Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 14 (3.4.1925)
- Date
- 1925-04-03
- Page
- Seite 242 (sequence 3)
- Language
- German
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242 ' Mer bannt war eZ noch' nicht genug. Flugblätter, die m Berlin für Dr. Jarres Kandidatur warben, enthielten eine geschmacklose Karikatur Ludendorffs, aus einem Schaukelpferde reitend und mit einem Papierhelm auf dem Kopf. Wie laut wurde Ludendorff von einem Teile der Presse der Rechten umjubelt, als rm November 1923 der Vormarsch auf Berlin von München aus losbrechen sollte! Ganz zn schweigen, wie 'er nach Kriegsende überall in Rechtskreisen als die einzige Hoffnung Deutschlands gepriesen wurde. Im alten Preußen lief-der Spruch um: „Und der König absolut, wenn er nuferen Willen tut." Es scheint, daß im neuen Preußen rechtsstehende Kreise ihren gefeierten Vorbildern gegenüber noch gepfefferteren Sprichwörtern gemäß handeln. Auffällig ist d i e V e r ö s f e n t l i ch u n g e i n e s P r o t okolls — von wen: ging sie aus? — in der „Deutschen Zeitung" (Nr. 145 vorn 27. März d. I.) über Verhandlungen, die zwischen Hitler und N e v e n t l o w , beide mit Gefolgsmannen, vor der Ausstellung Ludendorffs im Reichstage stattfanden. Sie verdienen festgehalten 31t werden. Hitler beginnt also: „Tie bevorstehende Wohl des Reichspräsidenten ist natürlich ebenso unwichtig wie alle Wahlen, die bisher stattgesunden laben. Es ist vollkommen gleichgültig, wer kandidiert. Bon diesen. Stand- Punkt aus gesehen ist der schlechteste der Kandidaten g e r a d e g u t g e n u g . , / und sagt später: „Ich bin also unter allen Umständen für einen eigenen Kandidaten. Es kommt daraus an, daß das ein Manu ist, der ganz allgemein als der ausgesprochene Gegensatz zu der bisherigen Richtung in die Augen fällt. Tas ist nach meinen Erwägungen nur Ludondorfs. Er braucht keine Erklärung abzugebeu. - Er braucht und darf keine Rede halten. Damit würde auch das Verbrechen, diesen Mann in dieses P a r I a m e n t gezerrt zu haben, wieder gutgemacht und er in der Nolle gezeigt werden, die er eigentlich zu spielen hätte." Nach verschiedenem Hin und Her heißt es in den Auszeichnungen: „Im Anschluß an die offiziellen Besprechungen entwickelte sich dann noch eine Unterhaltung inoffizieller Art, bei der Hitler auf die völkische W ah ln i cd e rl ge v 0 m 7. T e zembe r zu sprechen kam. Fahrenhorst erwiderte ihm, daß Hitler selbst au dieser Niederlage schuld sei, weil er seine Anhänger und die ganze Oefsentlichkeit über seine Stellungnahme nicht im unklaren hätte lassen dürfen. Hitler erklärte demgegenüber, die norddeutschen Herren sollten froh sein, daß er nicht gesprochen hätte, er hätte sonst damals sehr viel Unliebsames für sie sagen müssen." Ob der P 0 l i t i k e r Ludendorff seine beschämende Niederlage am 29. März empfindet? Wird der verdiente Heerführer endlich merken, welchen politischen Holzweg er besckzritten hat? Wir fürchten: nein. Denn ist ein Mann belchrbar, der in einem Leitnussatz des Münchener „Volk i. scheu Kurier s" vom 27. März noch schreibt?: „Tas jüdische Volk ließ den Paragraph 18 der Weimarer Verfassung zu, durch den Frankreich und der politische Katholizismus einen^Staatenbund errichten wollen, aus dem dann allmählich das „Großdeutschland" geschaffen werden kann, von den: heute mit verblüffender Zuversicht von beteiligter Seite gesprochen wird." Deutfchvolkische Stimmer-Zahlen rnörntzaupLstutzpunkten. Verluste am ReichsicrgZ- Stimmen am 7.12.1924 i 29. 3. 1925 Wahlkreis 4. 5.1924 7. 12. 1924 ' f£>. 3. 1925 geg. 4.5.1924 jß&j. 7.12.1924 t u P 1*03 en tc ii! i: t V r c * c n to u Oberboyern . 165 000 53 000 33 807 68 36 Niederbayern 46 OOO 17 000 8 719 67 50 Franken . . . 230 OOO 94 000 82 267 59 66 Bayern -us. . || 441000 1610 00 74 793 60 64 Ostpreußen . 87 OOO 62 000 11 327 29 72 Potsdam II . 57 OOO 26 000 3 979 54 83 Potsdam I. . 51 GOO 26 OOO 5 292 49 80 Pommern . . 66 000 38 000 10 971 60 70 Thüringen. . 110000 60 000 15 820 45 75 Mecklenburg. 93 OOO 54-000 5107 42 90 Dentschvolk. 1 » 1 \ Stimmen im Reich. . 