A l e r a n d e r D i e tz. Dich, der sich mit genealogischen Forschungen beschäftigte, fiel es auf, daß ihm bei seiner Prüfung der Stanunbänme Alt-Frankfurter Farn.illen immer wieder j ü d i s ch e Namen ausstiesien. Er entschloß sich, die Geschichte der alten Frankfurter Jnoensamilien Zu einem Spezialstudium Zu machen. Zehn Jahre mühevollen L-tudiums erforderte di-e Ausführung dieses Entschlusses. Aber der Erfolg lohnte die Mühe. In einem stattlichen Quartband*) har der Autor die Stammbaume von 600 jüdischen Familien in allen Verzweigungen klargelegt; zu diesem Zwecke hatte Dreh alle erreichbaren Hilfsmittel benutzt, jo die Grabinschriften des alten israelitischen Friedhofes, die SLerberegister der Gemeinde und der Chewrah, das Memorbuch usw. Hören wir, was Dich selbst über das Ergebnis seiner Studien fast: „Obgleich keine deutsche Stadt einen solchen Stamm alter Familien auszuweisen habrm wird wie unsere vormals freie Stadt Frankfurt a. M., so hat doch das von mir vor zehn Jahren herausgegebene Frankfurter Bürgeröuch den Beweis geliefert, das; im allgemeinen das Alter doch christlichen Familien wesentlich überschätzt worden ist. Bis zu Luthers Zeiten lasten sich nur etwa zwanzig Familien, an deren Spitze die Hol tj hausen, zurückverfolgen. Gegenüber dieser Feststellung must das von mir nunmehr nachgewiesene Alter der hiesigen Judeuschaft als ein ganz erstaunliches bezeichnet werden. Gerade die bekanntesten und mitgliedern ichsten Familien, wie die Z u n z (1495h Nindskopf (1495), D o c t o r und D o n d o r f (1499h S ch w a r z s ch i l d (1499), C a h n , Schiff und Spanier (1505), G o l d s ch m i t> i (1521), Landau und Ochs (1522). Haas. Kann, Beer, Stern, Hahn und Rothschild (1520), Oppenheimer (1531) und viele andere sind in der Zeit vor 1550 hier eingewandcrt und bilden beute noch wie vor dreihundert und in ehr Jahren den wichtigsten Bestandteil der jüdischen Gemeinde. Tie im folgenden mitgeteilte Alterssolge der jüdischen Familie liefert sogar den sicheren Beweis, daß unter ihnen nicht nur verhältnismäßig, sondern auch absolut mehr alte Familien vorhanden sind wie unter der ganzen übrigen Bevölkerung unserer Stadt." Der Raummangel verbietet leider, die hier erwähnte Altersfolge unverkürzt wieder,zngebcn. Zufammenfapend sei gesagt: In das 14. Jahrhundert Zurück reicht der Stammbaum von 34 Familien (1316—1400), in das 15. Jahrhundert gehören 52 Familien, bis Zum 16. Jahrhundert Zurück rechnen nicht weniger als 184 Familien uss. Der Stammbaum der weltbekannten Fannlie Rothschild geht suf das Jahr 1530 zurück; in diesem Jahre verlegte der Stammvater der Familie R. seinen Wohnsitz von Friedberg i. H. nach Frankfurt «m Main. Bemerkenswert ist auch der Umstand, daß, von der Familie Rothchild abgesehen, eine erstaunlich große Zahl von Männern der Groß- -inanz aus diesen alten Familien hervorgegangen sind. Tie . b ö n i g s w a r t e r in Wien, Erlanger in Paris, W o r rn s und S t e r n in London, Speyer und S ch i s s in New Port sind die Abkömmlinge der Familien, die Jahrhunderte hindurch in der alten Judengasie in Frankfurt hausten. Bei den beiden zuletzt genannten hat ihr Verhalten während des Weltkrieges gezeigt, daß ihnen auch in der Ferne das Gefühl der Verbundenheit mit der deutschen Heimat rstcht verloren gegangen ist. Zu unserem eigentlichen Therna Zurückkehrend, müssen wir besonders darauf Hinweisen, daß die von Dreh angegebenen Nrsprungsdaten sich naturgemäß auf das Jahr beziehen, in dem diese Familien ihren Wohnsitz in Frankfurt nahmen. Da aber auch ihr früherer Wohnsitz durchweg auf deutschem Boden sich befand, so kann die Zugehörigkeit zur deutschen Heimat für alle diese Familien weit älter veranschlagt werden. So hat, um nur ein Beispiel zu nennen, die Vertreibung der Juden aus Nürnberg, im Jahre 1493, veranlaßt. ,n „HLsEduch der §:oEurt?r 3«*^* $ec&s L <SL Grs?, LrsEurL e. daß sich etwa zehn 'Nürnberger Familien, die dort seit langer Zeit ansässig waren, in Frankfurt nicdcrließeu. Was uns in der streng wisienschafi liehen, rein objektiven Arbeit des christlichen Gelehrten in großartiger Geschlossenheit vorgesührt wird, es zeigt im Grunde die gleiche Tatsache, die wir aus der Geschichte der vielen kleinen und mittleren Gemeinden kennen, die vielhundertjährige Verbundenheit der deutschen Jndeuheit mit dem Schicksal des'deutschen Volles, in dessen Mitte nur wohnen und in dessen Boden wir wurzeln. Hittrrkrsut. B e t r a ch tung zum