Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 15 (9.4.1925)
- Date
- 1925-04-09
- Page
- Seite 265 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277584--02042-3536958- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
265 Die st rettbare Macht des ungarischen Auttstmilismus lieft utcn iK'o:n den Beamten die abgebauieu Ossi Acre. die Julius Gömbos in: Landeswehrverein -- einer Art F ronträr.ipfcrvereiuiguug — organisiert hatte, und ein Teil deS Kleinbürger Lums. Vcbest den dargelegten mcfjc voirtschasriichcn Ursachen findet der ungarische Antisemitismus auch in einer gewissen Psychose seine (vcflt.ruiU3, die sich nach dem 'Kommunismus der Magyaren dernäch-igte. Es kann übrigens fcftgestellt werden — und umrde wiederholt behördlich fesigefteltt —, daß ein sehr großer Teil der lueineu Terroristen airch zur Zeit B^la Kuns DerroristenoienstL geleistet hat ie. Teil den Jahren der Gegenrevolution hat sich vieles geändert. Tie Psychose ist ci'bgeflaul, ein Teil der Gentry hat dach in freien Berufen (meift in Banken oder als kaufmännische Beamte) Uumrumsi. gefunden, das Landes ge ld ist stabil, die Staatsgewalt hat sich von den revolutionären Erschütterungen erholt und die nach denn Sturz der Roten imnitten der allgemeinen Berroircung enislandeuen solbstlierrlichen P'ogroindetachuuenis eutwassnet und aufgelöst, es sind a I ]' o a 11 c B o v an s s e tz u n g e n für eine Rückkehr 3 u d tut alten Znstände u gegeben. Doch die g e g c n r c v 0 l u t i 0u ii r t n Regier u n g e 11 haben 31t r c* s ch e nrtd 31t g r ü n d l i ch c et r beit gemacht, als daß das von heute atu morgen möglich wäre, und die g e g c n r e v 0 l u t i 0 n ä x c P s y ch 0 s e ist bloß abgcflaul, nicht aber verschwunden. Eie hat in verschiedene!! 2taatsämiern Uv> iij im Ute r ihre nneuiroegren Vorkämpfer, die von einer WiederlA)i zur antisemitischen Hurrapolitil rasches Avancement erhoffen — und sie ist vor allein in; Parlament durch ein wohl kleines. aber um so entschlosseneres Häuslein von Schreihälsen vertreten, die um jeden Preis die Mach: an sich reihen möchten. deshalb muß auch die Negierung in der Wiederherstellung der vollen Rechtsgleichheit der Etaatsbürger und den: stinunungsam ß igen Abbau der gegenrevolutionären „Atmosphäre* mit einiger Vorsicht zu Werke gehen. Soviel ist jedenfalls schon erreicht, daß der Schutz der Gesetze den Juden ebenso zuteil wird wie allen anderen Staatsbürgern. Nur gibt es, wie erwähnt, ein Gesetz, das die Inden der Lernsretheit beraubt. Der Regierung ist dieses Gesetz, wie matt aus verschiedenen ministeriellen Erklärungen entnehmen kann, recht unbequem, doch kann sie es vorläufig mit Rücksicht ans die noch bestehenden Reste der g>acnre0oluti0nären Psychose noch nicht aovaueu. Doch wichtiger als die Stellungnahme der Regierung zur Judenschaft ist die Stellungnahme des Volkes, die sich ja schließlich, selbst wenn die Regierung es nicht wollte, durchsetzen inüBte. Run, das ungarische Volk i st im großen und ganzen w i ed er das alte. Im Dorf leben die Juden w i e d e r r n vollster Eintracht rn.i t ihren ch r i st l r ch e n Mitbürgern. Wo nach der roten Diktatur die Juden vertrieben wurden, wurden sie von ihren eiustuuallgen