Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 15 (9.4.1925)
- Date
- 1925-04-09
- Page
- Seite 264 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277584--02041-3536957- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
264 Vis Juösn in UiWSW. . Von Vrrrrro Heilig (Budapest). In Wien — dem Wien Luegers ~ hat man seinerzeit für Ungarn die Bezeichnung „Judäomagyaricn" geprägt, und Budapest nannte man .Budapest". Den Wienern Luegers war nämlich die Freii heit, die die Juden in Ungarn genossen, ein Torn im Auge. Heute ist Wien die Hochl'.nrg aller Freiheiten, die auch den Juden nicht versagt werden, und Ungarn, steht im Ruse eines Pogromlandes. Zweifellos hatten die Inden in Ungarn in den letzten Fahren, feit dem Sturz der roten Diktatur SBOCa K u n s. viel zu leiden, ja es hat wirklich pogromartige Ausschreitungen gegeben und es besteht noch heute in Ungarn ein Gesetz, das eines der elementarsten Rechte dos Ziten scheu, das Recht zu kernen, in bezug aus die Juden sozusagen vernichtet hat. Tie Juden dürfen nur im Ausmaße des Verhälbünos ihrer Seelcuzahl zur Eesamteirnvohnerschaft Von Ungarn — das sind zehn Prozent — die Hochschulen besuchen, aber auch diese zehn Prozent sind oft wüsten Ausschreitungen von seiten ihrer christlichen Kollegen ausgesetzt; das heißt, es sind nicht immer die christlichen Kollegen, die sich gegen die Juden wenden. Letzthin zum Beispiel gab es solche Ausschreitungen an der Montan- und Forsthochschule in Lodenburg, auf die sich das Gesetz vorn mimerus clausus gar nicht bezieht, so daß dort die Juden eigentlich in beliebiger Zahl Ausnahme finden könnten. Tiefe Schule wurde in der Vergangenheit von Juden rvcnig frequentiert und als sich heuer zwei Juden zur Ausnahme meldeten — die ihnen von der Universitätsbehörde auch nicht verweigert wurde — gab es Radau und Streik. Es stellte sich heraus, daß die „Protestbewegung" gegen die beiden Juden von. einem —türkisch, s e m i t i - scheu Hörer der Hochschule angesacht worden war, de: seine Kollegen aufsorderte, die „Fremdrassigen" zu vertreiben. Dieser Fall ist typisch für die ganze antisemitische Bewegung in Ungarn. Tie ungarischen Antisemiten stehen auf Lern i Standpunkt der N a ssentheorie und nennen sich demgemäß auch ' JR ü \ \ c n f d} ü £ I c r". Ihre L.'st.ng ist die „Befreiung der ungarischen Nasse von Suprematie der jüdischen". Das Zentrum der „Nassenschützler "-Bew ogm;g ist der Verein der Erwachenden Magyaren. Dessen Präsident heißt — Tibor Eckhardt. Also — wenn man die NapeuLheorie anerkennt — ein Germane, der nullt der mougolischslaw isch-simülchBürknschen „Nasse" der Magyaren viel weniger gemein hatte als die Nachkommen der Kasareu, die schon mit Len ersten Magyaren nach Ungarn gekommen sind und Ungarn sogar eine Königin gegeben haben — jener Kanaren, die sich nach authentisch gcschichtlichen Dokumenten zum jüdischen Glauben bekannten und die Urahnen der ungarische!: Juden sind. Ter Vater der antisemitischen Bewegung in Ungarn heißt — Stefan Friedrich. Er stammt ans der Slowakei und sein Vater war ein temperamentvoller Verfechter der — panslawistischeu Idee. Weiter: der Lchöpser des mimcras clausus ist Stefan Haller, ein Ofener Schwabe; das Oberhaupt des gleichfalls antisemitischen „Laudeswehrvereius" ist Julius Combos, der wohl schon einen ungarischen Namen hat. aber gleichfalls ein Ofener Schwabe ist — seine Mutter spricht noch heute sehr mangelhaft ungarisch; zur Zeit der wildesten antisemitischen Reaktion nur Georg v. Szmrecsüuhi, ein Slowake, einer der Tonangebenden; der Führer der amusem.itisch-eu Nathans. Partei heißt Karl Wolfs v. Wolssenau, der Unterführer Julius Petroväc (ein Serbe); Franz Ularn, der mit den Hitler-Leuten in Ungarn Pogrom und Putsch machen wollte, ist Franzose, Stefan Lendvai. der publizistische Generalstäbler der „Rastmschützler", heißt nur mit seinem Schriftstcllernamcn so, sein richtiger bürgerlicher Name ist: Lehner; einer der gefährlichsten Schreihälse des Lagers der Erwachenden ist der Rumäne Budaväri — vormals Budulescu. Ein einziger wirklicher Magyare ist unter den Führern der „Nassenschützler" zu finden: Johann Zsirkay; es gibt wenige Juden mit so — las arischem Aeußeren wie es das Zsirkays ist. Es war notwendig, diese kurze Charakteristik der ungarischen .Nassenschützker" zu geben, denn sonst bliebe die Wandlung, die sich bi Ungarn seit ben Zeiten von „Judäomagyarien" vollzogen hat. um verständlich. Unlersuchen wir mm noch die Umstände, unter denen die „Nassenschutz"-Bewegung in Ungarn geboren wurde, und dann wird alles klar werden: Es surd noch keine dreißig Jahre vergangen feit dem Tage, wo im