Pessachse st. Es ist zwar ein schwacher Trost, daß es auf moralischein Gebiete nichts Neues unter der Sonne gibt, das; die alten Fehler nud Torheiten der Menschen sich immer wiederholen, daß die Böller nichts lernen» und immer wieder den gleichen Erzic-Hungslursus durchwachen. Aber uns Juden gibt doch nufere mehrtansendjährigo Erfahrung die Genugtuung, daß »vir zwar immer wieder von neuem leiden müssen, daß immer wieder nach den alten Methoden mit unS verfahren wird, daß aber alle Künste der Gegenwart. Tücke und List an der Zähigkeit und Kraft unseres inneren Wesens zu- ^chandeu geworden sind, daß wir trotz aller Verfolgungen und Aneindunge'u noch freute da sind und leben, während die Genera- Ionen unserer Dränger das Gras der Vergessenheit deckt. Die Geschichte Israels in Aegvpten. au toelche chms Peffachsest uns mahnt, läßt uns in dieser Hinsicht lehrreiche Feststellungen machen. Die Politik roher Gewalt scheiterte kläglich. Der unmenschliche Despot hatte das eigene Volk zu niedrig eingeschätzt, wenn er glaubte, durch die rohe Bl aßregel des Kiudesmordes, die allerdings mit der jüdischen Gefahr gründlich aufgeräumt hätte, Erfolge erzielen zu können. Er fand dabei hu eigene n Hause Widerstand. Tie Frauen und Mütter der feindlichen Nationen finden sich geeint in den reinen Gefühlen menschlichen Erbarmens für die unschuldigen Opfer. Ueberhaupt mag das Berbältnis von Mensch zu Mensch kein allzu schlechtes gewesen sein. Tie Israeliten, Männer und Frauen, leben rn Frieden mit ihren ägvpnschen Nachbarn. Hier finbet sich zum ersten Matt das Wort Nächster auch dem Genossen eines anderen Volkes gegenüber, für welchen die jüdische Religion später das Gebot der Nächstenliebe gegeben. Aenßerlich bebt Israel in einer gervinen Behäbigkeit. Im Sonnenbrände der Wüste denkt der gemeine Manu mit einer gewissen Wehmut an die Fleischtöpfe Aegyptens zurück. Erst von oben herab wurde durch politische Maßregeln die Erbitterung in das Volk getragen. Di? Seele Israels sollte vergiftet und verdorben werden. Tie wirtschaftliche Tätigkeit Israels im Lande war eine durchaus produktive. Sie betrieben das Hirtengcwerbe. welches harte Arbeit erforderte. Am Tage zehrt am Hirten die Hitze, in der Nacht die Kälte. Ter Schlaf flieht seine Augen. Es war eine nützliche Arbeit, welche die Aeatzpter nicht kannten. Tie Israeliten waren freie, selbständige Arbeiter, die an ihrer Arbeit Freude hatten. Das konnte der Despot nicht brauchen. Er wußte, daß er mit freien, frohen Menschen niemals fertig werden würde. „Und sie verbitterten ihnen das Leben durch harte Arbeit in Lehm und Ziegeln und in allerlei Arbeit raus dein Felde. Sie ließen sie alle Arbeit tun in zermürbender Strenge." Tie soziale Stellung der Israeliten mußte herabgedrückt werden. Ans freien Männern mußten rechtlose Sklaven werden. Tie mußten arbeiten nach fremdem Diktate, eine Arbeit, die für sie sinnlos war, an der sie keine Freude fanden. Nt an quälte sie. man zermürbte ihre Seelen durch Ncchtsverwcigernng. Man behandelte sie nicht als Menschen, sondern als Sache. Hatte man die Seele geknebelt und bezwungen, so hofft man mit dem Leibe leichtes Spiel zu haben. Aber der Vertreter der rohen Macht verrechnete sich. Zu stark war in diesen Menschen eine Erbschaft frommer Ahnen, die unb e z w i n g l i ch e Macht des G ö t t l i ch e n. Es kämpfte für sie, und mit neuer Kraft gerüstet, zogen sie ans den; Hanse der Knechtschaft. Das B i t t c r i r a u t, das sie am Freiheitsseste genossen, ward ihnen eine ewige Erinnerung an diesen Sieg. Es ist leider nicht bloß Erinnerung geblieben. Immer wieder hat nmn versucht. uns in unserer Menschenwürde herabzudrücken, uns zu Menschen zweiter Klasse zu machen, unsere Seelen zu peinigen und zu quälen, die durch die schlimmen Erfahrungen der Jahrtausende wund und besonders empfindlich geworden sind. Aber immer mietet wird uns d i e bittere Erfahrung trauriger Gegenwart versüßt durch den heilenden Balsam großer Erinnerung. Und also gerüstet wird Israel heil und froh ans jeder zeitlichen Not hervorgehen. H o f f m a n m Instizrrtt Sohn (Dessau) und seine geschätzte Gemahlin begingen am 5. Tlpril in aller Stille die Feier ihrer silbernen O o ch z e i t. Bei der Wertschätzung, die wir unserem Hauplvorstandsmiiglied Gehn (T-esfau) entgegcnbringen, können wir nicht umhin, auch in die gewünschte Zurückgezogenheit unsere herzlichsten Wünsche für weitere Jahrzehnte eines ßcfcgncfen FamiUenglücks zu senden.