Verfolgern selbst schon lange Zurückgeholt. Der Jude auf dorn Tors und in den Vrovu'.zstädten ist aufs engste verwachsen mit bem ungarischen ^vden, er trägt ebenso wie seine christlichen Mitbürger Stiesel und verschnürten Rock und zeigt auch in seinem Wesen ganz die Behäbigkeit und brmornhafte Langsamkeit des Magyaren. Berühmt ist die Familie Low, der Rabbiner von Szegedin, die es an ruagrarischer Getuumug und ruagyarischrm Gehaben dem magyarischen Gentry Mrchtnn. Die Budapestcr Inden sind — wie alle Budapest er — l'° c n i g e 1* rnagyaris ch geraten. Doch das liegt nicht an den Inden, sondern au Budapest. In Ungarn hat es nie jüdische Parteien bl geben, hier konnte nie eine zionistische oder sonstige „jüdische" Bewegni-g Platz greisen, der ungarische Jude war immer — u v. gar i- ] dj e r Staatsbürger jüdischen Glaubens. Er hat das euch durch die ausgiebige Ausnützung des Gesetzes knndgetan, das -edem^ Ungarn gegen Erlegung einer geringfügigen Taxe das Recht gibt, seinen Namen zu magvarisieren. Von den ungarischen Antisemiten v.ürd den Juden --- H-k überall — Vaterlandslosigkeit vorgeworsen. Vor euiiger Zeit sind von zuständiger Stelle Erklärungen lautgeworden, die dieser Anschuldigung energisch cntgegentretcn. Der Abgeordnete Thomas v. Külkay. besten Familie nachgevoiesenermasten feit über ll-nsend Jahren in Ungarn lebt und ihre Abtüusi direkt von den Arpüdeu herleitet, hat in der R a t i 0 n a l v c r s a rn rn l u n g wörtlich gesagt: c i u e j ü d i s ch e n & 11 e g 3 £ a r.t c r a b c n, d i e freiio l l l i g c i n g e x ü cf t iu 0 r e n, habe n gezeigt, daß der Jude für die u n g a r i schc Ration zu sterbeu vc x st ch t. Ich habe mich auch davon überzeugt, das; die Juden in d e n a b q e i r e 11 n t c n Gebieten r h r tt u g a x n i rr in eifrig betätige m Es must die Politik der B cr - s 0 h tt u u g in i t d e m Iudentu nt in b i e Uö ege geleitet ro erden, w e s h a r fr i ch die Regierung bitte, fc e u n 11 m mu> c i u u s u 5 einer Revision z u unterziehe 11." _ Kültay gehört Der Regieritngspartei an, und im vergangenen Herbst Umreit Reichs Verweser Horlyy und Ministerpräsident Bethlen wochenlang bei ihm zur Jagd. Daraus darf man wohl schlichen, daß seine Aufsassuug sieh mit der Aussassung dieser beiden allermastgobendsten Männer deckt.' Und gerade an Horthys Namen knüpft sich die Entstehung des ungarischen Antisemitismus. Ans dem .üongrest der 11 n garisch 0 n Partei R u m ä n i c n 5 wurde offiziell an Mg sprechen, das; die dortige Judenschast, getreu ihrer magyarischen Vergangenheit, unverändert zum llllagyarentum stehe und sich um dosten Pflege graste Verdienste erworben habe. Es ist übrigens allgemein belaunt, dnst den Nachaarstaaten das Magyarentnin der Inden nicht geringe Sorget; bereitet. In der Tschechoslowakei wurde ein Gesetz erbracht, da st die Indent als selbständige „Nationalität" deklariert, weil die Prager Negierung fürchtete, die Juden würden sonst bei der Vollszähtnug. da sie sich alle als Vlagyaron bekennen würden, ungünstig auf die ethnographische Statistik wirken. In Tiebeubnrgen wird das ungarische Theaterwcscn von dem jüdischen Tire Nor des Lrlaufenburger Theaters Iauovics unter grasten Spfern