Nationalkasino ein Antrag au? Ausschließung des Grasen Keglev ich eingebracht wurde, dem man zum Vorwurf machte, daß er Agenten unterhalte, die die Erzeugnisse seiner Koguaksabrikeu Geschäftsleuten zum Kauz anbietendas |c£ nmvnrdig eines Vtagnalou, so was machen nur — Inden. Gras Keglevich wurde wohl nicht ausgeschlossen, denn die Mehrheit des Kasinos wollte, so sehr sie sein Vorgehen auch grundsätzlich mißbilligte, daraus nicht so weitgehende Konsequenzen ableiten, aber Gras Kwglevich fand bei seinen Genosien von der „historischen Klasse" auch keine Nachahmung. Tie ungarische Aristokratie und die ihr treuergebene ./Gentry", der niedere Aoel, lebten damals — und bis in die Kriegsfahre hinein — ganz in ihrer kriegerisch-politischen .Herrentradition. Sie waren seit Lausend Jahren die Beherrscher Ungarns, für die nur die Politik, die Divlomatie und die Soldateulausoahn „possibeD waren. Seit der Befreiung der Leibeigenen und der Aushebung der Vorrechte des Adels ging es aber einem Teil dieser „historischen Klalleist recht übel: die , erwähnten vornehmen Berufe ernährten ihren Mann ja nie, und j wer sich ihnen widmete, mußte ein großes Priratvermögeu hinter! sich haben, um leben zu können; dieses Vermögen schmolz aber, seit! die Leibeigenen befreit waren, von Jahr zu Jahr zusammen und j binnen kurzem stand die große Masse der „Gentry" vermögenslos da. Tech bei der in Ungarn herrschenden feudalen Regierungssorm fand man noch immer ein, wenn auch bescheidenes Auskommen, als Verwaltmigsbemnter. Aber auch damit war's zu Ende, als dem ungarischen Adel von den siegreichen Gegnern zwei Drittel des Gebiete? gewannuen wurde, das ihm wenigstens diese bescheidene Cristenz gesichert hatte. Solange die revolutionäre Regierung Kürolri regierte,; ging'? ja noch halbwegs, denn die war, hüi den lmrcmckralischcu j Apparat für sich zu gewinnen, recht freigebig auch den aus den abj getrennten Gebieten geflüchteten Beamten gegenüber. Damals hatte 1 auch die Entwertung des Geldes noch nicht wesentlichen Umfang angenommen, so daß das Gehalt, das man bekam, immerhin einen Wert repräsentierte. Schlimm wurde die Lage der Beamten erst noch de.n Sturz des Kommunismus. Der Wert des Geldes nahm rapid ab und aus den abgetrennten Gebieten waren inzwischen so viel Beamte nach Numvsungarn gekommen, daß ihre Ernährung durch den Staat zur Unmöglichkeit geworden war. Tie Beamten begannen am Hungertuch zu nagen, denn ihre tau send: ährige Tradition machte es ihnen vorerst unmöglich, aus anderen Gebieten Unterkunft zu finden. Und cmf der anderen Seite standen die Juden, denen man das verachtete Geschäft sozusagen als M o n o p o l überlasten hatte. Diesen Gegensatz nützten jene Schwaben, Slowaken, Serben und Numänen Z&eeBt neue TtUigiledez fuz im E. V. in gemijscmoser Weise aus. indem sie die V e a m t e n a u f dir Juden hetzten, die sie „bestohlen" hätten. Not ist ein schlechter Ratgeber, und die Beamten liehen den Hetzern willig ihr Ohr. Dazu kam noch die unleugbare Tatsache, daß an der Spitze der rotem Diktatur Juden gestanden hatten; daß die Tiktatur doch von der großen Masse der christlichen Arbeiter getragen worden war. ohne die Bola Kun nie zur Herrschaft gekommen wäre, n>ar Nebensache, ecenp der Umstand, daß unter den Verwüstungen des Kommunismus das mobile — jüdische — Kapital viel mehr gelitten hatte als das liegende Vermögen des — christlichen — Grundbesitzes. Der -Kommunismus wurde einfach als jüdische Erfindung hiugestellt. Man erlebte es, daß der Eigentümer des größten ungarischen Zeuungskouzerns wiederholt beschuldigt wurde, er arbeite ans die Wieder- Herstellung der roten Dikta-nr hin. Für den ausländischen Leser wird es nnbegrrü stich sein, worum denn die ungarische Gentry aus die schwäbischen. slowakischem serbischen und rumänischen Hetzer hörte, warum sie denn nicht ihrem eigenen Verstand folgte? Auch das ist leicht zu erklären, wenn man die ungarischen Verhältnisse genauer besieh:-, die Gentry hat eigentlich nie selbständig politisiert, sie war nur das vollziehende Werkzeug der Politisierenden Grasen, lind der breiten Masse des ungarischen Volkes, dem ungarischen Bauern, saß die Le: beigen sch \}l noch zu tief im Leibe, als daß er sich schon eine eigene politische Meinung gebildet hatte. Politische Selbständigkeit besaßen in Ungarn außer ton Magnaten nur die Angehörigen der nichtmagyarischen Intelligenz, in t-enen ja weder Bemmennoch Sklaventraditionon hemmend wirkten. Diese Nichtmagyaren waren aber — wie das bei Renegaten immer der Fall ist — bemüht, sich recht radikal zu zeigen. Tie Magnaten hielten sich damals — wie immer in revolutionären Zeiten — abseits.