1924 018 1 906 946 284 471 I 52 I 69 Aber auch die völkische Bewegung, der Ludendorsf als Schirmherr mit ganzem Herzen dient, hat am 29. März wenig rühmlich abgefchnitten. Ein klares Bild der erneuten Stimmverluste ist deshalb schwer zu gewinnen, weil die Deutschvölkische Freiheitsbewegung Norddeutschlands sich zur Jarres- Kandidatur bekannt hat. Hat aber Bayern Hitler und Ludendorfs die Treue gehalten? Hat Hitler nach seiner Entlassung' aus der Festung seine auseinanderstrebenden Anhänger zum! 29. März zusammengetrommelt? Die auf dieser Seite zrr findende Stimmenübersicht verneint diese Fragen! völlig. In den drei bayerischen Wahlkreisen hat di^ Hitler-Partei, die doch dort ihre Hauptsitze hat, erneut 54 Prozent Stimmen gegenüber der letzten Reichstagswahl verloren, Die 441 000 bayerischen Nationalsozialisten vom 4. Mai schwanden 31t 74 793 am 29. März. Haben erntf) in den preußischen Wahlkreisen viele Völkische zweifellos Jarres ihre Stimme gegeben, so ist es doch immerhin außerordentlich bezeichnend, daß der einst hochgefeierte Ludendorff, wie sich aus den Wahlergebnissen iit Ostpreußen, Potsdam 1 und 2 und anderen völkischen Bezirken ergibt, so wenig Stimmen auf sich vereinigt hat. Wer für das Wohlde s V a t e r l a ndes still zu wirken' sich bemüht, ohne dabei die große Heldentrommel zu schlagen,' wird es warm begrüßen, daß eine so stattliche Anzahl von Millionen deutscher Volksgenossen sich am 29. März für die Parteien der ruhigen, besonnenen und kraftvoll-friedfertigen. Entwicklung des Reiches entschieden hat, und daß dir hemmungslosen radikalen Flügel von links und rechts einen weiteren bemerkenswerten Rückgang ihrer An-'. Hänger feststellen müssen. Möge bei der endgültigen Wählern 20. April diejenige Persönlichkeit zur höchsten Würde im' Reiche gelangen, die in Einigkeit und Recht und Freiheit jedem' Deutschen unvoreingenommen begegnet, der aufrichtig und treu seinem Vaterlande zu dienen bestrebt ist. i ' r Tr. 2Nfred W iene r. völkische „Erfolgs" in LeÜlanö. Eine Gefahr für die deutsche K u l t u r a r b ei f. Km der „Antichrist für Politik^ (Band XIV, Hest 3) nimm: ein hervorragender Führer des Teulsch-Baltentums, Tr. Paal Schiemann, der Herausgeber der „Rigaischen Rundschau", in einem lesenswerten A io patze zu der Frage der nationalen' Ninderheiten in Lettland Stellung. Ter Aussatz ist für die Beurteilung und für die Richtung der von unseren deutschen Brüdern in den russischen Randstaaten zu leistenden deutschen Kulturarbeit bedeutungsroll. Für was ist cs msbesondere wichtig, was Schiemann über den Anteil de r Juden an der deutsch e n K n l t u t q x b c 15 in Lettland sagt, und welche sch.vercn' Sorgen ihm die auch in Lettland unter den Deutschen immer stärrnr austretende völkische Propaganda macht. Er schreibt: „Hier dicket sich gerade im Hinblick aus den oben daraelcgtcn Interessengegensatz der russischen und d^r deutschen Kulturbeftredunzen dem Deutschtum eine höchst wichtige und ernste' Ausgabe dar, indem wir versuchen müssen, weitere Kreise des Judentums der der.öschcn Kultur zu erhalten und zu gewinnen? Statt dcpen machen sich — von aus Deutschland kommender Propaganda beeinflußt — in der dent'chm Gesellschaft antisemitische Regungen geltend, die ständig im Wachsten begriffen sind und im Erfolge natürlich das Judentum immer mehr in die einmal eingeschlagenen Wege lenken und auch das mit.unserem Kulturleben eng verbünde-ne alteingesessene Judentum Kurlands und Livlands abstoßen müssen. Tie schwere Gefahr, die die gedankenlose Nebcrnahure völkischer Ltgrtalrorrssch'tagworte aus Deutschland für unsere Kultrrrbcstrcbuugcrr darftcllt, kann gar nicht ernst genug bcurteilL werden." (Von uns fett gesstzp Die Schrift!.) Wir glauben nicht, daß diese sorgenvollen Ausführungen eines so guten Kenners des lrtLifchen Staates, wie Schiemann cs ist, irgendeinen Eindruck auf unsere völkischen Heißsporne machen werden. Sie kümmern sich nur die Folgen ihrer hemmungslosen' Agitation sehr wenig und meinen in ihrer Veckb-Iondung, wenn sie Haß und Zerstörung predigen, damit dem deutschen Valeriaade zn dienen. Leider müssen nicht sie, sondern das g a n z e d e u t s ch e Volk, und, wie in diesem Falle, die deutsche Kultur die Fensterscheiben bezahlen, die die völkischen Fanatiker hier wie anderswo einfchlagcn.