a;ifrechterhalten. und die jüdischen Kansteute Von Siebenbürgen haben, al^ eiu Gesetz jede andere als rnrnänifche Firmentafeln verbot, von ihren Schitderu alles bis aus den blosten Jatnülennmnen -- der nicht gut unter Uebersetzung gestellt werden konnte --- entfernt. Das sind die Dinge, von denen steh T h 0 m a s v. k ü i l a y jenseits der neuen Grenze überzeugt hat, und deshalb fordert cr den Abbau des un-gercchlostou Gesetzes, das es je in entern Staate gegeben hast dos niimenii daiuu^. bk hLörmschs AKwsrsirät in F§rujü!sm. G i n Tll ort zu ihre r E r 0 f sn u n g. Die französtsthen Jesuiten haben seit Jahren ihre St.-Joscphs- Universität in Beirut. Die Amerilauer haben dorr ihr Eollege errichtet. Der lateinische Patriarch lästt seit kürzerer Zeit für katholische Jünglinge üniversitätöähnliche 5lurse in Jerusalem abhalten. Auch die Mohammedaner haben schon während des Krieges das Saladin-Kolleg in Jerusalem lebendig gemacht. Am 1. April har nun auch die zionistische Organisation aus dem Scopns. gegenüvor dem alten Tempelplatz, unter Teilnahme von Politikern und Gelehrten aus vielen Ländern eine II nivcrsität feierlich e i u gewe i h r. Wer würde sich nicht freuen, d^st au einer der iveihevollsten Stätten der llleligroucn und insbesondere des Judeutun-s ein lebendiger Quell geistigen Lebens erschlossen werden soll. Die Anfänge sind bisher bescheiden, mD die Eröstnnug bereutet im locseutlrchen nur die starke Hoffnung auf eine zukünftige Entwicklung. Aber welch? Fülle von Arbeit gäbe es schon für den Orienialisten lind den Hebraisten! Welche unendlichen Trümmerfelder locken um Jerusalem herum den Spaten des Archäologen au. 'und welche wichtigen Feststellungen für die biblische und jüdische Gcsthichtc könnten solche Ausgraoungeu bieten'. Wie wir jede Förderung und Mehrung jüdischer Wissenschaft begrüßen, so begrüßen wir auch die wissenschaftliche Tätigkeit jüdischer Gelehrter auf dom Boden uralter verehrungswürdiger Tradition. Jedoch nur n n 1er einer Beding u. u 3: Die Universität darf nicht der Tutmnrlplatz hebräischer Sprachsanatiter sein. Sie darf nicht, wie so manche Lehrstätten der Dalkanländer, die Hochburg nationalen Ehanvinismus werden. Eie darf nicht, insbesondere dou christlichen und moha-.nnedanrischen Laudesbetvvhnern gegenüber, abweisend wirken, sondern must, wie jede Stätte echter Wissenschaft, ein Gemeingut aller wisstmschaftlich Strebenden sein. Ob g e w i s s e K r ä j t e i rn Z i 0 n i 5 111 u 3, die solchen Ausgleich erstreben, stark genug sein rverd-eu, sich durch Ersetzen? Unsere daraus gerichtete Hoffnung ist leider nicht groß. Die „Jüdische Rundsihan^ schreibt in ihrer llniversitätsnnunner: „.Wir Juden haben reichlich alle Schrecken der Entartung, die sich auch an llnrversitäien breit machst erfahren, wir sind objektiv geeignet, etwas anderes zu zeigen. Es sei denn, daß auch wir dahin gerieten, nationalistischen Dünkel nur so lange für veriverstich zu halten, als wir selbst der leidende Teil sind. Dies wird nicht sein, voeun auch jetzt manche Anzeichen dafür sprechend Möge für die neue Lehr statte der Geist edler, objektiver Wissenschaft sich stärker erweisen, als der Ungeist nationalistischer Beschränktheit und Abgrenzung.